Dienstag, 26. Juni 2012

8. Der große Bruder

Kauernd lag ich am Boden, die Splitter meines Eheringes in meiner Hand und immer mehr meiner Tränen fielen auf den edlen Marmor. Ich schwankte zwischen Hass auf die Welt, die so unfair war und Hass auf mich selbst, die so dumm gewesen war. Wie konnte ich Alon nur je wieder unter die Augen treten?
Ich wusste, was ein Schwur für Dämonen bedeute und dieser Ring war das Zeichen meines… gewesen! Die Tatsache, dass ich seinen Befehl missachtet hatte und während er mit Eres im Krieg war, durch das Land streifte anstatt im sicheren Palast auf ihn zu warten, wie ich es versprochen hatte, kam noch hinzu.
Vor meinem inneren Auge sah ich ihn, wie er mich mit seinem eiskalten Blick durchbohrte. Ich hatte ihn verraten, das Symbol unserer Ehe, unser Liebe, zerstört. Wie konnte ich das jemals wieder gut machen? Wie konnte er mir das nur verzeihen?
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meine Schulter und blickte durch meinem Tränenschleier zu der Person, der sie gehörte, auf: Sei.
„Herrin…“ sagte er sanft.
„Mein… mein Ring…“ würgte ich mit zitternder Stimme hervor, öffnete meine Hand und blickte auf die Bruchstücke meines Lebens.
„…Alon wird… wird mir das nie verzeihen...“ schluchzte ich schließlich und die Tränen flossen erneut.
Der Griff an meinem Schulter wurde fester und zwang mich Sei in die Augen zu schauen als er mit fester Stimme entgegensetzte: „Natürlich wird er das! Er liebt euch!“
„Davon abgesehen…“ setzte er noch nach. „…er wird verstehen, dass ihr das nur getan habt, weil ihr ihn unterstützen wolltet!“
Ich wollte den Mund aufmachen um ihm zu widersprechen, doch Sei erahnte meine Gedanken und führte weiter aus: „Ich sage nicht, dass er es gut heißen wird, aber er wird euch gewiss verziehen – und wahrscheinlich einfach froh sein, das euch nichts passiert ist! Natürlich ist der Ring als Symbol eines Versprechens an ihn wichtig, aber nichts, was man nicht wiederherstellen könnte!“
Eine ganze Weile sah ich Sei einfach nur an und ließ seine Worte sickern, dann wischte ich meine Tränen mit der Hand fort und versuchte aufzustehen, wobei Sei mich stützte. Dann steckte ich die Bruchstücke meines Rings in eine Tasche - ganz nah bei meiner Brust, hob Hevshire auf und befestigte es an meinem Gürtel, dann wand mich Sei zu. Ich lächelte ihn an und sagte aus tiefsten Herzen: „Danke! Du bist wie der große Bruder, den ich nie hatte…“
Sei setzte einen etwas unglücklichen Gesichtsausdruck auf und antwortete mit einem sarkastischen Unterton: „Ihr wisst wirklich wie man einem Dämon Komplimente macht!“
Ein leichter Anflug eines Lächelns huschte über mein Gesicht und ich fühlte mich leichter, ein zartes Licht der Hoffnung war in meiner Brust entfacht. Ich wand mich dem Ausgang zu und sagte: „Lass uns heimkehren…“
„Nichts lieber als das, Herrin.“ antworte Sei während er mir folgte. „Ich kann es ehrlich gesagt nicht erwarten diesen… Ort zu verlassen!“
Ich hörte die Abscheu in seiner Stimme und wusste genau, woran sie lag – als Halbdämon machte ihn die Aura dieses Ortes einfach zu nervös, sie hatte für ihn etwas Bedrohliches. Nun, eigentlich war sie für ihn auch bedrohlich, genau wie das Engelsschwert – es war auch gewiss kein Zufall, dass Sei auf der anderen Seite ging, möglichst weit weg davon.
Als wir den großen Saal verließen, sah ich Linda – weit war sie nicht gekommen, sie lag zusammengekrümmt und blutüberströmt in der Ecke neben der Tür, unweit von der Brücke entfernt. Ich drehte mich mit einem fragenden Blick zu Sei um und er zuckte gleichgültig mit den Schultern während er kühl meinte: „Wir brauchten sie nicht mehr, oder?“
„Nein.“ antwortete ich – ganz glücklich war ich nicht darüber, dass er ohne meine Einwilligung gehandelt hatte, allerdings bedauerte ich ihren Tod auch nicht, ich hätte ihn früher oder später ohnehin befohlen, vor allem nach dem, was sie mir alles an den Kopf geworfen hatte. Zielstrebig verfolgen wir den Weg durch die Tunnel aus dem Grabmal hinaus und ich atmete erleichtert aus, als wir zurück ins Tageslicht traten, das gold-orange durch die Bäume schien. Es musste erst früher Abend sein, obwohl es mir wie Tage vorkam, die wir in der Finsternis der Höhle verbracht hatten.
Ich stieg auf mein Pferd auf und Sei tat es mir nach. Langsam ritten wir um den großen Felsen, der die Gruft meiner einstigen Familie verbarg, herum um einen direkteren Weg nach Yasha einzuschlagen. Der Weg hierher hatte sich als ein Umweg herausgestellt, wir waren praktisch blind an unserem Ziel vorbeigelaufen, das sich südlich von den Ruinen meiner alten Heimat befand – und noch viel weiter südlich befand sich Yasha… und sogar noch weiter südlich Alon, im Kampf mit Eres. Mein Herz wurde schwer vor Sehnsucht – so gerne wollte ich bei ihm sein, mich in seine Arme schließen lassen, seinen Atem auf meiner Haut spüren… der Wunsch war sogar stärker als die Angst, was Alon zu meinem zerbrochenen Ring sagen würde.
Mit einem Mal wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als Sei abrupt stehen bliebt und warnend seinen Arm hob. Zuerst verstand ich nicht, was ihn so beunruhigte, doch dann sah ich sie: Soldatenr… was machten sie hier? So weit nördlich?
Sei trieb uns leise in den Sichtschutz eines Gestrüpps, die untergehende Sonne war durch einen Felsen schräg hinter uns schon soweit verdeckt, dass wir die Dunkelheit als zusätzliche Tarnung gewannen. Durch die Zweige beobachtete ich Männer vorsichtig, auch wenn ich Seis Angst nicht verstand. Ich war ihre Kaiserin, wieso sollte ich mich im Schatten verbergen? Umso besser, wenn wir nun wieder Geleitschutz hatten! Doch dann wisperte Sei ein Wort, das mir das Blut in den Ader gefrieren ließ: „Eres…“
Entsetzt wand ich meinen Blick wieder den Soldaten zu und erkannte, was er meinte: Das Wappen, das sie trugen, war nicht Alons! Wie um alles in der Welt war Eres hierhergekommen? Kämpfte er nicht im Süden gegen Alon? Oder war diese Schlacht schon beendet…? War Eres etwas siegreich gewesen und erkundete nun sein neues Reicht…?
Ich schluckte und schüttelte innerlich den Kopf. Solche Gedanken durfte ich gar nicht erst zulassen – Alon würde nicht verlieren und ein paar Soldaten in einer abgelegen Gegend wie dieser bedeuteten gar nichts, es war leicht sich unbemerkt hierher zu schleichen, wenn im Süden ein Kampf tobte – und von Eres selbst war auch nichts zu sehen! Aber wozu das Ganze? Irgendwas war daran faul…
„Wir müssen von hier verschwinden…“ hörte ich Sei schließlich neben mir flüstern. „…bevor sie uns entdecken.“
„Wieso?“ antworte ich ebenso leise und ließ meine Hand über den Griff meines neuen Schwertes gleiten. „Nichts, was Hevshire nicht schaffen.“
„Das ist viel zu gefährlich, Herrin!“ erwiderte er, bemüht seine Stimme leise zu halten. „Es sind viel zu viele und wir wissen noch nicht mal genau, was das Schwert kann – für einen Test ist das hier einfach zu riskant!“
Ich blickte zurück auf die Soldaten und sah, dass Sei nicht ganz unrecht hatte: Es waren wirklich sehr viele, die ganze Lichtung vor uns war voll - das war ein Lager für mehrere hundert bis tausend Mann.
„Gut.“ wisperte ich und folgte Sei, der unverzüglich eine Richtung weg vom Lager einschlug und uns tiefer in den Wald führte. So leise wie möglich folgte ich ihm, bemüht die Schritte meines Pferdes so leise wie möglich zu halten. Ohne auch nur ein Wort zu wechseln trabten wir voran und als wir uns schon fast in Sicherheit glaubten, ertönte neben uns ein Schrei: „Halt! Wer ist da? Eindringlinge!“
Sofort gaben Sei und ich unseren Pferden die Sporen und preschten voran durch den Wald - Flucht war unsere einzige Hoffnung. Der Wind blies mir hart ins Gesicht und nur unter Mühen schaffte ich es, einen Blick zurück zu werfen, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich das, was hinter uns lauerte, überhaupt sehen wollte.
Erleichterung traf mich, als ich sah, dass die Patrouille, die uns entdeckt hatte, nur aus Fußsoldaten bestand. Sicher, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie Verstärkung von berittenen Kämpfern bekamen, doch genau diese Zeit war es, die wir brauchten.
Das glaubte ich jedenfalls, bis ich merkte, dass Sei abrupt vor mir stehen blieb – und als ich meinen Blick wieder nach vorne lenkte, erkannte ich auch, wieso: Vor uns befand sich eine Schlucht, die andere Seite in einiger Entfernung.
„Wir müssen außen herum!“ keuchte ich und fühlte wie die Angst an mir hochkletterte wie eine Ranke, die mich ins eiskalte Wasser ziehen wollte um mich dort zu ertränken.
Sei warf einen schnellen Blick nach hinten und schloss: „Dafür haben wir keine Zeit – wir müssen drüber springen!“
Ich betrachtete die Schlucht und stöhnte verzweifelt: „Das schaffen wir nie…“
„Das sind Dämonenpferde, Herrin – sie sind nicht nur schnell als normale Pferde, sie können auch weiter springen!“ erklärte er mit nervöser Stimme, während er etwas zurücktrabte um Anlauf zu nehmen.
„Es wird nicht einfach… aber es bleibt uns auch keine andere Wahl.“ setzte er noch nach während er nach links und rechts blickte, wo kein Ende der Schlucht zu sehen war. Dann gab er seinem Pferd die Sporen und mit einem gewaltigen Sprung setzte er zur anderen Seite über, wo er gefährlich nah am Abgrund aufkam – doch was zählte war, dass er sicher auf der anderen Seite war.
„Nun ihr, Herrin!“ rief er mir herüber.
Ich schluckte schwer, dann wand ich mich um, damit auch ich genug Anlauf hatte und preschte auf den Abhang zu. Mit einem gewaltigen Sprung flog ich über die Schlucht, genau dorthin, wo auch Sei gelandet war, der nun etwas abseits seiner Landestelle auf mich wartete. Doch ich hatte nicht so viel Glück wie er – als mein Pferd aufkam, bröckelte etwas Gestein von der Klippenwand ab und die Hinterbeine des Pferdes verloren ihren Halt. Im nächsten Augenblick begann ich auf dem Rücken meines Pferdes hinunterzurutschen und ein entsetzter Schrei verließ meine Kehle, als ich plötzlich eine Hand spürte, die sich um mein linkes Handgelenk schloss und mich von dem Rücken meines abstürzenden Pferdes zog. Ich blickte hinauf und sah, dass es Seis Hand gewesen war, die mich vor meinem sicheren Tod bewahrt hatte und an der ich nun über dem Abhang taumelte. Bevor ich mich bedanken oder er mich ganz hochziehen konnte, spürte ich, wie sich eine Schnalle an meinem Gürtel löste. Entsetzt griff ich danach, aber es war zu spät – Hevshire folgte meinem Pferd in die Tiefe, begleitet von meinem erschütternden Schrei: „Nein!!!“
Sei zog mich hoch und setzte mich am Rand der Klippe ab, doch meine Augen waren immer noch auf den Grund der Schlucht, den ich nicht mal erkennen konnte, gerichtet – irgendwo dort war mein Engelsschwert.
„Herrin…“ flüsterte Sei neben mir einfühlsam. „Bitte steigt auf, wir müssen weiter – es wird nicht lange dauern bis unsere Verfolger hier sind!“
Wütend funkelte ich ihn an: „Ich gehe nicht ohne Hevshire!“
Dann suchte ich mit den Augen die Klippe nach einem möglichen Weg zum Boden der Schlucht ab, aber da war nur blanker Fels - nichts, woran man sich nur festhalten hätte können.
„Bitte Herrin, wir können nicht hierbleiben…!“ bettelte er verzweifelt. „Wir werden später wiederkommen um es zu holen, Dämonen können das Schwert ohnehin nicht berühren! Bitte Herrin, steigt auf!“
Umsonst – es war alles umsonst…
Tränen stiegen in meine Augen, doch ich wischte sie mit einer Hand weg. Sei hatte Recht, wir mussten hier weg. Nachdem ich so weit gekommen war, durfte ich nicht aufgeben – und am Rand der Klippe zu kauern brachte auch nichts – vielleicht würden wir an einer anderen Stelle einen Abgang finden? Ich ergriff seine Hand und ließ mich auf sein Pferd ziehen.
Einige Zeit ritten wir in der Nähe der Schucht durch den Wald - die Sonne war längst untergegangen und ich spürte wie die Anstrengung dieses Tages von der Müdigkeit Tribut forderte. Sei schien dies zu bemerken und sagte schließlich: „Lasst uns hier Rast machen – in der Dunkelheit verirren wir uns bloß und unsere Verfolger durften wir abgeschüttelt haben. Mit etwas Glück glauben sie, wir wären in der Schlucht verunglückt und suchen uns gar nicht mehr…“
„Gut.“ antworte ich knapp und glitt vom Pferd, wo ich erst merkte, wie erschöpft ich war. Sei gab mir eine Decke aus seiner Tasche während er sagte: „Es tut mir leid, Herrin – wir können kein Feuer machen, dass würde uns sofort verraten…“
Ich nickte nur benommen vom mich überkommenden Schlaf als ich mich in die Decke einwickelte und gegen den Baum lehnte, an den Sei das Pferd angebunden hatte. Ich spürte die Kälte nicht, obwohl ich wusste, dass es hier, so weit im Norden eisig sein musste – bis ich plötzlich ein Knirschen hörte, das Knirschen meiner eigenen Zähne. Ich zitterte am ganzen Körper, so fror war mir!
Dann spürte ich, wie sich ein Arm um mich legte und mich zu sich ran zog, dann hörte Seis Stimme an meinem Ohr: „Keine Angst, ich werde euch wämen…“
„Danke.“ hauchte ich, als ich langsam spürte, wie die Kälte aus mir wich und das Zittern nach und nach schwächer wurde bis es schließlich ganz aufhörte. Ich kuschelte mich eng in meine Decke ein, während ich einen letzten Blick durch meine fast geschlossen Lider, direkt in den Wald, warf und die Schatten ein Abbild Alons in die Dunkelheit zauberten. Ich seufzte, während ich mir nichts mehr wünschte, als dass er wirklich hier gewesen wäre…

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Woah, mal wieder eine wahnsinnig tolle Fortsetzung! Das Warten hat sich gelohnt!

Haha, Teil 9 gehe ich jetzt gleich lesen. :-D
Wie gut, dass Deine Muse Dich wieder fleißig beglückt!


LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Stimmt, wurde ja auch Zeit. *lol*