Mittwoch, 1. Februar 2012

6. Die vergessene Vergangenheit

„Ich bin immer noch der Meinung, dass das keine gute Idee ist…“ sagte Sei, als wir auf den Rücken unsere Pferde den Wald schließlich verließen und sich grüne Ebenen vor uns abzeichneten, die nur durch das Meer am Horizont unterbrochen wurden.
„Ich habe aber nicht nach deiner Meinung gefragt!“ gab ich zurück. „Und solange sich das nicht ändert, würde ich bevorzugen, wenn du den Mund hältst!“
Doch anstatt beleidigt zu sein setzte Sei nur ein Lächeln auf und sagte: „Wie ihr wünscht, Herrin!“
Dann setzte er noch zufrieden nach: „Wenigstens bin es nicht ich, die seiner Majestät erklären muss, warum seine Gemahlin mitten in einem Krieg nur mit einer Hand voll Soldaten ans äußerste Ende des Reiches reist um ein Engelsschwert zu suchen – ich befolge nur Befehle.“
Ganz unrecht hatte er damit nicht – Alon würde verdammt wütend sein, wenn er herausfand, was ich tat, dessen konnte ich mir sicher sein. Aber das war immer noch besser als wenn er von Eres… ich konnte den Gedanken nicht einmal zu Ende denken, so schrecklich war alleine die Vorstellung.
„Ich tue nichts Vorbotenes.“ antwortete ich Sei nüchtern. „Meine Handlungen sind durch das Gesetz gedeckt!“
„Das stimmt – aber seine Majestät würde das nie erlauben, wäre er hier.“ erwiderte Sei gelassen. „Und ihr wisst das – wir alle wissen das.“
Ja, natürlich wusste ich das!
„Aber Alon ist nicht hier.“ stelle ich sachlich fest.
„Ihr dehnt die Regel ziemlich…“ gab er nun amüsiert zurück. „…das ist juristischer Graubereich. Und im Moment befinden wir uns auf sehr dunkelgrauen Boden.“
„Wenn du meinst, dass ich Alon hintergehe, wieso reitest du dann nicht zu ihm und sagst ihm das?“ gab ich ihm zurück, wohl wissende, dass er das nicht konnte – er hatte mir die Treue geschworen, mich zu verraten, wäre für ihn die Größte aller Schanden.
Sei sah mich für einen Moment verdutzt an, dann schüttelte er lächelnd den Kopf. Zufrieden gab ich meinem Pferd die Sporen und ließ es den Weg die Ebene hinunter galoppieren – Sei und seine Soldaten folgten mir sofort.
Nach einiger Zeit tauchte die Ruine des Schlosses auf, das meinem Vater – den meines ersten Leben – gehört hatte.
„Dahin wollen wir also? Sieht so aus, als ob das schon seit langer Zeit verlassen worden ist…“ stellte Sei fest, als er neben mich ritt.
„Über 2000 Jahre.“ erklärte ich. „Aber nein, wir wollen nicht hinein – das wäre auch keine gute Idee.“
„Wieso?“ fragte er als ihm der Ton in meiner Stimme aufgefallen – was konnte es schon in einem verlassenen Schloss geben außer ein paar alter Steine und Gras?
„Das letzte Mal, als ich es betrat, wurde ich von einer Meute wütender Geister, die mich eine ‚Verräterin‘ nannten, vertrieben – ich schätze, mein Volk und mein Vater haben es mir nicht verziehen, dass ich den Mann liebe, der sie dahin gemeuchelt hat…“ erzählte ich ihm und konnte nicht umhin dabei einen traurigen Gesichtsausdruck zu machen.
„Zumindest hat euch euer Vater nicht gesagt, dass eure Mutter nur ein Spielzeug für ihn war und sie die Nacht mit ihm nie hätte überleben sollen…“ antwortete er mit einem bitteren Lächeln. „…nun, meine Geburt hat sie nicht mehr überlebt, aber das war wohl ihr Glück, denn nach der Schmach – einen Halbdämon als Sohn zu haben – die sie ihm zugefügt hatte, wäre ihr Tod wohl sehr grausam gewesen.“
„Pff.“ machte ich abwinkende. „Es ist ja nicht so, als würdest du es drauf anlegen, einen Mustersohn abzugeben…“
Sei sah mich fragend an und wollte gerade etwas sagen, als ich ihm ins Wort fiel: „Oder glaubst du, ich weiß nicht, wieso du mich als Herrin ausgesucht hast? Welch größere Demütigung könnte es für Laures geben als wenn sein Sohn – sein eigen Fleisch und Blut – gerade der Person dient, die er am meisten hasst und verachtet?“
„Ihr wisst das…?“ fragte er mich geschockt. „Aber wieso habt ihr dann…?“
„Weil es mir egal ist, wieso du mir dienst – das Einzige, was mich interessiert, ist das du es tust!“ antwortete ich lässig - es war nur die Wahrheit, wie hätte ich auch je erwarten können, dass mich einer von ihnen je respektieren würde?
Sei sah mich noch für ein paar Sekunden geschockt an, dann gewann er seine Fassung wieder zurück und schenkte mir ein zufriedenes Lächeln als er fragte: „Und wohin müssen wir nun, Herrin?“
Ich blickte an dem Schloss vorbei zum Horizont und sagte: „Westlich an der Küste entlang – das Schwert war eine Grabbeigabe des ersten Königs und dort liegt das alte Grabmal, in dem alle Könige begraben wurden…“
Nun, nicht alle… die Überreste meines Vaters würden immer noch Thronsaal verstreut liegen, wo Alon ihn damals getötet hatte.
Sei und ich gaben unseren Pferden die Sporen und mit den Soldaten hinter uns machten wir uns auf zur Küste, die wir dann entlang zu reiten begannen. Und damit standen wir vor dem schwerste Teil: Ich hatte keine Ahnung, wo sich die Grabstätte genau befand!
Nur der König und die Grabwächter – ein Priesterorden, der dazu verpflichtet war, das Grabmal zu pflegen und zu beschützen – wussten, wo es lag. Zudem war es noch an einem eher versteckten Ort untergebracht – es sollte es Grabräubern und allen anderen, die den Frevel begehen wollten, die Ruhe der alten Könige zu stören, möglichst schwer machen. Es war wahrscheinlich auch der Grund, wieso Alon nichts von dem Schwert gewusst hatte – wer weiß, wie der Kampf ausgegangen wäre, hätte mein Vater noch die Zeit gehabt, es zu holen und hätte Alon nicht doch früher angegriffen, als befürchtet?
Aber es war auch egal – ich wäre wahrscheinlich ohnehin schon seit vielen Jahrhunderten tot und diese Vergangenheit lag weit hinter mir. Was nun zählte, war das Schwert. Selbst ich als Prinzessin hatte nur eine ungefähre Ahnung, wo es lag – ich hatte mich auch nie wirklich dafür interessiert. Ein schwerer Fehler, denn nun lag die Suche nach der Nadel im Heuhaufen vor uns – die Jahrhunderte würden der Natur genug Zeit gelassen haben, den Eingang zu überwuchern und ihn damit noch besser zu verstecken.
Schließlich erreichten wir ein Waldstück, das bis zur Küste reichte – und damit das Gebiet, dass wir durchkämen mussten, denn eine der wenigen Dinge, die ich über das Grab wusste, war, dass es in einem Wald lag.
Ich zügelte mein Pferd und wand mich in Richtung des Waldes – Sei und die Soldaten kamen ebenfalls zu Stehen und er sah mich fragend an.
„Wir müssen in den Wald – irgendwo dort ist die Grabstätte.“ erklärte ich, während ich mit einer Hand auf den Wald wies.
„Irgendwo?“ fragte Sei ungläubig.
„Das heißt, ihr wisst nicht, wo es sich genau befindet?!“ setzte er noch nach und ich konnte seine unterdrückte Wut in jedem Wort hören.
Sei Blick wanderte über den Wald – und ich konnte ihn verstehen, denn die Bäume schienen kein Ende zu nehmen. Man konnte wahrscheinlich eine Ewigkeit darin verbringen und hatte trotzdem noch nicht alles gesehen.
„Ja – wir werden ihn durchkämen, bis wir das Grab gefunden haben.“ erwiderte ich kühl und selbstsicher – ich wollte nicht, dass er bemerkte, wie wenig Zuversicht ich selbst hatte.
Er sah mich mit einem Blick an, der Ungläubigkeit und unterdrückten Zorn verriet, sowie die Tatsache, dass er mich nun endgültig für verrückt hielt. Aber mir war das egal – er musste tun, was ich ihm befahl, sein Schwur band ihn.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren lenkte ich mein Pferd in Richtung des Waldes – ich drehte mich nicht um, um zu kontrollieren, ob er und seine Soldaten mir folgten, doch nach einiger Zeit hörte ich hinter mir Pferdegetrampel und lächelte zufrieden in mich hinein – bis ein lautes Klirren hinter mir mich zum Stehen brachte.
Reflexartig drehte ich mich zusammen mit meinem Pferd um und sah, wie Sei und seine Soldaten von einer Gruppe maskierter Männer angegriffen wurden. Im nächsten Moment stürzte sich einer der Unbekannten auch auf mich, doch ich war schneller – ich zog mein Schwert, wich seinen Schlag aus und stach ihn mit einem Schwert direkt in die Brust. Dann trat ich ihn weg von mir um mein Schwert, dass in seinem Körper steckte, zu befreien und ritt zurück zu Sei und seinen Soldaten.
Die Szene, die mich dort erwartete, schockierte mich zutiefst – Sei und auch seine Soldaten waren Dämonen und jedem Menschen bei weiten überlegen, aber dieser Kampf glich einem Desaster.
Ein paar der Soldaten waren schon durch die Fremden gefallen, die anderen gingen automatisch zu Boden, wenn sich die Fremden – nicht einmal halb so viele wie wir und auch noch unberitten – sich näherten. Nur Sei konnte sich auf den Beinen halten und kämpfen, aber auch sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich dafür hart anstrengen musste – es sah so aus, als würde ihm irgendetwas Qualen bereiten.
Ich stürzte mich sofort in den Kampf und tötete einen der Männer, der gerade einem der Soldaten den Hals durchgeschnitten hatte und sah aus dem Augenwinkel, wie es auch Sei schaffte, seinen Gegner zu töten. Noch einer starb durch meine Klinge nachdem ich mich von meinem Pferd hatte gleiten lassen – ich brauchte es schließlich noch und auch Sei konnte einem weiteren niederstrecken – schließlich hatten wir sie alle besiegt, doch von Seis Soldaten hatte nur ein paar das Gemetzel überlebt.
Dann eilte ich an Seis Seite und bat ihm meine Hand an um ihm aufzuhelfen – er war voller Erschöpfung zu Boden geglitten. Er sah mich schockiert an und ich wusste was ihn so verstört hatte: Er hätte nie gedacht, dass ich kämpfen konnte – schon gar nicht so gut!
„Was in aller Welt…?“ setzte ich an, als ich sah, wie sich sein Gesicht wieder zu einer schmerzverzerrten Grimasse verwandelte. In meinem Augenwinkel sah ich, wie die Soldaten, die überlebt hatte, mit einem Knall zu schwarzer Asche zerfielen und nun entdeckte ich eine verhüllte Gestalt, die am Rande des Schlachtfelds stand und ein goldenes Artefakt in ihren Händen hielt.
Ich konnte nicht sagen, woher ich es wusste – aber ich war mir sicher, dass dieses Ding es war, das für diese Katastrophe verantwortlich war. Reflexartig stand ich auf und schlug der Gestalt das Artefakt aus der Hand, worauf es zu Boden fiel und zerbrach.
„Wie…?“ fragte die Gestalt schockiert nachdem sie vor meinem Schlag instinktiv zurückgewichen war und ich erkannte, dass es die Stimme einer Frau war. „Kein Dämon kann sich der heiligen Macht entziehen!“
„Nun…“ antworte ich mit einem bösen Lächeln während ich meine Kapuze abnahm. „…ich bin auch kein Dämon!“
Im Augenwinkel sah ich, wie Sei aufstand und offensichtlich wieder im vollem Besitz seiner Kräfte war.
„Aber…“ hörte ich sie verwirrt ansetzen. „Wieso reist ein Mensch in der Gesellschaft von Dämonen…?“
„Ganz einfach – weil ich die Kaiserin bin! Und nun sag mir, wer du bist! “ befahl ich während ich mein Schwert auf sie richtete.
Auch sie nahm ihre Kapuze ab und ich sah sie geschockt an – die Tätowierung auf ihrer Stirn war das Zeichen der Grabwächter!
„Ihr seid eine Grabwächterin!“ stellte ich überrascht fest.
„Ja, die letzte…“ gestand sie bitter. „…und ihr die Verräter-Prinzessin!“
Ihre letzten Worte hatte sie mit einer Verachtung gezischt, dass es sogar Laures würdig gewesen wäre.
Sei zog sein Schwert und im nächsten Moment berührte dessen Spitze fast ihren Hals als er ihr bedrohlich versprach: „Wagt es, meine Herrin zu beleidigen und es war das letzte, war ihr getan habt!“
„Ich fürchte den Tod nicht, Dämon!“ warf sie verächtlich ihm ins Gesicht.
„Dann sei es so!“ erwiderte sei und wollte sie gerade töten, als ich dazwischen rief: „Halt!“
Sei sah mich verwundert an und entrüstet feststellte: „Sie hat euch beleidigt – und meine Soldaten getötet, sie verdient den Tod!“
„Möglicherweise…“ gestand ich. „…aber sie weiß, wo sich das Grab befindet!“
Sei entspannte sich etwas, als er verstand.
„Pah.“ mischte sie sich ein. „Egal, was ihr mir antut, ich werde euch nie verraten, wo es ist!“
Sei wollte ihr schon wieder drohen, aber ich war schnell: „Doch, das werdet ihr – ihr seid dem Königshaus von Lotus verpflichtet und da ich das einzige noch lebende Mitglied dessen bin, seid ihr an meinen Befehl gebunden!“
Sie sah mich schockiert an, als ihr bewusst wurde, dass ich Recht hatte – sie mochte mich als Verräterin sehen, aber es war nicht an ihr, das zu beurteilen, demnach war sie immer noch an den Schwur, den ihre Vorfahren vor so langer Zeit geleistet hatten, gebunden.
Resigniert schüttelte sie den Kopf und sagte schließlich: „Dann bleibt mir keine andere Wahl – ich werde euch hinführen!“

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wieder ein wunderschöner neuer Teil!

(Und ich möchte bitte lobend zur Kenntnis genommen haben, dass ich es mal geschafft habe dran zu denken dass der 1.2 ist UND da dann ein neuer Teil erscheint! :D)

Lg,
Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Phil, ich bin stolz auf dich! :-D

Anonym hat gesagt…

Hui, das war aber ein spannender Teil - und suuuupergut geschrieben! Wow! Ich hatte das Gefühl, direkt mit dabei zu sein. *beifall*

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)))

Anonym hat gesagt…

Wirklich gut geschrieben, die Geschichte ist sehr spannend fesselnd!
Eventuell solltest allerdings darauf achten, dass Du nicht allzuoft "geschockt" schreibst ;)

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Und danke für den Hinweiß, ich versuche immer Wörter durch andere auszutauschen, wenn ich sie zu oft verwende, aber ab und zu passiert es mir leider trotzdem. :-)