Samstag, 24. Dezember 2011

3. Die rettende Idee

Einige Tage waren vergangen seitdem ich Sei als meinen Diener akzeptiert hatte und seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Irgendwie hatte ich mir erwartet, dass das Ganze etwas Abwechslung in meinen öden und traurigen Alltag bringen würde und mich von dem Kummer, den mir Alons Abwesenheit bereitete, ablenken würde.
Doch es hatte sich nichts geändert und schließlich hielt ich es nicht mehr in meinen Gemächern aus – ich hatte das Gefühl, als würden die Wände mich erdrücken. Also schlich ich mich aus dem Raum – auch wenn ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil Alon das sicher nicht gut heißen würde. Aber irgendwas musste ich tun um nicht ganz verrückt zu werden!
Meine Wachen abzulenken, war leicht – ich musste ihnen nur irgendwas befehlen, für das sie beide los gehen mussten und schon war ich sie los.
Nun streifte ich also durch die endlosen, düsteren Korridore des Schlosses und musste zugeben, dass es an manchen Stellen schon etwas unheimlich war. Riesige, steinerne Statuen von Kreaturen und Monstern, deren Scheußlichkeit sich nicht in Worte fassen ließ, waren immer wieder zu finden – die Tatsache, dass sie so detailgetreu waren, dass ich mir nicht sicher war, ob sie wirklich aus Stein geschlaugen oder nur zu Stein erstarrt waren und jeden Moment wieder zum Leben erwachen könnten, machte es nicht gerade besser.
Ich war gerade wieder auf dem Weg zurück zu meinen Gemächern – der Ausflug hatte mir erst mal gereicht an Abendheuer – als ich zwei Soldaten, die an einer Ecke standen und sich unterhielten, entdeckte. Sofort versteckte ich mich – ich wollte nicht, dass man mich hier entdeckte, ich wollte nicht, dass das Erste, was Alon bei seiner Rückkehr hören würde, war, dass ich seinen Befehl missachtete hatte.
„Er hat wirklich sein ganzes Herr mobilisiert…“ sagte der eine.
„Kein Wunder auch, schließlich handelt es sich da um Eres… solch eine Schlacht hat es seit dem Beginn der Welt nicht mehr gegeben…“ erwiderte der andere.
Dann waren sie schon um die nächste Ecke gebogen und ließen mich geschockt zurück.
Das hörte sich ganz und gar nicht nach einer ‚Kleinigkeit‘ an, wie Alon versucht hat, mir weiß zu machen – das war ein ausgewachsener Krieg mit einem ernstzunehmenden Feind!
Ich versuchte meine panischen Gedanken zu ordnen und nach einer Erklärung zu suchen. Vielleicht irrten sich diese Soldaten ja? Man sollte nicht zu viel auf Klatsch und Tratsch geben – vor allem, da ihr Wort gegen das meines Liebsten stand! Doch ich wusste genauso, dass mir diese Sache keine Ruhe lassen würde, bis ich ihr auf den Grund gegangen war! Doch wie sollte ich das tun?
Sei!
Natürlich, schließlich war er mein Ritter – er würde mir Rede und Antwort stehen!
Ich schlich – so ruhig, wie ich nur irgendwie konnte – zurück in meine Gemächer. Glücklicherweise hatte noch niemand meine Abwesenheit bemerkt – sie dachten wohl alle, ich hätte mich wieder in meinem Bett vergraben. Also schlüpfte ich unauffällig durch die Tür, suchte meine nächste Dienerin und ließ Sei sofort rufen.
Nervös schritt ich auf und ab während ich drauf wartete, dass Sei auftauchte. Endlich ging die Türe auf und ich sah den Hereinkommenden gespannt an. Sei wirkte etwas genervt, auch wenn er sich große Mühe gab, diese Tatsache zu verstecken. Er kniete sich vor mir hin und sagte kühl: „Ihr habt mich rufen lassen, Herrin?“
„Ja.“ versuchte ich so gelassen wie möglich zu antworten – ich wollte nicht, dass er bemerkte, wie besorgt ich war – und deute ihm, dass er sich erheben konnte.
„Nun, was kann ich für euch tun?“ fragte er nun, während er sich wieder aufrichtete.
„Ich möchte von dir wissen, was du über Eres weißt!“ sagte ich gerade heraus – für Spielchen hatte ich wahrlich keine Nerven.
Er wirkte etwas verwundert ob der Frage, aber er hatte seine gelassene Fassung sofort wieder.
„Nicht viel, Herrin.“ begann er zu erklären. „Ich bin jünger als ihr, ich habe also nicht mehr erlebt, wie Eres das letzte Mal in dieser Welt wandelte – alles, was ich über ihn weiß, ist selbst aus zweiter Hand.“
Nun, aus zweiter Hand war besser als gar nichts.
„Fahr fort!“ sagte ich kühl.
„Nun, Eres war einer der ersten Dämonenlords – er hat sich mit seiner Majestät um die Vormacht über die Dämonen duelliert. Am Ende dieses Kampfes hat seine Hoheit ihn bei lebendigen Leib in einen Kristall eingeschlossen, wo er seitdem ruhte…“
„Das heißt, Eres ist so mächtig wie es Kantos?!“ rief ich und merkte wie meine kühle Fassade bröckelte.
„Kantos?“ fragte Sei überrascht und dann fing er an zu lachen, was dazu führte, dass ich ihn ungläubig anstarrte. „Kantos war ein kleiner Fisch – er war es seiner Majestät nicht einmal wert, dass er ihn verbannte! Hätte er nicht so einen miesen Trick angewandt um Eurer habhaft zu werden, hätte er dem Kaiser nie etwas anhaben können! Eres dagegen… ist ein richtiger Dämonenlord!“
Ich hatte das Gefühl, als würde die Welt um mich herum zerfallen und für einen Augenblick war ich mir nicht sicher, ob ich nicht zusammenbrechen würde.
„Das… das heißt… Alon… ist in… Gefahr?!“ schloss ich – jedes Wort musste ich mühsam aus meiner Lunge pressen. Der Gedanke war schon zu grausam, es auch noch aussprechen zu müssen war mehr, als ich zu ertragen konnte.
„Natürlich nicht – seine Majestät wird Eres auf jeden Fall besiegen!“ antwortete Sei energisch – aber ich sah hinter seine Fassade.
„Die Wahrheit, Sei – du bist mein Diener, also sag mir, wie die Dinge wirklich stehen!“ forderte ich pfauchend.
„Ihr werdet nicht lange einen Diener haben, Herrin, wenn ihr versucht, ihn dazu zu bringen, sich um Kopf und Kragen zu reden!“ gab er verhalten zurück – es würde niemand gut bekommen, an Alon zu zweifeln.
„So schlimm…?“ flüsterte ich mehr zu mir als das diese Worte Sei erreichen hätten sollen.
Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Alon hatte das Ganze nur heruntergespielt um mich nicht zu beunruhigen! Ich war schon hysterisch genug gewesen, als ich von seiner Schlacht mit Eres erfahren hatte – hätte er mir das volle Ausmaß eröffnet, wäre ich nie im Stande gewesen ihn gehen zu lassen!
Irgendetwas musste ich doch tun können… und mit einem Mal zischte eine Erinnerung durch meinen Kopf. Eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit… aus meinen ersten Leben.

Ich schlich durch die Gänge des Schlosses, jedes Knistern der Fackeln ließ mich innerlich aufschrecken – würde man mich erwischen, würde ich Ärger bekommen, das war sicher. Schließlich sollte ich brav schlafend in meinem Bett liegen und mich nicht nachts aus dem Schloss schleichen. Annie würde sich sicher wieder furchtbar aufregen und mein Vater würde mir eine Standpauke darüber halten, dass sich mein Benehmen für eine Prinzessin nicht gehörte. Ach, wie ich das satt hatte – diese Nächte, in denen ich frei war, waren der einzige Lichtstreifen in meinem eintönigen Leben.
An einem der Gänge war etwas seltsam – eine Tür war einen Spalt weit offen und es fiel durch diesen etwas Licht in den Gang – und das zu einer Uhrzeit, wo normalerweise das ganze Schloss schlief. Meine Vernunft sagte mir, ich solle einen weiten Bogen um diese Tür machen, aber meine Neugierde war stärker.
Also schlich ich so leise wie ich konnte an die Tür heran und lauschte – und hätte um ein Haar einen verräterisches „Was?“ losgelassen, als ich die Stimme meines Vaters erkannte. Was um alles in der Welt machte er um diese Zeit hier?
„Wie ist die Lage, Jaton?“ fragte er – in seiner Stimme schwang eine Beunruhigung mit, die ich von meinem sonst so selbstsicheren Vater nicht gewöhnt war.
„Alon wird bald vor unseren Toren stehen und es gibt nichts, mit dem wir ihm entgegenhalten könnten, Majestät!“ antwortete Jaton – seine Stimme klang verzweifelt, was auch für ihn mehr als untypisch war. Ich wusste, die Lage war angespannt, weil das dunkle Reich Sato immer mehr Länder überfiel und auch, dass mein Vater deswegen das Heer in Alarmbereitschaft versetzt hatte, aber dass es schon so schlimm war, hatte ich nicht einmal in meinen kühnsten Träumen geahnt!
„Nun, dann gibt es nur noch einen letzten Weg – wir müssen Hevshire einsetzten!“ entgegnete mein Vater bedeutungsschwanger.
„Das Engelschwert?“ fragte Jaton erstaunt. „Es existiert wirklich?“
„Ja.“ erklärte der König. „Als vor langer Zeit meine Blutlinie die Herrschaft über dieses Land antrat wurde uns vom Himmel ein unsagbar wertvolles Geschenk gemacht: Ein Schwert, von Engel geschmiedet und erfüllt mit der Magie des Lichts!“
„Aber wo befindet sich das Schwert jetzt, Herr? Ich habe es noch nie gesehen!“ wollte sein Untergebener begierig wissen.
„Es wurde zusammen mit dem ersten König begraben – in unserer ersten Gruft.“ erklärte er.
„Und ihr glaubt, es ist mächtig genug um Alon zu besiegen?“ fragte Jaton aufgeregt.
„Es ist mächtig genug jeden Dämon zu besiegen!“ antwortete ihm mein Vater bestimmt.


Das war es! Wenn dieses Schwert die Macht besaß, selbst Alon zu besiegen, dann würde es auch Eres besiegen können!
„Ich weiß, was ich tun kann!“ rief ich und plötzlich wurde mir bewusst, das Sei immer noch da war und mich fragend ansah.
„Ich kenne eine Möglichkeit, Eres zu besiegen!“ erklärte ich aufgeregt.
Sei sah mich ein wenig so an als ob er an meinem Geisteszustand zweifelte, aber sagte nichts Diesbezügliches sondern: „Und welche?“
Doch ich ignorierte seine Frage und wies eine meiner Dienerinnen an: „Packt meine Sachen.“
Und zu Sei gerichtet: „Wir brechen so schnell es geht auf!“

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hui, jetzt geht es los.
Mal sehen, wo sie diese Reise hinführen wird.
Definitiv wieder mal superspannend, Chinda!

Liebe Grüße
Petra

Chinda-chan hat gesagt…

;-)

Danke. :-)

Seshat hat gesagt…

Jetzt gehts looos, Spätzle mit Soooß ! (Ach ne, das war ja was anderes :D)

Wieder mal sehr spannend liebe Chinda!