Mittwoch, 4. August 2010

14. Die panische Flucht

Mein Herz schlug so schnell, das ich glaubte, es würde jeden Moment aus meiner Brust springen. Keuchend rannte ich so schnell ich konnte über den unebenen Waldboden und stürzte immer wieder – die edlen, hohen Schuhe, die ich trug, waren für die Wildnis, in der ich mich befand, absolut ungeeignet. Doch ich hatte keine Zeit, mich ihrer zu entledigen – mal davon abgesehen, das barfuß wohl kaum besser gewesen wäre.
Immer wieder verhangen sich Zweige in meinem Kleid und meinen Haaren und rissen an mir wie gierige Hände, doch ich lies mich von ihnen nicht aufhalten. Jede Sekunde zählte – es würde nicht lange dauern bis Laures bemerkte, dass ich verschwunden war und sich auf die Suche nach mir machte.
Nicht nur, dass die einzige Chance, die ich wohl je bekommen würde, verloren wäre, wenn er mich fand, nein, er würde meine Flucht sicher als erneuten Verrat an seinem Herrn sehen. Nun, so unrecht hatte er damit auch nicht. Trotzdem, ich wollte mir nicht vorstellen, was mir geschehen würde, würde er wieder seine Beherrschung verlieren – denn ich war mir sicher, dass auch er ein Dämon war.
Mit jedem Schritt schmerzten meine Beine mehr und meine Lunge brannte so sehr, dass kaum noch Luft in meinen Körper drang. Ich wusste, dass ich nicht mehr lange durchhalten würde, doch die Angst trieb mich weiter.
Immer wieder wagte ich einen Blick zurück und hoffte jedes Mal, kein Zeichen zu entdecken, dass ich verfolgt würde – dann wäre alles vergebens. Ein Wettrennen konnte ich nicht gewinnen – meine einzige Chance zu Entkommen bestand darin, nicht gefunden zu werden.
Plötzlich lichtete sich der Wald etwas vor mir und ich kam schließlich auf eine Straße. Für eine Sekunde überlegte ich mir, ob es nicht besser wäre, weiter durch den Wald zu laufen, weil man mich dann wohl nicht so leicht entdeckte.
Doch zum einem wäre es wohl das, was sie von mir erwarten würden und zum anderen war ich auf der Straße schneller. Außerdem würde ich so vielleicht zu einem Dorf kommen – auch wenn es riskant war, mich Menschen zu zeigen, die Laures sicher früher oder später befragen würde, so brauchte ich unbedingt andere Kleidung und am Besten ein Pferd.
Es gab wohl niemanden, der dem Tausch gegen den edlen Schmuck, den ich trug gegen eine einfache Reisekleidung und ein Pferd ausschlagen würde – das war ein mehr als sehr gutes Geschäft.
Reflexartig fragte ich mich, was wohl aus Hope geworden war – der Arme war wahrscheinlich immer noch an meinem Nachtlager angebunden und würde womöglich jämmerlich verhungern. Ich hoffte, das ihn entweder jemand finden würde oder er sich losreißen konnte. Er war mir ein treuer Freund gewesen und ich wollte nicht, dass er so endete.
Mein Tempo hatte sich inzwischen notgedrungen auf Schrittgeschwindigkeit verringert und ich rang immer noch um Atem. Obwohl ich immer noch laufen wollte, konnte ich einfach nimmer. Schließlich beschloss ich es aufzugeben und einfach nur noch zu gehen. Ich sollte meine Kraft für den Notfall sparen – möglicherweise musste ich mich schnell irgendwo verstecken. Es war klüger, mich langsamer, dafür jedoch leiser fort zu bewegen. Ich lauschte sorgfältig auf ungewöhnliche Geräusche, vor allem das Trappeln von Hufen. Doch es war seltsam still – als ob die Welt um mich herum schlafen würde. Immer wieder sah ich mich panisch um und betete, dass sie mich nicht fanden.
Ich weiß nicht, wie lang ich so gegangen war, doch es brach bereits die Dämmerung herein, als ich vor mir die Umrisse von Häusern erkennen konnte – ein Dorf. Ich hoffte, dass Laures noch nicht hier war um nach mir zu suchen oder gar auf mich wartete. Doch ich musste er riskieren – ohne ein Pferd hatte ich keine Chance dauerhaft zu entkommen.
Langsam näherte ich mich dem Dorf und bald kamen auch erste Menschen in mein Sichtfeld, die gerade ihr Tageswerk beendeten. Als sie mich entdeckten, hielten sie plötzlich überrascht inne und musterten mich argwöhnisch. Ich konnte mir gut vorstellen, wie ich auf sie wirkte – seltsam, exotisch und vor allem nicht geheuer. Einerseits war ich gekleidet wie eine Prinzessin, anderseits war ich verschlissen und voller Dreck wie ein Bettler. Ihre Blicke brannten mir unangenehm auf der Haut, aber ich versuchte dies so gut es ging zu ignorieren. Zumindest war weit und breit nichts von Laures oder irgendwelchen von Alons Soldaten zu sehen.
Vor mir entdeckte ich ein paar Marktstände und hielt direkt auf selbige zu. Unter anderem hatten sie Kleidung und Pferde – also genau das, was ich brauchte. Ich blieb vor einem der Stände stehen und blickte dem verwunderten Händler in die Augen. Mir war durchaus bewusst, dass uns alle Leute beobachtet und jedes Wort gehört werden würde – schließlich hatte meine Ankunft alle anderen Gespräche beendet.
Ich nahm mein Kollier ab und hielt es dem Händler hin.
„Meint ihr, ihr könnt mir hierfür eines euer Pferde und bequeme Kleidung überlassen?“ fragte ich ihn gerade heraus.
Seine Augen weiteten sich vor Überraschung und er starrte mich einige Sekunden an, bevor er antwortete.
„Ja... ja, natürlich, Herrin...“ antwortete er überfreundlich.
Herrin?
Trotz all dem Schmutz musste wohl das majestätische in meiner Erscheinung überwogen haben, so dass er mich wohl trotz allem für eine Adlige hielt. Eigentlich war das egal – Hauptsache, er gab mir, was ich wollte.
Er gab mir ein einfaches Kleid und feste Stiefel sowie einen Umhang.
„Ihr könnt euch in dieser Hütte hier umziehen, wenn ihr möchtet, Herrin...“ sagte er dann und wies auf ein kleines Häuschen.
Ich nickte und ging in die Hütte um mich um zu ziehen.
Als ich wieder zurück kam, lies er mich eines der Pferde auswählen – ich entschied mich für eine kräftige, weiße Stute. Sie musste einiges aushalten können – wir hatten einen langen und beschwerlichen Weg vor uns.
An einem weiteren Stand erwarb ich für einen Ohrring genug Proviant für mehrere Wochen und verstaute ihn in den Seitentaschen meines Pferdes zusammen mit dem restlichen Schmuck – dem Diadem und dem anderen Ohrring. Ich war mir sicher, dass ich das wohl noch brauchen würde.
Mein Kleid überließ ich dem Händler – ich brauchte es nicht, es wäre mir nur im Weg gewesen. Dann verschwand ich genau in der selben Richtung aus dem Dorf in der ich hinein gekommen war. Ich würde sobald ich außer Sichtweite war einen Weg durch den Wald um das Dorf herum einschlagen und hoffte, so meine Häscher auf eine falsche Fährte zu locken, wenn sie sich in dem Dorf nach mir erkundigten – ich war mir sicher, sie würden früher oder später hier auftauchen.
Doch eine Frage beschäftigte mich noch: Wo befand ich mich eigentlich und wo wollte ich hin? Letzteres war einfach: Ich wollte einfach nur nach Hause. Zu meiner Mutter und meinem Vater – einfach in ihre Arme fallen und weinen. Weinen um Sophie. Um die Frauen. Um die Kinder. Und um mich selbst.

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Man, jetzt machst du's schon wieder so spannend... :D

Wieder eine sehr schöne Teil-Geschichte, liebe Chinda!

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ich glaub, dran, dass ich es spannend mache, solltest du dich gewöhnen. *ggg*

Danke! :-)

Anonym hat gesagt…

Nö, will mich da nicht dran gewöhnen :D
Ich will wissen wies weitergeht :D *lach*

Bitte, das Lob hast du dir ja auch redlich verdient *nick*

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Tja, da kann ich dann auch nix machen. *ggg*

Anonym hat gesagt…

Eben :D
Aber ich wills ja nicht anders ;) *lach*

Freu mich schon wieder auf den nächsten Teil :D

Lg, Philyra