Dienstag, 24. Dezember 2013

3. Das unbekannte Land

Behutsam versuchte ich die Augen zu öffnen und spuckte sofort heftig Salzwasser aus. Mühsam rollte ich mich auf eine Seite, während ich innerlich wegen der Prellungen, die ich mir zugezogen hatte, fluchte.
Ich versuchte die Schmerzen zu ignorieren und mich auf meine anderen Sinne zu konzentrieren. Verschwommen erkannte ich, dass ich auf etwas Weichen und Hellem lag. Ich blinzelte ein paar Mal und schließlich begriff ich, dass es sich dabei um Sand handelte.
Langsam kehrte auch mein Gehör zurück und ich vernahm das leise Rauschen von Wellen. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob es an meinen eingeschränkten Sinnen lag, aber dann wurde mir bewusst, dass es nicht dieselben Wellen waren, die mich verschlungen hatten, sondern nur ein sanftes Brausen, das am Ufer leckte.
Erst da wurde mir das Wunder, das mir gerade zu Teil wurde, wirklich bewusst – ich hatte überlebt und noch besser, wir hatten Land gefunden! Und mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, was aus Sei geworden war. Mühsam versuchte ich mich aufzurichten und sah mich um.
Tatsächlich, ein paar Meter entfernt sah ich eine Gestalt im Sand liegen, deren langes Haar mir verdächtig bekannt vorkam.
Langsam robbte ich in seine Richtung und als ich schließlich bei ihm war, schüttelte ich ihn.
„Sei!“ krächzte ich und merkte wie wund mein Hals durch das Salzwasser geworden war. Aber noch immer rührte er sich nicht. Er war doch nicht etwa…? Nein, das durfte nicht sein, das konnte nicht sein! Wenn sogar ich, ein gewöhnlicher Mensch, das überlebt hatte, so sollte das für einen Halbdämon doch nicht der Rede wert sein, oder?
Ich schüttelte ihn verzweifelt weiter und wimmerte nun schon: „Sei!
Was soll ich nun tun? Ganz alleine in der Fremde?
Endlich vernahm ich eine Bewegung seiner Hand und schließlich öffnete er blinzelnd die Augen.
„Herrin?“ krächzte er und hörte sich genauso schlimm an wie ich es von mir vermutete.
„Ja.“ antwortete ich erleichtert während er sich langsam aufrichtete.
Nun hatte ich endlich Nerven dafür meine Umgebung wahr zu nehmen. Ich blickte über das türkisblaue, offene Meer, das nun friedlich und ruhig wirkte, ganz anders als die dunkle, stürmische See, die uns in der vergangenen Nacht fast verschlungen hatte. Der feine Sand, auf dem wir saßen, glitzerte wie Juwelen in der Sonne und spiegelte sich in dem Wasser, das immer wieder sanft gegen den Strand klatschte.
Vorsichtig drehte ich mich um und erkannte, dass sich hinter uns eine blühende Wiese befand. Lauter verschiedene, exotische Pflanzen reihten sich nebeneinander und bildeten ein buntes, duftendes Meer. Der Wind, der die Düfte zu mir trug, fühlte sich warm auf meiner Haut an und ich hatte das Gefühl, als würde er mich sanft streicheln.
Plötzlich merkte ich, wie Sei neben mir aufstand und misstrauisch in die Ferne hinter der Wiese schaute. Behutsam folgte ich seinem Beispiel, aber ich konnte die Quelle für eine Beunruhigung nicht erkennen. Im Gegenteil, es ging genauso wunderschön weiter, wie es begonnen hatte – am Ende der Wiese war ein kleines Wäldchen. Hell und in sattem, lebensfreundlichem Grün und nicht so düster und bedrohlich wie die, die ich aus meiner Heimat kannte.
Langsam begann ich durch die Wiese zu wandern und Sei folgte mir zögerlich. Auf einmal hörte ich ein sanftes Plätschern, dass sich von dem der Wellen unterschied und ich wusste sofort, was das bedeutete: Ein Bach! Und damit Trinkwasser!
Obwohl mein Körper so ausgezerrt war begann ich zu Laufen und wirklich, aus dem Wäldchen trat ein kleines Flüsschen hervor. Ich stürzte mich an sein Ufer, tauchte begierig meine Hände hinein und trank. Sei war hinter mir aufgetaucht und tat das Gleiche, allerdings viel zögerlicher.
Was war bloß los mit ihm? Wieso freute er sich nicht? Wir waren beide noch am Leben und noch viel besser, wir hatten Land gefunden – ein Land, das wie das Paradies aussah! Mit einem Mal fuhr mir ein Schreck durch die Knochen. Ich sah mich nochmal genau um – das friedvolle Wäldchen, die blühende Wiese, der kristallene Sand, die ruhige See… ich kannte diese Fauna und Flora!
Einst, nach meinem Tod, als ich in den Himmel auffuhr… dort sah es genauso aus! Die gleichen Blumen, dieselbe, friedliche Stille… waren wir also am Ende doch Tod?!
Nein, das konnte nicht sein – nach allem, was ich getan hatte, wäre ich nie in den Himmel gelangt. Und Sei als Halbdämon erst recht nicht – zudem wurde man nicht an die Ufer des Himmels geschwemmt. Und Schmerzen hatte man auch keine mehr! Wieso also sah es hier dann so ähnlich auf? Und war das etwa der Grund, wieso Sei so misstrauisch war? Nein, das konnte nicht sein, woher sollte er auch wissen wie der Himmel aussah? Dämonen würde er für immer verwehrt bleiben, das hatte mir Alon einst deutlich erklärt!
Trotzdem, ich beschloss auch etwas vorsichtiger zu sein und so tasteten wir uns nach einer kurzen Rast unter einem Baum weiter durch den Wald. Zu trinken hatten wir zwar genug gehabt, aber meine letzte Mahlzeit schien eine Ewigkeit her und ich merkte, wie der Hunger an meinen Kräften zerrte.
Sicherheitshalber blieben wir trotzdem in Hörweite des Baches – schließlich hatten wir all unsere Ausrüstung, wenn man von Hevshire, das ich niemals ablegte, absah im Schiff zurückgelassen. Auch Sei hatte nur ein Schwert bei sich, aber nichts, womit man hätte Wasser transportieren können.
Langsam begann sich der Wald zu lichten und in der Ferne erkannten wir so etwas wie Häuser! Ich war so erleichtert, dass ich all meine Vorsicht vergaß und sofort los gelaufen wäre, wenn Sei mich nicht zurückgehalten hätte.
„Wartet!“ zischte er. „Wir haben keine Ahnung, was das für Leute sind und ob sie uns gegenüber Wohlwollen zeigen würden!“
Ausnahmsweise musste ich mir eingestehen, dass er Recht hatte. Wir waren in der Fremde und wussten nichts über die Gebräuche der Leute und die Gefahren, die hier lauerten. Zudem würde es wahrscheinlich eher einen bedrohlichen Eindruck machen, wenn eine Fremde mit einem Schwert an ihrer Hüfte auf sie zugelaufen kam.
Also schlichen wir uns bis zum Rand des Waldes und hielten von dort Aussicht. Auf einem Feld vor einem der Bauernhäuser sahen wir einen älteren Mann und seine Frau emsig arbeiten. Er zog mit seinem Esel, der einen Pflug zog, Rinnen in die Erde und sie streute danach Samen hinein. Mit anderen Worten: Ganz normale Bauersleute, die ihre Ernte bestellten. Nichts, vor dem wir hätten Angst haben müssen!
Doch plötzlich hörten wir Hufgetrampel und sahen, wie zwei Reiter den Weg hinunter kamen. Sie waren in schwere, goldene Rüstung gekleidet und das weiße Fell ihrer Pferde schimmerte fast im Sonenlicht. Ich spürte, wie Sei sich neben mir verkrampfte als würde er Schmerzen leiden, aber er sagte nichts. Und ich wagte es nicht ihn anzusprechen, zu groß war meine Befürchtung entdeckt zu werden.
Die berittenen Soldaten hielten vor den Bauersleuten, die im selben Moment total verschreckt wirkten. Es wurden ein paar Worte gewechselt, die ich jedoch nicht verstand, da sie zu weit weg waren. Ich sah nur, dass die Frau eifrig den Kopf schüttelte und der Mann sich keinen Zentimeter rührte. Dann ritten die Soldaten weiter den Weg entlang und ich sah, wie erleichtert das Pärchen war, als sie verschwanden.
Ich jedoch war ganz und gar nicht erleichtert – denn der Weg führte direkt in unsere Richtung! Und wenn schon die Einwohner hier offensichtlich Angst vor diesen Gestalten hatten, dann wäre es für uns beide sicher ganz und gar nicht gut von ihnen entdeckt zu werden.
Sei hatte offensichtlich den gleichen Gedanken und wir duckten uns tiefer, auch wenn das Wäldchen leider kaum Bodenwuchs hatte, aber was blieb uns über als zu hoffen, dass es ausreichen würde?
Und wie es aussah hatten wir Glück, denn sie ritten direkt an uns vorüber, bis einer der beiden plötzlich stehen bleib und sich zurück in unsere Richtung wandte. Reflexartig hielt ich die Luft an, aber es war zu spät.
„Wer ist da?“ schrie der Ritter. „Zeig dich, Feigling!“
Geistesgegenwärtig packte mich Sei am Handgelenk und begann in Richtung des Dorfes zu laufen. So lange wir uns noch im Wald hielten, würden sie uns schwerer folgen können, doch ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie uns erwischten. Trotzdem würde ich nicht aufgeben – ich hatte auch gar keine andere Wahl, denn Sei ließ nicht locker und gab ein strenges Tempo vor und ich musste alle Kraft, die in meinem geschunden Körper noch über war, dazu einsetzten mit ihm mithalten zu können.
Das Hufgetrampel hinter uns wurde immer lauter und ich machte mich drauf gefasst, jeden Moment gepackt zu werden, als Sei eine scharfe Kurze machte und direkt in das Dorf hineinlief. Wir sausten zwischen zwei Karren hindurch und verschwanden zwischen eng zusammenstehenden Häusern. Immer wieder bog Sei im Zickzack um Häuserecken und versuchte so unsere Verfolger abzuschütteln.
Doch so leicht gaben sie nicht auf – ich riskierte einen Blick über meine Schulter und sah, dass sie uns noch immer folgten. Es war aussichtlos, denn lang würden wir – besonders ich – dieses Tempo nicht mehr durchhalten können. Ich war kurz davor einfach nur mehr zu Boden zu fallen und mich meinem Schicksal zu ergeben, als wir aus einer Gasse eine leise Stimme hörten.
„Schnell, hier her!“ rief sie und eine Hand winke uns zu.
Sei zögerte eine Sekunde, weil er der Sache nicht traute, aber was für eine Wahl hatten wir? Er folgte der Stimme und sah, dass die Gestalt, die uns gerufen hatte, in einem Keller verschwand. Sofort folgten wir und im nächsten Moment wurde die Tür hinter uns zugeschlagen.
Keuchend brach ich am Boden zusammen und hoffte einfach, dass wir nun in Sicherheit wären. Sei hielt immer noch mein Handgelenk und ich sah ihm an, dass er sich nicht sicher war, ob er mich gegen das, was draußen auf uns wartete oder gegen das, was im Keller lauerte, verteidigen sollte, also stelle er sich möglichst nah neben mich.
Langsam war ich wieder etwas zu Atem gekommen und sah mich in dem Keller um, in der Hoffnung unseren Retter zu entdecken. Aber ich entdecke noch viel mehr, einen ganzen Haufen von Leuten, die uns genauso gespannt ansahen wie wir sie.
Wo, in aller Welt, waren wir da nur hineingeraten?

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Puh! *schwitz*
Coole Anknüpfung - und es geht ja wieder superspannend weiter. Da kommt man ja selbst als Leserin völlig außer Atem. :-D

Mach nur weiter so - scheuch Deine Protagonisten und Deine Leser quer durch die Botanik, bis alle nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. *lol*
Ich find's super!

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Du kennst mich, das mach ich ja immer so, meine armen Figuren werden immer geschulden. *Muhahahaha* ;-D