Mittwoch, 1. Januar 2014

4. Die neue Prophezeiung

„Seid ihr eigentlich lebensmüde?“ fuhr uns einer der Männer vor uns an und brach damit die schneidende Stille. „Wolltet ihr am Scheiterhaufen landen oder wieso legt ihr euch mit den Inquisitoren an?!“ Scheiterhaufen? Inquisitoren? Wovon spricht dieser Mann?
Eine weitere Stimme – dieses Mal jedoch eine weibliche - meldete sich nun aus dem Hintergrund zu Wort: „Und diese dunkle Kleidung! Auffälliger geht es wohl nicht mehr – die suchen ja nur nach einem Grund dafür, jemanden anklagen zu können!“
Ich sah Sei an und versuchte herauszufinden, ob er sich aus dem Ganzen einen Reim machen konnte, aber in der Finsternis des Kellers, der nur von einer Kerze, die auf einem Tisch in der Mitte stand, durchbrochen wurde, konnte ich seine Gesichtszüge nicht erkennen.
Plötzlich mischte sich eine weitere Stimme hinzu und die Menge teilte sich, um die Sprecherin durchzulassen.
„Die beiden sind nicht von hier, das seht ihr doch!“ krächzte die alte Frau. „Wer weiß, ob sie uns überhaupt verstehen!“
Sie war ins Licht der Kerze getreten, die nun die Furchen und Falten in ihrem Gesicht enthüllte. Strähnen ihres weißen Haares fielen ihr ins Gesicht und sie klammerte sich fest an einen verrunzelten Gehstock. Nur ihre grauen Augen waren klar und zeigten, dass ihr Verstand noch genauso scharf war wie eh und je.
Trotzdem schockierte mich ihre Erscheinung – ich hatte schon lange keine so alten Menschen mehr gesehen und ich fragte mich, ob ich ohne Alons Magie nun auch so aussehen würde. Und noch schlimmer, ob mir jetzt, da ich ihn verlassen hatte, das Gleiche Schicksal blühte?
Ich schüttelte innerlich den Kopf um diese dummen Gedanken zu vertreiben. Das war nun wirklich nicht der richtige Moment dafür, ich sollte mir lieber überlegen, wie ich den nächsten Tag erlebte anstatt mir darüber Sorgen zu machen, was in ein paar Jahrzehnten vielleicht auf mich zu kam.
„Aber was sollen wir dann mit ihnen machen, Mutter Grete?“ fragte einer der Männer und hörte sich verzweifelt an.
Nun, das war genug – bevor sie über unseren Kopf hinweg entschieden, mich einzumischen.
„Wir…“ setzte ich an. „…verstehen euch sehr wohl. Aber ihr habt Recht, wir sind nicht von hier. Würdet ihr die Güte habe, uns zu erklären, was vor sich geht?“
Plötzlich waren wieder alle Blicke auf uns gerichtet und die alte Grete sah uns durchdringen an.
„Mein süßes Kind…“ begann sie und ich musste den Reflex unterdrücken ihr zu sagen, dass ich wahrscheinlich sogar noch viel älter war als sie. „…meine Augen sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Komm doch mit deinem Begleiter in den Schein der Kerze, damit ich euch einmal betrachten kann.“
Ich glaubte ihr mit keinem Wort, dass sie nicht mehr so gut sah, sie wollte bloß wissen, mit wem sie es wirklich zu tun hatte. Aber was blieb uns schon übrig?
Ich stand auf und wollte auf sie zu gehen, aber Sei schob sich vor und ging voran. Als das Licht der Kerze auf sein Gesicht fiel und seine violetten Augen und sein perfektes Antlitz, wie es nur ein übernatürliches Wesen haben konnte, enthüllte, wichen die Leute vor uns zurück. Das heißt alle - bis auf Grete.
„Was seid ihr?“ schrie einer der Männer, aber die alte Frau warf ihm einen warnenden Blick zu und sofort war er still.
Dann sah sie wieder Sei an und ging sogar ein Stück auf ihn zu.
„Interessant…“ murmelte sie. „…es gibt sie also wirklich, die Dämonen…“
Die anderen wichen noch weiter zurück und sahen uns mit aufgerissenen Augen an. Das nahm ganz und gar keinen guten Verlauf, also versuchte ich die Lage zu retten, als ich mich neben Sei stellte und beschwichtigend mit der Hand wedelte.
„Sei ist nur ein Halbdämon.“ erklärte ich und sah dabei im Augenwinkel, wie er zusammen zuckte – er hasste es dran erinnert zu werden, dass er kein Vollblut war.
„Und was mich angeht, so bin ich ein ganz normaler Mensch.“ setzte ich noch nach. Gut, ganz entsprach das nicht der Wahrheit, aber das würde genügen – so hoffte ich zumindest.
„Was wollt ihr hier?“ rief jemand anders von hinten, was von Grete mit einem Aufklopfen ihres Stocks quittiert wurde.
Doch ich entschied, trotzdem zu antworten: „Wir sind über das Meer geflohen - aus unserem Land… vor dem Herrscher dort, einem… Dämonenlord.“
Streng genommen die Wahrheit, auch wenn ich damit eindeutig Vieles unter den Tisch fallen ließ.
Ich sah, wie sich die Menge etwas beruhigte, auch wenn sie immer noch nervös waren.
„So, so...“ ergriff nun Grete wieder das Wort. „…nun, ich muss dich enttäuschen, mein Kind, ihr seid vom Regen in die Traufe gelangt.“
„Ich verstehe nicht…“ begann ich, aber die alte Frau erzählte schon weiter.
„Oberflächlich gesehen ist dies ein paradiesisches Land, genau das Gegenteil unsere Schwesterkontinents, den es wird von einem Engelslord beherrscht. Aber im Grunde sind Engel und Dämonen gleich, sie machen sich die Menschen untertan und herrschen mit eiserner Faust über sie. Und ob die Menschen nun zum Vergnügen der Dämonen gefoltert werden oder ob sie im Namen des Lichtes zur Läuterung grausam hingerichtet werden, macht am Ende des Tages keinen Unterschied!“
Ihre letzten Worte unterstrich sie, indem sie sich fest auf ihren Stock stützte und mir tief in die Augen sah.
„Der einzig wahre Weg ist der in die Freiheit, wo die Menschen endlich wieder ihr eigenes Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ich hatte nicht mehr zu hoffen gewagt, dass ich es noch erleben würde, aber nun scheint sich die alte Prophezeiung endlich zu erfüllen!“
Nein! Nicht schon wieder eine Prophezeiung!
Davon hatte ich in meinem Leben wirklich mehr als genug gehabt! Zuerst meine Wiedergeburt, dann Kantos Schwert und schließlich Hevshire. Und keine davon hatte mir Glück gebracht – nein, davon hatte ich wirklich die Schnauze voll! „Die Prophezeiung?“ rief jemand aus dem Hintergrund und das verängstigte nervöse Starren der Masse verwandelte sich in ein hoffnungsvolles Glänzen.
„Ja.“ fuhr Grete fort. „Es ist überliefert, dass eine Frau und ein Mann über das Meer kommen werden um uns von dem Griff der Engel zu befreien. Die Frau, ein gewöhnlicher Mensch, mit der Macht sich sowohl Dämonen als auch Engeln widersetzen zu könne – die Zwielichtkönigin.“
Ich hatte es ja geahnt, dass mir das nicht gefallen würde – wir waren hier her gekommen um ein Leben in Frieden zu finden, nicht um einen Krieg zu beginnen, der uns eigentlich gar nicht betraf. Und ich hatte nicht vor, mich da hineinziehen zu lassen! Aber ob das so leicht werden würde?
„Und wie ich sehe, besitzt ihr bereits eine Waffe, es mit Dämonen aufnehmen zu können.“ Ergänzte Grete als ihr Blick auf Hevshire fiel, dass unter meinem Umhang hervorgeblitzt war.
„Nun ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis ihr auch gegen Engel kämpfen könnt – das Schicksal wird seinen Lauf nehmen.“ schloss sie ab.
„Nicht, wenn ich es verhindern kann.“ krächzte Sei schließlich und mir fiel erst jetzt auf, wie verdächtig ruhig er sich verhalten hatte. Ich hörte den unterdrückten Schmerz in seiner Stimme und plötzlich war mir alles klar: Die heilige Aura, die an diesem Ort herrschte und die noch stärker von unseren Verfolgern ausging, setzte ihm ordentlich zu.
„Ich werde nicht zulassen, dass ich meine Herrin in Gefahr bringt!“ fuhr er die alte Frau an obwohl klar war, dass wir uns im Nachteil befanden.
Doch entgegen der Masse hinter ihr, die teilweise sogar nach Mistgabeln griffen, ließ sie sich nicht beeindrucken.
„Habe keine Sorge, mein Freund.“ begann sie ruhig. „Wir haben nicht vor, ihr Schlechtes zu tun. Im Gegenteil, sie ist die einzige Hoffnung, die wir haben und die werden wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“ Dann drehte sie sich um und wand sich tiefere ins Innere des Kellers.
„Fürs Erste seid bitte unsere Gäste – ich bin mir sicher, eure lange Reise hat euch erschöpft und ihr braucht eine Mahlzeit und ein warmes Bett!“ rief sie uns noch über die Schulter zu und verschwand dann ganz.
Nun, was für eine Wahl hatten wir? Es sah so aus, als würden wir hier wohl mehr Zeit zubringen als uns lieb war.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Cool - der Neujahrsteil des Geschichte! *froi*
Und wieder mal super geschrieben! *beifall*

Eine Zwielichtkönigin!
Ja, an ihrer Stelle hätte ich auch die Schnauze voll. v.v
Na, da bin ich ja mal gespannt, wie das alles enden wird... :-D

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Ja, das kommt meist dabei raus, wenn man nur Ruhe und Frieden sucht, man ist nacher Mitten drin und weiß gar nicht, wie man da eigentlich hineingeraten ist. ^^"