Samstag, 1. Dezember 2012

Epilog

Erneut zupfte sie an ihrem Rock, damit auch die letzte Falte sauber lag und betrachtete sich im Spiegel. Die Frau, die ihr da entgegenblickte schien ihr fremd, auch wenn sie doch wusste, dass sie es selbst war.
Ihre Haare, die sie normal streng nach hinten gebunden hatte, fielen ihr offen über die Schulter und hatten sich ab dem Kinn in sanften Locken verwandelt. Auch ihre Kleidung unterschied sich vollkommen von zuvor – ihre schwarze Lederuniform war einem grauen Kostüm mit passenden Pumps gewichen, auch ihr Make-Up war dezent und lieblich. Mit anderen Worten: Nicht an ihr erinnerte mehr als die Attentäterin, die sie vor noch so kurzer Zeit gewesen war.
„Kira-san! Kira-san!“ hörte sie plötzlich ihren Namen und drehte sich zur Tür um, durch die im nächsten Moment Mokuba gestürzt kam.
„Is it true that…?“ setze er an, doch als er sie sah brach er abrupt ab und flüsterte er mit großen Augen mehr zu sich selbst als zu irgendwen anderen: „Wow…!“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich gefangen hatte, dann setzte er ausdruckvoll nach: „You‘re looking amazing!“
Sie konnte nicht anders, als leicht rot zu werden – es passt nicht zu ihr, aber ihr neues Aussehnen und ihre neue Rolle, begannen auf sie abzufärben.
„Thank you!“ sagte sie ehrlich und mit einem weichen Lächeln.
Einige Sekunden starrte Mokuba sie noch mit aufgerissen Augen an, dann schüttelte er den Kopf, als wollte er wieder zu Sinnen kommen.
„So… why are here?“ fragte sie freundlich, als er sich wieder gefasst hatte.
„I…“ begann er, als hätte er ganz vergessen, wieso er hergekommen war, dann riss er seine Augen auf und schrie: „Is it true that Nii-sama and you are marrying?!“
„Yes, it is.“ bestätigte sie ruhig und gelassen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
„That’s amazing!“ rief er und hüpfte vor Freunde. „You’re the best sister in law I could ever dreamed of!“
Kira war etwas verwundert, dass er sich ganz so sehr freut – auch wenn sie es nicht zeigte. Natürlich, sie hatte gewusst, dass Mokuba sie mochte, vor allem nachdem sie auch maßgeblich an seiner Rettung beteiligt war. Aber so sehr? Das hatte sie nicht erwartet.
„Oh, oh, we have so much to do – hiring a wedding planner, finding the perfect dress…” zählte er auf und die Begeisterung spiegelte sich in seinen Augen. Nun, wenn er seinen Spaß dran hatte, dann würde sie ihn ihm gönnen.
„Let’s go, we start right now… Nee-san!“ rief er ihr zu und war schon bei der Tür. Kira sah ihn überrascht an – nicht, weil er sofort anfangen wollte, alles andere hätte sie nach seiner Euphorie auch gewundert, nein – es war die Anrede, die er ihr zugedacht hatte und ihr plötzlich ganz deutlich bewusst machte: Sie hatte nicht nur einen Verlobten gewonnen, sondern eine Familie.
Während sie hinter Mokuba den Gang entlang ging wanderte ihr Blick durch die großen Fenster Richtung Himmel, der ihr strahlend blau entgegen lächelte.
Ihr wurde leicht ums Herz, wusste sie doch, dass ihre Familie von dort oben über sie wachte – und eines Tages, wenn ihre Zeit gekommen war, würde sie sie wieder sehen. Aber dieser Tag war weit entfernt, denn ihr Leben hatte gerade erst angefangen – nach einem so langen Pfad in der finsteren Einsamkeit und Verzweiflung hatte sie endlich wieder einen Sinn in ihrem Leben gefunden.
„What are you thinking?“ riss sie ihr neugewonnener Bruder aus den Gedanken und ihr wurde bewusst, dass sie wohl sehr verträumt ausgesehen haben musste.
„I’m thinking about my family… I have the feeling they are happy for me…” erklärte sie.
Unmöglich hätte sie ihm von ihrer Nahtoderfahrung erzählen können – die meisten Menschen hätten es für einen Traum gehalten, aber sie wusste, dass es Wirklichkeit gewesen war. Es war ihr kleines Geheimnis, das sie in ihrem Herzen trug und was ihr niemand mehr nehmen konnte – dieses Wissen gab ihr Kraft, sich ihrer noch so fremd anfühlenden Zukunft zu stellen und Zuversicht breitete sich in ihr aus.
„Nii-sama told me about them…“ sagte er nach einer Weile und klang plötzlich sehr traurig. „…I so sorry for you, it must be so hard to lose your whole family at once.”
Kira sah ihn für ein paar Sekunden durchdringend an, als wollte sie ihn seinen Augen lesen wie viel er wusste, aber ihr wurde sofort klar, dass Seto ihm nur einen groben Überblick über ihre Vergangenheit gewährt hatte.
Schließlich sagte sie mit einer weichen und doch zuversichtlichen Stimme: “It’s okay – I have a new family now!”
Seine Laune hob sich sofort wieder und mit einem Lächeln auf dem Gesicht erreichte er das Ende des Ganges und sauste die Treppe hinunter.
„Nii-sama!“ hörte Kira ihn rufen und als sie das obere Ende der Stufen erreicht hatte sah sie, dass ihr Verlobter gerade nach Hause gekommen war.
Ihre Blicke trafen sich und obwohl er genauso distanziert und kühl wie immer war, nahm sie eine leichte Veränderung war als er sie ansah. Außer ihr hätte das wohl kaum einer bemerkt, aber sie spürte, dass etwas anderes war.
Langsam und elegant kam sie die Treppe herunter und nahm Mokuba, der gerade seinen Bruder begrüßt hatte, kaum mehr wahr – ihre Gedanken gehörten nur Seto alleine. Er war der Grund gewesen, wieso sie in dieses Leben zurückgekehrt war und er war mehr, als sie sich je zu wünschen getraut hätte. Er war wie sie durch den Abgrund gegangen und hatte sich trotzdem sein Licht bewahrt während sie bis zum Grund gefallen war. Im Gegensatz zu all diesen Gutmenschen hätte er das Recht gehabt, sie zu verurteilen – aber stattdessen hatte er sie angenommen, trotz des Blutes, das an ihren Händen klebte.
Und in einem war sie sich absolut sicher: Um nichts in der Welt würde sie ihn je wieder hergeben und was auch immer geschehen würde, sie würde ihn bis zu ihrem letzten Atemzug beschützen. Doch all diese Worte mussten nicht gesagt, sie wusste, dass er es auch so wusste – er konnte es in ihren Augen lesen wie in einem Buch.
Schließlich brach sie den Blickkontakt, verbeugte sich wie man es in Setos Heimatland Japan zur Begrüßung tat und sagte schlicht: „Welcome home!“

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Toll, was für ein schönes Ende!

...und ein Kind brauchen sie sich auch erst mal noch nicht anzuschaffen, sie haben ja Mokuba. :-)

Mal wieder wundervoll geschrieben, Chinda!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Naja, der wird auch älter werden... *lach*

Anonym hat gesagt…

ich schliesse mich papyra an, ein schönes happy-end!

...a propos kinder :-D, wär doch ein grund für eine fortsetzung *lol*

lg bigs

Chinda-chan hat gesagt…

Ach, da hätte ich andere Ideen, aber auch hier noch nix, was weit genug entwickelt ist. *grübel*