Mittwoch, 1. Juni 2011

3. Cruelty and Justice

Der Fahrtwind zerzauste ihren gelockten Pferdeschwanz während sich das Licht der Straßenlaternen in dem hellen, eisigen Blond spiegelte. Ihre Augen waren fest auf die Straße geheftet und alle ihre Sinne waren wach – sie genoss es, endlich wieder die Geschwindigkeit, die Aufregung zu spüren. Der Kampf hatte ihre Lebensgeister geweckt – sie wollte mehr, es hungerte sie direkt danach. Irgendwie war es seltsam, sie genoss es wirklich – den Kampf, dieses Massaker, das waren die Momente, in denen sie fühlte, wirklich am Leben zu sein und das, obwohl es ein Leben war, das sie sich nicht ausgesucht hatte. Sie war nicht, was sie sein wollte – sie war, was sie sein musste. Sie hatte keine andere Wahl gehabt… außer dem Tod.
Sie schüttelte innerlich den Kopf – das war nicht der Moment für nostalgische Gedanken, denn so einfach würde es nun auch nicht werden. Der Attentäter war nicht dumm gewesen, er hatte den Anhänger, der Nummer und Ort des Schließfaches verraten hätte, entfernt, was die Sache deutlich erschwerte. Es gab in dieser Großstadt zig Bahnhöfe und sogar zwei Flughäfen mit hunderten, teilweise sogar tausenden Schließfächern – und sie hatte weder Zeit noch Muse alle durchzuprobieren. Also musste sie einen anderen Weg finden und sie wusste schon genau, wer ihr dabei helfen würde.
Gerade war sie um eine Ecke in einem ärmeren Teil der City gebogen, schon legte sie eine galante Vollbremsung hin – jeder Fahrlehrer hätte bei ihrem Fahrstil einen Herzinfarkt bekommen, doch gab es nicht eine Sekunde, in der sie ihr Motorrad nicht unter Kontrolle hatte.
Sie stieg ab und ging eine wacklige Treppe hinauf und einen offen Gang entlang bis sie vor einem Apartment stand, dessen Türnummern schon vor langer Zeit herunter gebrochen sein mussten. Das ganze Haus sowie die Umgebung drum herum war total heruntergekommen: Lack war abgesplittert, das Geländer war an vielen Stellen verrostet und Schmutz bedeckte viele Stellen so stark, dass man auch dann die ursprüngliche Farbe nicht hätte bestimmen können, wenn die Sonne sie noch nicht total verbleicht hätte.
Kira störte sich dran aber nicht sonder klopfte an der Tür ohne ihre Umgebung eines Blickes zu würdigen. Dann trat wieder Stille ein, wenn man von dem Knarren eines Fensterladens im Wind mal absah - und den seltsamen Geräuschen, die von jenseits der Tür kamen.
Sie verdrehte die Augen genervt und dann, ohne Vorwarnung - trat sie mit einem harten Tritt die Tür ein und ging hinein. Vor ihr bot sich genau das Bild, was sie die Geräusche hatten vermuten lassen. Auf einem staubigen, abgewohnten Sofa, das genau wie der Rest der Wohnung perfekt in diese Gegend passte, saß ein Mann Mitte Vierzig mit fettigem, dunkelbraunem Haare. Er hatte ein Goldkettchen um den Hals und trug eine fleckige, angetragene beige Hose – oder besser gesagt, hätte er, im Moment hing sie ihm bei den Knien. Auf seiner Schoß saß ein junges Mädchen – wahrscheinlich Anfang Zwanzig mit zerzaustem, blonden Haar – ihre Kleidung lag irgendwo im Raum verstreut.
„Oh yeah, Baby!“ hatte der Mann gerade geschrien, als Kira unsanft seine Wohnungstür geöffnet hatte und nun starrten beide die Fremde an.
„You!“ zischte Kira und sah die Blondine an. „Leave!“
Diese musterte Kira für eine Sekunde und dann, ohne ein weiteres Wort sammelte sie schnell ihre Kleidung zusammen und war schon durch die angeschlagene Tür verschwunden.
„Kira!“ sagte der Mann, der eilig seine Hose hochgezogen hatte, grimmig. „What do you want? Do you know how much she had cost?“
“Well, Frank…” antwortete sie und sah sich in dem heruntergekommen Zimmer um. “If you have money for hookers you could search for a new apartment…”
“Pff.” Machte Frank verächtlich, verzog sein hässliches Gesicht dann aber zu einem hämischen Grinsen, das seine braunen Zähne entblößte. „But we could find an arrangement about that…”
Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen als er weiter sprach. „You can have her place…“
Mit einem Mal lag er am Boden, den Lauf von Kiras Pistole nur Millimeter von seinem Gesicht entfernt.
„Don’t even think about it you little, old worm…“ zischte sie ihn an, ihre Augen zu Schlitzen verengt.
„Hey, hey… claim down!“ stammelte er und versuchte weg zu robben. „I was only joking!“
Kira ließ ihn aufstehen und zog sich in ihre normale Pose zurück.
„Jesus… you really don’t have any sense of humor…” sagte er und nachdem er sich wieder halbwegs beruhigt hatte, setzte er nach: “So, what do you want anyway? I guess you didn’t come this way just to tease me, aren’t you?“
Ohne ein weiteres Wort holte Kira den Schlüssen hervor und warf ihn auf dem Tisch: “I need to know to which locker these key belongs!“
Frank seufzte und hob den Schlüssel auf um ihn näher zu betrachteten.
„Langson’s Road Rail Station.“ sagte er schließlich und sah dann zu Kira auf. „Give me five minutes and I can tell you the number too…“
Kira nickte nur leicht und schon war Frank durch eine Hintertür verschwunden - er mag ein widerwertiger Kerl gewesen sein, aber er verstand seinen Job. Das war auch der einzige Grund, warum Kira trotz seines unmöglichen Benehmens noch keine Kugel entkommen war – hatte er sich doch schon viel Schlimmeres geleistet als das gerade eben.
Als er wieder zurückkam hatte er ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. „367.“ sagte er schlicht.
Kira nahm den Schlüssel wieder entgegen und griff in ihre Tasche um ein Bündel Hundert-Dollar-Scheine herauszuholen und warf es auf dem Tisch. Kein schlechter Verdienst für 5 Minuten, aber Experten musste man sich warm halten. Und Frank war trotz allem sein Geld wert.
Kira drehte sich um und ging gerade durch die Tür, als Frank ihr schälmisch nachschrie: „And what‘s about the door…?“
Sie machte sich nicht einmal die Mühe sich zu ihm umzudrehen sondern sagte nur in einem leisen, aber absolut bedrohlichem Ton: „Don’t push it too far, my friend…“
Im nächsten Moment war sie schon in die Nacht verschwunden.

Blutrot. Eines musste sie der Natur lassen, sie hatte einen makaberen Sinn für Humor – anders hätte sie es nicht beschreiben können, als sie die Töne des Morgenrots betrachtete und die ersten Menschen die Halle des Bahnhofs betraten. Sie hatte sich einen versteckten Winkel hoch in den Balken des alten Hauptgebäudes gesucht und dort ausgeharrt. Es war perfekt – niemand konnte sie sehen, aber sie konnte alles sehen. Vor allem das Schließfach mit der Nummer 367. Sie hoffte, er würde sich nicht zu lange Zeit lassen – so wie sie ihren neuen Boss kannte würde er bald ungeduldig werden und womöglich zu früh vor die Öffentlichkeit treten. Aber noch schien alles gut zu laufen, selbst von ihrer hohen Position aus sah sie die Headlines der Morgenausgaben – „Youngest CEO in history is dead!“ und „Assassin murdered Seto Kaiba“ waren nur zwei davon. Auch die Leute unterhielten sich darüber – es war das Thema des Tages.
Unter den Leuten, die nun den Bahnhof betraten, fiel ihr plötzlich ein Mann besonders auf – eigentlich war nichts an ihm außergewöhnlich, denn er trug einen einfachen, grauen Trenchcoat und darunter einen schlichte, dunklen Anzug. Seine dunkelbraunen Haare waren ordentlich frisiert und er trug eine schlichte Brille und einen Aktenkoffer aus schwarzem Leider und goldenen Verschlüssen. Alles in allem also ein ganz normaler Büroangestellter, der wie so viele andere seiner Art morgens pflichtbewusst seinen Weg zur Arbeit suchte – wäre er nicht eine Spur zu nervös gewesen. Immer wieder schaute er sich möglichst unauffällig über die Schulter und seine Miene verriet tiefste Anspannung, als ob er Kiras Blick auf sich spüren würde.
Instinkt war einer ihrer stärksten Eigenschaften – ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie immer noch am Leben war. Egal, was auch passierte, ihm konnte sie immer trauen – auch jetzt ließ er sie nicht im Stich, denn sie sah, wie der Büroangestellte das Schließfach, auf das sie ein Auge geworfen hatte aufsperrte und seinen Aktenkoffer hineinstellte. Er schloss hastig wieder ab und machte sich auf dem schnellsten Weg zum Ausgang auf.
Kira verließ ihr Versteck und schlich unauffällig und leise wie eine Katze an den Deckenbalken entlang. Natürlich, sie hätte ihn auch gleich schnappen können, aber in der Halle waren schon zu viele Menschen als das sie dabei unentdeckt geblieben wäre. Sie schlüpfte durch ein Dachfenster und hangelte sich leise an einer Seitenwand hinunter ohne ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu verlieren – und dann war ihr Moment gekommen: Er ging gerade hastig an einer Seitenstraße vorbei, als Kira ihn mit einem Mal packte und in diese hineinzerrte. Sie hielt ihm den Mund mit einer Hand zu und mit der anderem eine ihrer Pistolen an den Kopf.
„One word and you’re dead!“ flüsterte sie ihm bedrohlich ins Ohr während sie ihn immer tiefer in die verlassene Gasse zog. Schließlich waren sie am Ende selbiger angekommen und sie warf ihn gegen eine der Wände, wo er herunterrutschte und mit einem panischen Blick Kira ansah.
„Who are you working for?“ fragte sie ihn direkt und starrte ihm eiskalt in die Augen.
„I… I… don’t know what you mean… if you want money…“ stammelte der Mann.
Kira kam ihm einen bedrohlichen Schritt näher. „Who instruct you to hire an assassin to kill Seto Kaiba?” Sie hielt ihm die Waffe direkt vor sein Gesicht. „I warn you – I won’t ask a third time!“
Der Mann sah sie entsetzt an und schluckte, bevor er erneut zu stammeln begann. “I don’t know… he wanted to stay anonymous… I only meet a messenger in a warehouse and I could see his face… please, I needed the money… my wife, she is sick… please!“
Mit seinen flehenden Worten lief ihm eine Träne über die Wange und sein Blick sank zu Boden, aber Kira zeigte sich davon unbeeindruckt. Ein paar Sekunden verstrichen bevor sie schließlich ihre Waffe wegsteckte. Der Mann sah sie hoffnungsvoll an, aber sein Blick versteinerte, als sie nach einem ihrer Kampfmesser griff, die sie in ihren Stiefeln versteckt hatte.
„Well…“ sagte sie mit einem sadistischen Grinsen auf ihren Lippen. „We’ll see if you told the truth…“

Zügig ging sie die Gänge der Villa entlang, sie musste es sich wirklich verkneifen nicht auf irgendwas einzuschlagen. Ihre Laune war auf dem Tiefpunkt – sie mochte es nicht, wenn etwas nicht nach Plan verlief. Nun, wer mochte das schon? Aber in diesem Fall war es besonders ärgerlich. Der Mann hatte tatsächlich die Wahrheit gesagt, er hatte keine Ahnung gehabt, wer ihn beauftragt hatte – hätte er es gewusst, dann hätte er, nachdem, was sie mit ihm getan hatte, sicher redetet.
Ihr Gegner war also noch gerissener – oder auch vorsichtiger – als sie befürchtet hatte. Nicht nur, dass die ganze Mühe umsonst gewesen war und ihr Boss sich wohl einen herablassenden Kommentar nicht verkneifen würde, nein, ihr Widersacher war von nun an wahrscheinlich auch noch vorsichtiger, sobald er herausfand, dass nicht nur sein Mittelsmann verschwunden sonder Seto Kaiba auch noch am Leben war. Und was am schlimmsten war: Sie musste es noch länger hier aushalten.
„Kirara-san?“ hörte sie plötzlich eine schüchterne Stimme hinter sich und drehte sich ruckartig um, was ihrem Gegenüber zusammen zucken ließ. Im nächsten Moment riss sie sich aber zusammen, denn es handelte sich dabei um einen ungefähr 15 Jahre alten Jungen, mit längerem, wilden schwarzen Haaren – der kleine Bruder ihres Bosses, Mokuba Kaiba.
Sie zog eine Augenbraue hoch, auch wenn das hinter der Sonnenbrille, die sie wie immer trug, kaum zu erkennen war. „What do you want?“ fragte sie ihn, aber die Worte kamen mild aus ihrem Mund – sie konnte nicht so grob zu einem Kind sein, erst recht nicht, wenn er sie so schüchtern ansah.
„I…“ stotterte er. „I want to thank you…“ sagte er.
“Thank me?” antwortete sie perplex. Mit allem hätte sie gerechnet, aber nicht damit. „Why?“
„You saved my brother’s life.“ sagte er nun etwas bestimmter.
Eine Sekunde der Stille verging und dann fing Kira an zu lachen – so gelacht hatte sie schon lange nicht mehr.
Mokuba schien brüskiert darüber und fragte dann eingeschnappt: „What is so funny?“
„Well…“ antwortete sie schließlich – immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen, der Junge hatte ihre Laune eindeutig gehoben. „I just did my job…“
“I know!” sagte er. “But still, my brother is the only family I have left and he means everything to me – so I’m grateful!”
Sie schüttelte amüsiert den Kopf. Sie fragte sich wirklich, wie jemand wie ihr Boss so einen süßen kleinen Bruder haben konnte, die zwei waren wie Tag und Nacht.
„He is my only family…“ setzte er noch nach. “Would you be thankful if someone would save your family?”
Mit einem Mal kippte die Stimmung und Kira fuhr ihn eiskalt an: “I have no family!”
Dann drehte sie sich um ruckartig um und stapfte davon. Sie wusste, dass es unfair gewesen war, ihn so anzufahren. Er hatte nicht ahnen können, dass er an der Büchse der Pandora gerüttelt hatte – aber trotzdem musste sie all ihre Selbstdisziplin aufbringen müssen um ihn nicht anzuschreien. Schließlich gelangte sie zu ihrem Zimmer und ließ sich augenblicklich auf ihrem Bett fallen und seufzte. Die Wut war dem Schmerz gewichen. Wie lange war es schon her? Würde es jemals aufhören sie zu verfolgen? Nein, diese Hoffnung hatte sie nicht. Als sie langsam in ihren Schlaf glitt wusste sie, dass sie all das, Nacht für Nacht, in ihren Träumen wieder sehen würde – bis zu dem Tag, der ihr letzter war.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Meine Güte, Spannung bis ins Unermessliche! Du weißt echt, wie Du Deine Leser auf die Folter spannst!
Hut ab und weiter so!

Ich bin übrigens gespannt (neben den Punkten, wer der Auftraggeber für den Beinahe-Mord war und was in Kiras Vergangenheit passiert ist), was aus dem kleinen Bruder wird. Ob der noch was in petto hat. *spekulier*
Aber das werde ich ja sicher in den nächsten Folgen erfahren. :-)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ja, das habe ich langsam perfektioniert. :-D

Ich verrate wie immer nichts, aber ich verspreche, am Schluß wird alles klar werden. :-D