Mittwoch, 14. Dezember 2011

2. Der unerwartete Schwur

Ich hatte mich in meinem Bett eingerollt und weigerte mich, aufzustehen. Am Tag zuvor war Alon aufgebrochen und ich hatte das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit alleine schlafen müssen. Die ganze Nacht durch hatte ich geweint, bis ich erschöpft eingeschlafen war. Meine Augen brannten immer noch und waren bestimmt total rot.
Außerdem war ich viel zu müde und lustlos, als dass ich mich ankleiden lassen hätte wollte – so hatte ich meine Dienerinnen jedes Mal weg geschickt, als sie mit Kleidung zu mir gekommen waren. Selbst das Essen, das sie mir brachten, hatte ich nicht angerührt.
„Herrin…“ hörte ich Angelika neben mir. „…ihr müsst etwas essen.“
Ihre Stimme hatte etwas Besorgtes, was leichte Schuldgefühle in mir aufkommen ließ – doch nicht stark genug, als das sie mich dazu gebracht hätte, das Bett zu verlassen.
Plötzlich hörte ich, wie die Tür ein zweites Mal aufging und eine weitere Dienerin eintrat.
„Herrin…“ setzte sie an und ich hörte, dass sie verlegen und etwas aufgeregt war, was ganz und gar nicht zu ihrer Art passte.
Ich drehte mich zu ihr um und sah sie an – ihr Gesichtsausdruck ließ drauf schließen, dass sie irgendetwas total verstört hatte.
Angst flammte in mir auf – war am Ende Alon etwas zugestoßen? Ich verbannte den Gedanken sofort wieder, er war zu schrecklich als das ich mich ihm auch nur eine Sekunde hätte aussetzten können.
„…Meister Sei bittet um eine Audienz bei euch.“ erklärte sie schließlich.
„Was?“ fragte ich überrascht.
Was um alles in der Welt kann der von mir wollen?
Ich hatte nur mehr am Rande mitbekommen, dass die zwei lästernden Generäle rechtbehalten hatten und Sei im Schloss zurück geblieben war – meine Gedanken waren zu der Zeit ganz wo anders, schließlich wollte ich Alon solang es ging nachschauen.
„Hat er gesagt worum es geht?“ setzte ich nun etwas gefasster nach.
„Nein, Herrin, er meinte, es müsste diese Angelegenheit mit euch persönlich besprechen.“ antwortete sie sachlich.
Nun, jetzt war meine Neugierde geweckt – ich würde dieser Sache auf den Grund gehen. Etwas Ablenkung würde mir ohnehin gut tun.
„Gut, dann sagt ihm, dass ich ihn empfangen werde!“ befahl ich ihr und im nächsten Moment war sie auch schon verschwunden.
„Angelika…“ wand ich mich wieder meiner obstersten Hofdame zu. „…bereite meine Ankleidung vor!“
Sie leistete dem Befehl sofort folge und kurz drauf hin wurde ich gewaschen, angekleidet und geschminkt – sie schaffte es doch tatsächlich, meine roten Augen zu verschleiern.
Sogar ein paar Bissen des Essens hatte ich heruntergeschluckt – es wäre peinlich gewesen, hätte mir inmitten meiner Unterredung mit Sei der Magen geknurrt.
Nun befand ich mich auf dem Weg zu meinem Empfangssaal – der einzige Bereich meiner Gemächer, denn ein Mann – außer Alon – betreten durfte. Nicht, dass das schon einmal vorgekommen war, aber genau das war der Grund, wieso ich so aufgeregt war – ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollen könnte und ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, ich wäre nicht neugierig.
Ich betrat mit Angelika an meiner Seite den Saal und sah Sei in der Mitte des Raumes warten – als er mich entdeckte, lächelte er mich an, verbeugte sich und sagte: „Meine Kaiserin.“
Die ganze Sache wurde immer seltsamer – normalerweise ignorierten mich Alons Generäle, ich wusste, dass es ihnen nicht gefiel, dass ein Mensch ihre Kaiserin war – sie mochten die Tatsache, dass es eine Kaiserin gab, schon nicht, schließlich war eine Liebesbeziehung etwas ungewöhnliches für einen Dämon, aber natürlich hätten sie es nie gewagt, das auszusprechen, denn Alon hätte sie für jedes schlechte Wort über mich foltern und hinrichten lassen, das wussten sie. Was war also mit diesem Halbdämon los?
Ich ließ mich von seiner freundlichen Art nicht blenden und blieb vorsichtig und reserviert: „Meister Sei… was kann ich für euch tun?“
„Nun, ich bin gekommen um euch meine Treue anzubieten, Majestät.“ erklärte er gelassen.
Was?
Ich starrte ihn für ein paar Sekunden fassungslos bis ich Angelika plötzlich neben mir blaffen hörte: „Was fällt euch ein?! Die Kaiserin wegen solch einem Unsinn zu belästigen – ihr könnt ihr nicht die Treue schwören – nur einen der Generäle könnt ihr als Herren erwählen!“
Sei ließ sich durch ihre schroffe Art nicht verunsichern und antwortete gelassen: „Das stimmt nicht – zwar kann ich den Kaiser direkt nicht als meinen Herren wählen, weil mein Rang dafür zu niedrig ist, aber laut dem Gesetzbuch…“ – mit diesen Worten hob er einen schweren, edlen Einband, denn er mit sich führte – „…das Kaiser Alon bei seiner Krönung übernommen und signiert hat, ist es mir zulässig, einen General oder ein Mitglied der königlichen Familie als meinen Herren zu erwählen.“
Er hatte das Buch aufgeschlagen und eine bestimmte Seite herausgesucht. „Die Passage sagt nichts über das Geschlecht, demnach ist die Kaiserin als Herrin für mich zulässig.“
Dann klappte er das Buch wieder zu und sah Angelika, deren Kopf inzwischen hochrot vor Zorn war, triumphierend ins Gesicht.
Sie wollte ihm gerade eine wütenden Antwort entgegen schleudern als ich schließlich kühl sagte: „Ich akzeptiere.“
Sowohl Angelika als auch Sei sahen mich verwundert an – Angelikas Verwunderung glich allerdings mehr geschockter Entrüstung währenden Seis Gesichtsausdruck auf eine freudige Überraschung schließen ließ – er hatte wohl nicht gedacht, dass es so einfach werden würde, auch wenn ich nicht glaubte, dass er Zweifel dran hatte, dass er mich hätte überzeugen können.
„Das ist großartig – ich werde euch nicht enttäuschen, Hoheit!“ rief er fröhlich als er sich wieder gefasst hatte.
„Herrin…“ flüsterte Angelika immer noch geschockt.
„Nun, was muss ich tun damit das gültig wird?“ fragte ich ihn nun – ich wusste nur wenig von solchen Dingen, schließlich hatten sie mich noch nie selbst betroffen. Aber bei Alon hatte ich mitbekommen, dass solche Treueschwüre immer in Form einer Zeremonie abgehalten wurden – schließlich galt so ein Schwur für die Ewigkeit und konnte nicht mehr zurück genommen werden. Und die meisten Dämonen nahmen es damit auch sehr genau, wie ich bei Laures schon erlebt hatte – nur der Gedanke, den Schwur gegenüber seines Herrn zu brechen war schlimmer als sämtliche Qualen der Hölle.
„Nun, das ist einfach, meine Kaiserin…“ erklärte er. „Ihr müsste mich nur, nachdem ich meinen Schwur geleistet habe auf beiden Schultern mit eurem Schwert berühren und dabei sagen, dass ihr meinen Schwur akzeptiert.“
„Die Kaiserin hat gar kein Schwert!“ brachte Angelika nun vor, die wohl endlich ihre Fassung wiedergefunden hatte.
„Das macht nichts – irgendein Schwert tut es auch, sie muss es nur führen.“ entgegnete er gelassen während er wieder in dem Gesetzbuch blätterte und es dann auch sofort wieder schloss.
Nun, wenn es weiter nichts war – ich konnte mit einem Schwert umgehen, auch wenn das wohl die wenigstens wussten. Das waren Relikte einer Vergangenheit, die ich lieber vergessen hätte – schließlich habe ich den Schwertkampf erlernt, weil ich gegen Alon in den Krieg hatte ziehen wollen.
Bevor Angelika noch etwas sagen konnte antworte ich ihm: „Das ist kein Problem!“
Dann wand ich mich einem der Wachen neben der Haupttüre zu und sagte: „Gib mir dein Schwert!“
Einen kurzen Moment zögerte der Wachmann – der Gedanke, einer Frau seine Waffe zu reichen, auch – oder vielleicht gerade weil es sich dabei um seine Kaiserin handelte, war ihm offensichtlich zuwider. Aber dann schien ihm klar zu werden, dass es ihm nicht gut bekommen würde, diese Befehl zu verweigern und er kam schließlich heran um mir sein Schwert zu reichen.
Ich nahm es entgegen und Sei fiel vor mir auf die Knie und begann zu sprechen während er mir direkt in die Augen sah:
„Ich schwöre euch ewige Treue und Gehorsam. Ich werde euch folgen, wohin auch immer ihr geht und gehen, wohin auch immer ihr mich befielt. Ich werde euch schützen, auch wenn es mein Leben fordert und tun, was auch immer ihr wünscht. Ich werde euch ehren, wie es euch gebührt und jeden strafen, der euch Schmach zufügt. Mein Wille und mein Leben ist eure, meine Herrin.“
Ich zog das Schwert aus seiner Scheide und berührte mit der flachen Seite der Spitze kurz seine Schultern während ich sagte: „Ich akzeptiere.“
Angelika hatte den Ganzen in nun absoluter Fassungslosigkeit zugesehen – doch mir war das egal. Ich hatte jetzt einen Ritter – und mein Instinkt sagte mir, dass er mir noch wirklich nützlich werden würde, auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie nützlich.

10 Kommentare:

Seshat hat gesagt…

Erster! :D
*lautklatsch*
Wunderbarer Teil! Na da bin ich ja schon auf Sei's Motivation für den Schwur gespannt. Irgendeinen Grund muss es dafür ja geben! (Und wenns nur Laures ist! :D)

Chindalein, ich muss dich jetzt mal gaaaanz dolle loben für deine wunderschönen Geschichten! Ich hätte die dann gerne mal in der gedruckten Fassung, gell ;)

Chinda-chan hat gesagt…

Danke! :-)
Kommt noch, kommt noch - genau wie das, worauf sich Sei da eigentlich eingelassen hat. ;-D

*rot werd* Danke! *freuuuuu* ^//^
Ich auch - irgendwann werde ich sie sicher mal binden lassen, damit ich sie ins Regal stellen kann (da lese ich sie aber vorher noch ein paar mal Kontrolle). :-)
(Ein Buch zu veröffentlichen wäre ja auch mein Traum, aber ob ich das je hinbekomme? *träum*)

Seshat hat gesagt…

Na dann bleibt mir ja wohl mal wieder nix anderes übrig als geduldig zu warten :D


Bitte *knuddel*
Mein Angebot mit dem Kontrolle lesen steht noch :-)
Und wenn du sie dann binden lässt, lass für mich auch eins mitbinden :D

(Manchmal erfüllen sich Träume schneller als man denkt...)

Chinda-chan hat gesagt…

Sieht so aus. :-D

Mach ich - das Binden ist aber ziemlich teuer, ich sag's nur. :-D
(Ich hab mein DP-Projekt binden lassen müssen.)

Seshat hat gesagt…

Notfalls bind ichs mir selbst :D

Chinda-chan hat gesagt…

Kannst auch machen, dann schick ich dir dann die überarbeite Rohfassung. Nur nur hast du es dann nicht segniert vom Autor. :-D

Seshat hat gesagt…

Dann musst du halt vorne an die überarbeitete Rohfassung noch ein Signaturblättchen hinmachen! :-D

Chinda-chan hat gesagt…

Ja, aber wenn ich dir die dann online schicke...? *grübel*

Ich könnt dir nur die Seite mit der Signatur extra schicken. :-D

Anonym hat gesagt…

Huhu!
...und *freu*, dass der neue Teil draußen ist.
Ich hab mir übrigens meine rare Freizeit der letzten Tage damit vertrieben, "In die Finsternis" und "Aus der Finsternis" zu lesen. Jetzt bin ich wieder voll im Bilde und kann um so gespannter die neue Geschichte verfolgen. :-)


Der neue Teil ist super! *beifall*
Gespannt bin ich auch, welche Motivation Sei hat, der Keiserin seine Treue zu schwören. Das mach man ja auch nicht einfach so, weil man lange Weile hat und die anderen gerade unterwegs sind, nicht?
Freue mich auf die Fortsetzung!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Super, dass du dich so freust und er dir gefällt. :-)

Ne, Dämonen nehmen das sehr ernst, vor allem, weil sie bin in alle Ewigkeit dran gebunden sind... aber noch schweige ich, es wird sich alles klären, versprochen. ;-D