Freitag, 1. November 2013

1. Das gekaperte Schiff

Mein Blick huschte zu Sei hinüber, der neben mir in den Büschen kauerte und ich sah ihm an, dass ihm die Sache ganz und gar nicht gefiel. Er hatte zwar nichts mehr dagegen eingewandt nachdem wir die Diskussion auf der Klippe beendet hatten, aber ich spürte seine Abneigung gegen die ganze Aktion in seiner Ausstrahlung und Körperhaltung mehr als nur deutlich. Zudem war er seitdem noch schlechter gelaunt gewesen, als er meist ohnehin war.
Aber ich würde mich davon nicht abbringen lassen – ich hielt es für einen tollen Plan und vor allem: Im Gegensatz zu Sei hatte ich zumindest einen! Schließlich hatte ich mich nicht von Alon los gesagt nur um nun an solch einem kleinen Hindernis zu scheitern und ihm am Ende bei einer sinnlosen Flucht über dieses Land erst Recht wieder in die Arme zu laufen! Er hatte mich in der Schlucht zwar gehen lassen, aber das hieß noch lange nicht, dass er aufgegeben hatte!
Als ich an meinen Abschied von Alon dachte, spürte ich, wie sich die Luft in meiner Brust zusammen zog und ich schob den Gedanken an ihn bei Seite. Ich war hier um uns ein Schiff zu verschaffen, nicht um der Vergangenheit nachzuhängen! Ich würde mich nicht von Seis Zweifeln anstecken lassen!
Mein Blick wandte sich den Männern unter uns zu, die eifrig ein Schiff beluden. Fässer mit Wasser, Essensvorräten und edlen Waren wurden an Board geschafft, bestimmt für ein Ziel, dass sie nie erreichen würden. Das Gefährt selbst war groß, aber nicht zu groß. Ein typisches Handelsschiff, seetauglich, aber viel wendiger als große, schwere Kriegsschiffe und sicher auch mit wenigen Leuten – zum Beispiel zwei – steuerbar. Mit anderen Worten: Perfekt für unsere Bedürfnisse!
Die Mannschafft selbst bestand nur aus ein paar Soldaten zum Schutz, einigen Seemannsleuten und ein oder zwei Händlern. Also auch nichts, worüber man sich hätte Gedanken machen müssen, im Gegenteil, es juckte mir in den Fingern endlich etwas zu tun!
„Die dürften uns keine Schwierigkeiten machen…“ flüsterte ich Sei zu. „…also, gehen wir es an!“
„Noch nicht!“ antwortete er ebenso leise aber trotzdem mit Nachdruck in seiner Stimme. „Wir haben sie noch nicht sorgfältig genug beobachtet, wer weiß, ob da nicht noch mehr Leute sind oder sie nicht noch versteckte Waffen…“
Doch ich hörte schon nicht mehr richtig zu – seine neue Übervorsicht ging mir nun langsam aber sicher auf die Nerven! Er hörte sich an wie ein verängstigtes Rehkitz – das passte nun wirklich nicht zu dem Sei, den ich kannte!
Also preschte ich einfach drauf los – wenn er nicht wollte, dann würde ich mit den paar Gegnern auch ohne seine Hilfe fertig werden!
Während ich den Abhang hinunter stürzte zog ich Hevshire und verwandelte damit die ersten Soldaten, die sich überrascht in meine Richtung drehten, zu Staub. Daraufhin sprang einer der Handelsleute hinter einen Seemänner, um dort Schutz zu suchen.
Von der anderen Seite kamen weitere Milizen auf mich zugelaufen, die sich von dem ersten Schrecken herholt hatte. Sie zogen ihre Schwerter, aber ich war schneller – ein Hieb mit meinem Schwert genügte um gleich beide zu Asche zerfallen zu lassen. Ihre unnatürlichen Todesschreie ließen den Händler und zwei der Seemänner schreiend die Flucht ergreifen, wie ich mit einem zufriedenen Grinsen feststellte.
Doch die Dämonen kannten keine Angst – sie stürmten weiter auf mich ein, obwohl sie zusehen mussten, wie ihre Kumpanen alle zu Staub wurden. Immer wieder ließ ich mein Schwert niedersausen und mähte damit einen nach dem anderen nieder – bis es plötzlich auf harten Stahl traf.
Ich wich reflexartig zurück und starrte die Gestalt vor mir verwundert an als mir mit Schrecken bewusst wurde, was passiert war: Der Ritter vor mir war kein Dämon, er war ein Mensch! Und das bedeutete, dass Hevshire gegen ihn nicht mehr brachte als ein gewöhnliches Schwert – seine heilige Macht war nur für Dämonen tödlich, Menschen jedoch verschonte sie.
Mein Gegner hatte wohl auch bemerkt, dass der Zauber gegen ihn wirkungslos war und grinste finster, als er siegessicher sein Schwert anhob um mich anzugreifen. Was er jedoch nicht wusste, war, dass ich ihm auch ohne magische Kräfte genug entgegen zu setzen hatte - so schwach, wie ich aussah, war ich bei weitem nicht! Ich hob Hevshire an um mich gegen die Wucht seines Schlags zu verteidigen, als im nächsten Moment eine Schwertspitze aus der Brust meines Feindes ragte und er nach vorne und damit direkt vor meine Füße stürzte.
Hinter ihm stand Sei, dessen Schwert mit dem Blut des Ritters getränkt war und wütend schnaufte: „Musste das sein?“
Doch ich ignorierte ihn und drehte mich den restlichen Soldaten zu. Eigentlich hätte ich mich bei ihm für seine Hilfe bedanken sollen, aber seine miesmuffelige Laune hatte es mir wirklich verdorben. Mit ein paar gezielten Schlägen setzte ich auch noch die letzten Soldaten außer Gefecht während sich Sei zielstrebig um die Seeleute und den verbliebenen Händler kümmerte.
Als alle Gegner besiegt waren und die Bucht mit der Asche und dem Blut unserer Feinde bedeckt waren, wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und richtete den hohen Pferdeschwanz, der meine lange, schwarze Haare zusammen hielt.
Dann drehte ich mich nach Sei um und sah, dass er sich schon über ein Steigbrett zum Schiff auf gemacht hatte. Ein letztes Mal ließ ich meinen Blick über das Schlachtfeld wandern um mich zum einen zu vergewissern, dass wir wirklich alle Gegner ausgeschaltet hatten und zum anderen um sicher zu gehen, dass nicht noch etwas herumlag, das wir auf unserer Reise würden gebrauchen können.
Dann folgte ich Sei auf das Schiff und genoss die Sonne, deren wärmende Strahlen sich durch anbrechenden Winter kämpften. Wir waren zwar ein gutes Stück südlich geritten, aber immer noch im Norden des Reiches und hier konnte es wirklich kalt werden. Spontan frage ich mich, wie wohl die Witterung auf diesem fremden Kontinent sein würde. Ich hatte zwar vor Sei so getan, als wüsste ich perfekt über dieses Land Bescheid, aber das entsprach nicht ganz der Wahrheit.
In Wirklichkeit wusste ich nur ein Hand voll Dinge, die ich erfahren hatte, als ich die nächtlichen Gespräche zwischen meinem Vater und seinen Botschaftern belauscht hatte und selbst die waren bruchstückhaft, denn sie bemühten sich meist sehr leise zu sprechen. Ich konnte also nicht mal genau sagen, wo dieses Land lag und wie lange wir reisen mussten. Nur, dass wir westlich mussten – aber wie weit wäre ich je gekommen, hätte ich mich von solch winzigen Schwierigkeiten aufhalten lassen? Eben!
Schließlich hatte auch ich das Schiff erklommen und verschaffte mir zufrieden einen Überblick – alles schien an dem richtigen Ort zu sein, als ob unser Gefährt nur drauf wartete in See zu stechen. „Und nun, Herrin?“ fragte Sei, der neben mir aufgetaucht war und ich musste blinzeln, weil mich sein silbernes Haar in der Sonne blendete.
„Ist doch klar, wir stechen in See!“ sagte ich voller Tatendrang.
„Und wie genau sollen wir das machen?“ fragte er.
Mist, erwischt!
Entgegen dem, was meine Selbstsicherheit hätte vermuten lassen, hatte ich nämlich nicht die geringste Ahnung davon wie man ein Schiff steuerte!
Woher auch? In meinem ersten Leben war ich eine Prinzessin in einem goldenen Käfig gewesen und das Maximum an Freiheit, was ich mir hatte herausnehmen können, war nächtlich durch den Palast und manchmal auch bis kurz vor die Tore zu schleichen. Und in meinem zweiten Leben war ich ein Bauernmädchen, das in einem kleinen Dorf in einem Wald weit weg vom Meer lebte. Als Kaiserin an Alons Seite hätte es mir auch sicher niemand beigebracht, soviel stand fest. Was also nun?
Als ich ihn, anstatt ihm zu antworten nur verdutzt ansah, huschte ein kurzer Ausdruck von bösartiger Zufriedenheit über Sei’s Gesicht.
„Ihr habt keine Ahnung, nicht wahr?“ stelle er genüsslich fest.
Ich machte den Mund auf und wollte ihn schon irgendeine Beschimpfung um die Ohren schmeißen, als er fortfuhr: „Was für ein Glück, dass zumindest ich mich mit der Seefahrt auskenne!“
Mit diesen Worten stieß er die Planke, die uns mit dem Festland verband, von Board und machte mit seiner Hand eine Bewegung, wodurch sich die Seile bewegte und das Segel herunter gelassen wurde, das sich durch den Wind sofort spannte. Dann sprang er zum Steuerrad und begann wild zu drehen, worauf wir uns von der Küste weg zu bewegen begannen.
Staunend sah ich dem Ganzen zu – zum einen, weil es das erste Mal war, dass ich Sei wirklich Magie hatte einsetzen sehen, zum anderen, weil er offensichtlich wirklich genau wusste, was er tat. Langsam spürte ich, wie sich der Boden unter meinen Füßen leicht zu bewegen begann und machte mich dann vorsichtig auf Erkundungstour.
Es mag unglaublich klingen, aber obwohl ich schon mein zweites Leben lebte und das nun schon sehr lange, war ich noch nie auf einem Schiff gewesen. Mein Vater, der König, hatte mich nie auf eine Reise mitgenommen und so hatte ich die Schiffe immer nur vom Schloss aus unseren Hafen verlassen sehen, aber nie eines betreten.
Mein Blick wanderte über die Segel, die sich unaufhörlich bewegten und ich lauschte dem Rauschen der Wellen. Ich schritt die Brüstung ab und sah über das weite, offene Meer, vermied es jedoch, mich in Richtung der Küste zu drehen.
Dann erklomm ich die Treppen zur Brücke und lehnte mich neben Sei auf ein Geländern.
„Sag mal…“ fragte ich ihn schließlich, was mir seit vorhin durch den Kopf ging. „… wieso kennst du dich damit eigentlich aus?“
Er lachte bevor er antwortete und langsam hatte ich das Gefühl, dass ich den alten, spöttischen Sei wieder hatte: „Das gehört zur normalen Soldatenausbildung, besonders bei hochrangigen Mitgliedern des Heers!“
„Ach so…“ flüsterte ich und wand meinen Blick wieder dem Meer zu. Also konnte Alon selbst wahrscheinlich auch ein Schiff lenken? Das war mehr als nur wahrscheinlich, ich glaubte auch nicht, dass es etwas gab, das er nicht konnte. Trotz all der Zeit, die ich mit ihm verbracht hatte, wusste ich eigentlich nur sehr wenig über ihn und seine ganze Macht, die größer schien, als ich es mir vorstellen konnte.
Hmm, was macht er wohl jetzt gerade?
Wieder einmal – wie so oft in den vergangenen Tagen und Wochen – wanderten meine Gedanken zu der Schlucht zurück, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte. Innerlich schüttelte ich den Kopf um den Gedanken an ihn zu verdrängen und dem heftigen Trieb, mich zur Küste umzudrehen, zu widerstehen.
Ich musste ihn vergessen! Meine Zukunft lag direkt vor mir, weit weg von Alon! Egal, wie sehr ich es mir gewünscht hatte, nichts würde jemals wieder so werden, wie es einmal war! Nicht nachdem er mich wie eine gemeine Verbrecherin behandelt hatte und mir trotz allem, was ich für ihn geopfert hatte, so misstraute!
Nein, das war endgültig vorbei! Ich war endlich frei meinen eigenen Weg zu gehen – etwas, das ich mir schon gewünscht hatte, als ich noch das Vögelchen im goldenen Käfig meines Vaters war! Nur wieso musste es dann so schmerzhaft sein, das alles hinter mir zu lassen…?

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Cooooole Fortsetzung! *beide daumen hoch*

Ich freu mich auf den 1.12.!

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, freut mich, dass es dir gefällt! :-)

Anonym hat gesagt…

so, jetzt gerade diese folge gelesen und gleich geht's weiter :-D

mal wieder sehr spannend!
glg bigs

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)