Freitag, 24. Dezember 2010

20. Die entscheidende Schlacht

Fest umschloss ich den Schwergriff mit meiner Hand – auf diesen Augenblick hatte ich so lange gewartet. Die entscheidende Schlacht stand bevor – danach würde nichts mehr so sein, wie es vorher war, dessen war ich mir sicher. Viele von uns würden nicht zurückkehren und trotzdem konnte es keiner von uns abwarten, sich in die Schlacht zu stürzen. Zu groß war unser Schmerz, als dass die Angst um unser eigenes Leben schwerer wiegen konnte als der Durst nach Rache.
Bert stand auf der Spitze des Hügels direkt vor uns – er hatte das Kommando über unsere Truppe übernommen, war er doch unser Vize-Anführer, Hedriks Stellvertreter. Dieser hatte die Leitung über die andere Front übernommen und wartete unten am Rand des Waldes auf den richtigen Augenblick.
Ich fragte mich, was Hedrik wohl sagen würde, wenn er erfuhr, dass ich hier war – er hatte es schließlich verboten – er hielt es für zu gefährlich, aber Bert hatte mich – nachdem ich lange genug auf ihn eingeredet hatte – trotzdem mitgenommen. Bert war ohnehin nicht damit einverstanden gewesen, mich da zu lassen, denn er wusste, was für eine gute Kriegerin ich geworden war und das wir jeden Mann – in meinem Fall zwar mehr Frau, aber durchaus eines Mannes würdig – brauchten. Doch ich schob den Gedanken beiseite – es gab jetzt wichtigeres, auf das ich mich konzentrieren musste.
Schon vor ein paar Wochen, bevor noch der Frühling ins Land Einzug gehalten hatten, hatten wir durch einen mutigen Spion erfahren, dass Alon hier mit ein paar Männer aufmarschieren wollte um eine kleine Stadt zurechtzuweisen, die ihre - unglaublich hohen - Steuern nicht zahlen wollten.
Eine Gelegenheit, die wir uns nicht entgehen lassen konnten – normalerweise schickte er für so etwas einen seiner Diener – dass er selbst sich für so etwas die Hände schmutzig machte, war selten. Sie mussten ihn wohl sehr erzürnt haben…
Dann sah ich sie – auf dem Weg unter uns tauchten plötzlich ein paar schwarze Gestalten auf Pferden auf – eine Hand voll, viel weniger als wir. Ich hörte die Männer um mich leise, aber freudig lachen – ich jedoch war nicht so zuversichtlich. Wenn sie es mit einer ganzen Stadt aufnehmen konnten, dann würden sie nicht so leicht zu besiegen sein… und auch Bert schien dieser Ansicht zu sein.
„Nicht übermütig werden… die Schlacht ist noch nicht geschlagen!“ rief er in die Runde – gerade laut genug, das wir ihn alle hören konnten.
Dann wand er sich wieder dem Versteck der anderen Front zu und wartete auf das Signal – das sogleich kam. Diese schwenkten die Signalfahne und stürzte sich dann auf Alon und seine Leute, als auch Bert uns den Befehl zum Angriff gab.
Daraufhin stürmten wir zu beiden Seiten des Hügels den Weg hinunter um uns in die bereits tobende Schlacht zu stürzen. Bert und ich sollten recht behalten – Alons Männer waren stärker als sie aussahen. Sie hielten mühelos mehrere von uns in Schacht – aber auch wir schafften es, uns gut zu verteidigen. Niemand brauchte direkt meine Hilfe – deswegen hielt ich nach dem eigentlichen Grund unseres Angriffs Ausschau: Alon.
Ich drängte mich zwischen den Kämpfenden durch und wich geschickt dem einen oder anderen Seitenhieb aus – ich hatte wirklich viel von Bert gelernt. Doch solange ich auch suchte, ich konnte ihn nicht entdecken. Verzweiflung kam langsam in mir auf – was war, wenn wir uns geirrt hatten und Alon gar nicht hier war?
Doch dann entdeckte ich eine vertraute Silhouette am Rande des Schlachtfeldes – weit genug weg, dass die beschäftigten Kämpfer sie nicht bemerkten, aber nicht weit genug, dass ich sie nicht gesehen hätte. Oder besser gesagt: Ihn. Alon.
Voller Adrenalin schlug ich mich in seine Richtung – er sah mich nicht, da er offensichtlich gerade einen anderen Teil der Schlacht beobachtete… bis ich direkt vor ihm stand.
„Alon!“ rief ich. Die Schlacht tobte zu laut, als das mich irgendjemand anderes gehört haben konnte, aber er tat es und wand sich direkt in meine Richtung. Was mich jedoch verwunderte, war die Ruhe und Gelassenheit, die er dabei ausstrahlte. Er schien nicht im Geringsten besorgt oder gar überrascht.
„Esmeralda…“ sagte er mit einem weichen, aber doch bedrohlichen Ton in seiner Stimme, während er mich mit einem seltsamen Blick musterte.
„Ayalia!“ korrigierte ich ihn – ich war nicht diese Prinzessin, die ihr Land verraten hatte. Ich würde meine Leute niemals verraten und mich ihm hingeben – darauf konnte er bis in alle Ewigkeit warten!
„Wie auch immer…“ sagte er „Namen sind nur Schall und Rauch, das was zählt… ist eine Seele.“
„Pff.“ machte ich verächtlich – ich würde mich durch seine Worte nicht noch einmal einlullen lassen.
Er schüttelte den Kopf und sprach mit mir wie mit ein alter, weißer Mann mit einem kleinen Kind, mit dem man Geduld haben musste.
„Du willst die Wahrheit also immer noch nicht sehen? Obwohl du die Verachtung deines eigenen Volkes gespürt hast…?“
„Woher…?“ fragte ich, aber weiter kam ich nicht. Ein lauter Knall vom Schlachtfeld unterbrach mich, als einer von Alons Gefolgsleuten einen Zauber beschwor.
„Das ist nicht der richtige Ort für ein Gespräch…“ fuhr Alon schließlich fort und als ich mich ihm wieder zu wendete, merkte ich, dass ihm diese Schlacht wohl nicht weiter interessierte – er hatte mich nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen.
Doch ich lies mich nicht verunsichern und zog mein Schwert.
„Ganz recht – ich bin auch nicht zum Reden gekommen.“ rief ich und stürmte auf ihn zu.
Dann lies ich mein Schwert auf ihn niedersausen… das er lässig mit einer Hand abfing.
„Esmeralda…“ sagte er während er belustigt und zugleich enttäuscht den Kopf schüttelte.
„Lernst du denn nichts dazu?“ fragte er mich, als er mir in die Augen sah. „Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du mich mit solch einer Waffe nicht verletzen kannst…“
„…du wirst dich noch einmal dabei verletzen.“ setzte er tadelnd fort – mit einem Blick, als würde ihm der Gedanke dran Schmerzen bereiten.
„Was interessiert es euch ob ich mich verletze?“ fuhr ich ihn an und versuchte vergeblich mein Schwert aus seinem Griff zu befreien.
„Hast du denn erneut alles vergessen?“ fragte er schließlich und ein wenig seiner Ruhe schien von ihm abzufallen.
„Ich könnte dich niemals verletzen...“ Mit diesen Wörtern strich er mir mit seiner freien Hand sanft über das Gesicht.
Ich drehte den Kopf weg – um seine Hand und seinen durchdringenden Blick abzuschütteln.
„Ich habe nichts vergessen!“ schrie ich ihn an, als ich ihm wieder wutverzerrt ansah. „Auch nicht, was ihr mit meinem Dorf gemacht habt und das ihr mir eine grausame Strafe angedroht habt…!“
„Das stimmt... doch ich habe niemals behauptet, diese Strafe würde dir physische Schmerzen zufügen… es gibt andere Wege, dich zu bestrafen…“ sagte er schließlich mit einem finsteren Lächeln auf den Lippen.
Plötzlich hörte ich eine vertraute Stimme durch den Kampflärm meinen Namen schreien.
„Aya!“
Hedrik stürmte auf uns zu, aber er kam nicht weit – bevor er noch sein Schwert heben konnte, wurde er von einem unsichtbaren Wall zurückgeworfen. Alon hatte ihm nur einen kurzen Blick zugeworfen, beachtete ihn aber dann nicht weiter und beugte sich zu mir.
Ich hörte Hedrik erneut meinen Namen schreien.
„Aya! NEIN!“
Doch Alon ignorierte ihn weiter, drückte mir sanft das Schwert aus der Hand, nachdem seine Hand an der Klinge entlang bis zum Griff geglitten war – ohne nur einen Kratzer davon getragen zu haben.
Dann schloss er seine Hand um meine beiden Handgelenke, die gerade noch mein Zweihandschwert, das nun scheppert zu Boden gefallen war, gehalten hatten und zog mich zu sich heran.
Mit der anderen Hand hob er mein Kinn und sah mir tief in die Augen – erneut mit einem leichten Anflug eines finsteren Lächelns. Ich war viel zu gebannt von dem, was gerade geschah, dass ich nicht einmal dran dachte, mich zu wehren, als er mich schließlich küsste. Ich spürte wie sein Umhang uns umwehte und es kam mir vor, als wäre der Wind ganz plötzlich aufgekommen.
Und dann hörte ich sie – die schrecklichsten Schreie, die meine Ohren jemals vernommen hatten. Sie schnitten sich in mein Herz wie Dornenpflöcke und ich wollte mich nur noch losreißen um mir die Ohren zuzuhalten, damit ich sie nicht eine Sekunde länger hören musste, doch Alon lies nicht von mir ab und küsste mich unbeeindruckt weiter.
Schließlich schaffte ich es, dass ich aus dem Augenwinkel die Quelle dieser Schreie vernahm – und wünschte, ich hätte mich einfach diesem Kuss hingegeben. Um nicht in aller Welt hätte ich das sehen wollen – doch was einmal gesehen wurde, dass kann nicht mehr ungesehen werden. Und doch wünschte ich, es gebe einen Weg, diese schrecklichen Bilder aus meinem Kopf zu verbannen – selbst die qualvollen Schreie waren nur ein fahler Beigeschmack ihres Auslösers. Und nichts, was ich je gesehen hatten – nicht die toten Frauen und Kinder, ja selbst mein dahin gemeuchelten Dorf war nicht im Vergleich zu dem, was gerade geschah.
Hedriks Männer – die für mich inzwischen so etwas wie eine Familie geworden waren… schmolzen. Ganz langsam schmolzen ihnen zuerst die Haut und dann das Fleisch von den Knochen, bis nur noch ihre Gebeine übrig blieben und als bleiche Knochen zu Boden fielen. Sie griffen sich reflexartig ins Gesicht, das sich aufzulösen begann und wanden sich vor Schmerzen, während sie eben jene furchtbaren Schreie ausstießen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen.
Der Anblick hatte mich so paralysiert, dass ich gar nicht bemerkte, wie sie schließlich alle zu stummen Knochenhaufen zusammengesunken waren und Alon mich schließlich los gelassen hatte – erst seine Worte holten mich zurück in die Wirklichkeit: „Wie ich schon sagte… es gibt andere Wege, dich zu bestrafen… wärst du brav mit mir gekommen, dann hättest du das hier niemals erleben müssen…“
Ich drehte mich reflexartig Alon zu, der mich finster anlächelte.
„Du…“ setze ich voller Wut und Schmerz an.
„A… aya.“ hörte ich schließlich eine Stimme nicht weit von mir und drehte mich überrascht um. Ich sah Hedrik, wie er geschockt auf dem Boden saß und mich ansah. Ich starrte zurück und verstand die Welt nicht mehr.
Wieso hat er Hedrik verschont?
„Du bist wirklich ein Narr. Ein Narr und ein Pechvogel. “ hörte ich Alon neben mir sagen – doch seine Worte waren nicht an mich gerichtet, denn er sah Hedrik an.
„Dich in die Frau zu verlieben, die für mich bestimmt ist! Also ob du ihrer je würdig sein könntest… pah!“ fuhr Alon fort.
Verliebt? Hedrik… in mich?
Nun, wenn ich wirklich ehrlich war, so hatte ich es schon die ganze Zeit geahnt… nur ich wollte es nicht wahr haben. Denn was Alon sagte, war falsch – nicht Hedrik war es, der meiner nicht würdig war – sondern umgekehrt. Trotz allem, was er für mich getan hatte, konnte ich ihn nicht lieben… nicht als Mann. Ich wusste nicht wieso – wäre die Welt, wie sie sein sollte, dann hätte ich es müssen. Doch ich tat es einfach nicht, so sehr ich es mir auch gewünscht hatte…
„Wie auch immer… niemand begehrt mein Weib und kommt mit einem so schnellen, sauberen Tod davon. Du wirst leiden!“ fuhr Alon schließlich fort und hatte sein magisch leuchtendes Schwert gezogen, mit dem er auf Hedrik deute.
„NEIN!“ schrie ich und packte Alons Schwertarm. „Nein! Bitte nicht! Ich… ich tue auch alles, was du von mir verlangst. Ich komme mit dir nach Yasha und werde deine Gemahlin, wenn du das möchtest. Aber bitte – verschone sein Leben!“
Tränen schossen mir aus den Augen und versperrten mir die Sicht, trotzdem hielt ich Alons Arm, der sich selbst durch mein Gewicht nicht einen Millimeter bewegte, weiter umklammert. Niemand durfte mehr wegen mir leiden – schon gar nicht Hedrik, der so viel für mich geopfert hatte!
Er senkte schließlich den Arm und beugte sich mir zu um mir ein paar Tränen aus dem Gesicht zu wischen.
„Esmeralda, Liebste…“ begann er sanft. „Deine Einsicht erfreut mich, aber ich denke, du missverstehst die Situation…“
Ich starrte ihn verständnislos an.
„Der Grund, wieso ich diesen… Mann so sehr hasse, ist, weil er wagt, dich begehrt…“ fuhr Alon fort. „Wenn ich nun noch sehen muss, wie wichtig er dir ist, dann macht seine Situation nicht besser…“ Dann wand er sich Hedrik zu und seine Stimme wurde mit einem Mal eisig und er funkelte ihn böse an. „…im Gegenteil, es schürt meinen Hass noch viel mehr!“
Ich machte reflexartig ein paar Schritte zurück, als mir voller Schrecken bewusst wurde, das jeglicher Schmerz, denn Hedrik nun erleiden würde, meine Schuld war und es nichts gab, dass ich daran ändern konnte. All das war meine Schuld!
Dann fing ich Hedriks Blick auf – kein Blick voller Angst über die bevorstehenden Qualen, sondern ein fester und entschlossener Blick.
„Lauf!“ rief er schließlich und starrte mir noch für eine halbe Sekunde fest in die Augen. Dann drehte ich mich um und stürzte in den Wald, während mir erneut die Tränen über die Wangen liefen.
Selbst in seiner letzten Stunden dachte Hedrik noch als Erstes an mich… und trotz allem… ich konnte ihn noch immer nicht lieben…

7 Kommentare:

Eava hat gesagt…

Super und spannend erzählt, ich freu mich schon auf den nächsten Teil!

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Den wird aber erst im neuen Jahr geben. ;-)

Anonym hat gesagt…

Wow!
Super gut - aber irgendwie merkwürdig...
Na, mal sehen, was 2011 so bringen wird, was Hedrik, Alon und Aya so angeht. :-)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Wieso merkwürdig? o.o

Anonym hat gesagt…

Hm, ja, merkwürdig, weil ich es so nicht erwartet habe, wie es jetzt weitergeht.
Aber wann tue ich das schon? :-D
Nee, wohl eher merkwürdig, weil ich mir sonst was vorstellen kann, wie es weitergehen könnte - und dieses Mal eher nicht.
Da liegt die Merkwürdigkeit eher in mir als in der Geschichte.
Naja, blablabla.
Ich bin gespannt auf die Fortsetzung. Wie immer! :-)

LG Papyra

Vielleicht fehlte mir auch das Konfetti. *lach*
Sorry, Insiderwitz. *g*

Chinda-chan hat gesagt…

:-D

Naja, ich will ja eigentlich gar nicht, dass ihr ahnt, wies weiter geht... dann bräucht ich's ja net schreiben. ^^"

Anonym hat gesagt…

Super spannend! Aber das ists ja immer bei dir :D

Ja, hier fehlt eindeutig Konfetti *lol*

So und jetzt zum nächsten Teil *freu* :D

Lg,
Philyra