Mittwoch, 1. Oktober 2014

10. Die stürmische Flucht

Mein Atem ging stoßweise und ich hatte meine Augen auf den Boden vor mir gerichtet, damit ich kein Hindernis, über das ich stolpern konnte, übersah. Trotzdem hatte ich das Gefühl, als würde ich jeden Moment fallen so schnell rannten wir durch den Wald. Und sollte das passieren, dann wären wir verloren – dessen war ich mir sicher.
Ich hatte das Gefühl als könnte ich den Atem unserer Verfolger in meinem Nacken förmlich spüren, auch wenn ich wusste, dass das unmöglich war. Wäre sie uns so nahe, dann hätte sie uns längst gefangen. Dennoch wagten es weder Sei noch ich langsamer zu werden oder gar uns umzudrehen und nachzuschauen – das Einzige, was zählte, lag vor uns: Freiheit.
Plötzlich hörten wir ein Surren über uns und entgegen allem, was ich mir gerade noch vorgenommen hatte blieben wir beide stehen und sahen entsetzt nach oben. Was waren wir für Narren gewesen!
Das waren Engel – wieso sollten sie uns zu Fuß durch den Wald folgen? Sie konnten fliegen! Und genau das taten sie auch - direkt über den Blätterdächern des Waldes - und hielten nach uns Ausschau.
Doch Sei hatte seine Schreckstarre schnell überwunden und zog mich nun noch schneller weiter – von oben hatten sie zwar gewisse Vorteile aber auch Nachteile. Sie konnten den Waldboden unter sich nur schwer erkennen und sollten wir eine Höhle finden, dann konnten wir uns dort möglicherweise vor ihnen verbergen.
Immer weiter hasteten wir durch zwischen den Bäumen hindurch bis wir schließlich Licht vor uns sahen. In meinem Hals bildete sich ein Kloß als mir bewusst wurde, was das bedeutete: Der Wald ging in offene, schutzlose Fläche über! Dort war es dann nur eine Frage von Sekunden, bis sie uns hatten...
Auch Sei hatte das erkannt und wollte umdrehen, aber als wir das versuchten, sahen wir goldene Rüstungen zwischen den Bäumen hinter uns aufblitzen. Angelos meinte es wirklich ernst mit mir – er hatte uns nicht nur von seinen Elitesoldaten sondern auch von den gewöhnlichen Rittern auf den Hals gehetzt!
„Was... was sollen wir nur tun?“ flüsterte ich voller Panik – mehr zu mir selbst als zu Sei, aber wie als Antwort zog er mich in Richtung des Waldrandes. Es war eine Verzweiflungstat, aber welche Wahl hatten wir noch?
Als wir jedoch das Ende der Bäume erreichten, erkannten wir, dass es noch schlimmer war, als wir befürchtet hatten: Vor uns befand sich keine offene Fläche sondern eine Klippen die zig Meter in die Tiefe führte und dort unten war nicht weiter als das wilde Meer, das gegen die Steinwand klatschte!
Plötzlich wurde das Surren unerträglich laut und hinter uns tauchten drei Engel auf, die uns entdeckt hatten als wir an den Rand der Klippe getreten waren.
Sei zog mich schützend hinter sich und wand sich kampfbereit unseren Gegner zu, auch wenn ich sehen konnte wie ihm ihre Aura zusetzte. Schweiß lief ihm über die Stirn und er hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten.
„Lasst die Prinzessin frei, Dämon, und eure Strafe wird milder ausfallen!“ schrie der mittlere der Drei Sei an und zog dabei sein Schwert während die anderen zwei ihre Bögen spannten und die Pfeile direkt auf meinen Gefährten richteten. Für eine Sekunde wunderte ich mich, dass sie nicht mitbekommen hatten, dass ich freiwillig mit Sei geflohen war, aber genauso schnell wie der Gedanke gekommen war schob ich ihn schon wieder zur Seite. Jetzt waren andere Sachen wichtig...
Sei spannte sich an und für einen Augenblick glaubte ich, er wollte ernsthalft gegen sie kämpfen, doch dann tat er etwas, an das ich nie gedacht hätte. Er holte mit seiner Hand aus und drehte sich gleichzeitig zu mir um. Sein Arm schloss sich um mich und im nächsten Moment stürzten wir die Klippen hinab.
Ich konnte die Überraschung in den Augen der Engel lesen, doch der Schreck hielt nur für wenige Sekunden – im nächsten Moment sirrten Pfeile durch die Luft und einer davon traf Sei direkt im Rücken. Ich konnte spüren wie ein Beben durch seinen Körper ging und er sich sofort verkrampfte, aber er ließ mich nicht los.
Dann hörte ich das Sirren wieder und sah, dass die Engel uns gefolgten, aber bevor sie uns erreichten tauchten wir in das brausende Wasser ein und wurden in die Tiefe gezogen. Mir war, als hätte der Aufprall alles Luft aus meinen Lungen gedrückt und mein erster Impuls war zur Oberfläche zu gelangen, aber Sei hielt mich fest in seinem Griff.
Ich sah Blut aus seiner Wunder treten und sich mit dem Blau des Ozeans vermischen, aber das hielt ihn nicht davon einen Schwimmzug nach dem anderen zu machen – direkt auf Felsbrocken der Küste zu.
Gerade als ich glaubte, ich würde das Bewusstsein verlieren zog uns Sei zwischen den Geröll an Land. Als ich mich mühsam umdrehte sah ich wie weit wir geschwommen waren: Die Klippe, von der wir gestürzt waren, war in weiter Ferne und die Engel, die über unserer Absturzstelle sucht, schienen nur kleine Feen zu sein.
Langsam zog mich Sei über den steinigen Strand direkt in den angrenzenden Wald hinter uns. Nach ein paar Metern, als wir endlich eine geschützte Stelle entdeckt hatten, brachen wir beide erschöpft zusammen.
„Sei...“ flüsterte ich nachdem ich halbwegs wieder zu Atem gekommen war und sah in seine Richtung. Mein Blick war verschwommen und trübe, aber trotzdem konnte ich erkennen, dass seine Wunde schwer war, denn er lag zusammengekauert am Boden und der Pfeil steckte tief in seinem Fleisch.
Vorsichtig kroch in zu ihm hinüber und zwinkerte mir dabei das Meereswasser aus den Augen.
Als ich mich über ihn beugte hielt ich vor Schreck die Luft an und streckte meine zitternde Hand nach dem Pfeil aus. Die Wunde hatte aufgehört zu bluten, aber der Grund dafür war alles andere als gut: Die Haut um den Pfeil herum hatte begonnen sich schwarz zu verfärben wie verbrannte Erde!
Mir wurde bewusst, dass ich schnell handeln musste und im nächsten Moment riss sich die Kleidung um die Wunde herum auf um zu sehen wie schlimm es schon war. Ich spürte Übelkeit in mir aufsteigen als ich feststellte, dass der schwarze Fleck einen leuchtenden, goldenen Rand besaß und bereits die Größe einer Hand erreicht hatte, wobei er immer schneller größer wurde. Er fraß sich praktisch durch Seis Körper!
Die Erkenntnis traf mich mit der Wucht eines Schlages als mir der Grund dafür klar wurde – dieser Pfeil war die Waffe eines Engels und als diese begann Sei’s dämonische Seite zu läutern. Er war als Halbdämon vielleicht in der Lage die Aura einer Engelswaffe zu überleben aber ihrer Macht so direkt ausgesetzt zu sein – das war zu viel!
Jetzt gab es nur eine einzige Möglichkeit ihn noch zu retten: Ich musste den Pfeil entfernen bevor zu viel seines Körpers von der heiligen Energie verschlungen wurde!
„Das wird jetzt etwas weh tun...“ warnte ich ihn vor doch er gab keine Antwort und starrte nur ins Leere.
Aber das war nur noch ein Zeichen mehr, dass ich mich beeilen musste, also schloss ich meine Hände fest um den Pfeil und biss die Zähne zusammen als ich mit aller Kraft an ihm zog.
Sei wimmerte leicht aber der Pfeil bewegte sich nicht – erst jetzt erkannte ich, wie schwach ich selbst war. Mein ganzer Körper zitterte unter der Kälte und der Anstrengung, aber ich war nicht bereit aufzugeben! Ich musste Sei retten!
„Komm schon...“ fluchte ich als ich erneut an dem Pfeil zog und kurz bevor meine Kräfte komplett nachließen gab das Ding mit einem Mal nach. Ich landete unsanft auf meinen Hintern als ich den Pfeil aus Sei‘s Körper zog.
Ich betrachtete den Pfeil für ein paar Sekunden, dann wurde mir bewusst, dass es am Besten war, wenn das Ding möglichst weit weg von Sei war und schleuderte ihn in den Wald hinein. Dann kroch ich wieder auf Sei zu und drehte ihn auf den Rücken und legte seinen Kopf auf meine Schoß.
„Sei...“ flüsterte ich, aber er rührte sich nicht.
Ich schluckte hart und spürte wie sich in meinem brennenden Augen Tränen sammelten und über meine heißen Wangen rollten.
„Sei...“ wimmerte ich erneut und beugte mich über ihn als ich plötzlich ein Röcheln vernahm. Ich richtete mich sofort wieder auf uns sah in sein schmerzverzerrtes Gesicht. Langsam flatterten seine Augen auf und er sah mich mit einem trüben Blick an.
„Herrin...“ krächzte er und wieder rannten mir Tränen aus den Augen – dieses Mal jedoch vor Freunde.
Langsam wanderte seine Hand an meine Wange als er flüsterte: „Bitte, weint nicht meinetwegen... es steht... einer Kaiserin nicht um ihren Diener zu weinen...“
„Ich... ich dachte, ich hätte dich verloren!“ gab ich schluchzend zurück.
Sei Blick wurde traurig und es dauerte einige Sekunden bis ich verstand. Mein Blick fiel auf seinen Arm und ich sah wie er von der Achsel an langsam begann sich schwarz zu verfärben.
„Nein!“ kreischte ich verzweifelt. „Wie kann...? Ich habe den Pfeil entfernt!“
„Es... es ist zu spät...“ erklärte Sei seltsam ruhig. „Die heilige Macht hatte sich schon in meinem Körper festgesetzt...“
„Nein...“ flüsterte ich während ich vor und zurückwippte. „Nein... Nein... Nein!“
Ich wollte am Liebsten aufspringen und irgendwohin laufen um Hilfe zu suchen oder etwas zu finden mit dem ich die Energie aus Seis Körper vertreiben konnte, aber ein Teil von mir wusste, dass Sei Recht hatte. Es gab nichts, was ich jetzt noch tun konnte...
„Sei...“ flüsterte ich erneut während ich zusehen musste wie sich der schwarze Fleck immer weiter ausbreitete und langsam sogar sein Gesicht erreichte.
„Herrin...“ stieß er schließlich unter Aufbringung seiner letzten Kräfte hervor. „...würdet ihr mir einen letzten Wunsch erfüllen?“
„Alles...“ wimmerte ich. Die Leere, die sein bevorstehender Tod in meine Brust riss schien mich zu verschlingen. Was auch immer er wollte, ich würde es tun – inzwischen war mir alles gleichgültig! „Bitte... kehrt... kehrt zu seiner Majestät zurück...“ flüsterte er.
„Was?“ rief ich überrascht aus. Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit!
„Ich weiß, dass... dass ihr ihn immer noch liebt. Jede Nacht habt ihr in euren Träumen... seinen Namen gerufen... egal... egal was passiert sein mag, am Ende werdet Ihr... Ihr euer Glück nur in seinen Armen finden...“ erklärte er während seine Stimme dabei immer leiser wurde.
Geschockt sah ich Sei an als mir bewusst wurde wie Recht er hatte – ich hatte Alon nie vergessen können. Nicht für eine Sekunde, sein Schatten hatte immer über mir geschwebt. Ich hatte ihn für sein Misstrauen bestrafen wollen als ich ihn verließ – aber damit hatte ich mich selbst am Meisten bestraft. Für mich würde es niemals Freiheit geben, denn mein Herz hatte immer nur ihm gehört.
Sei‘s Augen schlossen sich langsam als das Schwarz seinen ganzen Körper bedeckte und ich hörte, wie sein Atem verstummte. Im nächsten Moment löste sich sein Körper in schwarzen Staub auf, der vom aufkommenden Wind davongetragen wurde.
Sei’s letzte Worte hallten immer noch in meinen Ohren, aber ich schüttelte den Kopf. Sein Wunsch war unmöglich – selbst, wenn ich irgendeine Möglichkeit finden sollte zur nach Sato zu kommen, Alon würde mir niemals verzeihen, dass ich ihn verlassen hatte! Niemals!
Nein, für mich gab es nur noch eine Sache, die ich tun konnte – Rache nehmen! Rache für den Tod des einzigen Freundes, den ich noch gehabt hatte!