Dienstag, 1. Februar 2011

22. Das finstere Schloss

Hope trippelte unruhig unter mir und ich konnte ihn wirklich verstehen. Die Atmosphäre ließ einem das Blut in den Adern gefrieren und ich wunderte mich, dass er nach alle dem, was er schon hinter sich hatte, immer noch zu mir hielt. Ich hatte ihn, nachdem ich aus dem geheimen Versteck hervorgekommen war, im Wald gefunden – oder besser gesagt: Es hatte mich gefunden.
Ich wollte mich gerade – eben um mir ein Pferd für die Reise zu besorgen - in die nächste Stadt aufmachen, als er mir entgegen getrippelt kam – er hatte sie während des Überfalls wohl los reißen können - und tief in die Augen sah. Wahrlich, er war ein treuer Freund.
Und nun standen wir am Rand des Abhangs und ich blickte auf das kesselhafte Tal vor mir. Lava riss den Boden vor mir immer wieder entzwei und hätte das nicht schon genügt um alles Lebende und Sterbliche von hier zu vertreiben, dann hätten die schemenhaften Gestalten dazwischen sicher den Rest bewältigt. In der Mitte des Tals war eine tiefe Schlucht, in der die Lava sich sammelte und das Gebäude, das in ihrer Mitte von einem gigantischen Felsen getragen wurde und nur durch eine Brücke mit dem Festland verbunden war, gespenstisch erleuchtete. Bei diesem Gebäude handelte es sich um Yasha – Alons Schloss.
Um so näher wir diesem verfluchtem Ort gekommen waren umso dunkler war auch die Welt um uns herum geworden - bis selbst die Mitte des Tages der finstersten Nacht glich – einer Nacht ohne Mond und nur erleuchtet durch die pulsierenden Adern der Lava und unerklärliches Leuchten in den gespenstischen, kahlen Wäldern um das Tal herum.
„Hab keine Furcht! Meine Macht wird uns schützen!“ hörte ich Vyliss in meinem Kopf und nickte als Antwort.
Es hatte sich gegen die grauenhaften Kreaturen, denen wir auf unserer Reise hierher begegnet waren, als äußerst hilfreich erwiesen – keiner dieser Monster oder Dämonen hatte mehr als einen Hieb standgehalte – und trotzdem, mir war ganz und gar nicht wohl bei der Sache, aber der Durst nach Rache war immer noch stärker als alle Vernunft.
Außerdem beschlich mich ein immer stärker werdendes Déjà-vu – auch wenn ich mir sicher war, einen so furchtbaren Ort noch nie zuvor gesehen zu haben, so wurde ich das Gefühl nicht los, dass hier schon einmal gestanden hatte – in genau derselben Situation. War es möglich, dass dies wieder eine ihrer Erinnerungen war? Aber war sie nicht seine Geliebte gewesen? Wieso hätte sie dann gegen ihn in die Krieg ziehen sollen? Oder hatte sie letzten Endes doch noch Vernunft angenommen? Und was ich bis jetzt nicht wusste: Wie war sie eigentlich gestorben? Alon hatte sich diesbezüglich sehr bedeckt gehalten…
Ich schüttelte den Kopf – dies war nicht der Zeitpunkt sich darüber Gedanken zu machen! Das war Vergangenheit – was sollte mich interessieren, was vor 2000 Jahren geschah? Der Staub der Zeit war längst über diese Ereignisse gefallen und das Einzige, was zählte war das Hier und Jetzt!
Aber das bereitete mir auch Probleme, denn was ich bei meiner Reise nicht bedacht hatte, war wie ich in diese Burg hinein kommen sollte – ich konnte ja nicht einfach zum Tor marschieren und anklopfen.
Aber offensichtlich meinte es das Schicksal gut mit mir, denn im selben Moment sah ich im Augenwinkel wie sich eine Karawane aus Soldaten und beladenen Wägen vom Umland her dem Tal näherte und sofort schmiedete ich einen Plan: Ich würde mich in einem der Wägen verstecken und so in die Burg gelangen.
Ich zögerte nicht lange und sprang von Hopes Rücken – noch einmal drehte ich mich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen als ich sprach: „Danke, mein Freund! Danke für Alles!“
Dann nahm ich ihm sein Geschirr und den Sattel ab.
„Du bist nun frei… lauf jetzt! Und viel Glück!“
Ohne abzuwarten, ob er tat was ich ihm gesagt hatte, rannte ich zu Karawane - und noch einmal hatte ich Glück, den diese hielt am oberen Rand des Tals an um sich auf den letzten Teil ihrer beschwerlichen Reise vorzubereiten.
Ich zog meine schwarzen Umhang und die dazugehörende Kapuze enger und schlich mich leise an einen der Wägen heran. Es war einfacher als gedacht – sie wurde nur schlecht bewacht. Verständlich, wenn man bedachte, dass wohl kaum ein Räuber so wahnsinnig wäre, sich so nahe an dieses verdammte Schloss zu wagen.
Schnell kletterte ich in den Wagen, der mit lauter Kisten beladen war, hinein und schlüpfte unter die Abdeckplane, wo ich mich möglichst klein in eine Ecke kauerte. Nach einiger Zeit merkte ich, wie sich der Wagen in Bewegung setzte – mein Plan hatte funktioniert - zumindest einmal so weit.
Nach einer unbestimmten Zeit blieben wir wieder stehen, allerdings nur ganz kurz – ich hörte ein paar Männer etwas schreien und dann ging die Reise weiter. Was mich aber irritierte war, dass sich das Geräusch der Räder verändert hatte, bis ich begriff, dass wir uns auf der Brücke befanden. Ich hatte es geschafft – wir waren da!
Erneut blieb der Wagen stehen und mir war klar, dass wir nun unser Ziel erreicht hatten. Langsam krabbelte ich aus meinem Versteck hervor und lugte aus der Plane hervor. Und wieder wurde mir mein Glück bewusst, denn ich hatte zufällig einen der letzten Wägen ausgewählt und die Männer hatten erst einmal begonnen, die ersten zu entladen.
Vorsichtig kletterte ich aus dem Wagen und war über die Dunkelheit, die hier herrschte plötzlich sehr froh, denn ohne sie wäre es mir wohl nicht gelungen unbemerkt über den Burghof und an den Wachen vorbei zu kommen.
Aber was nun? Ich war zwar in dem Schloss – doch es war noch riesiger als es von außen aussah.
Wie soll ich Alon finden?
Ich schlich mir am Rande der inneren Mauer entlang und versuchte mir ein Bild vom Schloss zu machen, als ich plötzlich ein reichlich verziertes Gebäude sah – und es auf unerklärliche Weise plötzlich mein ganzes Interesse beanspruchte.
Die Frage, wie ich Alon finden sollte, verschwand plötzlich in den hintersten Teil meines Bewusstseins und wich jener, was dort wohl verborgen war.
Ohne mir weiter über meinen seltsamen Sinneswandel Gedanken zu machen schlich ich zu eben jedem Gebäude und schlüpfte durch die – seltsamerweise unbewachte – Tür hinein.
Im Inneren war das Gebäude hell erleuchtet und führte etwas nach unten und durch einen langen, majestätischen Gang in einen riesigen, noch prunkvolleren Saal – der mir von allen den edlen Verzierungen, den Juwelen, Gold und Marmor fast die Augen schmerzen lies.
Aber das außergewöhnlichste Stück befand sich genau in der Mitte des Raumes auf einem Sockel, der durch drei Stufen zu erreichen war: Ein Himmelbett, das selbst eine Göttin vor Neid hätte erblassen lassen. Nicht einmal in meiner kühnsten Fantasie hätte ich mir so etwas vorstellen können.
Alle Vorsicht vergessend begab ich mich zu jenem Bett und schob behutsam den Schleier zur Seite - nur um im nächsten Moment vor Schock zur Salzsäule zu erstarren.
Die Frau, die in Mitten kostbarster Blumen da in der Mitte des Bettes lag… war ich... nein, sie!
Die Gedanken schwirrten mir wie Bienen durch den Kopf. Wie konnte das sein? War sie nicht vor 2000 Jahren gestorben? Wie konnte sie dann hier liegen und… schlafen?
Ich streckte vorsichtig und langsam meine Hand nach ihr aus und berührte die ihre. Sie war eiskalt und ich hätte meine Hand vor Schreck sofort wieder zurückgezogen, hätte sich nicht etwas anderes meines Körpers bemächtigt: eine Vision.
Die, die ich davor genossen hatte, waren wie ein Staubkorn im Vergleich zu dem, was nun über mich hinein brach. Ein ganzes Leben – ihrmeinunser Leben – flog vor meinem inneren Auge vorbei: Wie ich als Kind unter der Kälte meines Vaters, dem König, gelitten hatte, der nicht verkraftet hatte, dass seine Frau bei der Geburt seines einzigen Kindes – noch dazu eines Mädchens, das seinen Namen nicht forttragen konnte – starb, wie mich die Zwänge am Hof fast erdrückten, wie dieses Leben ein grausames Ende fand, wie ich aus meiner Heimat fortgerissen wurde, wie ich mich trotz allem in Alon verliebt hatte, wie er mich betrogen hatte, wie ich starb und schließlich wieder erweckt wurde, wie ich von Rache getrieben gegen ihn in die Schlacht zog und schließlich herausfand das ich wieder nur benutzt wurde, wie ich mich Alon opferte, wie er meine Seele rettete – und wie all das nichts an meiner Liebe zu ihm geändert hatte.
Als die Vision schließlich endete fand ich mich auf meinen Knien wieder und keuchte heftig – und ich wusste, dass ich von nun an nie wieder dieselbe sein würde: Ich war nicht mehr Aya… ich war nun beide, sowohl Esmeralda, die gefallene Prinzessin als auch Ayashi, das gejagte Bauernmädchen.
Wir waren wieder eins – wie die zwei Hälften einer zerbrochen Schale, die sich wieder zusammengefügt hatten, so hatten sich auch unsere Erinnerungen, unsere Gefühle, unser Ich wieder zusammengefügt zu einem Ganzen.
Sie war nicht mehr die Fremde in mir, von der andere mehr wussten als ich selbst, die ich nicht verstanden hatte - sie war jetzt ein Teil von mir, nein – sie war immer schon ein Teil von mir gewesen. Diese Zuneigung, die ich zu Alon empfunden hatte und mir nie erklären konnte waren nichts anderes als ihre… meine Gefühle gewesen, die ich nicht mehr verleugnen konnte.
„Erinnerst du dich nun wieder?“ hörte ich eine Stimme hinter mir und sprang auf im Umdrehen um am Ende des Ganges Alon zu entdecken, der mich mitfühlend ansah.
Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch um mich zu sammeln – dann sah ich ihn mit festem Blick an und sagte: „Ja!“
Bevor er jedoch etwas antworten konnte zog ich Vyliss und fügte noch hinzu: „Aber trotz allem kann ich dir nicht vergeben, was du getan hast…“
Auch wenn ich wusste, dass es mir das Herz brechen würde, ihn zu töten – allein der Gedanke schnürte mir Luft ab - so wusste ich doch, dass der ganze Wahnsinn ein Ende finden musste – eines, das nur ich herbeiführen konnte.
Dies war keine Rache mehr – nein, es war Erlösung - für die unschuldigen Menschen, die unter ihm gelitten hatten und es noch würden, wenn ich es nicht verhinderte. Für mich gab es keine Rettung mehr – ich war schon lange verdammt gewesen. Schon bevor ich wieder in diese Welt trat – und nun würde ich sie gemeinsam mit ihm wieder verlassen – ich würde ihm in den Tod folgen, denn ich wusste, dass ich ohne ihn auch nicht weiter leben konnte. Nicht mehr.
Er erwiderte meinen Blick ebenso fest wie ich ihn angeblickt hatte und ließ so keinen Zweifel an seinen Worten aufkommen: „Wenn mein Tod immer noch dein Wunsch ist, dann soll es so sein – aber nicht mit diesem Schwert!“ sagte er während seinen Blick von mir zu meinem Schwert wanderte.
„Wieso…?“ fragte ich erstaunt – einerseits, weil er seinen Tod so leichtfertig akzeptierte und zum anderen, dass er sich dabei gerade an Vyliss störte.
„Du hast keine Ahnung was du da in Händen hältst, oder?“ fragte er scharf.
„Hör nicht auf ihn… er will sich nur herauswinden – töte ihn einfach!“ hörte ich plötzlich Vyliss in meine Gedanken eindringen, das sich zuvor gespenstisch still verhalten hatte.
„Wenn es sein Ziel, was, wenn ich mich nicht ganz täusche – mein Tod ist, erreicht hat, dann wird es deine Seele verschlingen, so wie es das schon einmal getan hat!“ setzte Alon fort.
„Meine Seele…?“ flüsterte ich erstaunt.
„Lügen!“ hörte ich Vyliss in meinen Gedanken schreien.
„Du bist für es nur ein Mittel zum Zweck – Rache für seinen toten Meister! Den ich erschlagen habe um deine Seele der Hölle zu entreißen!“ setzte Alon fort. „Es war das Schwert des Höllenfürsten Kantos! Das Schwert, mit dem er dich getötet hatte – dein eigenes Blut klebte an dieser Klinge!“
„Lügen! Nichts als Lügen! Töte ihn – deswegen sind wir hierhergekommen! Willst du ihn nach alle dem ungestraft davonkommen lassen?!“ brüllte die Stimme des Schwertes in meinem Kopf.
Dann griff Alon nach seinem eigenen Schwert.
„Siehst du? Er will dich nur mit seinen Lügen täuschen! Schnell, bevor…“ hörte ich Vyliss wieder.
Doch Alon zog sein Schwert nicht sonder löste es von seinem Gürtel und hielt mir schließlich Griff hin.
„Wenn du mich töten willst, dann töte mich mit meinem eigenen Schwert – es besitzt genug Macht, dass auch ein Mensch damit einen Dämon töten kann… aber es wird deine Seele verschonen. Und es wird dich heil wieder hier heraus bringen...!“
Ich starrte das Schwert vor mir fassungslos an und auch Vyliss war verstummt. Nach allem war Alon immer noch gewillt sich für mich zu opfern – er wollte nicht, dass ich starb, selbst wenn er es tat. So wie damals, als er sich von mir töten lassen wollte, damit ich Kantos Rache entkam.
Dann schloss ich meine Augen und lies Vyliss fallen, was es mit einem wütendem Schrei, der umso mehr es sich von mir entfernte, immer leiser wurde und schließlich erlosch, als es scheppernd am Boden auftraf, kommentierte.
Dann öffnete ich meine Augen wieder und sah Alon an, der mir immer noch mit festem Blick sein Schwert hin hielt – leicht schüttelte ich den Kopf und Tränen rannen mir über die Wangen.
Im nächsten Moment stürzte ich in Alons Arme, der vor Verwunderung sein Schwert fallen ließ, das ebenfalls geräuschvoll am Boden landete.
„Alon…“ schluchzte ich und fühlte, wie er mir zärtlich über den Rücken strich. „Ich… ich…“
„Ist schon gut...“ sagte er sanft. „…es ist in Ordnung… alles ist in Ordnung.“
Ich weiß nicht, wie lange wir da so saßen, aber eines wusste ich: In Wirklichkeit hatte ich nie eine Wahl besessen – so sehr ich mich auch dagegen gesträubt hatte, wie sehr ich auch mit aller Vernunft dagegen gekämpft hatte: Meine Liebe zu Alon war immer stärker gewesen als alles Andere.

10 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ui sehr schön!
Sogar mit Happy End!

Mein Kompliment liebe Chinda! Ich verneige mich vor dieser Meisterleistung! *verbeug*

(Jetzt fehlt nur noch das Konfetti *gg*)

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke! :-)

Keine Angst, du kriegst deine Konfetti schon noch. *lol*

Anonym hat gesagt…

Na dann bin ich ja froh und beruhigt! :D

Lg, Philyra

Anonym hat gesagt…

Liebe Chinda!
WOW, jetzt ist es geschafft!
Und so ein schönes Ende!
Super, einfach nur SUUUUUUUPER!

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke! :-))))

Es gibt aber noch einen Epilog! ;-)

Anonym hat gesagt…

Ja, den Epilog hab ich noch auf der Rechnung. :-D
Auf den bin ich natürlich auch noch gespannt!

*grübel*
Kommt das alternative Konfetti-Ende eigentlich noch vor oder nach dem Epilog? :-D

LG Papyra

bigs hat gesagt…

ach wie schön *seufz* endlich wieder vereint :-)
heute habe ich die drei letzten folgen zusammen gelesen.
wirklich ein genuss!

echt ein super toller roman, kann mich auch nur verneigen.

liebe grüsse

Chinda-chan hat gesagt…

bigs - Danke! :-)

Papyra - Der Epilog sollte am 1. März kommen - wenn alles planmäßig verläuft zusammen mit dem Prolog zur neuen Story. ;-)
Für Konfetti hab ich die Deadline ja am 28. - und ja, ich liebe den Druck. :-D
Konfetti wird aber wohl nur bei den BJs veröffentlicht. ;-)

Anonym hat gesagt…

Ja, hier würde das mit dem Konfetti wohl kaum jemand verstehen. :-D
Super, danke für die Termine. (Aber bitte mach Dir deswegen keinen Stress!)

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

:-D

Na, das sollte sich schon ausgehen... :-D