Mittwoch, 18. August 2010

15. Die furchtbare Wahrheit

Ich hatte wirklich ein Glück gehabt. Als ich hinter dem Dorf wieder aus dem Wald und auf dem Pfad kam, sah ich eine Weggabelung – eine beschilderte Weggabelung. Aber das war noch nicht einmal das Beste – nein, das Beste war: Eine von ihnen wies den Weg nach Sozia. Ich brauchte also nichts anderes tun, als diesem Pfad zu folgen und ich würde auch ohne Karte nach Hause finden.
Ich hatte vor Erleichterung tatsächlich geweint – ich würde wieder nach Hause kommen. Bald, bald würde ich meine Eltern und mein Dorf wieder sehen. Ich freute mich auf jeden Einzelnen von ihnen – selbst auf die alte Emma, die immer an mir herum meckerte. Erst jetzt, wo ich meinem Zuhause wieder so nah war, wurde mir bewusst, wie sehr ich es vermisst hatte.
Light, meine weiße Stutte trabte langsam bergauf – wir hatten Sozia bereits hinter uns gelassen. Ich hatte Gott sei Dank noch genug der Karte im Kopf gehabt, so dass ich wusste, wo die Abzweigung um Sozia herum direkt zu dem Pfad zu meinem Dorf, sich befand.
Der Abend dämmerte bereits und ich freute mich drauf, nach all dieser Zeit endlich wieder in meinem Bett schlafen zu können. Obwohl mir noch die schwerste aller Aufgaben – Sophis Eltern Bericht die furchtbare Wahrheit zu berichten – bevorstand, so erfüllte mich die Aussicht auf Heim und Bett mit Freude und Frieden.
Langsam kamen bekannte Orte in Sichtweite – ein kleiner Schrein zu Ehren der Waldgeister, an denen man zu Lichtgeist beten kam um die Waldgeister milde zu stimmen und ein kleiner Brunnen, der dem Vieh auf längeren Wegen Wasser spendete.
Ich lächelte voller Wehmut, als ich mich erinnerte, wie oft ich hier mit Sophi gespielt hatte, aber ich unterdrückte die Tränen und versuchte an meine Eltern zu denken. Es würde ihnen alles nur schwieriger machen, wenn ich sie weinend begrüßen würde. Zum Weinen hatte ich später mehr als genug Zeit.
Plötzlich lief mir ein eiskalter Schauer dem Rücken hinunter und es kam mir vor, als würde mir ein eiskalter Hauch unter die Haut kriechen. Ich befand mich sehr nah am Dorf und normalerweise würde es um diese Zeit dort sehr geschäftig zugehen – selbst um diese Jahreszeit, denn es konnte unmöglich schon alle Vorbereitungen für den Winter abgeschlossen sein und der erste Schnee war inzwischen auch wieder geschmolzen – es herrschten also perfekte Bedingungen. Doch auf meinem ganzen Weg hatte ich niemand getroffen und es war sehr still. Zu still. Totenstill.
Und mit einem Mal traf mich die Erkenntnis mit einer Wucht wie ein Felsbrocken.
„...es war ein Leichtes, den Rest aus ihr heraus zu bekommen – unter Folter reden sie alle...“
Alon hatte von Sophi alles erfahren, was er wissen wollte! Davon abgesehen, wussten seine Leute sicher, aus welchem Dorf sie Sophi verschleppt hatten! Wahrscheinlich hatte er hier sogar als Erstes nach mir gesucht, als er davon überzeugt war, ich sei diese wiedergeborene Prinzessin – aber vor allem würde er wissen, dass ich hier her kommen würde. Wo sollte ich denn sonst hin, wenn nicht nach Hause?
Wäre ich nicht auf meinem Pferd gesessen, ich wäre zusammen gebrochen. All meine Hoffnungen verwandelten sich in Asche und ließen nur Verzweiflung zurück: Ich konnte nicht nach Hause! Und was noch viel schlimmer war – ich wusste nicht, was Alon ihnen angetan hatte. Oder vielleicht antun würde...
...und wieder traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Was würde Alon meinem Dorf, meinen Eltern antun, wenn ich nicht auftauchen würde? Würden sie für meine Flucht büßen und seinen Zorn ertragen müssen? Nach allem, was ich von ihm wusste, war das mehr als wahrscheinlich.
Ich schluckte und für einige Zeit standen wir einfach nur so da, Light schien meine Anspannung zu spüren und wurde unruhig.
Was sollte ich nur tun? Mich Alon stellen und meinem Schicksal fügen? Was konnte ich schon anderes tun? Ich konnte mein Dorf nicht ihrem Schicksal überlassen. Schon gar nicht nachdem diese Sache meine Schuld war.
Meine Gedanken drehten sich im Kreis – Angst und Schuldgefühle kämpften in meinem Inneren. Laures grausamer Blick brannte in mir und ich wäre am Liebsten weg gelaufen – so schnell ich konnte. Doch ich zwang mich zur Beherrschung und schließlich fällte ich einen Entschluss: Ich musste erstmal wissen, wie die Lage war. Dann konnte ich entscheiden, ob es nötig war, mich zu opfern oder ob mein Dorf, so unwahrscheinlich es auch war, auch so verschont blieb.
Ich band Light an einem Baum an und schlich mich so leise wie möglich in den Wald. Mit ihr wäre ich schneller gewesen – aber viel zu laut und ihre weiße Farbe wäre in dem Grün des Waldes viel zu offensichtlich gewesen. Wieso musste es gerade jetzt getaut haben?
Langsam und vorsichtig bewegte ich mich durch den Wald und es kam mir vor, als würde jede Sekunde Stunden dauern und das Klopfen meines Herzen kaum mir so laut vor wie das Hämmer der Äxte beim Holz hacken. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde der Wald lichter und ich wusste, dass ich mich nah am Dorf befand – auch wenn inzwischenzeit die Dunkelheit herein gebrochen war und kaum etwas zu erkennen war.
Dann sah ich endlich die Umrisse der ersten Häuser – doch etwas war komisch: In keinem von ihnen brannte Licht. Ich hatte damit gerechnet, Alon hatte sie eingesperrt, so das sie mich auf dem Weg hier her nicht warnen konnten. Aber wieso brannte dann in den Häusern kein Licht?
Doch plötzlich entdeckte ich in den Schein von Flammen. Mitten auf unserem Hauptplatz standen gut 30 von Alons Leuten – aber sie nahm ich nur am Rande wahr, das was meinen Blick fesselte und mich um ein Haar aufschreien lassen und so verraten hätte, war etwas anderes.
Der ganze Hauptplatz war mit Blut getränkt. Leichen und Leichenteile lagen verstreut – ich erkannte Jacob, Berta und die alte Emma. Doch viele waren so sehr verunstaltet, das ich von hier – vielleicht nicht einmal von nahem – ihre Identität hätte bestimmen können. Die Teile von Häusern, die die Fackeln beschienen, waren teilweise oder sogar ganz abgebrannt. Alles war zerstört und vernichtet. Und sie waren tot – sie alle waren tot. Ich... ich war zu spät.
Tränen schossen mir die Augen und ein leises Schluchzen verließ meine Lippen.Ich war kurz davor mich hemmungslos meiner Trauer hinzugeben, als mich eine eiskalte und vertraute Stimme aus meinen Gedanken riss.
Alon war in den Schein der Fackeln getreten und starrte in den Wald – fast kam es mir so vor, als würde er mir direkt in die Augen sehen, auch wenn ich es für unmöglich hielt, dass er mich entdeckt haben könnte – ich war viel zu weit weg.
„Esmeralda!“ rief er mit seiner schneidenden Stimme. „Ich weiß, dass du hier bist! Ich habe dein Pferd gefunden!“
Light! Ich Dummkopf hatte in meiner Eile und in meinem Schock ganz vergessen, dass sie wohl einer von Alons Leuten finden könnte und nicht dran gedacht, sie im Wald zu verstecken!
„Meine Männer sind bereits überall im Wald verteilt – es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie dich haben! Stell dich freiwillig und deine Strafe wird geringer ausfallen...“ fuhr er fort.
Strafe!
Der Gedanke dran, was mich erwarten würde, schnürte mir die Luft zum Atmen ab und wieder tauchte Laures Blick vor meinem inneren Auge auf.
„Du hast keine Chance zu entkommen und du hast keinen Ort mehr, an dem du zurückkehren könntest! Dein Dorf ist vernichtet und deine Eltern sind tot – sie starben, in jener Nacht, in der du dich mir voller Lust hingabst...“ erläuterte er mit einem bösartigem Lächeln.
Meine Tränen der Trauer wichen Tränen der Wut. Wut auf Alon. Wut auf mich selbst. Ich hatte mit ihm geschlafen während... während... ich konnte, nein, ich wollte es mir nicht vorstellen. Der Schmerz schien mich von innen heraus aufzufressen.
„Als deine kleine Freundin mir von dir erzählte und mir unter Tränen gestand, dass du diese Schlucht hinunter gefallen warst, war ich außer mir vor Wut. Nachdem diese Leute“ - er machte eine ausladende Bewegung mit seinem Arm - „mir gestanden, dass du noch am Leben, aber nach deiner Genesung verschwunden seist, so habe ich ihnen das Geschenk eines sehr schnellen Todes gemacht. Aber es sieht so aus, als wäre ich zu voreilig gewesen – nach deiner Widerspenstigkeit hätte ich sie wohl mehr leiden lassen sollen...“ erzählte er mit seiner mörderischen, messerscharfen Stimme.
Mein ganzer Körper begann zu zittern und ich musste mit aller Kraft das Schluchzen unterdrücken.
„... und wärst du ein braves Mädchen gewesen, hättest du all dies nie erfahren müssen.“ schloss er seine Rede noch mit einem finsterem Lächeln ab.
Am Liebsten hätte ich mich übergeben – der Gedanke dran mit diesem Mann – mit diesem Monster – geschlafen zu haben drehte mir den Magen um. Und die Aussicht drauf, seine Frau zu werden und Nacht für Nacht sein Bett mit ihm teilen zu müssen war für mich furchtbarer als jede Folter. Ich wäre lieber gestorben als mich ihm zu stellen. Die Chancen zu Entkommen mögen gegen Null gegangen sein, aber ich würde nichts unversucht lassen – ganz gleich, was für eine Strafe mich bei meiner Ergreifung erwarten würde! Ich würde nicht aufgeben! Niemals!

9 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Woah, was für eine Fortsetzung!!! *respekt*
Hervorragend geschrieben!
...aber auch deprimierend...
Hm, na, da bin ich ja mal gespannt, wie Du das auflösen wirst - Alon hat Ayas Zuhause vernichtet, ihre Eltern getötet und will sie ja doch als Frau haben...
Bin echt gespannt, wie die Geschichte der beiden weitergeht und ob es am Schluss doch noch ein Happy End geben wird.

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)
Tja, jetzt geht's ans Eingemachte. *ggg*

kiwi1013 hat gesagt…

Krass, du kannst so klasse schreiben, ich fiebere immer schon dem nächsten Teil entgegen. Schon mal dran gedacht das nem Verlag zu zeigen oder so.
Ich wünsche dir alles Gute und freue mich schon auf die Fortsetzung ;).

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, es freut mich, dass es dir gefällt. :-)

Hm, ich denke, sowas ist recht schwierig. Für mich ist das eher ein Hobby. *lol*

Danke! :-)

Anonym hat gesagt…

Jetzt sitze ich hier schon wieder auf heißen Kohlen... *lach*

Man, Alon hat ja echt mal wieder seine ganz fiese Seite ausgegraben *schauder*

Eine wunderschöne Fortsetzung *nick* *knuddel*

Und wehe es gibt kein Happy End! *gg* ;-)

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Tja, bei mir bleibt's bis zum Schluss spannend, soviel kann ich schon mal versprechen. :-D

Anonym hat gesagt…

DAS dachte ich mir ja schon fast (aber wirklich nur fast ;-) )

Na, machs nur weiter noch so spannend, aber wenn ich jetzt dann aus lauter Nervosität zum Rauchen anfang, wissen wir ja wer Schuld ist, gell :-D

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Irgendeinen Schuldigen findet man immer, oder? :-D

Anonym hat gesagt…

Natürlich, hauptsache man ist's nicht selbst :-D

lg, Philyra