Samstag, 1. September 2012

11. Der unzerstörbare Stolz

Bevor ich mich überhaupt nach der Stimme umdrehen konnte, sah ich, dass vor uns und an unseren Seiten auch Reiter aufgetaucht waren – sie hatten uns umzingelt. Alles, alles war umsonst gewesen – die einzige Chance, meine Unschuld zu beweisen und alles wieder zum Guten zu wenden, meine Liebe zu Alon zu retten… vertan!
Langsam und auf das Schlimmste gefasst drehte ich mich um während ich mich im Geiste selbst verfluchte. Wieso waren wir nicht bloß im Wald geblieben? Natürlich würde die Truppen nicht nur uns nachgeschickt werden, es waren auch immer welche unterwegs, die ohnehin patrolierten!
Ich rechnete damit, sogar Laures persönlich gegenüberzustehen, so gehässig war der Ton gewesen – doch ich musste überrascht feststellen, dass ich den Mann auf dem Pferd vor mir, der eindeutig der Anführer der Gruppe war, nicht kannte, obwohl seine Aura selbst mich wissen ließ, dass er ein hochrangiger und mächtiger Dämon war, einem von Alons Generälen sicher ebenbürtig. Doch er war keiner, denn auch wenn es in meinem schlaftrunken Zustand ein paar Sekunden brauchte, bis es mir auffiel - es nicht unser Wappen war, das sie trugen… doch irgendwoher kam es mir bekannt vor.
Mit einem Mal traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz und ich riss entsetzt die Augen auf – er war einer von Eres‘ Leuten!
Ich wusste nicht ob das eine Verbesserung oder eine Verschlechterung der Situation war… aber möglicherweise eine Chance. Was konnten Eres‘ Leute schon von ein paar Reisenden wollen? Plündern konnten sie nicht viel, mein ganzes Gold und mein Schmuck wurden mir im Kerker abgenommen, da war nichts zu holen - Sei hatte vielleicht etwas Gold und ein paar Wertgegenstände bei sich, das sollten sie ruhig haben, wenn sie uns dann ziehen ließen! Ich hoffte nur, dass wir unsere Pferde behalten konnten, aber so müde wie die bereits waren, glaubte ich nicht, dass sie von großem Wert waren… eine Armee brauchte frische Pferde, keine ausgelaugten Kläffer, die viel Pflege und Futter brauchten, bis sie sich erholt hatten und einsatzfähig waren.
Ich sah den Mann vor mir an und versuchte meine Antwort gerade klug zu wählen – schließlich wollte ich ihn nicht verärgern, ich wusste wie schnell Dämonen in Rage gerieten und wie leicht sie dann aus purer Lust töteten - doch bevor ich etwas sagen konnte, ergriff der Anführer wieder das Wort.
„Ich muss sagen, ich bin wirklich überrascht – so viel Unvorsichtigkeit hätte Alon nicht zugetraut… seine ach so kostbare Menschenfrau nur in Begleitung eines Halbdämons reisen zu lassen und das mitten im Krieg!“ schlug er mir die Worte entgegen und legte mit seinem Ton und seinem höhnischen Grinsen so viel Verachtung in diese Wort, dass es mich nicht mehr wunderte, dass ich ihn mit Laures verwechseln konnte. Aber das war nur nebensächlich – viel schlimmer war, dass er offensichtlich wusste wer ich war und damit würde es viel, viel schwerer wieder aus der Sache herauszukommen!
Ich warf einen Seitenblick auf Sei – er hatte sich seltsam ruhig verhalten, wahrscheinlich wusste auch er nicht, was wir tun sollten… unsere Situation war wirklich denkbar schlecht! Wäre dies auf unserem Rückweg passiert und ich hätte Hevshire bereits wieder, sähe die Sache ganz anders aus – aber so… war der Dämon vor uns nicht nur deutlich mächtiger als Sei, er war auch ausgeruht, was man von uns nicht behaupten konnte. Zudem waren sie in der Überzahl, mit ihrem Anführer waren wir von neun Gegnern umgeben – und ich konnte es ebenso wenig mit acht Dämonen aufnehmen wie Sei mit einem von Eres‘ Generälen. Flucht war ebenso aussichtlos, selbst wenn wir es geschafft hätten durch ihre Barriere zu brechen, unsere müden Pferde würden sie locker einholen. Also blieb nur noch eine einzige Lösung über, auch wenn hier die Aussichten kaum besser waren: Diplomatie.
So anmutig wie nur irgendwie möglich schob ich meine Kapuze zurück und sah dem General in die Augen – trotz allem hatte ich meinen Stolz, würde ich mich unterwürfig geben, würde es ihn erst recht dazu animieren mich niederzumachen.
„Was wollt Ihr von uns?“ fragte ich mit fester Stimme.
Er lachte auf – die Tatsache, dass ich mich so widerspenstig gab schien ihn zu amüsieren.
„Ist das nicht offensichtlich?“ fragte er dann immer noch mit einem Grinsen auf seinen Lippen. „Eine bessere Geisel als Euch könnten wir wohl nicht finden!“
Jetzt war ich es, die am liebsten aufgelacht hätte – allerdings nicht höhnisch sondern mit tiefster Verbitterung. Er hatte ja keine Ahnung, wie sehr er sich irrte – ich war sicher die denkbar schlechteste Geisel! Nach allem, was passiert ist – vor allem, nachdem ich auch noch aus dem Kerker geflohen war, würde Eres Alon höchstens einen Gefallenen tun, wenn er mich zu tötete!
„Nun, da muss ich euch enttäuschen…“ sagte ich mit einer leicht überheblichen Stimme, denn irgendwie gönnte ich es ihm, seinen ach so tollen Plan zu ruinieren. „…aber Alon hat mich verstoßen, ich bin für euch als Geisel wertlos!“
Aber anstatt ein enttäuschtes Gesicht zu machen lachte er erneut auf und fragte gehässig: „Und ihr erwartet, dass ich euch das glaube? Das ist der denkbar schlechteste Bluff, denn ich je gesehen habe!“
Nun, ich musste zugeben – es hörte sich wirklich nach einer schlechten Ausrede an, obwohl es die Wahrheit war. Ein Phänomen, das mir nicht neu war…
Bevor ich noch etwas antworten konnte – auch wenn ich bezweifele, dass dies etwas geändert hätte – gab er seinen Soldaten den Befehl uns in ihre Lager zu eskortieren. Sei schielte zu mir hinüber in Erwartung einer Entscheidung und ich nickte leicht um ihn zu verdeutlichen, dass wir uns beugen würden… alles andere wäre ohnehin sinnlos gewesen.
Sie führten uns ein Stück entlang des Pfades und bogen dann in einen schmalen Weg ein, immer bedacht, uns von allen Seiten umzingelt zu haben, damit ihre wertvolle Beute nicht fliehen konnte.
Nach einer kurzen Weile tauchten Steinwände und ein Tor vor uns auf und ich war überrascht wie befestigt der Stützpunkt war – offensichtlich war dies ihr Hauptlager. Sie führten uns in die Mitte und dann befahl man uns abzusteigen – und kaum waren wir am Boden, legte man uns Handschellen an.
Dann befahl der Anführer den anderen Soldaten des Trupps: „Schmeißt den Halbdämon in irgendeine Zelle, ich werde unsere kleine Kaiserin hier…“ - er warf mit einem verächtlichen Lächeln einen Blick auf mich – „…zu Kaiser Eres bringen!“
Sei warf mir wieder einen Blick zu und ich nickte um ihn zu verstehen zu geben, dass ich zurechtkam. Was hätten ich sonst auch tun können? Der General scheuchte mich neben sich her in das größte Gebäude des Lagers, das aus dunklen Stein gemeißelt wie auch die Wände war und innen von Säulen gehalten wurde… es war seltsam offen, eine ganz andere Bauart als die, die sonst vorherrschte – doch kam sie mir bekannt vor, ich hatte sie in Geschichtsbüchern gesehen, so baute man vor langer Zeit im Süden, die Verfasser nannten es Antike.
Nachdem wir einen langen Gang, der mit Wachen an den Wänden gepflastert war, passiert hatten, landeten wir vor einer großen, bewachten Tür.
„Sagt seiner Majestät, ich habe einen Gefangenen, den er unbedingt wird sehen wollen!“ befahl er einem Wächter, der daraufhin in der Tür verschwand um uns wenig später mit einem Kopfnicken einzulassen.
Der Raum war groß und endete auf der anderen Seite in einer Terrasse von der sehr gedämpfter Lärm kam – es erinnerte mich etwas an Jubel und Gegröle, aber ich konnte mir nicht sicher sein, dafür war es zu leise.
Gerade von dieser Terrasse her tauchte plötzlich ein großer Mann auf, der in einer schweren, dunklen und prunkvoll verzierten Rüstung gekleidet war. Sein langes Haar war flammenrot und im Nacken zusammengebunden, seine orangen Augen glühten in seinem braungebrannten Gesicht wie Feuer – ich wusste sofort, dass er nur Eres sein konnte!
„Maures, wen bringst du mir da?“ fragte er mit seiner tiefen, gefährlichen Stimme.
Der General sank sofort auf die Knie und antwortete gehorsam: „Alons… Gemahlin, Herr!“
Selbst vor seinem Kaiser konnte er die Verachtung mir gegenüber nicht ganz unterdrücken, obwohl ich merkte wie tief die Ehrfurcht für seinen Herrscher war.
Eres entließ Maures und musterte mich aufmerksam, dann begann er laut zu lachen.
„Das ist also die Menschenfrau, die es geschafft hat, einen Dämon zu verführen?“ grinste er. „Ich hätte Alon einen besseren Geschmack zugetraut… er hat wohl ganz eindeutig seinen Biss verloren, wenn er sich sowas hingibt… er ist wohl ziemlich gerostet, während ich schlief!“
Das war genug – über mich konnte er sagen, was er wollte – aber das er Alon beleidigte, würde ich ihm nicht durchgehen lassen!
„Pff, Alon ist mehr Dämon als ihre es je sein könntet!“ spuckte ich ihm praktisch ins Gesicht und funkelte ihn wütend an – alle diplomatischen Schachzüge, die mir zurechtgelegt hatte, waren in dem Moment aus meinem Hirn verbannt worden und von unsagbarer Wut eingenommen.
Aber anstatt über meinen Ausbruch erzürnt zu sein und zu bestrafen, lachte er nur erneut.
„Ganz schön frech…“ stellte er fest und kniff dann die Augen zusammen, als er weitersprach. „…schauen wir mal, ob auch was dahinter ist!“
Dann schnappte er mich an meinen Handschellen und schleppte mich über die Terrasse nach draußen, wo mir der Lärm nun ganz deutlich entgegen schlug und nun sah ich auch wo er herkam. Vor mich erstreckte sich ein riesige Colosseum, Rand voll mit einer jubelnden Menge, die begeistert dabei zusah wie sich unten Männer – Gefangene, wie ich annahm – gegenseitig umbrachten in der Hoffnung, dass dem Sieger sein Leben geschenkt wurde. Ein für Dämonen üblicher Zeitvertreib, Alon hatte auch öfter solche Feste abgehalten, an denen ich als Kaiserin natürlich bewohnen musste, auch wenn ich nichts lustiges dran entdecken konnte – er fand sie aber immer sehr amüsant.
Der aktuelle Kampf war gerade vorbei und da wohl keiner von ihnen eine gute Show geliefert hatte, wurde der Sieger von einer der Wachen getötet.
Eres schleppte mich zum Rand der Balkons, mit einem Schwung ließ er mich über der Brüstung baumeln, mit seiner Hand umklammerte die Kette, die meine Hände zusammenhielt.
„Nun, wie mutig bist du jetzt?“ hörte ich ihn hinter mir höhnen und sah die Menge vor mir begeistert kreischen.
„Ihr könnt mich foltern oder sogar töten, meinen Stolz könnt ihr nicht brechen!“ antworte ich ihm trotzig, auch wenn ich zusammennehmen musste, damit meine Stimme nicht vor Angst zitterte.
Es wäre besser, wenn ich hier ehrenvoll starb, dann musste ich es wenigstens nicht ertragen, wie Alon es ablehnte, mich auszulösen und könnte so wenigsten ein bisschen meiner Ehre – und vor allem Alons – erhalten.
„Nun, wie ihr wollt!“ höhnte er und zerbröselte mit seiner Hand die Kette, sodass ich in den sandigen Boden der Arena fiel.
Am anderen Ende ging die Tür auf und ein Wolfrum kam heraus getrabt, der mich gierig ansah. Schon wieder überkam mich das Gefühl eines Déjà-vus, denn es war nicht das erste Mal, dass ich so einem Vieh gegenüber stand!
Plötzlich landete etwas vor mir im Sand und ich erkannte, dass es ein Schwert war – als ich zu Eres hochsah, lachte dieser: „Man soll mir nicht vorwerfen, ich wäre unfair!“
Nun, das war eine Herausforderung, die ich annehmen würde – ich begann im selben Moment zu rennen wie der Wolfsdämon, packte den Griff des Schwertes und zog es heraus, dann rollte ich mich blitzartig zu Seite um den Vieh auszuweichen – es war viel größer als der letzte, den ich gesehen habe, aber auch viel schwerfälliger, das war ein Vorteil.
Wieder rannten wir aufeinander zu, nur damit ich im letzten Moment auswich und ihn seitlich mit meinem Schwert anritzte, immer durch ein Toben der Zuschauer begleitet – auch wenn ich sterben würde, ich würde nicht kampflos untergehen!
Der Wolfrum wurde sichtlich wütend, er hatte mit einem einfacheren Fressen gerechnet – er stürzte auf mich zu, doch anstatt seitlich auszuweichen, ließ ich mich nun unter ihm durch gleiten und schnitt ihm den Bauch an, einer Stelle wo er deutlich verwundbarer war. Heißes Blut spritze mir ins Gesicht und der wilde Wolfdämon kreischte auf vor Wut und Schmerz.
Als ich mich wegrollte fiel mein Blick kurz auf Eres Balkon, der immer noch an der Brüstung stand und mich aufmerksam beobachte, aber zu weit weg war, als das ich seine Mimik hätte deuten können. Und plötzlich hatte ich eine Idee – ich nutze die Zeit, die der Wolfrum brauchte, sich etwas zu erholen und rannte wieder zu dem Balkon, dessen vorderes Stück von zwei Stützpfeilern gehalten wurde und stellte mich zu der, die Eres am Nächsten war – und drehte mich wieder zu meinem Gegner um.
Wie erwartet rannte der Wolfrum blindlings wo überschäumender Wut aus mich zu und als ich im letzten Moment auswich, krachte er genau gegen die Säule, die unter dem Aufprall zusammenbrach und den Balkon in die Tiefe, direkt auf Wolfrum hinauf, riss.
Was mit Eres geschehen war konnte ich nicht sehen, genauso wie ich nicht wusste, ob das Vieh seine Bekanntschaft mit der Säule und dem Balkon überlebt hatte, denn der aufgewirbelte Staub und Sand umhüllte mich vollkommen und ich musste immer wieder kräftig husten.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich der Schmutz gelegt hatte und mein Körper und meine total zerzausten war verklebt von Schweiß, Blut und Dreck – mein Blick wanderte zu dem Wolfsdämonen, der regungslos unter den Trümmern lag… ich hatte gesiegt!
Dann sah ich zu Eres auf, der auf dem Überresten seines Balkons stand und einen seltsamen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte… hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich es für Bewunderung oder Respekt gehalten! Aber eines war sicher: Das hatte er mir nicht zugetraut!
Er hob seine Faust und streckte den Daumen nach oben, worauf die Menge tobte… ich würde also leben, die Frage war nur: Wie lange noch…?

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Juhu, in neuer Finsternis-Teil!

Uuuh, das wird ja immer verzwickter! Bin mal gespannt, wie das nun wieder weitergeht.

Großes Kino! Meinen Respekt!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, ich bin mit dem Teil echt zufrieden. :-)