Sonntag, 20. Juni 2010

12. Die verborgene Wahrheit

Langsam öffnete ich die Augen - alles war verschwommen und erst langsam zeichneten sich Konturen ab – ich erkannte das prunkvolle Muster des Himmelbettes, aber das war schon alles. In meine Kopf drehte es sich und machte es mir unmöglich, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Nur einzelne Bilder der vergangenen Nacht huschten durch meinen Kopf, doch ich konnte keines wirklich festhalten. Es war, als wäre ich wie im Rausch gewesen. Nein, ich war im Rausch gewesen. Berauscht von ihm...
Und plötzlich traf es mich wie ein Pfeil – ich erinnerte mich an das, was passierte, bevor ich ganz den Verstand verloren hatte: Ich hatte versucht Alon umzubringen!. Aber wieso in aller Welt war ich jetzt noch am Leben? Warum lag ich noch in diesem Bett?
Man wurde schon für viel weniger gefoltert und ermordet. Selbst, wenn er einfach weiter gemacht hatte, so hatte er doch inzwischen sein Vergnügen bekommen und ich wäre nun nutzlos. Wieso also? Oder würde alles noch kommen? Ja, ganz bestimmt würde es das. Mein ganzer Körper verkrampfte sich augenblicklich.
„Bist du endlich wach?“ hörte ich schließlich eine bekannte Stimme an meinem Ohr.
Ich drehte mich augenblicklich in die Richtung, aus der sie kam und sah, wie sich Alon neben mir aufsetze und mich mit seinem verschmitzten Lächeln musterte. Wir waren beide immer noch nackt und die Decke gab mehr von mir Preis, als mir lieb war. Schnell zog ich sie hinauf während ich rot wurde, was er mit einem kleinen Lachen kommentierte.
„Es gibt nicht an dir, was ich vergangene Nacht nicht schon gesehen – und berührt – hätte...“ neckte er mich, wodurch ich noch roter wurde und kindisch, wie ich war, weg schaute.
Er lachte noch einmal kurz und beugte sich dann zu mir hinüber, drehte meinen Kopf wieder in seine Richtung und küsste mich leidenschaftlich. Ich konnte nicht anders, als den Kuss zu erwidern – in dem Moment, wo seine Lippen die meinen berührten, löste sich mein Verstand in Luft auf. Wie zum Donner machte er das nur?!
Als er von mir ab ließ, lachte er noch einmal kurz und musterte mich. Er fuhr mit einer Hand durch mein Haar und schaute mir tief in die Augen, während er geistesabwesend murmelte: „Du bist so schön wie eh und je...“
Ich sah ihn verwirrt an, aber er schüttelte nur den Kopf. Doch ich hielt mich nicht lange damit auf – es gab etwas, was mir viel mehr auf der Seele brannte und ich nicht ignorieren konnte, so sehr ich auch wollte.
„Wieso?“ fragte ich ihn schließlich und schaute ihn dabei ernst an.
„Wieso was?“ fragte er überrascht und tat unwissend.
„Wieso bin ich noch am Leben?“ erweiterte ich meine Frage. Ich wusste, wie dumm dies war – dass es viel klüger gewesen wäre, ihn nicht an das zu erinnern, was ich getan hatte – auch wenn ich ohnehin nicht glaubte, dass er es vergessen haben konnte. Wer vergaß so etwas schon?
Er lachte erneut, bevor er antwortete – es klang leicht und unbeschwert, als hätte ich einen amüsanten Witz gemacht. Ich verstand langsam gar nichts mehr.
„Wieso solltest du nicht am Leben sein?“ antwortete er mir mit einer weiteren Frage und tat so, als wüsste er es wirklich nicht.
Ich schluckte, bevor ich all meinen Mut zusammen fasste und antwortete: „Ich habe versucht euch zu ermorden.“
Seine Stimmung wurde mit einem Mal wieder ernst – und er schüttelte leicht den Kopf bevor er antwortete.
„Das war wirklich eine dumme Idee...“ sagte er mit einer Spur Bitterkeit in seiner Stimme.
„Du hättest dich mit dem Dolch verletzen können...“ setze er nach, als er mich wieder ansah.
Ich mich verletzen? Wieso kümmert ihn das?
Ich starrte ihn nur verwirrt an, was er mit einem bitteren Lächeln kommentierte.
„Hast du den wirklich geglaubt, du könntest einen Dämon mit einem einfachen Dolch auch nur verletzen? Selbst wenn ich dich gewähren hätte lassen, hättest du dir nur selbst weh getan...“
Ich riss die Augen auf und Entsetzen machte sich in mir breit.
Dämon?!
Aber im nächsten Moment wunderte ich mich schon wieder über meine Dummheit. Ich hatte genug Geschichten gehört, die besagten, dass er ein Dämon sei und nach allem, was ich über ihn wusste und selbst erlebt hatte, fragte ich mich, wie ich nur eine Sekunde etwas anderes geglaubt haben konnte.
Ich rutschte instinktiv von ihm weg und er lächelte kalt.
„Hast du Angst?“ fragte er mich mit einem bedrohlichem Unterton in der Stimme und es kam mir vor, als kämme er ein Stückchen näher.
„Wie sollte ich keine Angst haben?“ antwortete ich ebenfalls mit einer Frage, wobei meine Stimme ein paar Töne höher sprang und fast brach und mein Körper sich verkrampfte.
Er schüttelte erneut den Kopf, als er mich wieder ansah lag ein trauriges Lächeln auf seinem Gesicht.
„Die vergangenen 2000 Jahre haben wirklich jeden Funken deiner Erinnerungen ausgelöscht, nicht wahr?“ fragte er rhetorisch und wirkte dabei unendlich traurig.
„Ich könnte dich niemals verletzen...“ setze er noch nach – in einer Weise, die es unmöglich machte, ihm nicht zu glauben und ich entspannte mich etwas.
Doch das alles machte keinen Sinn – ich verstand nicht, was passierte – wieso es passierte!
„Ich... ich verstehe nicht...“ stotterte ich, während ich ihn noch verwirrter anstarrte.
„Natürlich nicht...“ sagte er mehr zu sich selbst als zu mir, denn er schaute dabei in die Ferne.
„Wie kannst du auch, du erinnerst dich ja nicht, Esmeralda...“ sagte er, als er mich wieder ansah – tief und durchdringend.
Esmeralda...? Dieser Name kommt mir bekannt vor...
„Meine Name ist Aya... Ayalia...“ sagte ich fast reflexartig als Antwort, gebannt von seinem Blick.
„Ja, in diesem Leben...“ sagte er und lächelte mich wieder etwas traurig an.
„In diesem Leben...?“ wiederholte ich seine Worte als Frage.
„Ja, du wurdest wiedergeboren...“ begann er zu erklären und schaute dabei wieder in die Ferne... in eine ferne Vergangenheit. „In deinem vorigem Leben warst du eine Prinzessin eines kleinen Reichs, das sich an der Nordküste befand... und meine Geliebte. Die einzige Frau, die je mein Herz berührte. Doch widrige Umstände rissen dich aus dem Leben... und aus meinen Armen. Ich habe 2000 Jahre auf deine Wiedergeburt gewartet...“ Mit seinen letzten Worten sah er mich wieder durchdringend an.
Krampfhaft versuchte ich zu verstehen, was er mir gerade erklärte – Wiedergeburt, Prinzessin...
„Das kann nicht sein... ich bin nur irgendein Bauernmädchen...“ antwortete ich panisch.
„Es besteht kein Zweifel!“ unterbrach er mich und schaute mir dabei tief in die Augen. „Selbst wenn du ihr nicht gleichen würdest wie ein Auge dem anderen – eure Aura ist exakt gleich! Und zwei verschiedene Seelen haben niemals die gleiche Aura... die einzige dafür mögliche Erklärung ist, dass es sich um ein und die selbe Seele – eine wiedergeborene Seele - handelt!“
„Aura?“ fragte ich ihn.
„Das ist so etwas wie die spirituelle Energie einer Seele...“ erklärte er.
Ich verstand zwar genauso wenig, aber ich beließ es dabei – das war mir alles zu viel.
„Zuerst glaubte ich, die Legende besagte, dass es 2000 Jahre dauern würde, bis du wiederboren wirst...“ erklärte er dann weiter. „Ich hatte nicht in Betracht gezogen, dass ich dich nicht schon als Baby finden würde – deswegen habe ich, als die 2000 Jahre verstrichen waren, mir alle Babys und werdenden Mütter des Reichs bringen lassen um dich unter ihnen ausfindig zu machen.Doch du warst nicht darunter – wie auch, du bist ja schon eine Frau...“ - mit diesen Worten musterte er mich und ich wurde erneut rot - „... - bis eine der Schwangeren schockiert reagierte, als sie dein Gemälde in meinem Thronsaal sah und deinen Namen flüsterte...“ - plötzlich nahm seine Stimme einen grausamen Unterton an und er lächelte finster - „...es war ein Leichtes, den Rest aus ihr heraus zu bekommen – unter Folter reden sie alle...“
„Sophi!“ schrie ich als mir klar wurde, was Sophi meinetwegen durchmachen hatte müssen. Tränen schossen aus meinen Augen, flossen über meine Wangen und zerbrachen, als sie auf der Decke aufkamen.
Er beugte sich blitzartig zu mir und küsste mir zärtlich die Tränen von den Wangen und flüsterte: „Weine nicht, meine Prinzessin...“
Ich rückte angeekelt von ihm weg und schrie ihn an: „Ihr habt meine beste Freundin ermordet... und all diese anderen Frauen... und die unschuldigen Kinder...“ Mit den letzten Worten verwandelten sich meine Worte in ein Schluchzen.
Doch er zuckte nur mit den Achseln und antworte kühl – seine Augen waren wie Eis: „Ich brauchte sie nicht mehr...sie gaben ein gutes Futter für die niedrigen Dämonen ab.“
Ich war zu geschockt um irgendeine vernünftige Antwort zu geben und schrie ihn nur wieder an: „Ihr... ich hasse euch!“
Seine Augen weiteten sich etwas – als hätten meine Worte ihn verletzt - aber er hatte sich sofort wieder im Griff.
„Das tatest du schon einmal und doch hast du mich am Ende geliebt...“ erwiderte er kühl.
„Niemals!“ antworte ich schreiend.
Er lachte kurz finster. „Oh doch... das ist nur eine Frage der Zeit...“ behauptete er. „Und Zeit haben wir genug... bis ans Ende aller Tage!“
Ich starrte ihn ängstlich an – das Bedeutungsschwangere in seinen Worten war mir nicht entgangen und ich fühlte, wie ich am Rande zum Abgrund stand.
„Was meint Ihr damit? Was geschieht nun mit mir? “ fragte ich schließlich, auch wenn ich die Antwort in Wirklichkeit gar nicht hören wollte.
„Du wirst nach Yasha zurückkehren, die Vorbereitungen für unsere Vermählung bereit begonnen haben...“
„Vermählung?“ kreischte ich.
„Natürlich...“ sagte er, als wäre es das Normalste der Welt.
„Ich habe 2000 Jahre gewartet, dich endlich zur Frau zu nehmen...“ - plötzlich begann er mich erneut eigenartig zu mustern - „...eigentlich wollte ich ja mit unserer ersten, gemeinsamen Nacht bis nach unterer Heirat warten... aber als ich dich sah, da konnte ich mich einfach nicht mehr zurück halten. Ich habe 2000 Jahre lang geübt, damit ich dich dabei nicht verletzen würde... nun war es so weit...“ ergänzte er, während Begierde in seinen Augen aufflackerte.
Geübt?“ fragte ich schüchtern.
„Du bist die einzige Frau, die je eine Nacht mit mir überlebt hat...“ flüsterte er mir mit rauchiger, bedrohlicher Stimme ins Ohr und mein Magen zog sich zusammen.
Dann stand er mit einem Mal auf und begann sich anzukleiden.
„Ich habe hier noch etwas zu erledigen, ich werde dir aber bald nach Yasha folgen...“ sagte er.
„...und dann werde ich mich ganz dir widmen.“ vollendete er den Satz, als er sich noch einmal zu mir beugte und mir tief in die Augen sah, während er mir mit einem Hand sanft über das Gesicht strich. Dann küsste er mich erneut – ein alles verschlingender Kuss, dem ich mich nicht entziehen konnte, so sehr ich auch wollte.
Ich war zu geschockt um auch nur ein Wort heraus zu bringen und im nächsten Moment war er auch schon durch den Ausgang aus dem Zelt verschwunden.

11 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wuha, Alon ist ja eine fiese Socke...
"Futter für die niederen Dämonen"... Tz, tz,tz!
Na, da bin ich ja gespannt, wie DAS weitergeht.
...hähä, wie jedes Mal. :-D

Super Fortsetzung! Meinen Respekt und eine große runde Beifall!
Irgendwie wirst Du immer besser!

Liebe Grüße
Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, freut mich, dass es dir gefällt. :-)

Tja, es wird noch so einiges passieren. *g*

Anonym hat gesagt…

Wow, das ist so genial, bin durch Zufall auf Deinen Blog gestoßen. Und wenn DU das selbst schreibst, solltest Du ein Buch veröffentlichen, ich war richtig gebannt! Respekt!! Liebe Grüße, Zis

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Klar schreib ich das selber, ich hab noch nicht mal jemand, der mir Rechtschreibfehler korrektur liest. *g*

Naja, ich glaub, für ein Buch würde es nicht reichen, wäre aber schon cool. *g*

Anonym hat gesagt…

Hallo Chinda ;)

Respekt! Ich hab jetzt erst mal die letzten Kapitel (ab 9, da hatte ich aufgehört) gelesen.

Super! (Wann kommt der nächste Teil? :-D *trippel* ;-))

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)

Ich hoffe bald. *g*

Anonym hat gesagt…

Na ich hoffe doch auch *lach*

(Und falls du jemanden zum Korrekturlesen brauchst, meld dich ;-))

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, ich denke, ich werde es mir Korrektur lesen lassen, wenn ich es fertig habe. Den ersten Teil hat mir Papyra Korrektur gelesen (@Papyra: *wink*), nachdem er fertig war, aber ich hab ihn noch nicht geändert. Ich werde die ganze Story sicher irgendwann noch mal überarbeiten und dann wahrscheinlich als PDF veröffentlichen. Aber vorher will ich mal den Teil fertig haben. :-)

Anonym hat gesagt…

Kann ich verstehen, dass du erst mal alles "unter Dach und Fach" haben willst, bevor du anfängst zu ändern *nick*

Du weißt ja wo du Papyra und mich finden kannst ;-)

Lg, Philyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ja, danke! :-)

Harro hat gesagt…

Besser hätte man es nicht machen können. Respekt, ehrlich!