Samstag, 1. Februar 2014

5. Das unterirdische Dorf

Das Bett knarrte etwas, als ich mich drauf setzte und ich sah mich in unserer Kammer etwas um – wenn man diesen unterirdischen Stollen denn überhaupt so nennen konnte. Der Boden, die Decke und die Wände waren notdürftig mit Holz verkleidet worden, doch an einigen Stellen sah man das Erdreich dahinter durchschimmern. Die Einrichtung bestand lediglich aus einem kleinen Tisch mit einer Lampe und zwei Sessel sowie ebenfalls zwei Betten und den einzigen Ausgang bildete eine große, schwere Holztür.
Drei Tage waren vergangen seit Sei und ich auf die Rebellen gestoßen waren und unsere Lage war trostloser den je. Die Siedlung, in dem sich die Rebellen verschanzt hatten, lag direkt unter dem Dorf und bestand aus zig Schächten, deren Eingänge in einigen Kellern verborgen waren und streng bewacht wurden. Sich an ihnen vorbei zu schleich war also praktisch unmöglich und selbst wenn wir es geschafft hätten, so wäre unsere Lage oberhalb wohl kaum besser gewesen.
Ein paar Mal hatte ich die Gelegenheit gehabt einigen Leuten zu lauschen und hatte so erfahren, dass dieser Engelslord offensichtlich ein wirklicher Kontrollfreak war. Er ließ in regelmäßigen Abständen patrouillieren, nicht nur die Dörfer sondern auch die Wiesen und Wälder. Und ich wollte mir gar nicht ausmalen, was er mit uns machen würde, wenn er uns fand – ein echter Halbdämon war ihm bis jetzt sicher noch nicht unter gekommen und ich hatte genug Schauergeschichten gehört, was er alleine mit denen tat, die er der Ketzerei verdächtigte.
Grete hatte wohl wirklich Recht, als sie sagte, wir wären vom Regen in Traufe geraten. Und das Schlimmste war, dass wir nicht mal zurück konnten! Unser Schiff lag am Boden des Meeres und ein neues zu kapern war praktisch unmöglich. Sei war in einer schlechten Verfassung, auch wenn es ihm hier unter der Erde - und damit weiter weg von der heiligen Aura - etwas besser ging.
Und ich alleine war machtlos - so wirkungsvoll Hevshire gegen Dämonen auch war so nutzlos war es gegen Engel. Ich mag zwar eine recht gute Kämpferin gewesen sein, aber ihrer mächtige Magie hatte ich nichts entgegen zu setzten. Ich fragte mich wirklich, wie diese Leute tatsächlich annehmen konnten, ich würde ihnen eine Hilfe in diesem Krieg sein!
Vor allem einen, der mich nicht das Geringste anging! Alles was ich wollte war Ruhe und Frieden, aber davon war ich weiter weg den eh und je. Wie war es nur so weit gekommen? Wann hatte das alles seinen Anfang genommen? Als ich Alon in der Schlucht verlassen hatte? Oder als ich Yasha eigenmächtig verließ? Oder noch viel früher? Ich wusste es nicht und es zermarterte mir langsam aber sicher den Kopf auch wenn ich wusste, dass uns selbst die Antwort auf diese Frage nicht helfen würde…
Plötzlich ging die Tür knarrend auf und Sei kam herein. Zuerst hatte man uns zweien getrennte Zimmer geben wollen, aber Sei hatte drauf bestanden an meiner Seite zu bleiben. Er traute unseren Gastgebern wohl nicht einen Millimeter über den Weg und ich verstand ihn – auch mir waren sie nicht geheuer.
Er stellte das Essen – eine dünne Suppe und etwas Brot – auf den Tisch und setzte sich an einen der Sessel. Ich sah, dass meine Portion wieder deutlich größer war als seine, aber ich sprach ihn nicht darauf an. Das letzte Mal hatte er mir schlicht erklärt, als Halbdämon bräuchte er nicht so viel menschliche Nahrung, aber obwohl ich ihm das nicht wirklich glaubte, beließ ich es dabei. Er würde ohnehin nicht mehr essen, solange er glaubte, ich hätte nicht genug – da hätte ich sagen können, was ich wollte.
Kaum hatte ich den letzten Bissen heruntergeschluckt, da klopfte es auf einmal an der Tür worauf Sei aufstand um sie zu öffnen. Der braunhaarige Mann, der in der Tür stand sah deutlich nervös aus, was wohl zum einen dran lag, dass ihn Sei mit mehr als einem Kopf überragte und zum anderen dran, dass er wusste, was Sei war.
„Mut… Mutter Grete möchte mit… mit euch sprechen…“ stotterte der Mann und sah an Sei vorbei zu mir hinüber. „…Zwielichtkönigin.“
Ich seufzte und stand widerwillig auf. Wenn diese Leute wenigstens aufhören könnten, mich so zu nennen – ich wollte mit dieser komischen Prophezeiung nichts zu tun haben!
Aber es half ja alles nichts also trabte ich zusammen mit Sei hinter dem verschreckten Mann mittleren Alters her. Er führte uns durch die verzweigten Tunnel, die gerade mal von ein paar Holzbalken gehalten wurden und ab und an bröselte etwas Erde von der Decke. Ich versuchte ein Schaudern zu unterdrücken, als ich dran dachte, dass dieses Konstrukt jeden Moment zusammenschürzen und uns bei lebendigem Leibe begraben konnte.
Ein paar Mal kamen uns andere Menschen entgegen, die uns – das hieß Sei und mich – verstohlen musterten und dann schnell an uns vorbeihuschten. Die wenigen, kleinen Grüppchen, die an breiteren Stellen zusammen standen und leise, aber eindringlich miteinander redeten, verstummten, als sie uns sahen und ich konnte ihre Blicken förmlich in meinem Rücken spüren, nachdem wir an ihnen vorbeigeschritten waren.
Endlich, nachdem wir offensichtlich noch viel tiefer ins Innere der Siedlung eingedrungen waren, blieb unser Begleiter vor einer schweren Holztür stehen und klopfte.
„Ihr könnt eintreten!“ hörte ich Gretes Stimme von der anderen Seite krächzen und so gleich machte der Mann die Tür auf und führte uns ins Innere.
Grete warf ihm einen kurzen Blick zu und sagte dann: „Danke, Fredrick! Du kannst jetzt gehen – aber bring unseren Freund…“ – bei diesen Worten wand sie sich Sei zu – „…bitte vorher noch zu Saraphim. Wir wollen keine Zeit verlieren!“
„Ich werde meiner Herrin nicht von der Seite weichen!“ hielt Sei entrüstet entgegen als Grete uns offensichtlich trennen wollte.
„Ist das so? Dann willst also auch dabei sein, wenn sie sich wäscht und umzieht?“ fragte die alte Frau mit einem Anflug eines Lächelns im Gesicht.
Sei konnte einen leichten roten Schimmer im Gesicht nicht unterdrücken und war zu baff um etwas zu antworten.
„Nun, das habe ich mir gedacht. Vor allem, da du auch ein Bad und neue Kleidung brauchen wirst, wenn du mit ihr zu Oberfläche möchtest!“ setzte sie nun nach.
„Wir gehen da rauf?“ fragte ich impulsiv und bemerkte im selben Moment wie blöd sich das angehört hatte – natürlich taten wir das, sie hatte es ja gerade gesagt.
Doch Grete lies sich davon nicht beirren und erklärte ruhig: „Ja, wenn es zum entscheidenden Kampf kommt, wird es unerlässlich sein, dass ihr euch dort zurecht findet.“
Ich musste mir auf die Zunge beißen um ihr nicht zu sagen, dass ich sicher nicht für sie in den Krieg ziehen würde, denn die Gelegenheit hier raus zu kommen – und damit auch die Möglichkeit einer Flucht – durften wir uns auf meinen Fall entgehen lassen!
Trotzdem, es gab eine Sache, die mir dabei noch auf der Seele brannte: „Aber selbst mit anderer Kleidung… Sei ist immer noch ein Halbdämon!“
Und das sieht man ihm auch an!
Grete lachte kurz als hätte ich einen Scherz gemacht, dann antwortete sie: „Mach dir keine Sorgen mein Kind – das ist nichts, was wir nicht zu verbergen wüssten!“
Dann wand sie sich Fredrick wieder zu und sagte: „Und nun husch, husch raus mit euch, damit wir anfangen können! Wir verlieren nur kostbare Zeit!“
Wiederwillig folgte Sei dem Mann, aber nicht ohne noch einmal einen Blick zurück in meine Augen zu werfen. Ich erkannte, dass auch er wusste, dass dies einfach eine zu günstige Gelegenheit war als dass wir sie verstreichen lassen konnten und ich nickte ihm bestätigend zu.
Kaum waren die zwei verschwunden wuselte Grete schon um mich herum und sagte: „Nun aber runter mit den alten, schmutzigen Gewändern.“
Dann huschte sie zu einer großen Holzwanne, die hinter einer Trennwand stand und mit schaumigen Wasser gefüllt war und reif mir über die Schulter zu: „Beeil dich, Kind. Sonst wird das Wasser noch kalt!“
Schnell entledigte ich mich meiner Kleider und stieg in die Wanne, wo ich mit dem Schwamm, der auf einem kleinen Hocker, der daneben stand, lag, begann mich abzuschrubben. Die Wanne war so klein, dass ich gerademal mit angezogenen Beinen hineinpasste und der Schwamm war rau und kratzig. Nichts im Vergleich zu den luxurösen Bädern, die ich in Yasha hatte – so groß, dass ich darin sogar schwimmen hatte können. Und das Wasser war weich und betörend beduftet. Aber am Schönsten war es, wenn Alon sich dazu entschloss mit mir gemeinsam ein Bad zu nehmen…
Ich schluckte den Klos, der sich in meinen Hals gebildet hatte, hinunter und wusch mich schnell fertig. Dann stieg ich aus der Wanne, schwemmte mir mit einem bereitgestellten Kübel Wasser den Schaum herunter und trocknete mich ab. Mit noch feuchten Haaren und dem Badetuch um meinen Körper gewickelt kam ich hinter der Trennwand hervor.
„Bist du fertig?“ fragte mich Grete und ich sah, dass eine junge Frau, die ein weißes Bündel in ihren Händen trug, neben sie getreten war.
„Das ist Bärbel.“ erklärte Grete. „Sie wird dir helfen, die anzuziehen.“
„Das kann ich auch allein!“ gab ich mit einer beleidigten Schnute zurück. Angekleidet zu werden würde nur noch mehr vergrabene Erinnerungen wecken und das war das Letzte, was ich wollte!
„Nun, du wirst feststellen, dass unsere Kleidung etwas anders ist, als das, was du gewöhnt bist.“ meinte Grete nur grinsend und lies uns ohne auf meine Antwort zu warten alleine.
Ich seufzte und ging zu Bärbel, die gerade ihr Bündel – was ich für ein Kleid gehalten hatte –ausbreitete. Doch in Wirklichkeit war ein nur ein großes, weißes Tuch, das auf einer Seite zusammengenäht war, ein mehrere goldene Bänder und zwei ebenfalls goldenen Broschen. Nun begann ich zu verstehen, was Gerte gemeint hatte.
Ich legte mein Badetuch ab und sogleich begann Bärbel damit den Stoff kompliziert um meinen Körper zu wickeln. Dann nahm sie die zwei Broschen und stecke damit die zwei Stoffenden an meinen Schulter zusammen, damit sie zu Trägern wurden und wickelte mir ein langes Band unter der Brust herum und lies damit ein Kleid entstehen.
Dann holte sie noch ein Paar Sandalen, zwei Armspangen und eine Halskette hervor – ebenfalls in Gold – und legte sie mir an. Als Letztes widmete sie sich meinen Haaren, die inzwischen getrocknet waren. Sie steckte sie kunstvoll hoch und befestigte es mit den übrigen Bändern.
Kaum war sie fertig drehte ich mich zu dem kleinen Spiegel in der Ecke und betrachtete mich – ich sah so ganz und gar anders aus als sonst. Nicht nur, dass ich völlig in Weiß und Gold gekleidet war – und nicht, wie sonst in dunklen Tönen – nein, auch der Stil des Kleides unterschied sie sehr von allem, was ich bis jetzt gesehen hatte. Das Kleid war lang und fliesend, verschluckte meine Taille ganz und meine Schultern und Oberarme waren – von den Brosche und Spangen mal angesehen – unbedeckt.
Doch nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, merkte ich, dass die seltsame Kleidung eigentlich ganz bequem war.
Plötzlich kam Gerte wieder bei der Tür herein und stellte freudig fest: „Oh, ihr seid fertig! Sehr gut, sehr gut!“
Dann trat sie in den Raum und fuhr fort: „Euer Beschützer ist nämlich auch schon soweit!“
Hinter ihr trat Sei hinein und als ich ihn sah musste ich mir auf die Lippe beißen um nicht lauthals zu lachen anzufangen. Auch er war in Weiß und Gold gekleidet und sein Tuch war ihm ähnlich um den Körper gewickelt wie meines, allerdings ging es nur bis zu den Knien und sein Band sich nicht unter der Brust sondern um der Hüfte schlang und im Gegensatz zu mir auch nur einmal herumgewickelt wurde. Außerdem hatte man bis auf die Armspangen auf sämtlichen Schmuck verzichtet. Ich sah ihm an, dass es das Ganze höchst unangenehm fand, aber er sagte nichts und versuchte stattdessen meinem Blick auszuweichen.
„So, das sieht ja schon sehr gut aus!“ sagte Gerte und hatte noch zwei hellbeige Stoffstücke in der Hand.
„Hier noch eure Umhänge und ihr seid fertig für euren ersten Ausflug!“ fuhr sie fort und reichte uns die Stoffstücke.
Ich schielte zu Sei hinüber und konnte mir denken, dass er so am Liebsten von niemanden gesehen werden wollte – aber wenn das der Preis war um hier herauszukommen, dann würden wir ihn zahlen!

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ahhhh, was für eine Überraschung - ein neuer Teil! *freu*
Voll cool!

Aha - und Esmeralda denkt wieder mal mit romantischeren Gefühlen an Alon... seeehr interessant! ;-D

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Tja. ;-)

Anonym hat gesagt…

ich habe heute nachmittag die drei letzten folgen nachgeholt :-)
wieder sehr spannend!

...mmmmh ob sich der engelslord auf einmal in esmeralda auch verliebt? dann müsste ja alon wieder einschreiten :-D

es bleibt spannend...
lg und einen schönen sonntagabend noch
bigs

Chinda-chan hat gesagt…

Danke! :-)))

Ich verrate wie immer nichs, ich kann aber versprechen, ich hab noch das ein oder andere Ass im Ärmel. ;-D