Sonntag, 1. Dezember 2013

2. Der schwere Sturm

Die kleine Lampe, die an der Decke meiner Kabine befestigt war, schaukelte unruhig hin und her und ich hatte das Gefühl, als würde sie versuchen mich zu hypnotisieren. Ich wand meinen Blick seufzend ab und stand von dem Stuhl, der bei meinem kleinen Tischchen stand, auf.
Es waren schon mehrere Wochen vergangen seitdem wir aufgebrochen waren und es war immer noch kein Land in Sicht. Sei wurde mit jedem Tag, der verging unruhiger und ich wusste, dass er sich überlegte um zu drehen, doch er würde es nicht wagen, so offen gegen meinen Befehl – und damit auch gegen seinen Schwur – zu verstoßen.
Aber es würde nicht mehr lange dauern, bis er seine Gedanken offen ansprach, schließlich waren unsere Vorräte schon fast zur Hälfte aufgebraucht und bald wäre es zu spät noch kehrt zu machen. Das war auch der Grund, wieso ich mich in den letzten Tagen in meine Kajüte zurückgezogen hatte, obwohl ich die braunen Balken, die in dem Dämmerlicht aussahen wie Ungeheuer, schon gar nicht mehr sehen konnte. Zu groß war meine Befürchtung, dass er sich ein Herz fassen und mich offen auf unsere schlechte Situation ansprechen würde.
Doch es half nichts, ich konnte ihm nicht ewig aus dem Weg gehen und außerdem hatte ich langsam Hunger. Also machte ich mich durch die schaukelnden Gänge auf zur Schiffsküche, wo ich hoffte, noch etwas vom Eintopf des Vortags zu finden. Ich öffnete die quietschende Tür, nahm mir etwas von dem dicklichem Gebräu und dazu ein Stückchen Brot, das inzwischen schon recht hart geworden war. Ich seufzte erneut als ich das geschmacklose Zeug herunterwürgte und musste kurz an die fabelhaften Tafel in Yasha denken, die immer so über und über mit Köstlichkeiten beladen waren, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte zu essen. Ich nahm an, dass es auch nur an Alons Magie gelegen hatte, dass ich nicht auseinander gegangen bin wie ein Germteig.
Schnell schüttelte ich den Kopf um diese Gedanken zu vertreiben – ich hatte jetzt wirklich andere Probleme als der Vergangenheit nach zu weinen, besonders dann, wenn es nur ums Essen ging!
Ich wusch meine Schale und mein Besteck in etwas bereitgestelltem Salzwasser und machte mich dann auf den Weg an Deck um mich Sei zu stellen. Das würde kein angenehmes Gespräch werden, soviel war sicher – aber umso eher ich es hinter mich brachte umso besser.
Ich fand ihn – wie immer hinter dem Steuerrad und seine eiserne Miene war gegen den Horizont gewandt, wo wir schon seit Tagen hofften Land zu sehen.
„Sei…“ begann ich, nachdem ich mich neben ihn gestellt hatte. „…ich weiß, was du denkst, aber ich glaube immer noch, dass wir den Kontinent finden werden, wir dürfen bloß die Hoffnung nicht aufgeben!“
Sei rührte keine Miene und die Stille wurde nur durch das Rauschen der Wellen und das Flattern der Segel durchbrochen. Fast hätte ich gedacht, er hatte mich gar nicht und wollte ihn erneut ansprechen, als er schließlich schnaufte: „Hoffnung?
Er sah mich grantig an und setzte fort: „Worauf? Dass uns ein Sturm versenkt bevor wir hier draußen elendig verhungern?“
„Sei!“ pfauchte ich ihn an und stemmte wütend die Hände in die Hüfte. „Wie kannst du so was sagen? Das ist nicht lustig!“
„Nun, das war auch nicht lustig gemeint! Das ist die bittere…“ setzte er an, aber weiter kam er nicht, denn plötzlich wurden wir von einem heftigem Ruck fast umgeworfen.
„Was war das…?“ fragte ich und im nächsten Moment kam ein zweiter Ruck, wenn auch nicht ganz so fest.
Ich schaute über das Geländer und fand sofort den Grund für das Geschüttelte: Große Wellen brachen an der Schiffswand und schubsten uns hin und her wie ein kleines Stöckchen. Reflexartig sahen Sei und ich hinter uns und rissen beide entsetzt die Augen auf: Der Himmel hinter uns war schwarz - aber nicht, weil langsam die Nacht herein brach, sondern weil sich dort tatsächlich ein Sturm zusammen braute!
Blitze schossen dort ins Wasser und ich spürte, wie der Wind langsam stärker wurde – das Unwetter kam direkt auf uns zu! Hilfesuchen sah ich zu Sei auf – normal hätte ich es nicht lassen können, ihm um die Ohren zu schmieren, dass er es verschrien hatte, aber die Worte blieben mir in Anbetracht der Gefahr im Hals stecken.
„Geht unter Deck!“ befahl Sei. „Und macht alle Feuer aus!“
Er scherte sich überhaupt nicht darum, dass es eigentlich ich bin, die ihm Befehle erteilen konnte und genau das zeigte mir, wie ernst die Lage wirklich war. Ohne Widerworte folgte ich seinen Worten und begab mich zuerst in die Küche, wo ich das Kochfeuer mit dem Kübel Salzwasser löschte.
Dann erinnerte ich mich an meine kleine Lampe, die vergessen hatte aus zu machen, als ich meine Kabine verließ und stolperte in diese Richtung. Immer wieder und immer stärkere wurde ich gegen eine Seite der Gänge gestoßen und merkte so, dass der Sturm schnell näher kam – viel zu schnell.
Endlich erreichte ich meine Kajüte und sah, dass meine Lampe bedrohlich hin und her schaukelte und kurz davor war hinunter zu fallen. Schnell griff ich nach ihr und hätte mir dabei um ein Haar die Hand verbrannt. Gerade noch rechtzeitig konnte ich sie ausmachen, als ein noch viel stärkerer Stoß kam und mich und die Lampe zu Boden beförderte, die daraufhin in tausend Teile zerbrach.
Verzweifelt rappelte ich mich auf und versuchte irgendwie auf die Füße zu kommen, doch die Wellen kamen immer schneller und stärker. Endlich schaffte ich es irgendwie auf zu stehen und machte mich weiter auf den Suche nach evtl. noch übersehen Brandgefahren, wurde jedoch nach ein paar Metern wieder nieder geschleudert.
Ich wollte mich wieder hochhangeln, als ich plötzlich Feuchtigkeit um meine Füße spürte. Entsetzt drehte ich mich um und sah, dass aus der anderen Richtung des Gangs langsamer aber sicher immer mehr Wasser in meine Richtung schwappte. Das Schiff war leck!
Sofort sprang ich auf und ignorierte die Schmerzen, als es mich immer wieder gegen die Wände und auf den Boden schleuderte – ich musste zu Sei, koste es was es wolle! Ich machte einen kurzen Seufzer der Erleichterung als ich endlich wieder bei der Küche angekommen war, denn von hier aus war es nur noch eine kurze Strecke bis an Deck.
„Sei!“ rief ich, aber meine Stimme ging in den Knacken der Holzbalken und dem hereinströmenden Heulen des Windes unter.
Also kämpfte ich mich weiter vor, hielt mich am Geländer der Treppe fest und zog mich so in Freie. Der Wind riss augenblicklich an mir und ich musste mich mit all meiner Kraft fest klammern um nicht davon und in die wütende See getragen zu werden. Der Regen und die spritzenden Wellen durchnässten mich in Sekunden als ich den ersten Schritt an Deck setzte und ließen meine tiefschwarze Kleidung an meinem Körper kleben. Einen Augenblick verschwendete ich drauf, dankbar dafür zu sein, eine Hose, Stiefel, eine Bluse und ein Korsett zu tragen und nicht die weite, ausladende Kleidung, die man bei Hof trug. Dann suchte ich durch zusammengekniffene Augen das Deck nach Sei ab und war über die Lage hier oben noch mehr geschockt als über das Leck unten. Riesige Wellen türmten sich auf und fegten immer und immer wieder über uns hinweg. Ein Blitz nach dem anderen schoss ins Meer und erleuchtete so den tiefschwarze, schwer bewölkte Himmel. Das Tosen der See dröhnte in meinen Ohren und vermischte sich mit dem Heulen des Windes und dem Prasseln des Regens.
„Sei!“ schrie ich erneut so laut ich konnte da ich ihn nirgends entdeckt hatte und nahm hinter mir eine Bewegung war. Er war immer noch auf der Brücke und klammerte sich an das Steuerrad, während er verzweifelt mit all seiner Magie versuchte das Schiff irgendwie unter Kontrolle zu halten, als er mich schließlich entdeckte.
„Herrin!“ schrie er geschockt durch den Sturm. „Was macht ihr hier oben?!“
„Das Schiff…“ brüllte ich ihm verzweifelt zu während mir Gicht ins Gesicht spritzte. „…es …es ist leck!“
Ich hätte nicht geglaubt, dass sein Gesichtsausdruck noch verzweifelter sein konnte, aber er wurde es tatsächlich, dann versuchte er sich wieder zu fassen.
„Wo?“ fragte er nur und hangelte sich zu mir hinunter.
„Ich weiß es nicht genau!“ antwortete ich panisch. „Auf einmal schwappte Wasser durch die Gänge…“
Sei versuchte es zu verbergen, aber ich merkte, wie ihn das traf – wenn schon Wasser durch die Gänge lief, dann war das Leck wahrscheinlich viel zu groß um es noch zu reparieren – selbst mit Magie! Plötzlich erstarrte Sei und ich wanderte seinem entsetzten Blick nach – direkt zum dem Abgang hinter mir, wo das Wasser langsam zu steigen begann.
„Sei!“ schrie ich entsetzt und spürte in nächsten Moment, wie er mich am Arm packte.
„Zu dem Rettungsboot!“ brüllte er und schleppte sich mit einer Hand an einem Geländer fest haltend, das andere um mein Handgelenk geschlossen zu dem Rettungsboot.
Wir hatten es fast erreicht, als auf einmal eine noch viel riesigere Welle über uns hinwegbrach und uns mit schleuderte als wären wir Blätter im Wind.
Ich spürte, wie ich umhergewirbelt wurde und schließlich ins tosende Meer eintauchte. Der Aufprall drückte mir sämtliche Luft aus den Lungen und ich versuchte verzweifelt an die Oberfläche zu gelangen, aber die Strudel drückten mich immer tiefer.
Plötzlich wurde ich mit einem Ruck in die Höhe gehoben und mein Kopf brach durch die Wasseroberfläche und ich holte tief Luft. Danach wurde mir bewusst, was – oder besser gesagt – wer mich gerettet hatte: Sie hielt immer noch mein Handgelenk und versuchte verzweifelt uns ober Wasser zu halten.
Doch im nächsten Moment schon kam die nächste große Welle, noch größer als zuvor und drückte uns unter Wasser, immer tiefer und tiefer, bis ich schließlich nicht mehr wusste wo unten und wo oben war. Verzweifelt versuchte ich in irgendeine Richtung zu strampeln, aber die See zog mich in die Tiefe und beschwerte meine Glieder schließlich so sehr, dass ich ihr nichts mehr entgegen setzen konnte.
Das ist es also, mein Ende? Dafür hatte ich all das durchgestanden? Dafür hatte ich Alon verlassen? Wie sinnlos…
Doch es war zu spät, meine Lider fielen mir zu und schließlich wurde alles schwarz…

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

so spannend und nun an dieser stelle warten *ohnmacht* *trippel*

das ist ja schon fast gemein an dieser stelle aufzuhören ;-)

einen schönen abend noch
lg bigs

Anonym hat gesagt…

Na, das ist aber ein schnelles Ende der Geschichte - schon nach dem zweiten Kapitel ist Schluss! Den Kniff muss ich mir merken. *lol*
Nee, Scherz!
Bin gespannt, wie Du die beiden da wieder raus holst. *vorfreu auf kapitel 3*

Mal wieder toll geschrieben! *beifall*
An einer Stelle hab ich aber innerlich etwas gezuckt: Ein Schiff hat eine Reling - und kein Geländer. :-D

Liebe Grüße
Papyra


Chinda-chan hat gesagt…

BigS - Du weißt eh, ich und Cliffhanger. ;-D

Papyra - Lol, danke. :-D
Danke, man sieht, ich kann mich gut in Esmeralda hineinversetzen, ich kenn mich mit der Schifffahrt auch net aus. XD

Anonym hat gesagt…

Ja, das ist natürlich auch eine gute Begründung. *lol*

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Gell? :-D