Dienstag, 15. Juli 2014

8. Die geheimnisvolle Nacht

Rastlos wälze ich mich in dem riesigen Bett von einer Seite zur anderen. Ich wusste nicht, ob ich versuchen sollte zu schlafen oder mir weiter den Kopf zerbrechen wie ich fliehen konnte.
Wenigstens war der Rest des Tages recht schmerzlos vorüber gegangen – nachdem ich in die Hochzeit eingewilligt hatte, hat mir mein unverhoffter Bräutigam sofort Gemächer bereiten lassen in den ich leben sollte bis die Hochzeit vollzogen war. Erst dann würde ich die Gemächer der Kaiserin, die nun restauriert wurden, beziehen.
Wir hatten noch gemeinsam gespeist bevor ich, um endlich etwas Ruhe zu bekommen, erklärte, dass ich sehr müde war und mich ausrasten wollte. Ihm schien das gut zu passen, denn er war schon voller Fahrt dabei alles für unsere Vermählung vorbereiten zu lassen.
Danach hatte man mich hierher gebracht und gebadet und angezogen wie ich es von Yasha gewohnt war – nur, dass hier alles viel glitzernder und kitschiger war. Und dann noch diese seltsame Kleidung – mein Nachgewand unterschied sich nur etwas von dem, was mir die alte Grete hatte anziehen lassen, nur dass der Stoff viel feiner und mit tausenden glitzernden Steinen bestickt war.
Schließlich seufzte ich und setzte mich auf. An Schlaf war einfach nicht zu denken – ich musste hier raus und jede Sekunde, die ich verlor brachte mich näher an diese verfluchte Heirat! Nein, das durfte auf keinen Fall passieren! Ich hatte Alon doch nicht verlassen um nun einen Mann zu heiraten, den ich nicht einmal liebte!
Und außerdem bezweifelte ich auch, dass er mich wirklich liebte! Ich fragte mich, was er sich davon versprach, mich zu heiraten? Mein Reich war untergegangen und so hatte ich eigentlich keinen Wert mehr als Tribut für ein Bündnis. Oder wollte er am Ende wirklich so sein Versagen wieder gut machen? Vielleicht wollte er auch einfach nur wieder eine Frau und das war eine günstige Gelegenheit? Aber das alles war in Wirklichkeit einerlei, denn eines schwor ich mir: Diese Hochzeit würde nicht stattfinden!
Ich stieg aus dem Bett uns sah mich in dem Raum um. Nun, da es dunkel war, schien er mir halbwegs erträglich, auch wenn das Mondlicht, das zum Fenster hinein kam, immer noch das ein oder andere Funkeln an den Wänden und Möbeln hervorrief.
Ich ging in Richtung des hereinfallenden Lichts und schritt durch einen Seidenvorhang auf den Balkon. Die Aussicht war atemberaubend – ich konnte auf die ganze Stadt hinabschauen, die in sanftem Mondlicht schien und ab und an durch ein paar goldene Punkte, die wohl die Nachtlaternen waren, aufgehellt wurde.
Aber so schön die Aussicht auch war, sie brachte ein Problem mit sich: Ich war viel zu weit oben als das ich über das Geländer die Flucht versuchen konnte. Resigniert drehte ich mich also wieder um und ging zurück in mein Gemach. Ich sah die Tür an und wusste, dass mir nun nichts anderes übrige bleiben würde als meine Flucht durch das Schloss selbst anzutreten. Draußen waren zwei Wachen zu meinem Schutz abgestellt – aber das sollte kein Problem sein. Ich war oft genug durch Yasha geschlichen um zu wissen wie ich sie loswerden konnte. Das Problem war eher aus dem Schloss selbst herauszukommen – in der Nacht waren sicher alle Tore verschlossen und gut bewacht. Aber die Nacht war meine einzige Chance. Untertags war es hier viel zu hell als das man sich irgendwo hätte verstecken können und außerdem liefen, soweit ich es bis jetzt beobachten konnte, auch viel zu viele Diener umher. Und da Angelos unsere Verlobung sofort publik gemacht hatte, wusste nun auch jeder, wer ich war – ich hatte also keine Möglichkeit mich irgendwie zu tarnen.
Nein, es musste die Nacht sein und diese war genauso gut wie jede andere – vor allem, bevor dieser Engellord vielleicht noch auf die Idee kam mich in seine Gemächer rufen zu lassen.
Ich schluckte und schüttelte den Kopf um die Gedanken frei zu bekommen. Ich musste mich auf einen Plan konzertieren und durfte mich nicht von Horrorszenarien ablenken lassen!
Langsam schlich ich zur Türe und öffnet sie leicht. Ich ließ einen kleinen Ring so hinausrollen, dass er an einer weitentfernten Ecke aufschlug und die zwei Soldaten nachschauen gingen, was da los war.
Sobald sie mir den Rücken zugedreht hatten huschte ich schnell aus dem Zimmer und zog die Tür leise hinter mir zu. Schnell verschwand ich um die andere Ecke bevor die zwei zurückkamen.
Soweit so gut – nun begann der schwierige Teil. Ich musste nicht nur aus dem Schloss herauskommen, ich musste dafür auch noch einen Ausgang finden, der möglichst wenig bewacht war. Der Rest sollte nicht so schwer werden – im Hof würde ich mich auf irgendeinem bereitgestellten Wagen verstecken und hoffen, dass dieser noch im Morgengrauen zu seinem Ziel aufbrach. So würde ich die Palastmauer unbemerkt hinter mich bringen und vielleicht sogar die Stadt verlassen können!
Ich schlich also langsam durch die Gänge und hielt sorgsam nach alle Wachen ausschaute. Es sah ganz danach aus als hätte ich Glück! Hier waren kaum Wachen – viel weniger als in Yasha! Und wenn, dann trugen sie meist Fackeln um ihren Weg zu erleuchten und so konnte ich sie schon frühzeitig ausmachen und umgehen.
Allerdings hatte ich gegenüber Yasha einen anderen Nachteil – ich kannte mich hier überhaupt nicht aus! In Alon’s Schloss wurde ich etliche Male zu ihm geführt bevor ich mich alleine davon schlich und kannte mich schon ein bisschen aus, wie das grundsätzliche System des Schlosses war. Hier war alles anders – vor allem schien es deutlich kleinere, dafür noch mehr Stockwerke zu geben. Wobei, wahrscheinlich gab es dort auch viel mehr als die, von denen ich wusste, denn Yasha war nicht nur viel größer sondern auch höher als dieses Schloss. Nur hatte ich von dort nie herausschleichen müssen...
Aber es half nichts, ich würde den Weg irgendwie finden müssen – im schlimmsten Fall musste ich ein oder zwei Mal umdrehen. In diesen Gedanken versunken schlich gerade ich einen langen Gang entlang auf eine Treppe zu, als ich dort plötzlich Licht sah. Ich drehte mich um, um zurückzulaufen und mich hinter der nächsten Ecke zu verstecken, als ich mit Schrecken erkannte, dass das andere Ende des Ganges weit hinter mir lag. Ich würde es niemals rechtzeitig dorthin schaffen bevor...
„Halt!“ hörte ich eine Gestalt von der Treppe. Ich drehte mich wieder zurück und musste blinzeln als ich in das Licht einer Fackel starrte. Erst dann erkannte ich, dass mehrere Leute vor mir standen – einige Soldaten und eine schöne junge Frau mit silbernen Haaren, die eine aufwendig verzierte, goldene Robe trug.
„Wer seid ihr?“ fragte ich reflexartig.
„Ihr steht vor ihrer Majestät, Prinzessin Crystalin!“ antwortete einer der Soldaten neben ihr.
Ich musterte sie nochmal genauer und nun fiel mir auf, dass sie die gleichen blauen Augen wie Angelos hatte.
„Und wer seid ihr?“ fragte sie nun eindringlich.
Es hätte keinen Sinn gehabt zu lügen, also gestand ich: „Mein Name ist Esmeralda...“
Ich wollte ihr gerade erklären, dass ich die neue Braut ihres Vaters war. Aber ihre Reaktion – und die ihrer Wachen – zeigten mir, dass sie es bereits wusste, denn ihre Augen wurden groß und der Soldat, der mir seine Herrin so harsch vorgestellt hatte, verlagerte nun verlegen sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass er seine zukünftige Kaiserin so behandelt hatte.
„So, ihr seid also die Frau, die mein Vater dazu auserkoren hat meine neue Mutter zu werden...“ schloss die Prinzessin, als sie sich wieder gefangen hatte, schließlich und ihre Augen wurden wieder schmaler.
Die Art und Weise wie sie das Wort „Mutter“ ausgesprochen hatte, macht mir klar, dass sie wohl genauso wenig darüber erfreut war wie ich. Nur mit dem Unterschied, dass sie keinen Hehl draus machen musste. Und ihre Beweggründe wohl andere waren – ich fragte mich, wie ich mich wohl gefühlt hätte, wenn mein Vater, der König, sich nach dem Tod meiner Mutter eine neue Frau genommen hätte. Hätte mich das gestört? Oder wäre es mir gleichgültig gewesen? Aber ich denke, das konnte man nicht vergleichen, denn im Gegensatz zu mir hatte Crystalin eine enge Bindung zu ihrem Vater. Ich hatte das sofort gemerkt, als Angelos mir begeistert von ihr erzählt hatte – neben unserer bevorstehenden Vermählung war das beim Abendessen sein Lieblingsthema gewesen. Er hatte richtiggehend davon geschwärmt was für ein gutes und kluges Mädchen und was für eine hingebungsvolle Priesterin sie war. Sie war durch ihr Können innerhalb kürzester Zeit zur Vorsteherin des Haupttempels geworden und hielt sich seitdem oft dort auf. Nur ab und zu kam sie in den Palast zurück... so wie ausgerechnet jetzt!
„Aber...“ setzte sie nun fort und ihre Augen verschmälerten sich weiter während sie mich misstrauisch musterte. „...was macht ihr hier? Um diese Uhrzeit? Und das so ganz ohne Wachen...“
Mist – ich hatte bei meinem Plan ganz vergessen mir eine Ausrede für den Notfall zurechtzulegen. Ich war wohl eindeutig zu selbstsicher gewesen um zu glauben, dass ich erwischt werden konnte.
„Ich... ich konnte nicht schlafen, weil ich so aufgeregt war...“ begann ich mir spontan etwas zurecht zu spinnen. „Also habe ich beschlossen, mir das Schloss etwas genauer anzusehen - schließlich ist es ja nun mein Zuhause!“ ...aber nicht für lange!
Sie musterte mich weiter misstrauisch, aber schließlich antwortet sie: „Das Schloss mag zwar gut bewacht sein, aber trotzdem ist es gefährlich nachts alleine herumzuwandern...“
Ihre Körpersprache verriet mir trotzdem, dass sie mir nicht glaubte. Aber was sollte sie schon ohne Beweise tun? Es würde ihr wohl eher als Trotz gegen die Hochzeit ihres Vaters ausgelegt werden, hätte sie mich offen der Lüge bezichtigt... nein, dafür war sie eindeutig zu schlau. Und genau das machte mich nervös – um Angelos machte ich mir keine Sorgen, der wollte mir glauben. Sie hingegen... hatte eindeutig eine Abneigung gegen mich! Und das konnte gefährlich werden...
„Karlos...“ sagte sie während sie sich nach einem ihrer Soldaten umdrehte. „...begleitet doch die Prinzessin zu ihren Gemächern.“
Dann sah sie mich aus dem Augenwinkeln wieder an. „Wir möchten doch nicht, dass ihr etwas zustößt.“
Ich machte ein Pokerface um mir nicht anmerken zu lassen wie sehr mich das beunruhigte und antwortet: „Das ist sehr zuvorkommend, Prinzessin Crystalin!“
Zuerst war ich mir nicht ganz sicher, ob sie ihm damit nicht insgeheim mitgeteilt hatte, dass er mich beseitigen sollte, aber dann wiederum waren das Angelos Soldaten. Sie würden es nicht wagen die Verlobte ihres Kaisers anzurühren. Und Crystalin kam mir auch zu schlau vor um mich auf so eine plumpe weise zu ermorden. Ich sollte mir lieber einen Vorkoster zulegen...
„Ich wünsche euch eine gute Nacht!“ sagte sie schließlich.
„Ich wünsche euch ebenfalls eine gute Nacht!“ antwortete ich als ich mich mit Karlos zum Gehen wand.
Innerlich seufzte ich. Das war ganz und gar nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Und viel schlimmer noch, ich konnte mir sicher sein, dass mich diese Frau nun ganz genau beobachten würde. Es würde also noch viel schwerer werden zu fliehen – vor allem, weil ich mich auf keinen Fall ein zweites Mal erwischen lassen durfte sonst würde ich da nicht mehr so einfach rauskommen. Was in aller Welt sollte ich jetzt nur machen?!

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Uh, jetzt auch noch eine fiese Prinzessin... das wird ja immer spannender!

LG Papyra

Anonym hat gesagt…

oh wie spannend...wie kommt esmeralda nur aus dieser lage und wo zum henker bleibt sei, wenn man ihn braucht? *menno* :-D

hach, du spannst einen echt auf die folter *lol*

glg bigs

Chinda-chan hat gesagt…

Papyra - Ja, die arme Esmeralda hats nicht leicht. :-D

BigS - Sei kommt bald wieder vor, versprochen! ;-)
Ich weiß. *kopf einzieht* :-D