Mittwoch, 1. August 2012

10. Die wütende Flucht

Überraschung traf mich wie ein Hieb, als ich die Person erkannte, die in meiner geöffneten Zellentür stand.
„Sei!“ rief ich erstaunt, doch im nächsten Moment überkam mich eine unglaubliche Wut – er war an all dem Schuld und hatte sich dann auch noch aus dem Staub gemacht, dieser Verräter!
„Was machst du hier?!“ zischte ich böse.
Er sah verwundert aus, als wäre das nicht die Reaktion, die er erwartet hatte und während er sich an den Schlössern meiner Ketten zu schaffen machte, antwortet er mit einer Stimme, die verriet wie selbstverständlich er das fand: „Na, euch retten…“
„Ich brauche nicht gerettet werden!“ blaffte ich beleidigt zurück während ich spürte wie der Ballast von meinen Handgelenken verschwand.
Eine Augenbraue hebend blickte er sich in meiner Zelle um bevor er mich ungläubig ansah.
„Ich habe nichts verbrochen und ich liebe Alon!“ fuhr ich ihn an bevor er noch ein blödes Kommentar abgeben konnte.
„Wie es aussieht glaubt er euch das wohl nicht?“ erwiderte er mit einer ausladenden Handbewegung.
„Das ist mir egal, ich werde ihn nicht verlassen!“ trotzte ich eingeschnappt. Nein, egal wie widersinnig es war, ich würde nicht flüchten – ohne Alon hatte meine Leben ohnehin keinen Sinn, ich war nur wiedergeboren worden um zu ihm zurückzukehren! Wie konnte ich ihn da verlassen?!
„Nun, dann bleibt hier und verrottet in dieser Zelle… oder kommt mit mir um Hevshire zu finden und eure Unschuld zu beweisen!“ erläuterte er mit einem überlegenen Unterton.
Daran hatte ich gar nicht gedacht – natürlich, hätte ich Hevshire, dann müsste mir Alon einfach glauben! Das war es – nach allem, was passiert war, gab es doch noch Hoffnung! Doch ich traute dem Braten nicht…
„Wieso sollte ich dir vertrauen, nachdem du mich so im Stich gelassen hättest?“ fragte ich mit eisiger Stimme.
Er stöhne frustriert als er antwortete: „Nachdem Kaiser Alon euch schon nicht glaubte, hätte er mich wohl kaum angehört, oder? Was hätte ich also tun sollen? Versuchen an Ort und Stelle gegen ihn zu kämpfen? Das hätte nur meinen Tod bedeutet und er wäre noch wütender auf euch! Ich hielt es also für eine viel bessere Idee mich zu verbergen und auf den richtigen Moment zu warten um euch zu befreien!“
Alles, was er sagte, hatte zwar Hand und Fuß, aber ich war nicht ganz überzeugt und immer noch stinkwütend auf ihn, also funkelte ich in zugleich skeptisch wie auch böse an.
Erneut stöhnte er, dieses Mal noch frustrierter: „Außerdem, wenn ich mir schon nicht glaubt, dass ich das euretwillen tue – ich stecke in der Sache mindestens genauso tief drin, oder was glaubt ihr, wird euer Gemahl mit mir machen, wenn er mich erwischt, solang er glaubt, ich wäre euer Liebhaber? Niemand wird je einen grausameren Tod gestorben sein, soviel ist sicher. Also bitte, kommt jetzt endlich – mit jeder Sekunde, die wir hier vertrödeln steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir entdeckt werden… und das sind wir endgültig verloren!“
Ich seufzte genervt, aber ich musste mir eingestehen, dass er recht hatte – das war die einzige Chance, die ich hatte. Also ging ich an Sei vorbei aus der Zelle und sah ihn durchdringend an während ich fragte: „Wohin?“
Er sah erleichtert aus während er an mir vorbeihuschte um die Führung durch die dunklen Gänge des Verlieses zu übernehmen, die sich optisch nur durch die Fackeln an ihren Wänden von meiner kleinen Zelle unterschieden. Aus seiner Hosentasche zog Sei einen zerknuddelten, schmuddeligen Fetzen Papier, der sich, als es entfaltete, als Karte herausstellte.
„Wir müssen gut aufpassen, dass wir den Weg nicht verlieren…“ erklärte er während er abwechselt auf die Karte und dann die Gänge schaute. „…der Kerker ist der reinste Irrgarten, wenn wir uns hier verlaufen, dann finden wir nie wieder hinaus.“
Er huschte zielstrebig um einige Ecken, in einem Tempo, das es meinem ausgezerrten Körper schwer machte, mit ihm Schritt zu halten, aber ich nahm alle meine Kräfte zusammen – ich wusste, für wen ich das tat: Alon.
Doch eine Frage brannte mir noch auf der Zunge: „Wie bist du zu der Karte… nein, überhaupt hier rein gekommen…?“
Es war schließlich nicht so, als ob Yasha gerade schlecht bewacht wurde und der Burggraben, an dessen Grund heiße Lava brodelte, tat sein Übriges.
Ohne sich von seiner zielstrebigen Wegsuche ablenken zu lassen erklärte er: „Ich habe ein paar Freunde bei den niedrigen Dämonen… sie mögen die arroganten Hochfürsten nicht besonders, sie dienen ihnen nur aus Angst… mit einem Halbdämon, der genauso minderwertig ist wie sie, fühlen sie sich einfach verbunden….“
Dann blieb er plötzlich stehen, vor uns eine erdige Wand – super, wir waren in eine Sackgasse gelaufen! Soviel zu seinem tollen Plan!
„Wir sind da!“ verkündete er nun zufrieden und steckte unter meinem ungläubigen Blick die Karte weg. Er musste diesen aufgefangen haben oder es war einfach nur voraussehbar, denn er erklärte während er die Wand scheinbar wahllos an einigen Stellen eindrückte: „Dies ist ein geheimer Ausgang!“
Im nächsten Augenblick glitt die Wand zur Seite und öffnete den Weg ins Freie – wenn ich aber gedacht haben sollte, dass wir damit schon in Sicherheit waren, dann hatte ich mich geirrt und zwar gründlich. Im Gegenteil, wir standen auf einem kleinen Vorsprung unterhalb des Schlosses und die Lava brodelte noch weiter abwärts. Was hatte ich auch erwartet? Die einzige Möglichkeit Yasha zu verlassen führte über die Brücke am Haupttor und wir befanden uns viel tiefer. Sowohl ober als auch unter uns war nichts weiter als ein steiler Abhang, genauso wie auf der anderen Seite und alles wurde in einem bedrohlichen Rot-Orange erleuchtet, das niemanden vergessen ließ, dass unter seinen Füßen ein heißer Tod wartete.
„Und nun?!“ fuhr ich Sei an, der sich den ganzen Plan offensichtlich nicht besonders gut überlegt hatte! Wie sollten wir hier wegkommen?
„Dort!“ deutete er auf einen Rand der Klippe und ich entdeckte einen schmalen Sims. „Dieser Pfad führt direkt unter die Brücke, an deren Unterseite gibt es einen Steg über den wir auf die andere Seite kommen…“
Das konnte unmöglich sein Ernst sein! Der Sims war gerade mal einen Fuß breit! Nie im Leben würden wir es bis zur Brücke schaffen ohne abzustürzen! Doch bevor ich protestieren hätte können, hatte sich Sei schon zum Sims aufgemacht und begann diesen entlang zu klettern während er mir über die Schulter zurief: „Ich gehe vor…“
Ich sah zurück zu der Wand, durch die wir gekommen war und die sich sofort, nachdem wir auf den Vorsprung getreten waren, wieder zugegangen war und dann zu dem Sims, an dem Sei sich langsam vorarbeitete. Ich seufzte, als mir bewusst wurde, dass ich keine Wahl hatte – ich konnte nicht zurück, dort würde mich wahrscheinlich ohnehin nur der Tod durch eine Hinrichtung erwarten. Was hatte ich also zu verlieren? Genau, da konnte ich ebenso in den Lavasee fallen während ich wenigstens versuchte, alles wieder zum Guten zu wenden!
Also folgte ich Sei, der etwas wartete, bis ich aufgeholt hatte und kletterte hinter ihm den Sims entlang, der in leichter Schräge aufwärts führte. Meine Hände und Finger begangen nach einiger Zeit von dem Gestein, in das ich mich klammerte, zu schmerzen, aber ich gab nicht auf und endlich kam die Brücke in Sicht. Ich hoffte, dass uns keine der fliegenden Kreaturen entdecken würden, doch dann rief ich mir ins Bewusstsein, dass dies niedere Dämonen waren, mit denen Sei wahrscheinlich befreundet war.
Endlich erreichten wir die Brücke und wechselten von dem Sims zu dem Steg, der noch schmaler war und eigentlich nur ein Teil der kunstfertigen Verzierung der Brücke. Über uns rollten Wägen hinweg und Pferde trabten von einer Seite zur anderen, nur durch den versteinerten Belag von uns getrennt. Vorsichtig bewegten Sei und ich uns auf die andere Seite und ich versuchte den Blick dabei gerade aus zu halten und nicht nach Unten zu schauen.
Schließlich erreichten wir diese und kletterten im Sichtschutz eines Stützpfeilers auf die Ebene, die um das Schloss ausgebreitet war. Es war ein lebensfeindlicher Ort, der nur aus schwarzer Erde und Stein bestand, die von Lavaflüssen, die wasserfallartig in den Burggraben hinter uns stürzten, durchzogen wurden und die ihn fast wie ein lebendiges Wesen mit pulsierenden Adern wirken ließen. Und was noch schlimmer war: Es gab praktisch keinen Sichtschutz! Wie sollten wir die Ebene überqueren und in die Sicherheit der Wälder flüchten ohne entdeckt zu werden?
Ich wand mich Sei zu um ihm genau diese Frage zu stellen, doch er deutete mir, leise zu sein. Dann lugte er um die Ecke und ich tat es ihm gleich. Ein schwer Wagen, der mit einer großen Last, die jedoch unter einer Abdeckung verborgen bleib, beladen war, fuhr langsam auf das Ende der Brücke zu, wo er kurz stehen blieb um vorsichtig auf den unebenen Pfad überzusetzen.
Sei nützte die Chance, packte mich am Handgelenk und zog mich blitzschnell unter den Wagen, wo wir uns augenblicklich festhielten. Im nächsten Herzschlag begann das Gefährt wieder sich zu bewegen – uns als blinde Passagiere unter sich mit.
So ließen wir uns über die Ebene tragen, bis wir nach einem Anstieg die Stämme der Bäume neben uns sahen. Sei wartet auf einen Augenblick, wo der Wagen wegen einer Steigung langsamer wurde und wir rollten uns in das Dickicht des Waldes neben dem Weg.
Für einige Zeit blieben wir dort und warten bis das Gefährt weit genug weg und die Luft rein war.
Geschafft! Wir haben es wirklich geschafft!
Erleichtert atmete ich auf und folgte Sei durch den Wald zu einem Baum, an dem er zwei Pferde angebunden hatte und mir die Zügel einer schönen, schwarze Stute reichte.
Dann sah er mich durchdringend an während er sagte: „Die Flucht hätte wir geschafft, aber wir sind noch lange nicht in Sicherheit.“
Nun stieg er auf und setzte fort: „Der schwierigste Teil kommt noch – wir müssen unentdeckt in den Norden kommen, die Schlucht wiederfinden, das Schwert bergen, damit zurück nach Yasha – und hoffen, dass das Kaiser Alon als Beweis unserer Unschuld überzeugt!“
Insgeheim wusste ich natürlich, das Sei recht hatte – um zu feiern, war es viel zu früh, trotzdem konnte ich mir eine gewisse Euphorie nicht verkneifen, als ich mich trotz meines müden, schmerzenden Körpers auf mein Pferd schwang. Allen Schwierigkeiten und Bedenken zum Trotz, hatte ich etwas, an dem ich mich mit aller Kraft festhalten konnte wie an einem rettendem Strohhalm: Hoffnung. Begründete Hoffnung, denn es gab ein Licht am Ende des Tunnels!
„Es gibt zwei Möglichkeiten…“ riss Sei mich nun mit der Erklärung seines weiten Plans aus den Gedanken, als er langsam zu reiten begann. „…entweder reiten wir durch den Wald, wo wir zwar langsamer sind, aber auch schwerer zu entdecken. Oder wir reiten in den Gebieten…“ – erneut hatte er eine Karte aus seiner Hose gezogen, dieses Mal war sie jedoch größer, wenn auch genauso mitgenommen wie die andere – „…die von Dörfer, Städten und gut bereisten Strecken entfernt sind, auf dem Pfad, wo wir wesentlich schneller sind, aber auch leichter zu entdecken.“
Dann sah er sich zu mir um, aber ich war inzwischen an seine Seite geritten.
„Wir dürfen auch nicht vergessen, es wird nicht sehr lange dauern, bis euer Verschwinden auffällt und dann haben wir sicher mehr als einen Suchtrupp am Hals, ganz zu schweigen davon, dass dann jeder Reisend genau unter die Lupe genommen wird…“ führte er noch weiter aus.
„Also wäre es wohl am Besten, wenn wir bis dahin schon weit gekommen wären, oder?“ schloss ich. „Das Gebiet im Norden ist dünn besiedelt, es gibt praktisch keine Handelsruten… und mit etwas Glück nehmen sie an, dass wir noch nicht so weit gekommen sind. Oder denken noch nicht mal, dass wir gerade dorthin zurück wollen…“
„Dann also der Pfad!“ stimmte er meiner Meinung zu und wir brachen aus dem Wald hinaus und galoppierten in Richtung Norden. Dazwischen mussten wir immer wieder Dörfern oder anderen Reisenden ausweichen und unseren Pferden zumindest zeitweise gemäßigteres Tempo gönnen.
Wir hatten schon eine beachtliche Strecke hinter uns gebracht, als Sei und ich müde nebeneinander her trabten. Gerne hätte ich ein Lager aufgeschlagen, denn ich hatte das Gefühl, das mir Hände Finger, Beine, Füße…. einfach alles, abfiel und ich konnte mich kaum mehr auf meiner Stute halten. Aber wir waren noch viel zu weit südlich, daher durften wir dieses Risiko nicht eingehen. Also nützte ich diese langsameren Phasen um zumindest auf meinem Pferd zu dösen, als mich plötzlich eine Stimme hinter uns aus meinem Halbschlaf riss: „Na, wen haben wir denn da…“

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hahahahaha, wusste ich doch, dass Sei da durch den Gang stapft, um Esmeralda zu befreien. :-D

Puh, aber es bleibt spannend, wie man sieht.
*mich auf die Fortsetzung freu*
Wann kommt die Fortsetzung? *liebguck*

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Nachem ich den nächsten Teil erst schreiben muss, kann ich dir das leider nicht so genau sagen. ^^"

Anonym hat gesagt…

Du kannst auch einfach zusammenfassend sagen, wie es weitergeht. :-D :-p

Nee, kein Stress, keine Eile.
Ich fasse mich in Geduld. *omm*
Wenn die Fortsetzung kommt, dann kommt sie - und nicht früher.

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Nö, ich spoiler nix. ;-)

Stressen lassen meine Müden sich eh net, da hauen sie nur wieder in der Urlaub ab. ;-)