Sonntag, 15. Januar 2012

5. Die lange Reise

Der Wind blies mir eisern ins Gesicht – selbst die Kapuze des schweren, edlen verzierten Samtmantels schaffte es nur dürftig etwas von seiner eisigen Kälte abzuhalten. Den fünften Tag waren wir nun schon unterwegs und je nördlicher wir kamen umso kälter wurde es. Unser Reich war an der nördlichsten Küste gelegen und es war auch noch später Herbst – ich musste mich also auf das Schlimmste gefasst machen.
In Yasha hatten Jahreszeiten für mich an Bedeutung verloren, in diesem riesigen Dämonenschloss hatte es immer die gleiche, angenehme Temperatur – zumindest in den Teilen, in denen ich mich aufhielt. Aber in der Welt hier draußen galten andere Gesetze.
Die untergehende Sonne schickte gerade ihre letzten Sonnenstrahlen über die karge Landschaft – hier und da waren ein paar Wiesen, sonst zierten nur düstere Wälder unseren Weg, der nicht mehr war als ein breitgefahrener, unbefestigter Pfad. Zumindest gab es überhaupt Sonne, denn in und um Yasha herrschte ewige Finsternis, nur erhellt von den Lavaströmen, die sich ihren Weg durch die verbrannte Welt bahnten, um unter dem Schloss zu einem riesigen Lavasee zusammenzuflossen. Erst in einiger Entfernung gewann die Sonne langsam wieder an Macht, so dass sich dort auch Menschen ansiedeln konnten – auch wenn diese wohl am Liebsten so weit es ging von Yasha weg waren.
Plötzlich begann sich in der Abenddämmerung die Spitze eines Daches von einem hohen Gebäude abzuzeichnen – wir hatten die letzte Bastion der Zivilisation erreicht, danach würden wir uns durch seit Jahrzehnten unbewohntes Gebiet schlagen müssen.
Doch zumindest in dieser Nacht würden wir noch in den Genuss eines warmen, weichen Bettes kommen – sogar eines edlen, denn wir hielten direkt auf eine Burg zu. Natürlich war es nicht mit Yasha zu vergleichen – nichts war damit zu vergleichen, aber es würde besser sein als die Gasthäuser und Tavernen der Dörfer und Städte, in denen wir die vergangenen Nächte verbracht hatten.
Ich musste fast grinsen bei der Erinnerung an die Gesichtsausdrücke der Menschen, als ihnen bewusst wurde, wenn sie da vor sich hatten. Welcher einfache Gastwirt würde sich schon je träumen lassen, die Kaiserin persönlich und ihr Gefolge bewirten zu dürfen?
Wobei ich nicht viel Gefolge mitgenommen hatte – ich konnte gerne auf Angelika und die anderen Dienerinnen verzichten, die wohl einen Herzinfarkt bekommen hätten, wenn sie gesehen hätte, dass ich selbst zu Pferd saß und nicht in einer Kutsche reiste. Aber auch wenn ich es als Deckung verwendet hatte, dies war keine fröhliche Urlaubsreise sondern eine wichtige Mission.
Aus diesem Grund hatte ich nur Sei und ein Duzend seiner Soldaten mitgenommen – ich wollte auch keine unnötige Aufmerksamkeit auf mich lenken, am Ende hätte Alon und noch schlimmer Eres etwas davon mitbekommen. Nun, zumindest bei Ersteren würde das früher oder später so und so passieren, aber ich hoffte, dass ich das Schwert dann schon in meinem Besitz hatte. Die Zeit lief also in mehr als einem Sinne gegen mich, was ein weiterer Grund war, wieso ich so wenige Leute mit mir nahm: Wir waren viel schneller als ein halber Hofstaat.
Sei ritt schweigend neben mir – ich hatte erwartet, dass er mich ausfragen würde, wohin wir eigentlich reisten, schließlich war er der Einzige, der wusste, dass wir das hier nicht zu Spaß taten. Aber er hatte die ganze Zeit nicht ein einziges Wort darüber verloren sondern schwieg großteils, was mich doch irritierte.
Schließlich ließen wir die letzen Bäume auf dem Weg zu der Burg hinter uns und sie baute sich in voller Größe vor uns auf. Sie war aus grauem Stein gebaut und hatte ihr schweres Metallgitter und ihr Holztor schon für die Nacht heruntergelassen.
Sei gab seinem Pferd die Hufe und ritt voraus um genau vor dem Tor stehen zu bleiben.
„Wer ist da?“ hörte ich eine Stimme von einem der Wachtürme unwirsch rufen. „Was wollt ihr so spät am Abend? Burg Sanham hat bereits für die Nacht geschlossen, kommt morgen wieder!“
Aber Sei wäre nicht Sei gewesen, wenn er so etwas nicht stilvoll gekontert hätte: „Ich bin Sir Sei, Sohn von General Laures und der Ritter der Kaiserin. Und wer seid ihr? Damit ich ihrer Majestät sagen kann, wer dran Schuld hat, dass sie im Freien schlafen muss!“
Ein Moment gespenstiger Stille verging, dann hörte ich wie der Ritter von seinem Turm herunter kam um schließlich vor Sei aus der Tür zu platzen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er zuerst Sei und dann mich an, denn ich war inzwischen an seine Seite geritten. Ich zog meinem rechten Handschuh aus, so dass der Soldat meinen Ehering sehen konnte.
Im nächsten Moment fiel er auf die Knie und brabbelte: „Eure Majestät… ich wusste nicht… ich… vergebt mir!“
Ich wollte schon etwas antworten, als Sei mir zuvorkam: „Dann öffnet endlich dieses verdammte Tor, die Kaiserin ist müde und möchte sich von ihrer anstrengenden Reise erholen!“
„Na… natürlich!“ stammelte er noch schnell, sprang auf seine Füße und eilte davon. Im nächsten Moment begann die schwere Holztür und das Eisengitter sich zu heben und wir konnten hinein.
Im Burghof beendenden noch die letzen Angestellten ihre Arbeit für den Tag, aber er war zum größten Teil ausgestorben. Doch jene, die hier waren, hoben verwundert ihren Kopf, als sie uns sahen – es war wahrscheinlich selten, dass sie edlen Besuch wie uns bekamen und noch seltener, dass für jemanden nach Sonnenuntergang die Tore geöffnet wurden.
Wir hielten in der Mitte des Hofes, direkt vor den Stufen, die in das Innere der Burg führten und stiegen ab. Der Soldat, der uns hereingelassen war tauchte wieder an unserer Seite auf – allerdings war er nicht der Einzige, der nun auf der Bildfläche erschien.
Die Tür zu den Innenräumen der Burg flog auf und ein älterer, etwas dicklicher Mann erschien in ihrem Rahmen. Sei graues Haar bildete den perfekten Kontrast zu seinem hochroten Gesicht als er wütenden pfauchte: „Was um alles in der Welt soll das?! Habe ich nicht den ausdrücklichen Befehl gegeben, dass niemand – absolut niemand! – mehr nach Sonnenuntergang in die Burg darf?!“
Dann erfasste sein Blick den armen Soldaten neben uns und pfauchte: „Warst du das?!“
„Nun… Herr… ich…“ stammelte er nun verzweifelt.
„Das wird dir noch leidtun, dass verspreche ich dir! Du kannst dich auf eine Strafe gefasst machen, die dich wünschen lassen wird, du wärst nie geboren worden!“ unterbrach ihn sein Herr schreiend.
Dann wand sich der tobende uns zu und wütete: „Und wer seid ihr?! Was wollt ihr mitten in der Nacht in meiner Burg?!“
Sei wollte ihm etwas antworten, doch ich war schneller. Während ich meine Kapuze abnahm sagte ich ruhig und lächelnd: „Ich bin Esmeralda, Kaiserin von Sato und die rechtmäßige Gemahlin von Kaiser Alon.“
Sämtliche Farbe wich aus dem Gesicht des Burgherrn als sein Blick schließlich auf meinen Finger fiel und ihm bewusst wurde, wen er gerade angeschrien hatte. Er wollte gerade den Mund aufmachen um etwas zu sagen, doch ich fiel ihm ins Wort: „Ich und mein Gefolge…“ - mit einem Arm verwies ich auf Sei und seine Soldaten – „…sind gerade auf einer Reise und suchen ein Quadrier für die Nacht.“
Dann wurden meine Augen etwas schmäler während ich mit einem gefährlichen Ton in meiner Stimme fragte: „Ihr wertet doch sicher einen Platz für uns frei haben, nicht wahr?“
Endlich fing er sich wieder und stotterte: „Aber na… natürlich, euer… euer Majestät!“
Dann winkte er uns hektisch ins Innere und sagte: „Folgt mir nur – ich habe einen wunderschönen Turm, der sicher eure Geschmack treffen wird!“
Dann drehte er sich zu ein paar seiner Diener zu und erteilte ihnen den Befehl, alles herzurichten.
„Hätte ich gewusst, dass ihr kommt, euer Hoheit, dann hätte ich euch natürlich ein Festmahl bereiten lassen.“ erklärte er verlegen. „Aber ich werde euch sofort ein Abendmahl bereiten lassen.“
Im nächsten Moment wand er sich den nächsten freien Diener zu und brüllte ihm den Befehl dafür zu.
Er führte uns in einen großen Festsaal, wo auch sofort Diener kamen um uns unsere Mäntel abzunehmen. Ich merkte, wie der entsetzte Blick des Burgherrn über mich wanderte, als er sah, was ich unter meinem Mantel trug.
Nicht, dass meine Kleidung nicht edel gewesen wäre, nein, es war etwas anderes, dass ihn so irritierte: Ich trug eine robuste Lederhose und dazu ein paar kniehohe, geschnürte, schwere Stiefel, die noch ein paar Schnallen darüber hatten. Einen Gürtel, an der eine Scheide mitsamt einem Schwert befestigt war. Als Oberteil hatte ich eine langärmliche Bluse mit einer Lederkorsage, die ebenfalls ein paar Schnallen hatte, darüber an – zudem trug ich ein Collier und ein paar passender Ohrringe sowie eine Stirnkette, die meine Krone vertrat. Meine langen, schwarzen Haare hatte ich zu einem mittelhohen Pferdeschwanz zusammengebunden, wobei ich die Stirnpartie hatte herausfallen lassen – alles davon war in schwarz gehalten zusammen mit silberfarben Verzierungen.
Kurz gesagt, ich war ganz und gar nicht wie eine Frau gekleidet! Aber wer war er schon, dass er seiner Kaiserin hätte sagen können, was sie zu tragen hatte? Eben! Und die sperrige Kleidung, die ich bei Hof immer trug, war auf einer Reise wie der unseren einfach nur unpraktisch – nie hätte ich mit meinen weiten Kleidern reiten können, nein, dafür brauchte ich solche Kleidung, auch wenn es sie für eine Frau – insbesondere die Kaiserin – nicht ziemte, ja gar verboten war!
Sei und ich setzten uns an die Tafel, unsere Soldaten waren im Hof zurückgeblieben und würde wohl irgendwo anders verköstigt werden. Sogleich kamen einige Diener heran, die uns Speisen und Getränke brachten und wir konnten zu Essen beginnen. Das Gebrabbel unseres Gastgebers, der sich nun wieder gefasst hatte, beachtete ich gar nicht weiter, er würde nur versuchen, sich ein zu schleimen und darauf konnte ich gut und gerne verzichten – ich hatte jetzt auch wirklich keinen Kopf dafür.
Als ich fertig war, unterbracht ich ihn sogar unhöflich und sagte: „Ich bin müde von der weiten Reise – würdet ihr uns nun unsere Gemächer zeigen?“
„Aber natürlich, euer Majestät! Folgt mir!“ antwortete er mit einer übertrieben zuckersüßen Stimme, dass mir fast schlecht drauf wurde. Aber ich tat was er sagte – schließlich würde ich ihn dadurch schneller los werden und außerdem war ich wirklich sehr müde, denn sie Tage zu Pferd waren sehr anstrengend. Und ich würde meine Kräfte noch dringend brauchen, soviel war sicher.
Er führte mich ein paar Gänge entlang und schließlich einen Turm hinauf, in dem sich ein zugeben recht hübsches, Zimmer befand. Natürlich, wieder nicht mit Yasha zu vergleichen und es hatte auch nur einen kleinen Baderaum, aber es war bei weitem besser als das, was die Gasthäuser zu bieten hatten – dort hatte ich mich damit begnügen müssen, mich mit einem heißen Lappen zu waschen.
Der Burgherr verabschiedete sich mit einer Verbeugung und den Worten: „Wenn ihr noch irgendetwas braucht, euer Hoheit, dann zögert nicht, mich rufen zu lassen.“
Den Teufel würde ich tun, dieser Kerl war mir schon genug auf die Nerven gegangen – Alon hätte ihn wohl schon zehn Mal hinrichten lassen, vor allem nach der Szene im Hof. Ich seufzte bei dem Gedanken an Alon und begab mich zum südlichen Fenster des Zimmers. Irgendwo dort war Alon – im Kampf mit Eres, in wer weiß welcher Gefahr, vielleicht sogar verletzt, denn bis ich es – besonders hier – erfahren würde, würde es ewig dauern. An Schlimmeres wollte ich gar nicht denken und spürte, wie mir eine Träne die Wange hinunter lief, als ich meinen Kopf schüttelte um diese schrecklichen Gedanken zu vertreiben. Wie sehr wünschte ich mir, ich könnte mich jetzt in seine Arme kuscheln? Darin versinken ohne je dran denken zu müssen, wieder aufzustehen?
Plötzlich klopfte es an der Tür, was ich mit einem „Herein!“ beantwortete. Sei trat ein und fragte: „Ihr wolltet mich sehen, Herrin?“
Das hatte ich schon ganz vergessen – während unseres Abendmahls hatte ich Sei gesagt, er solle danach in meine Gemächer kommen. Schließlich musste ich ihm endlich erklären, wohin wir eigentlich reisten und wieso.
„Ja.“ sagte ich und wand mich schweren Herzens vom Fenster ab und mein Blick streifte das gegenüberliegende, als ich mich an Sei richtete – es zeigte genau dorthin, wohin wir reisen würden. In die Tiefen eines lang vergessenen Reiches auf der Spur eines noch länger vergessenen Schwertes – und, was für mich das Schwerste von allem war: Noch weiter weg von Alon…

3 Kommentare:

bigs hat gesagt…

es hat gerade wieder viel spass gemacht zu lesen, hatte bis jetzt gesammelt :-)
nun bin ich gespannt welche abenteuer esmeralda bestehen muss *trippel*

liebe grüsse

Anonym hat gesagt…

Netter Typ, dieser Burgherr. :-D
Hm, wozu ist man eigentlich Kaiserin, wenn einem vorgeschrieben wird, was man anzuziehen hat? Bzw. dass es verboten ist, Hosen zu tragen?
Naja, andere Länder, andere Sitten. :-D

Wieder ein toller Teil! (Ha, jetzt geht es richtig los! *freu*) Unterwegs passieren Deinen Helden ja immer die unglaublichsten Sachen, bin schon sehr gespannt.

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Papyra - Jop. :-D

Naja, Alon hat die Gesetze so erlassen. Ist halt eine mittelalterlich angehauchte Welt... ;-)