Montag, 13. September 2010

16. Die ungewisse Dunkelheit

Endlich schaffte ich es, meinen Blick vom dem grausamen Szenario abzuwenden. Meinen Entschluss hatte ich gefasst, aber wie einfach – oder eher schwer – würde es werden, diesen auch durch zu halten?
Ich drehte mich von dem Dorf weg und kroch am Boden in den Wald zurück. Es war so dunkel, dass ich nicht einmal meine eigene Hand vor Augen richtig erkennen konnte. Wieso musste ich auch das Pech haben, dass gerade heute Neumond war?
Aber vielleicht war es auch ein Vorteil, denn wenn ich weniger sah – so hoffte ich, dass auch Alons Schergen weniger sehen würden. Aber gleichzeitig stellte sich mir auch eine ganz andere Frage: Wo wollte ich eigentlich hin?
„...du hast keinen Ort mehr, an dem du zurückkehren könntest!“
Es schmerzte so sehr – ich war ganz alleine auf dieser Welt. Und ich verstand endlich wie Hedrik sich gefühlt haben musste, nachdem er alles verloren hatte...
Hedrik!
Nie hätte ich gedacht, dass ich sein Angebot je in Erwägung ziehen würde, aber nun war es die einzige Alternative, die ich hatte. Ich fühlte mich schlecht bei dem Gedanken, ihn so zu missbrauchen nach allem, was er für mich getan hatte – aber für Gewissensbisse war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.
Plötzlich hört ich vor mir eine Geräusch und hielt abrupt inne. Ich kniff meine Augen zusammen, damit ich irgendwas erkennen konnte. Und tatsächlich – nur ein paar Meter vor mir befanden sich einige von Alons Soldaten. Wäre ich aus dem Busch, der mir Deckung gegeben hatte, hervor gekrochen, wäre ich direkt in sie hin ein gelaufen! Naja, eher gekrabbelt, aber das machte nicht den Unterschied...
Aber das war es nicht, was mich wirklich mit Angst erfüllte. Nein, es war die Tatsache, dass sie praktisch lautlos durch das Unterholz zu schweben schienen – und genau wussten, wohin sie steigen mussten. In mir breitete sich die schreckliche Gewissheit aus, dass sie wohl mit weit besseren Sinnen ausgestattet waren als ich.
Dämonen!
Natürlich – ich hätte es von Anfang an wissen müssen. Wer sonst könnte einfach so kaltblütig ein ganzes Dorf auslöschen? Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus. Sollte ich mich vielleicht doch stellen? Ich konnte es als einfacher Mensch doch unmöglich mit Dämonen aufnehmen...
Nein!
Nach allem, was er getan hatte, konnte ich mich ihn unmöglich ergeben. Ich würde bis zum Letztem Widerstand leisten – wenn es sein musste, auch mit meinem Leben. Lieber ein schneller Tod als ein langes Leben an der Seite dieses Monsters. Allein der Gedanke dran drehte mir den Magen um.
Ich wartete geduldig bis die Gruppe vor mir weiter zog und hoffte, dass sie nicht auf die Idee kommen würden in die Richtung meines Busches zu kommen. Doch ich hatte Glück – sie nahmen alle einen anderen Weg.
Alle – bis auf einen! Er wollte schon mit den anderen weiter ziehen, doch dann drehte er sich in Richtung meines Verstecks und kam direkt auf mich zu. Mein Herz klopfte so laut wie ein Uhrturm und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Ich betete, dass er mein ersticktes Keuchen nicht hören würde und drückte mich an die Erde – in der Hoffnung, von ihr verschluckt zu werden. Er starrte ein paar Sekunden in den Busch – bis er sich umdrehte und seiner Gruppe folgte und ich erleichtert aufatmete.
Ich blieb noch einige Zeit in meinem Versteck, bevor ich mich herauswagte. Ich schlich so leise und vorsichtig wie möglich weiter – auch wenn meine wachsende Panik mich immer wieder zu mehr Geschwindigkeit antreiben wollte.
Mit jeder Sekunde, die verging und ich das Dorf noch nicht weit hinter mir gelassen hatte, stieg die Wahrscheinlichkeit meiner Entdeckung. Und nicht nur das, ich hatte keine Ahnung, wie weit Alons Leute verstreut waren oder wie viele es waren. Womöglich war ich schon längst eingekreist...
Nein! Ein solch negatives Denken hilft dir nicht!
Außerdem, ich hatte noch ein schwierigeres Problem: Wie sollte ich mich in dem stockfinsterem Wald orientieren? Man hatte schon bei Tag Probleme damit, weil er so dicht war. Immer wurde gesagt, man darf nie zu tief hinein gehen – da man sonst nie wieder herausfindet.
Doch genau das war meine einzige Chance – meine Verfolger im dichten Wald abzuschütteln. Würde ich versuchen so nah am Dorf aus dem Wald heraus zu kommen, würde ich direkt in ihre Arme laufen. Nun, besser für immer im Wald verschollen als Alons Gefangene.
Plötzlich hörte ich über mir ein Geräusch und zuckte reflexartig zusammen. Doch im nächsten Moment wurde mir bewusst, dass es nur eine Eule war und ich schlich weiter. Immer und immer weiter.
Noch ein paar Mal traf ich auf Alons Schergen, doch jedes Mal konnte ich mich rechtzeitig verstecken. Doch die Begegnungen wurden immer seltener, bis ich sie gar nicht mehr antraf – dennoch gestatte ich mir nicht, mich in Sicherheit zu wiegen. Wer wusste schon, ob sie nicht noch in der Nähe waren?
Also schlich ich weiter – immer gerade aus, in der Hoffnung, irgendwann aus diesem Wald heraus zu kommen. Ich hatte längst das Gefühl für Raum und Zeit verloren – es kam mir vor als wäre ich schon ewig durch diese bedrohliche Dunkelheit gewandert. Als hätte es nie etwas anderes gegeben und würde auch nie etwas anderes geben.
Mein ganzer Körper schmerzte und ich konnte vor Müdigkeit kaum mehr die Augen offen halten, doch ich durfte mir nicht erlauben zu schlafen. Nicht, bis ich in sicherer Entfernung zu Alon war. Nicht, bevor ich aus diesem Wald draußen war. Nie mehr.
Doch meine Beine wollten einfach nicht mehr – ich musste eine kurze Rast machen, also setze ich mich leise in die Deckung eines großen, alten Baumes und fragte mich, wie ich nur in diesem Alptraum geraten war.
Wieso ich?
Tränen liefen über meine Wange – zum ersten Mal, seitdem ich von der Vernichtung meines Dorfes erfahren hatte. Ich konnte mich einfach nicht mehr zusammenreißen – es war einfach zu schrecklich.
Obwohl ich wusste, dass ich es mir nicht erlauben konnte zu weinen – man könnte mein Schluchzen hören – tat ich es trotzdem.
Ich richtete mein Gesicht gegen Himmel – oder besser gesagt dorthin, wo ich den Himmel hinter dem Blätterdach und all der Schwärze vermutete und lies meinem Kummer freien Lauf.
Ob ihr wohl dort oben seid?
Wo auch immer sie sich befanden – ich hoffte, dass sie glücklich waren und ihren Frieden fanden. Das sie es besser hatten als ich hier unten – mitten in der endlosen, kalten Dunkelheit.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Spannend wie immer :D

Ich bin ja echt schon neugierig wie sich da alles "auflöst" :D

Lg,
Philyra

Anonym hat gesagt…

Oh, Mann, das ist ja deprimierend! v.v
Ich sag es ja - Deine "Schreibe" wird immer besser, ich hatte wirklich das Gefühl, mit Aya durch den Wald zu kriechen.
Weiter so! Große Runde Beifall!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Freut mich, dass der Teil euch gefallen hat. :-)

bigs hat gesagt…

ich hab schon entgegen gefiebert!
das macht spass die geschichte zu verfolgen...trippel...
lg

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Eava hat gesagt…

Toll geschrieben und richtig spannende! Hoffentlich gehts bald weiter :)

Chinda-chan hat gesagt…

Ich werde schauen, dass es zumindest einmal im Monat einen neuen Teil gibt, aber ich bin ziemlich im Stress in nächster Zeit - ich kann's also net versprechen. :-(