Mittwoch, 10. November 2010

18. Die unerwartete Rettung

Wie lange? Wie lange irrte ich schon durch diese Wälder? Ich wusste es nicht – langsam hatte ich das Gefühl, als gäbe es gar nichts anderes. Als wären all die Erinnerungen an die Zeit, bevor ich in den Wald gekommen war, nur reine Fantasie – entsprungen aus meinem hoffnungslosem Wunsch, das außer dieser grünen Hölle noch etwas anderes existierte.
Ich fragte mich, was es noch für einen Sinn hatte, dagegen anzukämpfen – wieso ich mich meiner Erschöpfung nicht preis gab und diese verdammte Welt hinter mir lies. Was hatte ich noch, für das es sich zu leben lohnte?
Nichts – man hatte mir alles genommen. Meine einzige Freundin, meine Familie, mein Dorf, mein Leben, meine Zukunft. Niemand wartete auf mich – keiner würde mich vermissen, wenn ich hier starb.
Und dennoch konnte ich nicht aufgeben – ich musste weiter. Solange noch Luft durch meine ausgezerrten Lungen strömte, würde ich versuchen, einen Weg aus diesem Irrgarten aus Zweigen und Blättern zu finden.
Ich wollte hier nicht sterben. Nicht so sinnlos – nach allem, was ich durchgestanden hatte, wollte ich nicht hier vergessen werden. Es musste doch einen Weg geben, oder?
Also schleppte ich mich weiter – von Hunger und Durst geplagt und von verzweifeltem Überlebenswillen getrieben. Meine Sinne waren vernebelt von Erschöpfung, aber ich wagte es nicht zu rasten. Wer wusste schon, ob ich dann je wieder aufwachen würde, wenn ich jetzt einschlief?
Plötzlich stolperte ich über eine aus dem Boden stehende Wurzel und rollte den Abhang, der vor mir lag, hinunter. Mein ohnehin schon gebeulter Körper bekam also noch mehr blaue Flecken und Schrammen und Zweige rissen an meinem Haar.
Unten angekommen blieb ich einfach liegen – ich hatte einfach nicht mehr die Kraft aufzustehen. Selbst mein Überlebenswille schien verschwunden zu sein – ich wollte nur noch schlafen. Nichts, als schlafen.
Doch selbst in diesem Zustand fiel mir etwas auf – die Tatsache, dass sich der Untergrund, auf dem ich mich nun befand, von dem Waldboden unterschied. Er war noch deutlich rauer und härter… als würde ich auf lauter Kieselsteinen liegen. Ich wollte die Augen öffnen um mich zu vergewissern, aber meine Lider gehorchten mir einfach nicht mehr.
Und dann hörte ich ein Geräusch – ein seltsames Klopfen, das mir irgendwie vertraut vorkam, das ich jedoch nicht einordnen konnte. Zuerst war es ganz leise und dann wurde es immer lauter und lauter - bis ich das Gefühl hatte, es überrollte mich.
Dann kamen auch Stimmen hinzu, aber ich konnte nicht einordnen, ob sie fröhlich oder erbost, männlich oder weiblich waren – dazu fehlte mir einfach die Kraft. Und ich spürte, wie ich trotz dieses Lärms in einen unendlichen Schlaf abzugleiten drohte – egal wie fest ich mich auch an das Hier und Jetzt klammerte.
Doch plötzlich wurde ich aus meinem Halbschlaf gerissen, als ich spürte wie mich jemand schüttelte.
„A… Aya!“ hörte ich eine Stimme gedämpft durch mein vernebeltes Bewusstsein hallen – jemand rief nach mir.
Mit aller Kraft versuchte ich mich zurück an die Oberfläche zu kämpfen und schlug schließlich die wirklich die Augen auf. Die Sonne blendete mich grell und ich schloss sie reflexartig wieder.
„Aya!“ hörte ich die Stimme wieder und nun konnte ich sie deutlicher wahrnehmen – es war eine männliche Stimme. Und nun tauchte auch die Frage in meinem Kopf auf, woher sie – oder besser gesagt er – meinen Namen kannte.
Aber meine Lippen waren nicht im Stande, eine Frage zu formulieren – vielleicht hatte ich meiner Zeit im Wald das Sprechen auch einfach verlernt.
Also versuchte ich noch einmal die Augen aufzumachen und dieses Mal befand sich eine Gestalt zwischen mir zu der Sonne. Langsam lichtete sich der Nebel um meinen Blick und ich erkannte, dass eine Scharr Männer um mich herum standen – und einer von ihnen hielt mich in den Armen.
Seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, schien er sehr besorgt zu sein – zuerst verstand ich nicht wieso… bis ich ihn erkannte.
„He… Hedrik?“ wisperte ich ganz leise – zu mehr war ich nicht fähig.
„Aya! Dem Himmel sei Dank, du lebst… ich war so in Sorge um dich!“
„Was…? Wie…?“ waren die einzigen Wörter, die ich herausbrachte, aber es genügte – er verstand mich.
Ein paar Sekunden vergingen, bis er zu Reden begann und ich hatte fast den Eindruck, als wäre er verlegen gewesen – aber ich traute meinen Sinnen im Moment ohnehin nicht.
„Die… die Tatsache, dass du alleine unterwegs warst, hat mir einfach keine Ruhe gelassen… also bin ich dir gefolgt um mich zu vergewissern, dass dir nichts passiert ist…“ sagte er, während er mich hoch hob und irgendwohin trug.
„…und dann habe ich Hope und dein Lager gefunden – aber von dir keine Spur! Ich habe mich dafür verflucht, dass ich dich ganz ohne Schutz habe ziehen lassen und befürchtete schon das Schlimmste!“ fuhr er fort und ich konnte die Qual und Verzweiflung in seiner Stimme hören – meine Augen waren längst schon wieder zugefallen.
„Als ich aber den toten Wolfrum fand, klammerte ich mich an die Hoffnung, dass du es geschafft hattest und machte mich auf dem Weg zu deinem Dorf…“
Seine Stimme brach in bei seinen letzen Worten und ich wusste woran er dachte – die verwüsteten Häuser, die verstümmelten Toten, all das Blut…
„… als ich dich dort nicht fand…“ – seine Stimme nahm bei diesen Worten einen erleichterten Ton an – „…machte ich mich erneut auf die Suche nach dir und so fand ich dich nun hier.“ beendete er seine Erklärung.
„Hmm…“ war das Einzige, was ich ihm als Antwort geben konnte – zu mehr war ich einfach nicht im Stande – egal, wie sehr ich ihm sagen wollte, wie dankbar ich ihm war und wie leid es mir tat, wie viel Kummer und Ärger ich ihm bereitet hatte.
Dennoch, es war gut, dass er nicht mit mir gekommen war – Alon hätte ihn bestimmt getötet. Wobei… vielleicht wäre ich Alon dann auch nie begegnet? Wären dann vielleicht auch meine Eltern noch am Leben? Wäre dann das alles nicht passiert?
Ich wusste es nicht und ich konnte es auch nicht mehr ändern. Außerdem war ich viel zu müde mir weiter Gedanken darüber zu machen.
Plötzlich spürte ich, wie Hedrik mich auf etwas Weiches legte und mich sanft zudeckte.
„Hmm…?“ murrte ich wieder – dieses Mal in einem überraschten Ton.
„Du kannst dich jetzt ausruhen…“ erklärte er liebevoll. „Ich bring dich an einem sicheren Ort – dir wird nichts mehr geschehen, das verspreche ich dir.“ sagte er feierlich.
„Hmm.“ gab ich ihm als Antwort und bevor ich nun endgültig ins Reich der Träume glitt, spürte ich, wie wir uns in Bewegung setzten – wohin wusste ich nicht, aber das war mir egal, solange ich nur diesen verdammten Wald für immer hinter mir lies.

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schön wie immer meine liebe Chinda :D

Und wie jedes Mal wieder verdammt spannend :D ;)

Freu mich schon auf den nächsten Teil ;)

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Das dürfte dich inzwischen ja nicht mehr überraschen, oder? *lol*

Anonym hat gesagt…

Ich kann mich Philyra nur anschließen.
*große Runde Beifall für einen weiteren super geschriebenen Teil*

Tolle Fortsetzung und mal wieder eine unerwartete Wende - wenn ich auch Hedrik irgendwie immer noch im Hinterkopf hatte...

Wie immer: Bin gespannt, wie es weiter geht. :-D

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-D

Tja, ich hülle mich wie immer in Schweigen.

Anonym hat gesagt…

Harhar, hüll Du Dich ruhig im Schweigen!
Ich kann warten - eines Tages wirst Du ja doch den nächsten Teil hier reinstellen - und dann werde ICH ihn LESEN!
Muahahahahaha!

Hihi, kleiner Scherz zum Wochenende.

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Das hoffe ich doch, dass er dann gelesen wird. *lol*