Dienstag, 1. September 2015

11. Der rote Tempel

Der Wind fuhr durch mein Haar als ich den Wald schließlich hinter mir lies und den Hügel vor mir hinaufstieg. Tage waren seit meiner Flucht... und Seis Tod... vergangen. Tage, in denen ich durch den Wald gewandert war und gehofft hatte, nicht entdeckt zu werden damit sein Opfer zumindest nicht komplett sinnlos gewesen war.
Und Tage, in denen meine einst weiße Robe immer mehr verdreckte und zerriss. Von dem engelhaften Aussehen war nicht viel übrig geblieben, mein Hochsteck-Frisur hatte ich sofort gelöst und meine langen Haare stramm zusammengebunden, damit sie nicht in allen Ästen und Zweigen hängen blieben. Aus dem gleichen Grund hatte ich alle unnötigen, flatternden Teile meines Kleides einfach abgerissen, was mein schäbiges Aussehen noch unterstrich. Ich war wirklich froh, dass die Mode hier flache Sandalen vorschrieb, denn in den hohen Schuhen, die in Yasha üblich waren, hätte ich es nie durch die Wildnis geschafft - selbst wenn diese so gezähmt war wie hier.
Endlich hatte ich den Kamm erklommen und die weite Ebene breitete sich vor mir aus. Die untergehende Sonne tauchte sie in ein rötliches Licht und ließ das große, kristallene Gebäude in der Mitte der Landschaft wie Flammen leuchten. Ein Seufzer der Erleichterung verließ meine Lippen - ich hatte tatsächlich den richtigen Weg gefunden obwohl die Orientierung im Wand - und die Wegbeschreibung, die ich hatte - denkbar schlecht waren. Trotzdem hatte ich es zum Haupttempel geschafft - dem Ort, an dem ich meine Rache beginnen würde!
Langsam machte ich mich an den Abstieg - ich musste vorsichtig sein, denn auf der offener Fläche gab es keinen Platz, an dem ich mich im Notfall hätte verstecken können. Und noch konnte ich mich auch nicht im Schutz der Nacht verbergen - denn mein Zeitplan war straff. Ich musste es wieder hinaus geschafft haben bevor die Sonne erneut aufging - würde ich zu lange warten, würde ich bei Tagesanbruch im Tempel festsitzen und dann wäre ein Fluch sicher fast unmöglich!
Vorsichtig bewegte ich mich vorwärts und schlich immer durch den Teil der Wiesen an dem die Gräser am höchsten und dichtesten waren. Langsam verwandelte sich das Rot der Dämmerung in ein Violett als die Häuser rund um den Tempel in Sichtweite kamen. Nun wanderte ich geduckt weiter und zum Glück gab es hier und da doch einen Strauch hinter dem ich mich verbergen konnte.
Ich schlich mich von hinten an die Hütten heran und konnte mein Glück gar nicht fassen, als ich im Hinterhof eines der Gebäude zum Trocknen herausgehängte Wäsche entdeckte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war schnappte ich ein paar Kleidungsstücke von der Leine und machte mich davon.
Ein paar Seitenstraßen weiter begutachtete ich meine Beute - ein einfaches Kleid und ein Tuch, dass als kleiner Umhang taugte.
Genau das, was ich brauche!
Schnell zog ich mich in einer abgeschiedenen Ecke um und versteckte mein altes Kleid unter einem Heuhaufen. Ich warf mir den Umhang über den Kopf und machte mich zur geschäftigen Hauptstraße auf, wo ich mich unbemerkt der Masse von Pilgern anschloss, die selbst zu solch später Stunde noch zum Tempel drängten.
Mir zog sich der Magen zusammen, als ich plötzlich die Soldaten beim Eingang entdeckte und hoffte inständig, dass sie nicht zu genau kontrollieren und mich so enttarnen würden. Doch es sah so aus, als ob sie aufgrund der Masse der Menschen wohl den einzelnen nicht besonders viel Aufmerksamkeit schenken und Leute einfach durchmarschieren lassen würden.
Endlich war ich bei der Tür als mich plötzlich eine grobe Stimme hörte und es mir im selben Moment eiskalt dem Rücken hinunter lief.
"Hey, du..." motzte einer der Wächter mich an. "...im Haus der Engel ist das Bedecken des Kopfes verboten! Nimm sofort deinen Umhang ab!"
Ich schluckte und meine Gedanken überschlugen sich.
Was soll ich nur tun?
Aber sofort war mir klar, dass ich keine andere Wahl hatte als seinem Befehl Folge zu leisten - schließlich befand ich mich eingeschlossen in der immer weiter vorwärts drängenden Menschenmenge und somit wäre jeder Fluchtversuch zwecklos gewesen. Also blieb mir nichts anderes übrig als zu hoffen, dass er mich nicht erkennen würde...
Behutsam zog ich den Umhang von meinem Kopf und ließ ihn auf meine Schultern gleiten während mich die Masse weiterzog. Ich wartete nun drauf, dass er etwas sagen würde, aber als ich vorsichtig in Richtung des Ritters linste, bemerkte ich, dass er mich nicht mehr ansah - offensichtlich hatte es ihm gereicht zu sehen, wie ich das Tuch abnahm und nun interessierte er sich nicht weiter für mich. Erleichtert seufzte ich als ich es durch den Eingang geschafft hatte und in die große Vorhalle trat, wo sich selbst die vielen Menschen, die hier rein wollten, verloren.
Der ganze Saal wurde von einer schier unendlichen Anzahl von Säulen gestützt und in der Mitte standen verschiedene Altare und Statuen, die sich um einen riesigen Hauptaltar in der Mitte reihten, zu dem sich die meisten Gläubigen aufmachten. Ich ließ mich etwas von ihnen mittreiben und sah mich dabei unauffällig um - der ganze Komplex war bis ins kleinste Detail mit Gold, Kristall und hellem Marmor prunkvoll verziert worden sodass im Vergleich sogar das Schloss teilweise schlicht gewirkt hatte. Es fanden sich viel verschiedene Symbole, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss sowie Abbilder von Heiligen, die ich nicht kannte, unter der Dekorationen - aber aufgrund der Menschentrauben vor den Bildern konnte ich ahnen wer wichtiger und er nicht ganz so bedeutend war.
Doch das Objekt meiner Begierde hatte ich nicht entdecken können und so wuchs mein Frust langsam aber deutlich immer weiter an. Sofort versuchte ich das Gefühl zu unterdrücken, denn ich war mir sicher, dass es hier irgendwo war! Schließlich hatte Angelos bei einem Abendessen verkündet, dass er Hevshire in den Haupttempel hatte bringen lassen würde, da er der Meinung war, das wäre der beste Ort für so ein bedeutendes Schwert... damals hatte mich das natürlich entsetzt, weil es so für mich noch viel schwerer erschien, es je wieder zurückzubekommen. Doch nun war ich froh, dass es nicht mehr in seinem Schloss war – denn dort konnte ich auf keinen Fall zurück!
Plötzlich fiel mir in einer kleine, etwas abgeschottet Ecke eine Tür auf, aus der zwei Priesterinnen kamen, die auf dem Weg zu einem Altar waren - sie beachten die Menschen um sich herum gar nicht, so beschäftigt waren sie mit den Artefakten, die sie in ihren Händen trugen. Ich schaute mich schnell um, ob mich jemand beobachtete - aber auch die Pilger waren zu sehr mit Gebeten beschäftigt als ihren Mitmenschen Beachtung zu schenken, also nutzte ich die Chance und drückte mich schnell durch die Tür bevor diese wieder zu ging.
Ich hörte, wie sie hinter mir klickend ins Schloss fiel und im nächsten Moment war es komplett still - noch stiller als in der Gebetshalle, aus der ich gerade kam. Hier war weit und breit keiner zu sehen - die Einzigen, die mich vorwurfsvoll zu beobachten schienen waren die Heiligenstatuen, die den Gang, den ich entlang zu schleichen begann, säumten.
Eine Weile wanderte ich so umher und traute mich dabei kaum zu atmen, denn ich hatte das Gefühl, das jeder Atemzug laut in den Gewölben über mir wiederhallte, auch wenn ich wusste, dass das nur meine eigene Angst war. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was mir blühte, sollte mich jemand hier erwischen...
Schließlich ging der Korridor in einige große Halle über und als ich mich vorsichtig hineinbewegte machte mein Herz einen kleinen Sprung. In der Mitte des Saals stand ein großes Podest - und auf diesen gebetet stand eine verzierten Ständer, der mein Hevshire hielt!
Ich musste einen Freudenschrei unterdrücken und vergaß fast meine Vorsicht als ich hin lief um mir mein Schwert endlich zurückzuholen. Zitternde vor freudiger Erregung streckte ich meine Hand danach aus als ich hinter mir eine vertraute Stimme hörte.
"Du hast hier nichts zu suchen! Nur Priester dürfen in diese Hallen betreten!!" donnerte Crystalin hinter mir und ich drehte mich reflexartig zu ihr um. Ihre Augen weitet sich als sie mich erkannte und es dauerte ein paar Sekunden bis sie ihre Sprache wiederfand.
"Prinzessin... Esmeralda?" fragte sie erstaunt. "Man sagte mir, ihr seid tot... das euch die Rebellen entführt und dann ins Meer gestoßen hatten!"
Sie versuchte es zu verbergen, aber ich konnte die Enttäuschung in ihrer Stimme hören. Hätte ich nicht für sie genauso eine Abneigung empfunden wie sie offensichtlich für mich, dann wäre ich fast beleidigt gewesen.
Ich nutzte ihre Verblüffung und nahm Hevshire von seinem Platz. Ich konnte die Verwirrung sich in ihren Augen spiegeln sehen, als verstand sie nicht, was hier vor sich ging.
"Nun, ich glaube, Ihr habt da etwas falsch verstanden..." begann ich lächelnd. "Die Rebellen haben mich nicht entführt - sie haben mich zu befreit!"
Ich konnte es förmlich in ihrem Kopf rattern hören und schließlich schloss sie kurz die Augen und schüttelte den Kopf - als sie mich wieder ansah lag pure Verachtung in ihrem Blick.
"Ich wusste von dem ersten Augenblick, an dem ich Euch sah, dass mit Euch etwas nicht stimmt!" schoss sie mir wie Pfeile entgegen. "Mein Vater ist einfach zu gutgläubig..."
"Aber ich muss zugeben, ich hätte euch für schlauer gehalten..." fuhr sie in überheblichem Ton fort. "...habt Ihr wirklich geglaubt, Ihr könntet hier einfach reinspazieren und unbemerkt mit Hevshire entkommen?"
"Und nun habt ihr euch noch mir gegenüber verraten..." redete sie weiter als ich keine Miene bewegte. "...selbst dem dümmsten Menschen sollte klar sein, dass auf euer Verbrechen eine Strafe steht, die das Ertrinken im Meer im Vergleich wie ein Geschenk wirken lässt."
Langsam hob ich Hevshire und lächelte sie dabei finster an: "Ich musste nur unbemerkt hier herein kommen - nun, wo ich Hevshire habe, brauche ich mich nicht mehr zu verstecken..."
Sie blinzelte mich einige Sekunden ungläubig an und brach dann in schallendem Gelächter aus während sie ein paar Schritte auf mich zukam.
"Das ist ein Engelschwert, seine Magie kann einem Engel nichts anhaben... das ihr nicht einmal das wisst!" lachte sie währendes sie dabei mitleidig den Kopf schüttelte.
Ich ging ebenfalls auf sie zu und blickte ihr tief in die Augen während ich antwortete: "Stimmt, seine Magie ist gegen Euch machtlos... aber es ist trotz allem noch ein Schwert aus Gold und... Stahl!"
Mit dem letzten Wort rammte ich ihr Hevshire tief in die Brust sodass seine Spitze auf ihrem Rücken wieder austrat. Sie sah mich mit vor Schrecken geweiteten Augen an und wollte etwas sagen, doch das Einzige, was ihren Mund verließ war Blut. Eine Sekunde fragte ich mich, ob ich auch so ausgesehen hatte, als ich mein erstes Leben verlor, aber ich schob die Erinnerung sofort wieder beiseite. Das war weder die Zeit noch der Ort um sentimental zu werden!
Mit einem Ruck zog ich das Schwert aus ihr heraus und ihr Körper fiel wie ein nasser Sack zu Boden - zuerst sah sie mich voller Hass und Verachtung an, doch dann verschwand das Leben aus ihren Augen und im nächsten Moment wurde ihr Blick glasig und leer. Ihr Blut breitete sich in einer immer größer werdenden Lack am Boden aus und tropfte von Hevshire auf den edlen Marmor.
Plötzlich spürte ich das Schwert in meiner Hand pulsieren - ich sah es an und bemerkte, wie das Blut sich auszubreiten begann. Als es die ganze Klinge benetzte wurde es von dem Schwert aufgesogen, das im selben Moment düster zu leuchten anfing. Das Gold verfärbte sich gräulich und der Stahl wurde immer dunkler - die Verzierungen bewegten sich plötzlich und ihre Form verzerrete sich langsam. Die fröhlichen Engelsgesichter verfielen zu Totenköpfen und die Blätter der Rosen wurden zu Dornen - aber die größte Veränderung, die ich spürte, war die Kraft des Schwertes selbst! Es war nicht mehr sie leichte und sanfte Magie der Engel - es war eine dunkle, fast dämonische Energie, die nun von der Waffe ausging!
Als die Verwandlung vollzogen war verschwand das Leuchten langsam und ich starrte mein Schwert an - so, wie es nun aussah, hätte es in Alon's Waffenkammer hängen können! Und doch war es anders als ein Dämonenschwert... man konnte seine edle Abstammung immer noch erkennen, es war... als wäre das Schwert selbst gefallen!
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen - genau das war es nun: Ein gefallenes Engelsschwert!
Ich hätte mich im nächsten Moment fast selber ohrfeigen mögen - Alles machte Sinn! Was für eine größere Sünde hätte es geben können als einen Engel - oder Halbengel in dem Fall - zu töten?! Wenn man davon nicht fiel, wovon sonst? Crystalins Hass hatte die Wirkung wahrscheinlich sogar noch verstärkt...
Im nächsten Moment jedoch wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich das Stampfen von schweren Schritten hörte - plötzlich standen zwei Soldaten in der Halle und starrten ihre tote Prinzessin an.
"Hohepristerin Crystalin!" schrie der eine entsetzt während der andere mich mit tiefsten Hass anstarrt.
"Mörderin!!" jaulte er und zog sein Schwert als er auf mich zustürmte.
Mehr aus Reflex als wirklich darüber nachzudenken schwang ich Hevshire in Verteidigungposition - und riss ob der Wirkung erstaunt Mund und Augen auf!
Das Schwert erzeugte eine gewaltige Druckwelle, die gleich beide Soldaten zu Staub zerfallen lies und Crystalins leblosen Körper durch den gesamten Raum schleuderte. Ein paar Sekunden starrte ich mein Schwert ungläubig an bis sich ein finsteres Grinsen in meinem Gesicht ausbreitete. Das gefallene Engelsschwert hatte auf Engel offensichtlich die gleiche Wirkung, die es zuvor auf Dämonen hatte!
Nun, ich glaube, ich habe das perfekte Werkzeug für meine Rache gefunden...

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Oh meine Güte, was für eine Fortsetzung! *standing ovations*
Da hat sich das Warten doch echt gelohnt.

Freut mich, dass Du wieder weiterschreibst!

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, danke! :-)))

Freut mich, dass es dir so gut gefällt! *nick*

Anonym hat gesagt…

Ja, ich finde die Fortsetzung super!
Allein die Idee mit dem Schwert des gefallenen Engels... Einfach nur episch!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke! :-)

Um genau zu sein, ist das Schwert selbst gefallen. ;-)