Donnerstag, 15. März 2012

7. Das heilige Schwert

Die Grabwächterin – sie hatte uns gesagt, sie heiße Linda – führte uns durch den Wald, Sei und ich folgten ihr in einigem Abstand. Ich wusste, dass ihm das nicht gefiel – allzu leicht hätte sie uns in eine Falle locken können, außerdem war er wirklich wütend darüber, dass sie seine Soldaten getötet hatte. Und das sie ihm so sehr zugesetzt hatte – wer weiß, wäre er nicht nur ein Halbdämon und damit auch nur zur Hälfte durch Licht-Magie verwundbar, vielleicht wäre er dann sogar selbst gestorben.
Aber trotz allem war sie unsere einzige Chance, die Grabstätte zu finden – vor allem, nachdem wir nur noch zu zweit waren, hätte es sonst ewig gedauert.
Schließlich gelangten wir zu einer Felswand, die wir ein Stück entlang gingen, bis Linda plötzlich stehen blieb. Sie tastete die Wand ab, drückte ein paar Steine hinein und schließlich öffnete sich ein Riss in der Wand, der einen geheimen Weg in den Berg hinein freigab.
Linda ging vor, nahm eine Fackel von der Wand und trat den geschlungen Weg durch Fels und Gestein an. Sei und ich folgten ihr schweigend, auch wenn ich nicht umhinkam zu bemerken, dass Sei immer unangenehmer zumute wurde. Verstärkte dieser unterirdische Geheimgang seine Befürchtungen nach einer Falle noch mehr? Oder steckte da am Ende mehr dahinter?
Mal wurde der Weg immer enger, so dass ich schon fast glaubte, wir wären in eine Sackgasse gelaufen, dann wieder war er hoch und breit, so dass ich mir nicht sicher war, in welche Richtung wir gehen würden. Plötzlich erkannte ich die Umrisse einer Hängebrücke vor uns, die über einen Abgrund führte, dessen Boden ich nicht einmal erahnen konnte. Linda ging voraus und ich folgte ihr und setzte meine Füße auf die leicht schwingenden Bretter. Wie alt diese wohl waren? Ob die Brücke regenmäßig gewartet wurde? Ich wollte meine Reise ungern dadurch beenden, zerschmettert am Boden eines Abgrunds zu liegen – wenn er überhaupt einen Boden hatte, dessen war ich mir nämlich nicht so sicher.
Doch ich versuchte mir meine Befürchtungen so gut es ging nicht anmerken zu lassen und tastet mich zielstrebig vor, auch wenn ich mir recht sicher war, dass Sei, der hinter mir ging, aufgefallen war, wie fest ich die Halteseile umklammerte. Doch ich wagte es nicht, mich umzudrehen um mich zu vergewissern und heftete meinem Blick auf das Ende der Brücke vor mir. Davon abgesehen war ich auch gar nicht so erpicht drauf Seis Kommentar zu meiner Höhenangst zu hören.
Innerlich atmete ich auf, als ich das andere Ende erreicht hatte und nahm aus dem Augenwinkel war wie Sei sofort danach neben mich trat.
Linda drehte sich im selben Moment zu uns um und blickte uns das erste Mal seit unserer Diskussion im Wald an.
„Der Dämon muss hier warten!“ sagte sie knapp, wenn auch nicht so knapp wie das „Rechts!“ und „Links!“, was das Einzige bildete, was wir die letzte Stunde von ihr gehört hatten.
„Ich werde nicht von der Seite meiner Herrin weichen!“ erwiderte Sei hart und durchbohrte die Grabwächterin mit seinem Blick.
Diese lächelte finster und sagte daraufhin gelassen: „Wie ihr wollt, aber der Raum vor uns ist von der selben Energie durchflutet wie das Artefakt…“
Seis Miese verzerrte sich vor Wut und seiner Kehle entstieg ein leichtes Knurren, doch bevor er etwas erwidern konnte, legte ich ihm eine meiner Hände auf seinen Unterarm und die andere ruhte auf dem Knauf meines Schwertes.
Als sein verwunderte Blick mich dann traf sagte ich ihm, während ich tief in seine Augen schaute und leicht lächelte: „Keine Angst, ich weiß mich zu verteidigen…“
Dann wand ich mich Linda zu: „…auch wenn dass das nötig sein wird!“
Mit seinem letzten Seitenblick zu Sei fügte ich hinzu: „Sie kann ihren Schwur genauso wenig brechen wie du den deinen!“
Ein leises „Pff!“ entfuhr ihr und sie drehte sich um und ging in den Raum vor uns, ich folgte ihr und lies Sei hinter uns zurück.
Der kurze Gang endete in einer riesigen, reichlich verzierten Halle, an deren Wänden so viele Fackeln hingen, dass jeder ihrer Winkel erhellt wurde und die reichhaltigen Schnörkel des Marmorbodens genauso gut zur Geltung brachte wie schweren Vorhänge, die Wände bedeckten. Alles war in creme, grün und gold gehalten, die Farben meines Hauses – nun, zumindest war es das vor langer, langer Zeit.
Auch das alte Wappen fand sich überall, vor allem auf den großen Särgen, die am Ende der Halle aufgebahrte waren – die alten Könige, meine Vorfahren. Und vor dem Größten, der genau in der Mitte stand und – so nahm ich zumindest an – der Sarkophag des ersten Königs war, steckte in einer Halterung der Grund, wieso ich mir diese Reise angetan hatte: Hevshire.
„Das Engelsschwert…“ flüsterte ich und musterte es mit großen Augen. Es war noch prachtvoller, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war ganz aus Gold, nur die Klinge war aus einem seltsamen, weißen Metall, das nicht von dieser Welt zu sein schien… nun, das war es wahrscheinlich auch nicht. Der Griff war mit Engelsflügeln und anderen Schnörkeln verzieht und über und über mit Smaragden und Diamanten besetzt.
„Ihr seid wegen dem Schwert hier?!“ fragte mich Linda während sie sich mit aufgerissen Augen zu mir umdrehte und ihre gelassene Fassade zerbrach.
„Ja…“ sagte ich und ging langsam und ehrfürchtig auf das Objekt meiner Begierde zu.
„Dann…“ setzte sie verunsichert an und ihr Blick war verwirrt, als sie mich anblickte. „…seid ihr am Ende zur Vernunft gekommen und wollt Alon…?“
Ich blieb stehen und wand mich ihr zu. Hoffnung glomm in ihren Augen auf – die Einzige, die sie hatte, denn ich erkannte den Zauber, der auf der Halterung des Schwertes lag: Nur jemand meiner Blutlinie konnte das Schwert dort herausziehen! Das war der Grund, wieso sie das Schwert noch nicht gegen Alon eingesetzt hatten!
„Nein.“ stellte ich mit einer Endgültigkeit in meiner Stimme klar, die ihr die Verzweiflung ins Gesicht trieb. „Ich habe vor das Schwert an der Seite meines geliebten Gemahls gegen Eres zu führen… und dann werde ich es vernichten!“
„Nein!“ kreischte sie ein paar Töne zu hoch. „Das könnt Ihr nicht! Dieses Schwert ist die letzte Hoffnung, die die Menschheit noch hat!“
„Doch, das kann ich!“ erwiderte ich kühl. „Und Ihr könnt mich nicht daran hindern, dass wisst ihr!“
Ihr Gesicht verzog sich vor Zorn und mit von Wut belegter Stimme zischte sie: „Eines Tages wird Alon von euch genug haben und dann werdet ihr dafür in der Hölle schmoren!!!“
Ein amüsiertes Lächeln überflog mein Gesicht als ich sie überlegen ansah und ruhig sagte: „Ich fürchte weder Himmel noch Hölle… ich habe beides schon gesehen!“
„Lügnerin!“ schimpfte sie. „Kein Sterblicher kann die Hölle betreten ohne dem Wahnsinn zu verfallen noch würde er je freiwillig dem Himmel den Rücken kehren!“
„Ihr überrascht mich…“ lächelte ich. „…nach allem, was ihr von mir wisst, glaubt ihr immer noch an meine geistige Gesundheit…? Ich habe mich der Finsternis hingegeben…“
Schockiert und beängstigt gleichzeitig sah sie mich an, dann wand ich meinen Blick wieder auf das Schwert und ging darauf zu. Ich streckte die Hand danach aus und plötzlich spürte ich einen starken Schmerz durch meine Hand fahren, der von einem golden Blitz begleitet wurde, worauf ich sofort meine Hand zurück zog.
Hinter mir hörte ich Linda triumphierend auflachen: „Niemand, der von der Dunkelheit berührt ist, kann ein heiliges Schwert berühren! Und wie ihr selbst gesagt habt: Ihr habt euch der Finsternis hingegeben…“
Doch ich ignorierte sie und streckte meine Hand wieder nach dem Schwert aus, dieses Mal war ich auf dem Schmerz vorbereitet und zog meine Hand nicht zurück. Umso näher meine Hand dem Knauf kam umso stärker wurden die Blitze und auch der Schmerz, aber ich schob meine Hand immer weiter vor. Ein Grollen stieg auf und ein starker Wind umfasste mich, versuchte mich von dem schwert weg zu treiben, doch ich hielt stand.
„Närrin!“ hörte ich die Stimmer der Grabwächterin durch den Sturm zu mir hindurchdringen. „Ihr werdet sterben!“
Doch nur noch wenige Zentimeter trennten mich von dem Schwert und ich war nicht so weit gereist, hatte so viel riskiert, um jetzt aufzugeben. Die Blitze zuckten durch meinen ganzen Körper und ich biss die Zähne heftig aufeinander um nicht laut aufzuscheinen und mit einem Mal war alles vorbei. Ich hörte ein leises Klirren und meine Hand schloss sich um den Griff des Schwertes und zog es aus seinem Gefängnis.
Reflexartig drehte ich mich zu Linda um, die mich anstarrte – mich und das leuchtende Engelsschwert in meine Hand. Für einen Moment war ihr Gesicht ein Bild des Entsetzens – dann lachte sie erneut auf, was Verwirrung in mir hervorrief.
„Nun, es sieht so aus, als hättet ihr euch von eurer Dunkelheit befreit…“ sagte sie und ihr Blick heftete sich auf etwas, das am Boden lag. Ich folgte ihm und erkannte mit Entsetzen was es war: Mein Ehering, der in zwei Teile gebrochen war…!
Mit aufgerissenen Augen betrachtete ich ihn einige Sekunden… ich konnte es nicht glauben. Mein Ring, das Symbol meiner Liebe zu Alon… unserer Liebe, unseres Bandes zueinander… lag in Stücke gebrochen vor mir! Verzweifelt sank ich zu Boden, eine Träne ran über meine Wange und das Schwert glitt aus meiner Hand.
„Wieso…?“ flüsterte ich erstickt.
„Nun…“ sagte Linda mit einem überheblichen Ton in ihrer Stimme. „…ich nehme an, Ihr habt ihm bei eurem Eheversprechen Treue geschworen, nicht wahr? Was gebe es für einen größeren Verrat, als euer Leben zu riskieren für ein Schwert, dessen Bestimmung es ist, ihn zu töten?“
Entsetzt sah ich Linda an und schrie: „Das ist nicht wahr! Ich habe das getan um Alon zu unterstützen… und ihm einmal auch eine Hilfe zu sein!“
„Ich habe den Zauber, der auf dem Ring lag, nicht gemacht…“ antwortet sie gehässig. „…da müsst ihr euch schon an euren Gemahl wenden… oder besser gesagt Ex-Gemahl… wenn er denn noch mit euch reden will!“
Lachend drehte sie sich um und verließ die Halle, während ich zitternd meine Hände nach den Überresten meines Eherings ausstreckte und sie behutsam aufhob. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Ich hätte das Schloss nie verlassen dürfen! Alon würde mir das nie verzeihen – der Schwur, denn wir uns für die Ewigkeit gegeben hatte, mein Leben an seiner Seite… ich hatte mit meiner Überheblichkeit alles zerstört!

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Na endlich :D

Nächstes Mal sagst mir bitte die Uhrzeit dazu, dann brauch ich nicht schon in der Früh nachgucken! ;)

Wieder ein sehr schöner Teil und der Cliffhanger ist mal wieder herzallerliebst! ;) :D

Ich freu mich auf den nächsten Teil *nick*

Lg,
Philyra

Anonym hat gesagt…

Puh, wieder mal ergreifend geschrieben!
*große Runde beifall*

Na, da hat sie jetzt aber voll ins Schwarze gegriffen: Schwert gewonnen, dafür Ehe in Gefahr. O_o
Da bin ich ja mal gespannt, wie Du sie da wieder raushauen wirst. :-D

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Phil - Danke. :-)
Ok, vor Mittag wars aber eigentlich noch noch nie. :-D

Papyra - Danke. :-D
Tja... ;-)