Samstag, 1. März 2014

6. Die goldene Stadt

Erbarmungslos brannte die Sonne vom Firmament als unser kleiner Wagen gemächlich über den Landweg ruckelte. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so intensivem Licht ausgesetzt war. In Yasha herrschte ja ewige Finsternis – wenn man von dem Glühen der Lava absah – und auch der Rest des Landes hatte eine eher schwache Sonne. Nicht so hier – hier war alles grell: der makellos blaue Himmel, das Grün der Wiesen, das glitzernde Wasser der Bäche. Mir brannten die Augen davon und ich zog die Kapuze enger in mein Gesicht. Dann schielte ich zu Sei hinüber, der sich ebenfalls in seinen Umhang gewickelt hatte.
Wir teilten uns im hinteren Teil des Wagens den Platz mit Obst und Gemüse während Peter, einer von Gretes alten Bekannten, vorne saß und das Gefährt gerade in ein kleines Wäldchen lenkten. Ich atmete erleichtert auf als der kühle Schatten uns verschlang, auch wenn es im Vergleich zu meiner Heimat immer noch hell war und das Zwitschern der Vögel mir wie ein lautes Quietschen vorkam.
Doch die Erholung dauerte nicht lange, denn schon nach wenigen Minuten hatten wir den Schutz der Bäume wieder verlassen und ich saß erneut in der prallen Sonne, die mir nun noch greller vorkam. Zuerst dachte ich, es wäre meine Einbildung oder der Kontrast zu dem Wald, doch dann bemerkte ich, dass es vor uns wirklich heller wurde und drehte mich in unsere Fahrtrichtung um, nur um sofort vor Erstaunen das Kein hinunterzuklappen.
Vor uns lag eine riesige Stadt – doch das war nicht, was mich so schockiert hatte! Nein, es war die Tatsache, dass sie völlig in Weiß und Gold gehalten war, so hell und glänzend, dass mir schon nach wenigen Sekunden die Augen unerträglich zu schmerzen begannen. Trotzdem, ich konnte den Blick nicht abwenden so extrem war das, was ich sah. Vor allem aber der glitzernde Palast in der Mitte, der sich weit über die prächtigen Stadtmauern erhob. So etwas hatte ich noch nie gesehen – das gesamte Gebäude war aus Kristall und Gold und funkelte wie ein Regenbogen.
Ich rieb mir die Augen und versuchte, nicht mehr hinzusehen um nicht blind zu werden. Was war das nur für ein Ort? Wie hielten die Menschen hier das nur aus? Ich schielte erneut zu Sei hinüber um zu erfahren was er davon dachte, doch er hob den Kopf nicht sondern sah nur angestrengt auf den Holzboden. Was hatte ich auch erwartet? Für ihn als Halbdämon war das bestimmt noch viel schlimmer als für mich.
Schließlich bog unser Wagen in eine größere Straße ein und wurde langsamer, denn hier drängten sich mehrere Gefährte nebeneinander, die alle auf dem Weg zum Stadttor, das von mehreren Soldaten bewacht wurde, waren.
Ich schluckte, als wir schließlich kurz vor dem Eingang zum Stehen kamen. Da waren die gleiche Art von Rittern, vor denen wir geflohen waren und es sah so aus, als musterten sie jeden, der in die Stadt wollte, sehr genau.
Als wir an der Reihe waren wand sich unser Fahrer dem Soldaten, der ihm am nächsten war, zu, worauf ihn dieser ansprach.
„Was wollt Ihr in Lotus, alter Mann?“ fragte der Ritter streng und strich dabei über sein goldenes Schwert.
Peter antwortet drauf hin mit einem leichten Zittern des Alters in seiner Stimme: „Obst und Gemüse am Markt verkaufen, Sir!“
Der Soldat schaut daraufhin auf die Ladefläche und musterte uns.
„Und Ihr zwei?“ fragte er dann an Sei und mich gewandt.
„Meine Enkel“ krächzte Peter bevor einer von uns was sagen konnte. „Ich bin so alt, ich schaffe das nicht mehr alleine...“
Erneut musterte uns der Ritter und ich nahm all meinem Mut zusammen und schenkte ihm ein schüchternes Lächeln während Sei weiter gegen Boden starrte. Das schien den Offizier zu befriedigen und er winkte unseren Wagen durch.
Peter gab dem Pferd wieder die Sporen und so fuhren wir durch die dicken Stadtmauern in eine vielbefahrene und -begangene Hauptstraße hinein. Unser Gefährt ruckelte zwischen den weißen Wohnhäusern hindurch tiefer und tiefer in die Stadt hinein. Ich hatte gehofft, dass der Schatten der Gebäude etwas Kühle spenden würde, doch die grelle Helligkeit gab mir keine Verschnaufpause.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, als endlich ein paar bunte Markisen in Sichtweite kamen, die den Marktplatz ankündigten. Doch umso näher wir ihm kamen umso stärker wurde auch der Verkehr und zweitweise mussten wir sogar ein paar Minuten stehen bleiben und warten bis unser Fahrer den Wagen endlich in der Nähe des Marktes abstellen konnte.
„Bleibt ganz in meiner Nähe.“ flüsterte uns Peter zu als wir schließlich ausstiegen und seine Stimme klang dabei um einiges fester als sie es tat, als er mit dem Soldat gesprochen hatte. Hut ab, er war ein guter Schauspieler! Sei sagte nichts sondern nahm nur eine Kiste Äpfel während Peter sich einen Sack mit Kartoffel schnappte. Ich entschied mich für einen Korb mit Erdbeeren und dann folgten Sei und ich Peter auf den Markt.
Sollte ich gedacht haben, auf der Straße sei viel los gewesen, dann war es doch nichts im Vergleich zu diesem Getümmel. Eine schier unendliche Anzahl von Leuten schob sich über den großen Platz und drängte sich um die einzelnen Stände um dort Einkäufe zu tätigen oder ihre Waren auszubreiten.
Wir hatten unsere Mühe und Not durch zu kommen, denn ich wollte nicht zu grob werden und so möglicherweise unerwünschte Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Trotzdem schafften wir es irgendwie zu Peters Stand zu gelangen, den er so gleich öffnete und begann, die Waren aufzubauen.
„Wartet bitte hier während wir den Rest holen.“ murmelte Peter mir dann zu, als er damit fertig war und ich sah Sei an, dass er nur unwillig mit Peter mitging, denn er wollte mich nicht aus den Augen lassen. Doch ich nickte ihm zu, dass er gehen sollte – es würde seltsam aussehen, wenn Peter alles alleine machen würde, davon abgesehen würde dieser ein „Nein“ ohnehin nicht akzeptieren.
Als sie weg waren begann ich langsam, den Markt und die Leute hier genauer zu mustern. Ich hatte es mir kaum vorstellen können, als Bärbel mir diese seltsame Kleidung anlegte, aber die Menschen hier schienen wirklich so etwas zu tragen. Und vor allem waren sie alle in sehr hellen Tönen gekleidet, die nur ab und an von ein paar Farbtupfern unterbrochen wurden. Doch ihre Stimmung war ein krasser Gegensatz zu den fröhlichen Farben - die meisten von ihnen schoben sich sehr eilig und geduckt über den Platz, so als würde irgendeine Gefahr über ihnen schweben.
Plötzlich hörte ich einen Tumult von der rechten Seite des Marktes und schob neugierig den Kopf vor.
Was ist da los?
Dann schossen schließlich ein paar Gestalten aus der Menge und nur Sekunden später folgten Ihnen ein paar Soldaten auf ihren weißen Rössern. Im nächsten Moment brach das totale Chaos los, als die Menschen vom Markt drängten und immer mehr Ritter erschienen.
Bevor ich mich noch hinter Peters Marktstand retten konnte wurde ich praktisch von der Masse mitgerissen und in irgendeine Richtung gedrängt, als die Leute versuchten, sich vor den auftauchenden Soldaten in Sicherheit zu bringen. Jeder Versuch gegen den Strom anzukämpfen war sinnlos und das, obwohl ich meine Zurückhaltung längst aufgegeben hatte. Die Menschen waren in totaler Panik versunken und ich mitten drin!
Immer wieder wurde ich hin und her geschubst und hatte schon bald Mühe überhaupt auf den Beinen zu bleiben. Es graute mir davor, was passieren würde, wenn ich fallen sollte und die Masse sich über mich hinwegwälzte.
Ich tauchte unter ein paar Hindernissen hindurch und versuchte nicht gegen eine Mauer gepresst zu werden, als ich endlich meine Rettung sah: Eine kleinen Seitengasse, die der wildgewordenen Menge offensichtlich nicht aufgefallen war!
Langsam und behutsam um nicht zerquetscht oder weggetragen zu werden schob ich mich in ihre Richtung und schaffte es dort endlich aus dem Pulk zu entkommen. Ich stolperte noch ein paar Meter weiter und hielt mich an einer Seitenmauer fest während ich ein paar Mal tief durchatmete. Das war wirklich knapp gewesen!
Was war nur in diese Leute gefahren? Wovor hatten sie solche Angst? Ich konnte beim besten Willen keine Gefahr entdecken! Ich meine, wenn sich daheim in Yasha Menschen so benehmen würden, wenn sie Alons Garde sahen, dann würde ich das nur zu gut verstehen. Aber hier? Nun, ich hatte Geschichten über die Grausamkeiten des Engelslords gehört, aber diese Reaktion schien mir übertrieben. Oder hatten mir die Rebellen etwa die schlimmsten Dinge verschwiegen?
Aber wie auch immer, ich hatte ein ganz anderes Problem – ich hatte keine Ahnung wo ich war! Ich sah mich um und bemerkte schließlich, dass diese Gasse um einiges dunklere war als alles, was ich bis jetzt von der Stadt gesehen hatte. Obwohl ich mich gerade nach dieser Düsternis gesehnt hatte, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter! Irgendwas stimmte hier nicht!
Ich drehte meinen Kopf wieder Richtung Markt, doch im selben Moment verwarf ich den Gedanken – es war immer noch die Hölle los, ich konnte also unmöglich zurück! Ich schluckte also und ging tiefer in die Gasse hinein. Ich hoffte, dass sie bald in eine größere Straße münden würde, an der ich mich orientieren konnte. Im schlimmsten Fall musste ich die Leute dort nach dem Weg zum Markt fragen – anders würde ich Sei und Peter nicht wiederfinden.
Erneut seufzte ich. Sei und ich wollten diesen Ausflug zur Flucht nützen sobald Peter beschäftigt war, doch so hatte ich mir das nicht vorgestellt! Ohne Sei an meiner Seite fühlte ich mich plötzlich schutzlos und das, obwohl ich Hevshire unter meinem Umhang spüren konnte, wusste ich doch, dass es gegen Engel nutzlos war.
Endlich querte eine weitere Gasse meine, doch sie war genauso klein und duster.
Was soll ich nur machen? Was, wenn ich mich in diesem Labyrinth verlaufe?
Doch ich hatte keine Zeit zu hadern also bog ich in die rechte Straße ein und nahm mir vor immer nur rechts abzubiegen um nicht ganz die Orientierung zu verlieren. Vorsichtig schlich ich weiter und umso länger ich ging umso mehr machte mich die komplette Abwesenheit anderer Menschen nervös – vor allem in Anbetracht dessen, was auf der Hauptstraße los gewesen war!
Endlich wurde es am Ende der Gasse wieder etwas heller und ich konnte gar nicht glauben, wie sehr ich mich über dieses grelle Licht freute! Die Gasse mündete tatsächlich in einen kleinen Platz, doch noch immer konnte ich keinen Menschen entdecken!
Ich ging zu dem Brunnen in der Mitte des Platzes und schaute mich um.
Wohin soll ich nun nur gehen?
Doch die Wahl wurde mir im nächsten Moment abgenommen als plötzlich drei Ritter aus den umliegenden Gassen stürmten und mich umzingelten.
„Keine Bewegung!“ schrie der Größte von Ihnen während er und seine zwei Mitstreiter mir ihren Schwertern an den Hals hielten und mir damit jeglichen Fluchtweg abschnitten. „Ihr seid festgenommen!“

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Na toll, vom Regen in die Traufe... :-/ Wie das wohl weitergeht?
Ich tippe mal darauf, dass wir im nächsten Kapitel den Engelslord kennenlernen. :-D Auf den bin ich schon gespannt.

Tolle Fortsetzung!

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn.. du den nächsten Teil liest. :-D

Danke. :-)