Sonntag, 1. November 2015

13. Der gewaltige Ansturm

Es kam mir vor, als würde die Ironie gar nicht mehr aus meinem Leben weichen wollen - als wäre nicht einmal eine Sekunde vergangen seitdem ich mir geschworen hatte, dass ich nie wieder an diesen Ort zurückkehren würde und nun stand ich gerade hier! Aber ich wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab, ich würde diese Schlacht kämpfen müssen - bis zum bitteren Ende!
Ich schüttelte leicht den Kopf um die aufkeimenden Zweifel zu vertreiben und spürte dabei plötzlich das Gewicht der Kaputze meines schweren Umhangs als würde das Schicksal der ganzen Welt auf mir lasten – nun, im Prinzip war auch genau das der Fall!
Schließlich drückte ich die riesige, goldene Türe auf um ins Innere zu gelangen und als ich dann meinen unausweichlichen Weg fortsetzte verspürte ich plötzlich eine seltsame Ruhe und Gelassenheit in mir aufkommen. Es war, als hätte ich eine unsichtbare Grenze übertreten und all meine Angst auf der anderen Seite zurückgelassen. Denn egal, was nun auf mich zukam - es würde nun endlich enden, hier und jetzt!
Ich sah meine dunkle Gestalt in dem hellen Boden spiegeln und musste an das erste Mal, als ich durch diese Gänge ging, denken. Damals hatten meine Augen von dem Anblick geschmerzt, doch nun spürte ich die Finsternis, die meine Anwesenheit hier verbreitete und es war, als würde sie allem, was mit mir in Berührung kam, den Glanz rauben. Ich genoss die Stille, die nur durch meine an den kristallenen Wänden widerhallenden Schritte unterbrochen wurde. Es war schon fast gespenstisch - vor allem wenn man bedachte was für eine unerbittliche Schlacht sich die Stadtwache und die Rebellen außerhalb der Schlossmauern lieferten.
Der Gedanke dran ließ mich beschleunigen - ich hatte keine Zeit um meinen Gedanken nachzuhängen, die Rebellen würden Angelos Soldaten nicht lange beschäftigen können und es hätte mich nicht gewundert, wenn nicht schon das Blut unzähliger Menschen die Straßen rot färben würde.
Endlich kam die Türe zu Angelos Thronsaal in Sichtweite und hier waren sogar noch Wachen aufgestellt - alle anderen schienen abgezogen worden zu sein um sich an den Kämpfen in der Stadt zu beteiligen. Ich machte mir gar nicht die Mühe, langsamer zu werden als sie unwissend ihre Schwerter zogen - ich schwang Hevshire und als die Druckwelle sie erfasste zerfielen sie zu Staub noch bevor ein Ton ihre Lippen verlassen konnte. Ein Teil von mir hoffte, dass es mit Angelos auch so einfach werden würde, aber gleichzeitig wusste ich tief in mir, dass es ein erbitterter Kampf werden würde. Nachdem ich Hevshire wieder weggesteckt und die Türe zum Saal aufdrückt hatte sah ich Angelos neben seinem Thron stehen und aufgeregt mit einem seiner Berater diskutieren. Das Licht, dass durch die von mir geöffnete Pforte strömte ließ ihn aufschauen und seine Augen weiteten sich als er beobachtete, wie ich seelenruhig in die Mitte des Raumes schritt.
Seine Berater zogen sich vorsichtig hinter Angelos zurück – sie waren alle eindeutig keine Kämpfer, einige von ihnen noch dazu alt und gebrechlich, es sah ganz danach aus als hätte Angelos wirklich seine ganze Armee mobilisiert!
Der Engellord selbst aber richtete sich auf und es war offensichtlich, dass er vor einer Konfrontation nicht zurückschreckte – im Gegenteil, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, dass erahnen ließ, dass er sich wohl sogar auf einen Kampf freute. Umso erstaunter war sein Gesichtsausdruck als ich meine Kapuze anhob und auf meine Schultern gleiten ließ.
„Esmeralda... du lebst?“ fragte er verblüfft und verwirrt gleichzeitig.
„Prinzessin... wir waren so in Sorge um euch...“ schloss sich einer der Ratgeber unsicher an.
Ich lächelte ob der Tatsache, dass sie keine Ahnung hatten, was sie erwartete – meine Verschleierungstaktik eindeutig hatte Wirkung gezeigt. Doch nun war die Zeit für offene Worte gekommen!
„Nicht Prinzessin – Kaiserin! Kaiserin Esmeralda von Satos, Herrscherin über Yasha und Gemahlin des Dämonenlords Alon!“ erklärte ich – obwohl ich wusste, dass es eigentlich gelogen war – und warf dabei meine Umhang ab um meine Lederrüstung darunter zu entblößte.
Es handelte sich dabei um die gleich schwarze Kleidung, die ich trug, als ich Sato verlassen hatte – die Rebellen hatte sie, inklusive des kaiserlichen Emblems auf meiner Brust, restauriert und an der Hose und am Korsett verstärkt. Auch meine Bluse war durch ein Shirt in einem festeren Material ausgetaucht worden und die geschnürten Stiefel hatten sie ebenfalls komplett neu gefertigt.
Angelos riss die Augen weit auf uns starrte mich ein paar Sekunden fassungslos an, doch dann schloss er sie plötzlich, schüttelte den Kopf und als er seine Augen wieder öffnete lag etwas Mitleidiges darin.
„Wenn euer armer Vater sehen könnte, wie tief ihr gefallen seid, dann wäre er bestimmt traurig...“ sagte er schließlich während er sein Schwert zog.
„Wie traurig ihr dann wohl wärt, wenn ihr gesehen hätten, mit welcher Wut und Hass eure Tochter erfüllt war, als sie ihr Leben ließ?“ antwortete ich mit einem dunklen Lächeln während ich Hevshire zog. „Wut und Hass, der sich tief in der Schwert fraß, das ihre Seelenenergie in sich aufnahm...“
Angelos riss erneut die Augen auf, doch dieses Mal dauerte es keine Sekunde bis er sich gefangen hatte – im nächsten Moment stürzte er mit einem wütenden Schrei auf mich zu.
„Das werdet ihr büßen! Verfluchte Mörderin!“ brüllte er während ich mit Hevshire seinen Schlag blockte.
Obwohl ich mit einer solchen Reaktion gerechnet, ja, sie sogar erhofft hatte blieb mir von der Wucht des Aufpralls kurz die Luft weg – dass dieser Kampf anders sein würde, war mir ja schon von Anfang an klar gewesen, aber wie stark er wirklich war überraschte mich nun doch!
Ich schaffte es jedoch ihn zur Seite zu stoßen und rollte mich in Sicherheit – als ich etwas Raum zwischen uns geschaffen hatte, schwang ich Hevshire und schleuderte den Energiesturm sofort in Angelos Richtung. Doch er war schneller und rollte sich ebenfalls zur Seite und startet mit wütendem Gebrüll den nächsten Angriff. Unsere Klingen kreuzten sich erneut, doch dieses Mal war ich besser vorbereitet – ich hatte Hevshire mit dunkler Energie aufgeladen, die sich nun entlud.
Angelos stolperte ob der unerwarteten Wucht ein paar Schritte zurück und ich nutzte meine Chance um einen weiteren Sturm in seine Richtung zu feuern. Dieses Mal traf ich ihn frontal – und war im nächsten Moment bitter enttäuscht.
Zwar schmolzen Teile seiner Rüstung weg und sein Haar war teilweise versengt, doch sein Körper hatte nur oberflächliche Wunden davon getragen. Ich hatte ihn eindeutig unterschätzt!
Doch ich hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn schon im nächsten Augenblick kam sein Gegenangriff und ich wurde gegen die Wand hinter mir geschleudert. Ich spürte wie dabei das Leder meiner Rüstung an einigen Stellen riss und ich rutschte keuchend zu Boden.
Er sprintete mir nach, doch bevor er mich mit seinem Schwert aufspießen konnte schwang ich mich zur Seite und schnitt ihm dabei leicht in die seitlichen Rippen. Ich sah wie sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte, den Hevshire hinterließ eine brennende Wunde - ähnlich wie die, die Sei das Leben gekostet hatten.
Ich taumelte ein paar Schritte von ihm weg und beobachtete den Schnitt in der Hoffnung, dass er ebenso zu Asche zerfallen würde – aber das Glück war nicht auf meiner Seite. Der Brandherd beschränkte sich auf ein paar Zentimeter um die Wunde herum und glühte dann aus. Schlagartig wurde mir klar, dass es wohl nur eine Möglichkeit gab, ihn zu besiegen: Ich musst ihm mit der Klinge einen letalen Schlag zufügen – am Besten einen Stich direkt ins Herz!
Endlich kam ich wieder halbwegs zu Atem – aber auch Angelos hatte sich erholt und ging nun erneut zum Angriff über. Ich blockte seinen Schlag und versuchte seine Deckung dabei zu durchbrechen, aber auch er hatte aus unserem letzten Zusammenstoß gelernt und war nun vorsichtiger geworden.
Nach einem weiteren erfolglosen Versuchen beschloss ich meine Taktik zu ändern und attackierte ihn frontal. Doch erblockte meinen Schlag ab und stieß mich zu Boden – ein schwerer Fehler, den so erwischte ich ihn an seinem Bein. Aber auch ich konnte mich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen und so erwischte er mit seinem Schwert meine linke Schulter.
Mit einem Schmerzensschrei krümmte ich mich zur Seite und entging so einer weiteren Attacke. Reflexartig stieß ich ihn mit einem Tritt von mir weg und verschaffte mir so genug Zeit um aufzustehen und wieder in Verteidigungsposition zu kommen. Doch er ließ mir keine Verschnaufpause – ich konnte sehen, wie er aufgrund meiner Verletzung seinen Sieg witterte und sofort auf mich zustürmte.
Doch sein Freudentaumel hatte einen entscheidenden Nachteil – er wurde unaufmerksam. Ich nutzte meine Chance, tauchte unter seinem Angriff hindurch und rammte ihm mein Schwert direkt in den Bauch. Seine Augen schienen förmlich aus einem Kopf zu quellen als sich Hevshires Macht in ihm ausbreitete und im nächsten Moment sank er vor mir auf die Knie.
„Ver...verfluchtes Weib!“ krächzte er als ich die Klinge wieder aus ihm herauszog.
„Was für edle Letzte Worte für einen Engellord...“ schmunzelte ich süffisant während ich wieder mit Hevshire ausholte.
Dann trennte ich mit einem gezielten Schlag seinen Kopf von den Schultern und beobachte wie das Leben aus seinen Augen verschwand während sein Haupt über den kristallenen Boden rollte.
Ein Teil von mir wollte nur noch zu Boden sinken und mich vor Schmerzen krümmen – aber ich wusste, dass meine Aufgabe noch nicht beendet war. Also bückte ich mich, hob Angelos Kopf auf und schritt auf wackeligen Beinen in Richtung des Balkons.
Ich schluckte und nahm meine letzte Kraft zusammen für das, was nun kommen musste – ich ging zur Brüstung und hob den Kopf des toten Engellord in die Höhe während ich schrie: „Der Engellord Angelos ist tot!“
Die paar Kämpfenden, die mich gehört hatten, drehten sich um und sahen zu mir hinauf. Ihre Augen waren voller Erstaunen und es war, als hätten Angelos leblose Augen sie erstarren lassen – immer mehr bemerkten, dass etwas Bedeutendes geschehen war und nach und nach blickten sie zu mir auf – Engel wie auch Rebellen geleichermaßen stellten die Kämpfe ein und starrten mich an. Plötzlich brauch unter den Rebellen wilder Jubel aus während von den Engelritter Klangen tiefster Verzweiflung zu hören waren.
Als ich mir sicher war, dass ich auch die Aufmerksamkeit des letzten Wesens in Lotus hatte, ließ ich Angelos Kopf auf den Balkon direkt unter meinen und damit nur wenige Zentimeter von den Füßen eines seiner Generäle entfernt, fallen. Im nächsten Augenblick sprang ich selbst vom Balkon und durchstach mit meinem Schwert in der Landung Angelos Kopf. Im selben Moment ging von Hevshire eine Welle aus, die den Glanz als allen Kristallen zog und sie matt und verwittert erscheinen ließ und das Gold der Stadt verwandelte sich in ein geschwärztes Silber.
Die Engelritter krümmten sich vor Kummer, doch als sie von der Weller erfasst wurden verstummten sie augenblicklich. Ihre weißen Flügel färbten sich schwarz und auch das Gold ihrer Rüstung wurde zu dunklem Silber.
Im nächsten Moment knieten sie sich vor mir nieder und schrien: „Lang lebe die Königin!“
Meine eigene, tiefe Verwunderung spiegelte sich in den Gesichtern der Rebellen bis ich endlich verstand, was passiert war – durch Angelos Hass und Wut, die er im Moment seinen Todes verspürt hatte, war nun das ganze Land – und mit ihm alle Engel, die sich hier befunden hatten - gefallen. Und wem sollten gefallene Engel folgen wenn nicht der gefallenen Nachfahrin eines Erzengels?
Es sieht so aus, als ob ich nun endlich mein eigenes Reich habe...