Sonntag, 1. Juli 2012

9. Der falsche Verrat

Meine Augen wollte mir gerade endgültig zufallen, als ich spürte, das Sei seinen Arm ruckartig von mir wegzog. Überrascht sah ich zu ihm auf und folgte dann schließlich seinem angespannten Blick - genau zu der Stelle, wo ich in meinem Halbschlaf gemeint hatte, Alon zu sehen… und immer noch stehen sah.
Der Mund stand mir im nächsten Moment vor Überraschung offen, als mir klar wurde, dass dies kein Trugbild war, geschaffen durch meine tiefsten Sehnsüchte! Nein, er war wirklich hier!
„Alon!“ schrie ich und all meine Erschöpfung war vergessen. Ich erhob mich sofort auf die Beine und lief auf ihn zu, als er aus den Schatten trat – nur um im nächsten Augenblick wie erstarrt stehen zu bleiben.
Seine eiskalten Augen durchbohrten mich mit einer Härte, wie ich sie noch nie gesehen hatte – nicht wenn er jemand anderen ansah, geschweige denn mich. Mir hatte er immer nur liebevolle und sanfte Blicken zugedacht.
„Alon?“ fragte ich verunsichert.
„So viel also zu der Liebe, die du mir geschworen hast…“ begann er und seine Stimme war schneidend wie ein Messer, als er auf mich zu kam, aber in einiger Entfernung stehen blieb.
Mein Magen verkrampfte sich zu einem Knäuel und mir wurde schlecht – Alon wusste schon von dem zerbrochenen Ring und meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich: Er war unsagbar wütend auf mich!
„Doch, ich liebe dich – mehr als…“ versuchte ich die richtigen Worte zu finden, aber er fuhr mir eisern über den Mund: „Schweig!“
„Kaum bin für einige Zeit nicht in Yasha… schon brennst du mit einem Halbdämonen durch! Und das nennst du Liebe?!“ fuhr er fort und wirkte dabei rasend wie ein Stier, obwohl er sich keinen Millimeter bewegt hatte.
„Was?!“ fragte ich überrascht. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Alon hatte gesehen wie Sei mich im Arm gehalten hatte und er wusste natürlich auch nichts von dem Schwert! Ich konnte mir denken, was das für ihn für einen Anschein gehabt haben musste.
„Das ist nicht das, wonach es aussieht…“ fing ich an.
„Lügnerin!“ fuhr er mich an. „Selbst wenn ich dich nicht auf frischer Tat ertappt hätte, der Ring ist Beweis genug!“
Überrascht sah ich ihn an, doch bevor ich fragen konnte kam auch schon die Antwort.
„Dein Schwur war Treue zu mir und meiner, dein Leben zu beschützen… nun, wie ich sehen kann, erfreust du dich bester Gesundheit, also ist wohl offensichtlich, wer von uns beiden seinen Schwur gebrochen hat!“ erklärte er und mein Blick fiel auf seine Hand – sein Ehering war ebenso wenig an seinem Platz. Sie mussten wohl beide gleichzeitig zersprungen sein, kein Wunder, sie waren schließlich durch Magie miteinander verbunden. Das erklärte auch, wieso Alon hier war, er hatte mich gesucht… und gefunden.
„Ich…“ begann ich zu stottern und suchte nach den richtigen Worten um ihm zu erklären, was wirklich geschehen war, aber mein Kopf wollte nicht mehr richtig funktionieren, genauso wenig wie meine Stimme und der Rest meines Körpers.
„Genug!“ schnitt er mir erneut das Wort ab und wand sich in den Wald, wo sogleich ein paar Soldaten erschienen, denen er sich zu wand. „Nehmt sie fest!“
„Nein!“ schrie ich mit aufgerissen Augen – so würde ich keine Chance haben, Alon die Wahrheit zu erzählen! Hilfesuchend drehte ich mich zu Sei um, doch dieser war verschwunden.
„Sieht so aus, als hätte dich dein Liebhaber im Stich gelassen… nun, das hast du davon!“ schloss Alon mit einem bösen Lächeln und im selben Moment fühlte ich, wie mir Handschellen angelegt wurden. Ich wollte weiter protestieren, aber ich wurde schon davon geschleppt und im nächsten Augenblick war Alon verschwunden.

Tropf. Tropf. Tropf.

Ein kleines Rinnsal suchte seinen Weg über den kahlen Stein um dann in unerträglicher Monotonie auf den dreckigen Boden zu tropfen. Wie viele Tage hatte ich hier schon verbracht? Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Vielleicht war es auch so? Schließlich war ich zurück in Yasha, wo es kein natürliches Licht gab und Tag und Nacht sich nicht bestimmen ließen, auch wenn mir dieser Teil der Festung bis jetzt unbekannt war: das Verlies.
Ich saß am Boden und hatte meinen Kopf auf die Knie gelegt und in meinen Armen vergraben, die Ketten, die an meinen Handgelenken befestigt waren, hingen seitlich hinunter und waren im unebenen Stein verankert.
Verzweifelt seufzte ich, als ich mich an die Reise hierher zurückerinnerte – Alons Soldaten hatten mich abtransportiert, mir meine Waffen abgenommen und mich in eine vergitterte Kutsche gesteckt. Kaum hatten wir Yasha erreicht, schon wurde ich in den Kerker geworfen und seitdem war ich nun hier, in dieser modernden Zelle.
Die Luft stank abgestanden und war zum Schneiden. So weit unten in der Burg merkte man schon die Hitze des Lavasees, auf dessen Insel sie erbaut wurde. Selbst die unendlich vielen Tränen, die ich geweint hatte, waren längst getrocknet und zu salzigem Staub zerfallen, der an meinen Wangen getrocknet war.
Plötzlich hörte ich Schritte, die sich den Gang entlang meiner Zellentür näherten und ich schaute zu ihr auf. Jedes Mal, wenn jemand kam, hoffte ich aus tiefsten Herzen, dass es Alon sein würde – seit unserer Begegnung im Wald hatte ich ihn nicht mehr gesehen und mein Herz schmerzte mit jeder Sekunde mehr. Alles, was ich brauchte, war eine Gelegenheit, Alon zu berichten, was wirklich passiert war – ja, wenn er mich nur angehört hätte!
Doch jedes Mal, wenn das Schloss aufging, wurde ich enttäuscht – denn es war nur der grimmige Wächter, der mir wortlos eine Schüssel widerlichen Brei brachte, die er erst wieder abholte, wenn er mit der nächsten kam.
Aber etwas irritierte mich – die Schritte hörten sich anders an - leichter, schneller. Außerdem war es sicher noch nicht so lange her, dass ich meine letzte Schüssel bekommen hatte, die immer noch unberührt in einiger Entfernung stand. Trotzdem versuchte ich, Ruhe zu bewahren – ich wollte mir keine Hoffnungen machen, die am Ende ohnehin enttäuscht wurden.
Dennoch fühlte sich der Moment, von dem das Schloss in der Tür umgedreht wurde bis zu dem Zeitpunkt, wo die Tür aufging und die Person hereintrat, wie eine halbe Ewigkeit an, die mich zu zerreißen schien.
Erleichterung und unendliche Freude überschwemmten mich, als ich sah, dass all meine Hoffnungen wahr geworden waren und ich rief: „Alon!“
Ich wollte aufstehen, auf ihn zustürmen und mich in seine Arme werfen, aber die Ketten hielten mich am Boden und der Blick, mit dem er mich bedachte, machte es auch nicht gerade besser – in seinen Augen spiegelte sich die Abscheu, die er mir gegenüber empfand und schnitt sich grausam meine Seele.
Er trat herein und schloss die Tür hinter sich, dann drehte er sich wieder zu mir um und begann mit eisiger Stimme: „Nun, was hast du mir zu sagen?“
Der Wärter muss Alon doch gesagt haben, dass ich angebettelt habe, er solle ihm sagen, dass ich ihn sprechen muss!
Ich schluckte und versuchte meine Gedanken zu sammel, dann begann ich so ruhig wie möglich zu erklären: „Ich… ich weiß, ich hätte Yasha nicht verlassen dürfen, aber… ich habe mich an ein Schwert erinnert, das mein Vater – der in meinem ersten Leben – in einer Gruft versteckt hatte, ein Engelsschwert… ich, ich wollte dich nur im Kampf gegen Eres unterstützen! Und als ich es aus seiner Fassung zog… ist mein Ehering zersprungen! Ich… ich hatte keine Ahnung, dass das passieren würde, bitte… ich weiß, dass es dumm war, aber ich wollte nur helfen!“
Dann schob ich noch etwas panischer nach: „Ich habe dich nicht mit Sei betrogen, er hat mich nur gewärmt – ich liebe dich, ich würde nicht einmal im Traum dran denken, dich zu betrügen!“
Nun schluckte ich erneut und versuchte in seinen Augen eine Reaktion abzulesen, aber sie waren absolut unergründlich. Nach etwas, was mir wie eine Ewigkeit vor kam, kniete er sich zu mir hinunter und flüsterte mir ins Ohr: „Ich hätte wirklich gedacht, du nutzt das letzte Mal, wo du mich sehen wirst, besser als mir eine so schlechte Lüge aufzutischen!“
Entsetzt weiteten sich meine Augen und ich hatte das Gefühl, als wäre mein Herz stehen geblieben. Er glaubte mir nicht - nein, das konnte nicht sein, das durfte nicht sein!
„Ich sage die Wahrheit!“ kreischte ich schließlich, als sich meine Schockstarre etwas löste und er sich wieder vor mir aufgerichtet hatte.
Alon zog überlegen eine Augenbraue hoch und fragte schließlich mit einem gefährlichen Lächeln in der Stimme: „Wenn du die Wahrheit sagst, wo ist dann besagtes Engelsschwert?“
Mein Herz fiel mir in die Hose und ich musste beschämt meinen Blick gegen Boden richten, als ich zugaben: „Ich… ich habe es verloren… wir haben Eres Soldaten im Wald gesehen und sind vor ihnen geflüchtet und als ich dabei mit meinem Pferd über eine Schlucht gesprungen bin, hat es sich von meinem Gürtel gelöst!“
Ich erinnerte mich dran, wie ich über dem Abhang gebaumelt war und wünschte mir plötzlich, dass Sei mich nicht gerettet hätte und ich dem Schwert und meinem Pferd in die Tiefe gefolgt wäre, nur damit ich das hier nicht erleben musste.
Dann sah ich wieder zu Alon auf, auch wenn ich keine Hoffnung hatte – ich wusste, wie blöd es klang, auch wenn es die Wahrheit war.
„Lebwohl, Esmeralda!“ sagte er schließlich ruhig während er mich mit ausdruckslosen Augen ansah und dann wieder durch die Tür verschwand, die er hinter sich zuschloss.
Nein!“ bettelte ich verzweifelt und meine Stimme verwandelte sich in ein verzweifeltes Kreischen. „Alon!“
Doch seine Schritte entfernten sich immer weiter und verhallten in der Stille.
„Bitte! Bitte geh nicht!“ wimmerte ich und krümmte mich am Boden zusammen. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und ich begann mich vor Selbsthass zu zerfressen.
Wieso? Wieso war ich nur so blöd gewesen? Wäre ich nur in Yasha geblieben, dann wäre das alles niemals passiert! Hätte ich seinem Befehl nur Folge geleistet!
Plötzlich hörte ich erneut Schritte, aber es waren weder Alons noch die des Wärters und mit einem Mal wurde mir mit schrecklicher Gewissheit klar, was Alons Worte wirklich zu bedeutet hatten, als er mir sagte, dass ich ihn nie wieder sehen würde.
Die Schritte verstummten abrupt und ich hörte, wie sich das Schloss erneut öffnete, doch dieses Mal hatte ich keine Hoffnungen, ich wusste, was mich erwartete – für den Verrat, den ich Alons Überzeugung nach begangen hatte, gab es nur eine Strafe.
Merkwürdig ruhig sah ich zu meiner Zellentür auf, als sich diese öffnete, um meinem Henker in die Augen zu schauen…

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Scheiiiii...!
Na, da sitzt sie jetzt aber im Salat. :-(

Obwohl - wetten, dass Sei gleich durch die Zellentüre komt? ;-)
...und wenn es doch der Henker ist, dann kreuzt er bestimmt doch noch irgendwo rechtzeitig auf. Mit Hevshire in der Faust.

Krkr, ich bin mal wieder auf die Fortsetzung gespannt. :-p

LG Papyra

P.S. Alon zeigt mal wieder seine Arsch-Seite.
Naja, der lernt es auch noch. Dafür wirst Du schon sorgen. *lol*

Chinda-chan hat gesagt…

Ja, es hätte eindeutig besser laufen können. *lol*

Ich verrate wie immer nichts. ;-)

Stimmt, aber er ist halt ein Dämonenlord, das darf man nicht vergessen und außerdem, von außen betrachtet, ist die Beweislage für E. auch wirklich nicht sonderlich gut. ^^"

Anonym hat gesagt…

Nee, Du musst und sollst auch gar nix verraten. :-D

Jaja, immer diese Dämonenlords. *augenroll*
:-D
(Trotzdem könnte er mal in Betracht ziehen, dass das stimmen könnte. Schließlich kennt er sie ja nicht erst seit gestern.)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

:-D

Stimmt, er sollte wirklich mehr Vertrauen haben... *nick*

Anonym hat gesagt…

moin, bin heute früh in der finsternis versunken und habe nun die letzten 4 folgen aufgeholt.

wie papyra hoffe ich auch auf die hilfe von sei, um esmeraldas unschuld zu beweisen...trippel:

wieder toll geschrieben!!!

ach ich liebe deine finsternis :-D

einen schönen wochenstart wünsch ich dir :-)

lg bigs

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Freut mich, wenigstens eine Finsternis, die beliebt ist. :-D

Danke, dir auch. :-)

Anonym hat gesagt…

Na die Sonnenfinsternis ist doch auch beliebt :D

Chinda mal wieder zwei wunderbare Teile!
Aber nächstes Mal schickste die Muse nicht so lange in den Sommerurlaub, ja? :D

Lg,
Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ok, das stimmt. :-D

Danke. :-)

Ich hab sie nicht geschickt, die ist einfach abgehaut ohne was zu sagen. *seufz*