Donnerstag, 1. November 2012

12. Der unverzeihbare Fehler

Nach allem, was in passiert war, hätte ich mich langsam schon dran gewöhnen müssen in Kerkern zu sitzen - trotzdem sah ich sehnsüchtig zu dem Fenster über mir auf und hoffte auf ein Wunder – ein Wunder, das nicht kommen würde.
Woher auch? Sei saß wohl nicht weit von mir ebenfalls in einer Zelle, auch wenn ich ihn seitdem sie uns ins Lager gebracht haben nicht mehr gesehen hatte. Und Alon konnte wohl nicht gleichgültiger sein, was mit mir passierte – am Ende freute er sich noch, dass sein Rivale ihm die Arbeit abgenommen hatte mich zu Fangen und in ein Gefängnis zu stecken.
Frustriert legte ich meinen Kopf auf meine Knie, die ich angewinkelt zu meinem Körper gezogen und mit meinen Armen umschlungen hatte – soweit das natürlich ging in Anbetracht der dicken Eisenfesseln, die erneut um meine Handgelenke geschlungen waren - und lies das Mondlicht über mein Gesicht wandern. Wenigstens hatte ich nach dem Kampf gegen den Wolfrum eine Dusche bekommen, wenn man das Übergießen mit eiskaltem Wasser denn so nennen konnte – ich wollte gar nicht wissen, wie der nächste Tag wohl verlaufen würde. Ein weiterer Kampf gegen einen Dämon? Oder würde ich einfach so hingerichtet werden?
Geplagt von diesen Gedanken kuschelte ich mich noch mehr in meine Zellenecke und schlief schließlich erschöpft und von Alpträumen geplagt ein.
„Aufwachen, Kaiserin!“ donnerte es und im nächsten Moment war ich schon hellwach nur um Maures sadistische Grinsen zu sehen, der mit zwei weiteren Wachen offensichtlich hier war um mich abzuholen, auch wenn ich mir nicht mal vorstellen wollte, wohin sie mich brachten.
„Zeit für einen kleinen Spaziergang!“ setze er noch bösartig grinsend nach und öffnete die Zellentür.
Sie packten mich an den Armen und schleppten mich zu dem Platz vor Eres Palast, wo selbiger offensichtlich in Vorbereitungen vertieft war, denn er schrie verschieden Soldaten unterschiedliche Befehle zu, die auf einen Aufbruch hindeuteten.
Dann sah ich Maures selbstzufriedenes Grinsen – ich wusste nicht, woher es kam, nur das ich das früher erfahren würde als mir lieb war.
„Ich hab dir ja gesagt, dein erbärmlicher Bluff würde nicht funktionieren!“ stellte er überlegen fest. „Dein liebster Gemahl hat unsere Bedingungen für deine Freilassung widerstandslos zugesagt!“
„Was?“ rutschte es mir heraus und ich riss geschockt die Augen auf.
Alon wollte mich wirklich befreien? Und wollte sich dafür sogar auf einen Deal mit Eres – zu dessen Bedingungen – einlassen? Das konnte nicht sein!
Doch Maures kümmerte meine Überraschung nicht – er stapfte schon fast fröhlich von dannen um seinem Heeren bei den Vorbereitungen für das Zusammentreffen mit Alon zu helfen und ließ mich einfach zurück – bewacht von einigen Soldaten, versteht sich.
Doch durch meinen Kopf schwirrten ohnehin zu viele Gedanken als das ich mich einem Fluchtplan hätte widmen können. Was hatte das alles zu bedeuten? Und was hatte Eres von Alon gefordert? Würde er mich wirklich Alon übergeben? Und was würde dann mit mir passieren?
Plötzlich wurde alles finster und als ich erschrocken aufsah, erkannte ich, dass es der Schatten eines riesigen Drachens war, der über uns schwebte und dann schließlich nicht weit von mir landete und dabei einen Knappen, der nicht schnell genug zur Seite springen konnte, zerquetschte.
Eres ließ sich davon nicht beeindrucken und ging auf den Drachen zu, der den Kopf vor ihm neigte.
„Salon, mein alter Gefährte…“ sagte er schließlich und streichelte seinen Kopf. „Heute werden wir zu Ende bringen, was wir vor Jahrtausenden begonnen haben!“
Dann wand er seinen Blick in meine Richtung und schrie: „Bringt mir die Gefangene!“
Im selben Moment wurde ich auf die Füße und zu Eres gezerrt, vor dem man mich dann zu Boden presste...
„Eigentlich schade…“ wandte er sich mir zu und sein Gesicht war nur weniger Zentimeter von meinem entfernt. „…nach deiner Vorstellung gestern hatte ich fast begonnen Gefallen an dir zu finden, wärst du ein Dämon nicht gerade die Gemahlin meines Erzfeindes, hätte ich dich vielleicht sogar in meinen Harrem aufgenommen…“
Ich knurrte, biss mir aber auf die Zunge um nichts zu sagen – wer weiß, was ihm sonst noch eingefallen wäre. Jetzt, wo ich wirklich die Chance hatte, Alon wiederzusehen, wollte ich das nicht riskieren.
Er lachte einmal auf, dann wand er sich dem Anführer meiner Bewachung zu und befahl während er auf einen der Vorderbeine des Drachen zeigte: „Macht sie da unten fest!“
Ich riss geschockt die Augen auf, doch bevor ich etwas sagen konnte waren meine Handfesseln an einer Fußfessel mit dem Drachen verbunden und Eres war aufgestiegen. Im nächsten Moment spürte ich einen schmerzhaften Ruck durch meinen Körper fahren und dann baumelte ich weit über dem Lager im Himmel.
Ein Gefühl, als ob mir meine Arme ausgerissen wurden, fuhr durch meinen Körper und als wir schließlich los flogen schnitt mir der scharfe Flugwind so ins Gesicht, dass ich vor Schmerz die Augen zudrückte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit blieben wir so abrupt stehen, dass ich an meiner Kette sogar hin und her pendelte. Schließlich wagte ich es, meine Augen wieder aufzumachen – und was ich sah, ließ mich ihnen nicht trauen!
Vor uns schwebte in der Luft ein weiterer Drache, noch größer als der, an dem ich angebunden war und ebenso tiefschwarz aber mit roten statt orangen Augen. Und auf seinem Rücken stand der Mann, denn ich nicht mehr zu sehen zu hoffen gewagt hätte: Alon.
Von über mir hörte ich Eres lachen: „Du bist also wirklich gekommen…! Für dieses Menschweib…!“
Dann sah ich, wie weitere Drachen an unserer Seite auftauchten – Eres Armee!
„Lass sie gehen, Eres!“ forderte Alon sachlich. „Ich bin hier – alleine, wie du es verlangt hast!“
„Wieso sollte ich?!“ hörte ich Eres gehässige Stimme dröhnen. „Du bist mir ohnehin schutzlos ausgeliefert – jetzt hindert mich nichts mehr dran, dich zu vernichten!“
Und nach einer kurzen Pause setze er dann noch gehässiger nach: „Aber gut, wie du willst…“
Plötzlich erschien ein Nebel um die Mitte der Kette, die mich mit dem Drachen verband, zerstörte ein Glied und im nächsten Moment befand ich mich im freien Fall.
Ich kniff die Augen zu und sah mein Leben vor meinem inneren Auge vorbeilaufen, als ich plötzlich spürte ich, dass ich sanft landete. Als ich es schließlich wagte, meine Augen wieder aufzumachen, sah ich, dass Alon mich aufgefangen hatte. Er stellte mich neben sich auf seinem Drachen ab, hielt mich aber immer noch mit einem Arm fest. Mit seinem anderen beschwör er ein schwarzes Feuer, dass sich in Sekunden durch Eres Armee fraß und sie zu Asche zerfallen ließ.
„Wie… wie kann das sein?!“ schrie Eres als das schwarze Feuer ihn einhüllte und seinen Drachen in Staub verwandelte. „In all den Jahren hattest du nie einen vergleichbaren Zauber...!“
„Du bist wirklich ein Narr, Eres!“ lachte Alon sarkastisch. „Du warst nie ein ernstzunehmender Gegner für mich – es war nur äußerst amüsant sich mit dir zu spielen, so wie eine Katze mit einer Maus spielt, bevor sie sie verspeist! Aber dieses Mal bist du zu weit gegangen…!“
Schließlich war von Eres‘ Drachen nicht mehr über und er fiel mit seinem schmerzerfüllten Schrei durch die Wolken und hinterließ eine schneidende Stille. Ein paar Sekunden vergingen und langsam schaffte ich es wieder meine Gedanken zu ordnen.
„Wieso…? Wieso hast du mich gerettet?“ fragte ich schließlich und sah zu Alon auf. „Ich dachte…“
Er sah mich an und sein Blick ließ mich sofort verstummen – denn er war genauso kalt wie das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte.
„Was auch immer du getan haben magst…“ setze er an und seine Stimme war erschreckend ausdrucklos. „…du bist immer noch meine Frau und ich werde dich keinem anderen überlassen!“
Dann wanderte sein Blick wieder zu der Stelle in den Wolken, wo Eres verschwunden war und er zog eine Augenbraue hoch.
„Eigentlich sollte er schon wieder hier sein – der Schlag war nicht letal… mit so einem schnellen Tod lass ich ihn nicht davon kommen!“ erklärte er mit zusammengekniffenen Augen.
Dann machte er eine kleine Bewegung und unser Drache stürzte durch die Wolken hinter Eres her und ehe ich mich versah, waren wir in einer kleinen Schlucht gelandet.
Er stieg mit mir in den Armen ab, stellte mich auf sicheren Boden etwas abseits des Drachen ab und ging geradewegs zu der Stelle, wo Eres nach seinem Absturz gelandet sein musste. Ich war mir unsicher, ob ich ihm folgen oder einfach hier warten sollte, also machte ich immer nur ein paar kleine Schritte nach vorne.
Schließlich bog er um eine Ecke und ich ebenfalls, hinter der wir Eres entdeckten – aufgespießt auf Hevshire und einem im Tode gefrorenen, schmerzverzerrten Gesicht.
Dann sah Alon sich weiter um und flüsterte schließlich mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderen: „Ein Engelsschwert… in einer Schlucht…?!“
Mit einem Mal drehte er sich zu mir um und starte mich mit aufgerissenen Augen geschockt an.
„Du…“ stotterte er als er einen Schritt auf mich zu machte. „Du… hast…“
Er machte noch einen Schritt auf mich zu und streckte seine Hand nach mir aus. „Du hast die Wahrheit gesagt!“
Ich gewann wieder etwas meiner Fassung zurück und fragte ihn schließlich, als seine Hand meine Wange berührte: „Glaubst du mir jetzt, dass ich dich nicht betrogen habe…?“
Seine andere Hand legte sich blitzschnell auf meine Ketten, die im nächsten Moment zu Asche zerfielen und gleichzeitig zog er mich zu sich und einen tiefen, leidenschaftlichen Kuss.
„Esmeralda… es… es tut mir so leid!“ gestand er und sah mir mit einem Blick in die Augen, die keinen Zweifel dran ließen, dass ihm nichts auf der Welt hätte mehr leidtun können.
Das… das war alles, worauf ich gehofft hatte, nein, mehr als ich mir zu hoffen gewagt hatte, seitdem Alon mich in den Kerker geworfen, nein, sogar als ich ausgezogen war um Hevshire zu finden… wieso… wieso also fühlte ich mich dann so unendlich leer?
Sanft befreite ich mich aus Alon Umarmung, der mich dabei etwas verstört ansah, mich aber gewähren ließ – bei dem schlechten Gewissen, dass er mir gegenüber hatte, dachte er wohl nicht einmal im Traum dran, mich irgendwie einzuschränken oder mir etwas zu verbieten.
Langsam schlenderte ich Eres‘ Leiche während ich Alon von der Stelle, an der ich ihn zurückgelassen hatte, traurig und zugleich immer mehrbeunruhigt flüstern hörte: „Esmeralda…“
„Als ich aus deinem Kerker ausgebrochen bin…“ begann ich. „…war mein einziges Ziel Hevshire…“ – ich streckte meine Hand aus und ließ sie über den Knauf den Schwertes wander –„…zu finden um dir meine Unschuld zu beweisen. Ich wollte, dass alles wieder so wird wie es war…“
Dann drehte ich mich zu Alon um und zog dabei das Schwert heraus, auf dem Eres Blut langsam gerann: „…aber jetzt weiß ich, dass das eine Illusion war. Nichts kann wieder so werden wie zuvor!“
„Esmeralda, das stimmt nicht…!“ setzte Alon leicht panisch an, doch ich schnitt ihm das Wort ab – das, was ich nun sagen musste, tat mir selbst fast zu weh, als dass ich die Worte hätte herausbringen können, aber ich musste.
„Ich kann dir nicht verzeihen, Alon! Wahre Liebe heißt Vertrauen und du hast mir nicht vertraut!“ warf ich ihm vor.
Dann schüttelte ich den Kopf und sah ihn traurig an: „Aber ich bin auch selbst schuld, ich hätte wissen sollen, dass ein Dämon niemals wahrhaft lieben kann!“
Ich sah in seinen Augen, wie sehr ihn meine Worte trafen – wie sehr es ihm weh tat, aber genauso wusste ich, dass es nichts anderes war als die Wahrheit. Die Liebe, die er für mich empfand, war immer schon besitzergreifen, egoistisch und zerstörerisch gewesen. Wie viele hatte er gefoltert und ermordet nur um mich ganz für sich alleine zu haben? Obwohl er wusste, dass das auch mich verletzen würde?!
„Esmeralda, das ist nicht wahr!“ hielt er entgegen und ich sah seine Verzweiflung. „Ich würde alles für dich tun! Alles!“
Alles?“ fragte ich verwundert und in mir wurde es ganz leicht warm.
„Ja, alles!“ bestätigte er und ich sah Hoffnung in seinen Augen glitzern.
„Dann lass mich gehen…“ sagte ich und war verwundert wie kalt und hart sich meine Stimme dabei anhörte während ich das Schwert leicht anhob. Im nächsten Moment war das Glitzern in seinen Augen verschwunden und er starrte mich ausdrucklos an.
„Mein Tod, ist es dann was du willst…?“ fragte er mit lebloser Stimme und breitete langsam die Arme aus. „Dann sei es so…“
„Nein.“ sagte ich schlicht. „Ich will nur meine Freiheit… wenn du mich wirklich liebst, dann lass mich zu meinem eignem Wohl gehen!“
Plötzlich hörte ich Hufgetrampel, dass sich durch die Schlucht auf uns zu bewegte und im nächste Moment standen drei von Alons Soldaten neben uns.
„Majestät!“ rief ihr Anführer, doch bevor er weiter reden konnte war ich bei ihm und hielt ihm die Spitze meines Schwertes an den Hals. „Steig ab – ich will dein Pferd!“
Er warf Alon einen schockierten und fragenden Blick zu und ich sah im Augenwinkel wie dieser nickte. Der Soldat tat wie ihm befohlen und ich stieg auf den schwarzen Hengst.
Noch ein letztes Mal sah ich in Alons leere Augen und dann drehte ich mich um und verschwand auf meinem neuen Ross aus der Schlucht und in den angrenzenden Wald.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Uff, das war aber mal 'ne überraschende Wende.
...und Eres auf's Schwert quasi selbst aufgepiekst. :-D Cool!

Wieder mal wunderbar mitreißend und sehr bewegend geschrieben, Chinda!
*große Runde Beifall*

Puh, da bin ich mal auf Weiteres gespannt!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)