Montag, 11. Oktober 2010

17. Die vergessenen Ruinen

Ruckartig schlug ich meine Augen auf und sah das grüne Blätterdach über mir – obwohl es so spät im Jahr war, war es immer noch sehr dicht.
Wo bin ich? Wo ist Light?
Mit einem Mal brachen die Erinnerung der vergangenen Nacht wieder über mich hinein und mir wurde schlecht. Mein Dorf war vernichtet worden!
Tränen flossen sofort aus meinen ohnehin schon brennenden – und höchstwahrscheinlich auch total roten – Augen. Ich hatte alles verloren und war irgendwo im verbotenen Wald… und noch dazu war ich eingeschlafen! Ich wusste, ich hätte nicht rasten sollen!
Nun, mir jetzt darüber Gedanken zu machen brachte nichts – zumindest hatten mich Alons Soldaten offensichtlich nicht gefunden. Wenigsten irgendetwas Gutes – etwas, an das ich mich klammern konnte.
Ich stand ruckartig auf und wäre um ein Haar wieder umgefallen. Es drehte sich alles und jeder Knochen und jeder Muskel meinen Körpers machte sich schmerzhaft bemerkbar.
Erst jetzt fiel mir erst auf, welchen Hunger ich eigentlich hatte und wie erschöpft ich von dieser Nacht war. Aber es half nichts – ich musste weiter. Auch wenn ich nicht wusste wohin – sämtliche Orientierung war mir abhanden gekommen und unter tags sah es hier auch ganz anders aus als in der Nacht davor.
Nicht, dass ich mich in der Nacht besser ausgekannt hätte – aber trotzdem, das Einzige, was ich wusste, war, dass ich mich viel zu tief im verbotenen Wald befand. Das war nicht viel, aber zumindest etwas.
Ich sah mich um und die Verzweiflung streckte ihre eiskalten Finger nach mir aus, als ich bemerkte, dass alles gleich aussah. Ich konnte nicht einmal die Himmelsrichtung bestimmen, da die Sonne hinter dem Blätterdach verborgen war. Ich konnte mir noch nicht mal sicher sein, ob es Vormittag oder Nachmittag war. Wie lange hatte ich geschlafen?
Doch dann erkannte ich, dass in weiter Ferne ein bisschen mehr Licht durch den Wald brach – das musste eine Lichtung sein. Da ich nicht viele Alternativen hatte, beschloss ich mich dorthin zu begeben.
Vorsichtig bewegte ich mich durch das Unterholz, denn ich erinnerte mich mit Schrecken an die Gruselgeschichten von furchtbaren Monstern, die hier hausen sollten. Früher hatte ich sie nicht geglaubt – nun, da hatte ich auch nicht die Geschichten geglaubt, die besagten, Alon wäre ein Dämon… zumindest letzteres wusste ich nun besser – also war ich lieber vorsichtig.
Langsam kam ich der Lichtung näher und als ich die letzten Farnwedel aus dem Weg schob und auf die Lichtung trat wurde mir bewusst, dass es gar keine Lichtung war – nein, es war das Ende des Waldes.
Vor mir erstreckte sich eine riesige Wiese voll wild wachsendem Gras – und dahinter, nun, da hörte die Welt auf.
Zumindest kam es mir so vor bis ich entdeckte, dass da Wasser war – mehr Wasser, als ich es je in meinem Leben gesehen hatte. Ein unendlicher See, der bis zum Horizont reichte und dessen anderes Ufer nicht zu sehen war.
Und wieder fielen mir alte Geschichten ein – sie sagten unsere Welt wäre in Wirklichkeit eine riesige Insel umgeben von unendlichem Wasser… dem Meer. Nun, es schien so, also wäre mehr dieser alten Märchen war, als ich je geahnt hätte.
Ich schritt hinaus auf die Wiese und ging geradeaus auf das Meer zu – bis ich an einem Strand landete. Also ging ich diesem entlang - bis mir Gebäude in die Augen fielen!
Wer lebt an solch einem Ort?
Aber dieser Gedanke war zweitrangig – ich hatte andere Menschen gefunden! Eine Hoffnung auf eine warme Stube und Essen! Das trieb mich an, so dass ich immer schneller ging und schließlich rannte.
Aber umso näher ich kam, umso seltsamer kamen mir die Gebäude vor und schließlich blieb ich stehen und fiel verzweifelt auf die Knie.
Ruinen!
An die meisten Häuser erinnerten nur noch ein paar steinerne Umrisse und viele waren unter Schlingpflanzen und anderem Gewächs begraben. Es sah aus, als wären hier schon seit Jahrhunderten keine Menschen mehr gewesen und meine Hoffnung löste sich in Luft auf.
Plötzlich sah ich, dass sich hoch über dem, was wohl einmal eine Stadt gewesen war, eine Klippe mit einer weiteren Ruine aufragte. Meine Chance dort Menschen zu finden hielt ich für ebenso gering – aber zumindest würde ich von dort einen guten Überblick haben und vielleicht so ein Dorf entdecken.
Also ließ ich die ehemalige Stadt hinter mir und stieg zu der anderen Ruine hinauf – der Weg war steil, aber breit genug, dass ich keine Angst haben musste, abzustürzen. Als ich näher kam fiel mir auf, dass die große Ruine wohl eine Burg gewesen sein musste – ja, das machte Sinn. Eine ehemals große Stadt und eine Burg, die drüber thronte. Und wieder vielen mir alte Geschichten ein – die davon erzählten, dass es vor langer Zeit einmal viele, kleine Reiche gegeben hatte - bis Alon sie einte.
Nun, ich konnte mir vorstellen, wie dieses ‚einte‘ vor sich gegangen war – blutig und äußerst brutal.
Endlich stand ich vor den Toren der ehemaligen Burg und blickte hinein… und ein seltsames Gefühl überkam mich. Es war so… also ob ich diesen Ort kannte!
Ich schüttelte diesen unsinnigen Gedanken ab und ging hinein – die Tür war schon längst verrottet und verrostet, also stellte sie kein Problem da. Mein Blick fiel auf die Burgmauer und sofort entdeckte ich die steinerne Treppe, die hinauf führte.
Ich wollte mich gerade in ihre Richtung begeben als ein furchtbarer Schmerz wie ein Blitz in meinen Kopf fuhr – und mit ihm Bilder. Viele Bilder.
Ein kleines Mädchen, dass so aussah, wie ich es als Kind tat – nur mit dem Unterschied, dass sie feine Kleider trug – lief aufgeregt durch den Burghof bevor sie eine ältere, mollige Frau zurück rief und mit ihr schimpfte.
Dasselbe Mädchen – ein wenig älter – das wie eine Lady über den Burghof schritt und vor dem sich die Soldaten verneigten.
Und schließlich sah ich sie, wie sie so alt war wie ich und heimlich aus dem Burgtor schlich.

So schnell der Schmerz gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Benommen stand ich auf – ich bemerkte erst jetzt, dass ich vor Schmerz in die Knie gegangen war.
Was war das gewesen? Plötzlich fiel mir wieder ein, was Alon mir erzählt hatte…
„In deinem vorigem Leben warst du eine Prinzessin eines kleinen Reichs, das sich an der Nordküste befand...“
War das am Ende wahr? Waren das Erinnerungen aus meinem letzten Leben? Konnte das wirklich sein? War dann am Ende… alles wahr, was er mir erzählt hatte? Nein, das konnte nicht sein! Nie hätte ich einen Dämon wie ihn lieben können… oder doch?
Plötzlich hörte ich ein seltsames Geräusch… es hörte sich zuerst an wie das, für einen solchen Ort nicht verwunderliche, Pfeifen des Windes. Aber als es lauter wurde, wurde mir bewusst, dass es eine Stimme war… nur sehr, sehr leise und undeutlich. Aber es war eine Stimme.
Sie ließ mir das Blut in den Adern gefrieren so unheimlich hörte sie sich an, aber ich riss mich zusammen. Vielleicht war dies meine einzige Chance andere Menschen zu finden – oder vielleicht sogar jemand, der mir sagen konnte, was es mit diesem Ort hier auf sich hatte. Also folgte ich der Stimme in das Innere der Ruine.
Ich ging durch uralte Gänge voller Spinnweben und auch hier hatte die Natur sich ihren Anteil gesichert – ein paar Mal wäre ich um ein Haar über irgendeine Ranke gestolpert.
Schließlich kam ich in einen großen Saal – zumindest muss dieser Ort dem Aussehen nach einmal so etwas gewesen sein – jetzt jedoch fehlten ihm das Dach und ein großer Teil der Wände.
Die Stimme endete hier, doch ich sah niemand – also versuchte ich angestrengt zu lauschen, was sie flüsterte und schloss sogar die Augen, damit ich mich besser konzentrieren konnte.
„Prin… Prinzessin…“ flüsterte sie traurig.
Ist es also wirklich wahr?!
Entsetzt riss ich die Augen auf und stolperte im selben Moment nach hinten und fiel hin.
Dieselbe mollige Frau, die ich in meiner Vision gesehen hatte schwebte nun halb durchsichtig vor mir und funkelte mich mit abgrundtiefem Hass an.
„Verräterin!“ heulte sie so laut, dass ich mir reflexartig die Ohren zuhielt und das Gefühl hatte, die ganze Burg würde wackelte – dennoch erkannte ich, dass es dieselbe Stimme war, die mich hierher gelockt hatte.
Voller Entsetzen sah ich wie immer mehr Geister auftauchten – Ritter, Edelleute… ein ganzer Hofstaat,
„Ihr habt uns verraten!“ heulten sie in ihrem gespenstigen Chor. „Unserem Schlächter habt ihr euch hingegeben!“
Unfähig mich zu bewegen sah ich dem Treiben zu und wieder huschten Bilder durch meinen Kopf – wie die Stadt und die Burg brannten - wie einer nach dem anderen abgeschlachtet wurde von Alons Männern und zerrissen von Drachen, die in der von Feuer erhellten Nacht durch die Lüfte glitten.
Plötzlich kamen die Geister auf mich zu und ich fing mich endlich wieder. Ich sprang auf und rannte – so schnell ich nur konnte. Ich hetzte durch die Gänge der Ruine hinaus auf den Burghof und dann durch das Tor. Ich wagte es nicht mich umzudrehen, um mich zu vergewissern ob sich mir folgten – ich wollte es auch gar nicht wissen.
Dann floh ich über die Wiese und blieb erst stehen, als ich die Grenzen des Waldes weit hinter mir gelassen hatte – nichts, was mich hier erwartete konnte so schlimm sein wie die rachsüchtigen Geister der verlassen Burg!
Was hatte ich nur getan?!

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schöne Wendung der Dinge! Wieder einmal wunderschön geschrieben, liebe Chinda! *knuddel*

Und nun bleibt mir wie immer nichts anderes übrig, als geduldig auf den nächsten Teil zu warten *seufz*

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Freut mich, dass er dir gefallen hat. :-)

Der nächste Teil kommt voraussichtlich irgendwann im November. ^^"

Anonym hat gesagt…

Die Geschichte in diese Richtung zu lenken, ist echt ein prima Kunstgriff - da muss ich Philyra beipflichten.
Der Teil hat mir auch wieder super gefallen. *beifall*
Und wieder erhebt sich die bange Frage: Wie wird das wohl weitergehen???
(Ich tippe mal dadrauf, dass sie Alon irgendwie zur Rede stellt... Na, mal sehen. :-D)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Tja, ich verrate nichts. ;-)

Anonym hat gesagt…

Du bist gemein, Chinda! ;) :D

Lg, Philyra

Edit: halki ist ein sehr sinnvolles Sicherheitsabfrage-Wort... *augenroll*

Chinda-chan hat gesagt…

Ich bin eine finstere Göttin, ich darf das. =D