Sonntag, 1. Januar 2012

4. Die wahre Herrscherin

„Das kommt gar nicht in Frage!“ polterte Kesus um Haltung bemüht – wahrscheinlich hätte er mich lieber gefragt, ob ich total verrückt sei. „Das ist mein letztes Wort zu dieser Sache!“
Nüchtern betrachtet hätte ich wissen müssen, dass es nicht so einfach sein würde – wir befanden uns mitten in einem Krieg, das war nicht gerade der beste Zeitpunkt um als Kaiserin einen ‚kleinen Ausflug‘ zu machen.
Die Wahrheit hätte ich allerdings auch nicht sagen können, denn dann hätte er mich erst recht nie gehen lassen – viel zu gefährlich war es, was ich vor hatte. Aber wer außer mir hätte diese Aufgabe schon erfüllen können? Es ging hier um ein heiliges Schwert, ein Dämon hätte es nicht mal berühren, geschweige denn führen können!
Nein, diese Mission musste ich selbst ausführen – nur leider wollte mich der Vorstand von Alons Hofstaat nicht gehen lassen. Kurz gesagt: Ich saß hier fest!
Frustriert zog ich von dannen und begab mich auf den Weg zurück in meine Gemächer, in dessen Empfangshalle Sei auf mich wartete – ich hatte gehofft, dass wir gleich aufbrechen können würden.
Er sah meinen deprimierten Gesichtsausdruck und zählte eins und eins zusammen.
„Es hätte mich auch gewundert, wenn der alte Kauz ‚Ja‘ gesagt hätte…“ fing er an. „Aber macht euch nichts daraus, seine Majestät wird Eres sicher besiegen, Prinzessin…“
„Prinzessin?!“ pfauchte ich wütend – er hatte sich wahrlich den falschen Zeitpunkt ausgesucht um mich zu ärgern. „Ich bin deine Kaiserin!“
„Ist das so?“ antwortete er sarkastisch. „Wieso lasst ihr euch dann von so einem kleinen Wicht unterkriegen? Eine wahre Herrscherin würde ihm zeigen, wo sein Platz ist!“
Seis Augen funkelten mich herausfordernd an, dann sagte er: „Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet, da es mit unserer Reise nichts wird, würde ich mich gerne anderen Dingen zuwenden…“
Ich entließ ihn und sah ihm verblüfft nach… denn er hatte Recht! Wer war ich, dass ich mir von diesem Kerl sagen lassen konnte, was ich zu tun hatte?!
Das Problem war nur, dass ich nichts dagegen tun konnte… oder doch?
Ich befahl meinen zwei Wachen mich zur Bibliothek zu begleiten, die sich in einem anderen Flügel des Schloss es befand. Jedes Mal, wenn ich sie betrat, war ich von Neuem überwältigt – sie war ein riesiges Netz von verschieden, unglaublich hohen Räumen, deren Wänden mit Regalen vollgepflastert waren. In den zahllosen Nebenhallen standen auch im Raum noch viele Regale, in denen immer mehr Bücher, Schriften und Texte gelagert wurden. Alles war edel verziert, in jedes Regal waren wunderschönen Verzierungen eingeschnitzt, der Boden war ein edles Mosaik, das ein fantastisches Muster beinhielt. Die Decke, die in dem halbdüsteren Licht, das außerhalb meiner Gemächer – denn mich machte dieses Halbdunkel auf Dauer wahnsinnig – überall im Schloss herrschte, kaum zu erkennen war, war ebenfalls reichlich verziert.
Ich hielt mich jedoch nicht lange damit auf, sondern ging gezielt auf ein Regal in der Haupthalle zu, während meine Wachen in einiger Entfernung auf mich warteten.
Ich ließ meinen Blick über die wunderschönen, edel verzierten Einbände streifen bis ich das Buch gefunden hatte, das ich suchte. Sachte zog ich es heraus und blätterte es durch. Es war in einer sehr alten Sprache geschrieben, trotzdem konnte ich es entziffern – ich hatte in den letzten Jahren genug Zeit, mich dem Lernen dieser zu widmen.
Ich stieß einen freudigen Laut aus, als ich die Stelle gefunden hatte, die ich suchte – ich legte ein Lesezeichen hinein, klappte das Buch zu und gab es einem der Wachen zum Tragen. Kesus würde sich auf etwas gefasst machen können, soviel war sicher!
Mit meinen zwei Wachen im Schlepptau machte mich zu einem erneuten Treffen mit ihm, eine Welle von aufgeregte Vorfreude überschwappte mich – ich konnte nicht umhin, er hatte es wirklich verdient!
Ich erwischte ihn gerade, als er mit ein paar höheren Rittern die Lage um Yasha besprach – er war einst auch einer von Alons Generälen gewesen, aber war in einem Kampf so verwundet worden, dass er nicht mehr in den Krieg ziehen konnte und verwaltete deswegen die Angelegenheiten in Yasha und hatte auch die Befehlsgewalt über das Schloss, solange Alon und Laures nicht da waren.
„Meine Kaiserin!“ sagte er, als ich eintrat, nachdem seine Diener mich angekündigt hatten – der Sarkasmus in seiner Stimme ließ sich nicht überhören, doch ließ mich nicht davon beeindrucken.
„Ich hoffe, es geht nicht wieder um dasselbe Thema, ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt…“ setzte er an.
„Das habt ihr in der Tat…“ unterbrach ich ihn mit einem erhabenen Lächeln auf meinen Lippen. „…nur leider ist, was ihr sagt, völlig belanglos!“
Für einen Moment wirkte er total überrumpelt, aber er fasste sich sofort wieder und donnerte wütend: „Was?
Ich winkte den Wachen mit dem Buch heran und ließ es mir geben. Dann klappte ich es auf und setzte siegessicher an: „Dieses Gesetzbuch, das Alon bei seiner Krönung übernommen und signiert hat, besagt, dass wenn der Kaiser und seine rechte Hand nicht in Yasha verweilen, die Herrschaft über das Schloss automatisch dem hochrangigsten Mitglied der königlichen Familie zufällt.“
Kesus starrte mich unglaublich und geschockt an.
„Und wie der Zufall es so will bin das ich.“ sagte ich mit unglaublicher Genugtuung.
„Das ist lächerlich!“ tobte er – doch ich sah seine Fassade bröckeln. „Ihr seid eine Frau – ihr könnt nicht herrschen!“
„Dann zeigt mir den Paragraph, der dies besag!“ antwortete ich mit einem bösen Lächeln und warf ihm das Buch zu, dass er reflexartig auffing. „Aber lasst euch sagen, ich habe bereits jede Seite des Buchs durchsucht, ihr werdet nichts finden!“
„Ich…“ fing er an und ich sah, wie ihm langsam seine Situation bewusst wurde: Ich hatte ihn genau dort, wo ich ihn haben wollte.
„Ich werde mich keiner Frau beugen – schon gar keiner menschlichen!“ polterte er schließlich als seine letzte Selbstbeherrschung brach.
Nicht, dass ich nicht gewusst hätte, was die Generäle von mir hielten – aber es so ins Gesicht gesagt zu bekommen war nochmal etwas anderes!
„Dann ist das Verrat – und ihr kennt die Strafe dafür!“ erwiderte ich messerscharf.
Er wirkte wie zur Salzsäule erstarrt – und ich beschloss, meinen Sieg auszukosten!
„Ihr werdet euch mir beugen – auf eure Knie!“ befahl ich – ich musste hart sein, wenn ich meinen Plan nicht gleich wieder begraben wollte.
Er sah mich an, als wäre ich endgültig verrückt geworden – und drehte sich zu seinen Rittern um, wo er geschockt feststellen musste, dass einer nach den anderen vor mir auf die Knie ging.
Dann wand er sein Gesicht wieder mir zu und es spielte jede Emotion ab, bevor er schließlich vor mir auf die Knie ging.
„Wir ihr wünscht, euer Hoheit!“ drückte er widerwillig und voller Verachtung heraus.
„Gut - ich werde ich nun die Vorbereitungen für meine Abreise fortsetzen.“ stellte ich noch fest und ging schließlich. Als ich durch die Tür hinaustrat, sah ich, dass Sei dort auf mich wartete und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen trug.
„Ich muss gestehen, ich bin beeindruckt, Herrin – das war einer wahren Herrscherin würdig!“ lobte er mich – ich hätte wissen müssen, dass er das Gespräch belauscht hatte, aber ich war ihm deswegen nicht böse. Nein, dafür war ich ihm zu dankbar!
„Danke!“ sagte ich mit einem freundlichen Lächeln. „Hättest du mir nicht ins Gewissen geredet, dann wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen… nun, eigentlich war es ohnehin deine Idee.“
Es war nur wahr, hätte er sich nicht auf dieses Gesetzbuch berufen, als er mich als seine Herrin erwählt hatte, hätte ich nie geahnt, dass es eine solche Passage geben könnte.
Er lachte jedoch nur frustriert und schüttelte den Kopf.
„Ich war wohl doch vorschnell – zu einer wahren Herrscherin habt ihr noch einen weiten Weg vor euch, wenn ich euch bei eurem Diener bedankt.“ erwiderte er bissig.
„Wie auch immer…“ setzte er dann noch nach. „…ich denke, wir haben noch einiges zu erledigen, wenn wir morgen früh aufbrechen wollen, nicht wahr?“
Dann wand er sich zum Gehen und ließ mich stehen, aber wieder kam ich nicht umhin mir einzugestehen, dass er Recht hatte: Ich hatte als Herrscherin noch viel zu lernen!
Die Zeiten, wo ich an Alons Rockzipfel hängen konnte, waren vorbei – ich hatte mich dazu entschieden, ihn zu unterstützen anstatt mich in meinem Bett zu verkriechen und selbst zu bemitleiden, also musste ich nun meine Frau stehen und mich dieser harten Welt stellen. Was für eine Hilfe hätte ich ihm auch sein können, wenn ich mich immer nur hinter ihm versteckte?
Ich werde eine Frau werden, die es wert ist, Alons Gemahlin und Kaiserin von Sato zu sein!
Mit diesem Schwur in meinem Herzen setzte ich Sei nach um die Vorbereitungen selbst zu überwachen – ich würde ihm und allen anderen beweisen, was für eine Herrscherin ich war!

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ah, interessant, ein Blick hinter die Kulissen!
Im nächsten Teil machen sich Esmeralda und Sei dann wohl tatsächlich auf die Socken, orakel ich jetzt mal. :-)
Bin gespannt!

LG Papyra

Seshat hat gesagt…

Jetzt wirds aber mal richtig spannend. Und sie macht sich ja! :D

Na ich freu mich auf jeden Fall wie immer auf den nächsten Teil!

Lg,
Manu

Chinda-chan hat gesagt…

Wie immer verrate ich nix. :-D