Dienstag, 30. März 2010

9. Die schicksalhafte Begegnung

Langsam glitt ich von Hopes Rücken und kam sanft auf der Erde auf. Ich zog meinen Mantel enger an mich heran, denn abends war es immer noch sehr kühl. Dann band ich Hope an den nächstgelegenen Baum und sah mich um. Ich hatte einen guten Platz gewählt - er war windgeschützt und selbst wenn es wider erwarten – es war den ganzen Tag sonnig gewesen – regnen sollte, würde ich unter dem Felsvorsprung halbwegs trocken bleiben.
Ich holte auch meinen Rucksack von Hope's Rücken, wühlte drin nach Essbaren und wurde auch sofort fündig. Das Einzige, was mir noch fehlte, war ein bisschen Feuerholz, denn zu Essen hatte mir Hedrik genug eingepackt. Zwar hatte er seit unserem Gespräch in jener Nacht nur noch bruchstückhaft mit mir geredet, aber seine Fürsorge war ungebrochen. Nicht nur mit Essen, auch mit einem neuen Mantel und etwas Geld hatte er mich versorgt. Zuerst wollte ich es nicht annehmen, aber er bestand drauf. Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen, denn ich wusste nicht, wie ich das je wieder gut machen sollte. Aber er meinte nur, dass es ihm genug ist, wenn ich ihn nicht vergesse.
Ich erinnere mich genau dran, wie er mir nach sah, als ich mich das letzte Mal umdrehte während ich aus dem Dorf ritt. Er sah so unendlich traurig aus, dass es sich in mein Herz schnitt.
Ich schluckte schwer und schüttelte den Kopf.
Keine Zeit für solche Gedanken... du trödelst schon wieder anstatt Holz zu sammeln, Aya!
Die letzten Worte dieser Gedanken halten mit Sophis Stimme durch meinen Kopf und ich musste mich am nächsten Baum fest krallen, damit ich nicht den Boden unter den Füßen verlor. Erneut schüttelte ich den Kopf und ging zielstrebig in den Wald hinein.
Ich musste mich zusammenreißen – ich musste stark sein – für Sophi! Sie hätte nicht gewollt, dass ich mich so gehen lassen. Und davon abgesehen, hatte ich noch eine Aufgabe zu erfüllen! Ich musste ihrer Familie die Wahrheit bringen, so schwer es auch war! Das hatten sie verdient!
Nachdem ich ein Stück zurück gelegt und mich gesammelt hatte, bückte ich mich immer wieder und hob ein paar Zweige auf. Viel würde ich nicht benötigen, der Mantel wärmte gut und die Kälte der Nacht würde sich auch durch ein kleines Feuer vertreiben lassen.
Plötzlich hörte ich ein seltsamen Geräusch und drehte mich danach um. Doch ich sah nichts und fragte mich plötzlich, ob ich nun vielleicht komplett wahnsinnig werden würde. Nach allem, was ich erlebt hatte, wäre das wahrscheinlich nicht mal so abwegig.
Das ist nur der Wind, Aya!
Ich schüttelte erneut den Kopf und und bückte mich wieder nach ein paar Zweigen, als ich das Geräusch noch einmal hörte - nur ein wenig lauter. Es klang wie ein Rasseln – eines, dass mir einen Schauer über den Rücken jagte. Wieder schaute ich in die Richtung, aus der das Geräusch kam und entdeckte etwas – zwei glühend rote Augen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Und um sie herum wurden langsam die von Hunger verzerrten Gesichtszüge eines Wolfs sichtbar.
Eine Sekunde starrte ich das Tier nur ausdruckslos an, dann warf ich ihm alle meine Zweige entgegen, drehte mich blitzartig um und rannte.
Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf – die alte Emma, wie sie uns als Kinder Gruselmärchen über die finsteren Kreaturen des Waldes erzählte, damit wir nicht zu tief hinein liefen – Sophie, wie ich sie hinter mir her durch den Wald und weg von diesen finsteren Soldaten zog – und ich, wie ich bleich und tot unter diesem schrecklichen Monster lag.
Meine Muskeln schmerzten und die Angst saß in meinem Nacken, doch ich wagte es nicht, zurück zu schauen. Ich wusste, dass dieses Untier nicht aufgeben würde und das es eigentlich völlig sinnlos war davon zu laufen. Es war viel schneller als ich und hatte viel mehr Ausdauer, es würde mich so und so fangen und... ich wollte gar nicht drüber nachdenken. Aber ich wollte - ich konnte – mich diesesm Schicksal nicht ergeben.
Die kalte Nachtluft brannte in meinen geschundenen Lungen und ich konnte schon fast den Atem des Monsters spüren, als ich es hinter mir heulen hörte. Es war so nah, als wäre es direkt an meinem Ohr. Ich kniff die Augen zusammen und machte mich bereit zu sterben. Und ich sah sie plötzlich alle – Sophie, meine Eltern, den knorrigen Jacob, die alte Emma, Hedrik, Sophies Eltern... alle jene, die ich nie wieder sehen würde – zum letzten Mal, sie winkten mir vor meinem inneren Auge zu und wirkten fröhlich, doch auch sie konnte die Angst nicht besiegen.
Und plötzlich hörte ich ein entsetzliche, schmerzverzerrtes Heulen und spürte, wie sich etwas um meinen Bauch legte und mich in die Höhe hob, wie der Wind ein Blatt. Entsetzt riss ich meine Augen auf und sah den Wald um mich herum wirbeln, auch wenn es in Wirklichkeit eher umgekehrt war. Ich wurde herum gewirbelt!
Für einen Augenblick sah ich auch den Wolf, der mich verfolgt hatte. Er lag zusammengesunken und Blut überströmt am Waldboden. Dann sah ich ein Mähne und hörte das Trampeln eines galoppierenden Pferdes. Und dann sah ich erneut den Wald, direkt vor mir und spürte, wie ich auf plötzlich saß. Eine Weile drehte sich noch alles um mich herum, dann war alles ruhig und nichts rührte sich mehr. Auch das Geräusch der Pferdehufe war verebbt.
Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen und herauszufinden, was gerade passiert war. Eben hatte ich noch mit meinem Leben abgeschlossen und wäre um ein Haar das Abendessen dieses Monsters geworden. Und nun war das Monster tot und ich am Leben und saß unverletzt auf einem Pferd. Im nächsten Moment schoss mir die Eingebung wie ein Blitz durch den Kopf: Hedrik!
Er hatte mich wieder gerettet! Er war mir doch gefolgt!
Ich sah auf zu meinem Retter, der mich fest im Arm hielt und riss die Augen verwundert auf:
Das war nicht Hedrik!
Der Mann, der mich gerettet hatte, schaute mir mit seinen rabenschwarzen Augen tief in meine, während ein paar Strähnen seines ebenfalls schwarzen Haares in sein Gesicht fielen. Den Rest davon hatte er im Nacken zusammen gebunden und es lief wie ein dunkler Strom über seinen ebenfalls schwarzen Umhang.
In seinen Augen lag ein durch und durch besorgter Blick und er strich mit seiner rechten Hand – denn mit der linken hielt er mich – sanft über meine Wange.
„Alles in Ordnung?“ fragte er und seine Stimme war sanft wie seine Berührung und der Ton drin besorgt wie sein Blick.
Aber ich konnte nicht antworten, so gebannt war ich von seinem Blick. Es war, als würde ich direkt in die Unendlichkeit seiner Seele gezogen und darin versinken. Ein Gefühl ergriff von mir Besitz, dass sich so vertraut und doch so fremd anfühlte und egal, wie sehr ich es auch wollte, ich hätte dieser Empfindung keinen Namen geben können. Es gab nichts Vergleichbares, dass ich je erlebt hätte.
„Bist du verletzt?“ fragte er nochmal und ich bildete mir ein, dass nun auch etwas panisches in seiner Stimme lag. Endlich schaffte ich es, mich von seinem Blick los zu reißen und schüttelte den Kopf.
„Nein... ich bin... mir geht es gut.“ stotterte ich schließlich leise vor mich hin und vermied es, ihm noch einmal in die Augen zu schauen.
Ich spürte seinen Atem, als er erleichtert ausatmete und meine Haut prickelte an jener Stelle, die er streifte, auf unerklärliche Weise.
„Dann ist gut...“ sagte er und auch seine Stimme klang erleichtert. Drauf hin gab er seinem Pferd die Sporen und ich bemerkte, dass auch das Pferd total schwarz war. Das Nächste, was mir auffiel, war dass mein Retter eine ebenfalls schwarze Rüstung trug, die mit vielen silbernen Mustern verziert war und unglaublich edel und prachtvoll wirkte. Genauso auch sein Mantel und der Rest seiner Erscheinung. Doch weiter kam ich mit meinen Gedanken nicht, denn sie wurden immer wieder von den Erinnerungen an die Ereignisse, die gerade hinter mir lagen, durchbrochen.
Schließlich trat das Pferd aus dem Wald hinaus auf den Weg und wir folgten diesem.
„Du hattest großes Glück...“ begann er schließlich und ich schaute unweigerlich zu ihm auf, doch er erwiderte meinen Blick nicht sondern schaute in die Ferne, auf ein Ziel das womöglich hinter dem Horizont lag.
„...wäre ich ein wenig später gekommen, hätte der Wofrum dich in Stücke gerissen!“
Ein Schauder ging durch meinen Körper, als ich mir das vorstellte und ich spürte, wie er mich ein wenig enger an sich zog. Obwohl ein Teil von mir es gar nicht so genau wissen wollte, war der mächtigere Teil in mir zu neugierig und ich fragte ihn schließlich: „Wofrum?“
„Ein Wolfsdämon – recht verbreitet in dieser Gegend. Aber es ist selten, dass sie alleine unterwegs sind. Dein Glück, als Rudel jagen sie schneller...“
Wieder fuhr mir ein Schauer durch den Körper, als mir bewusst wurde, wie knapp ich dem Tod entronnen war.
Plötzlich sah mein Retter mir wieder in die Augen und sofort war ich wieder in seinem unerklärlichen Bann, sein Blick war nun aber alles andere als sanft.
„...aber was hast du überhaupt hier draußen ganz alleine weitab jedes Dorfes zu suchen?“ fragte er und seine Stimme war plötzlich kalt und scharf, so dass mir erneut ein Schauer durch den Körper fuhr, noch stärker als die zwei zuvor.
„Ich... ich...“ stotterte ich unfähig irgendetwas sinnvolles zu sagen.
Er schüttelte resigniert den Kopf und sagte nichts mehr. Mein Herz klopfte immer noch Wild angesichts des plötzlichen Sinneswandels meines Retters und es dauerte, bis ich wieder vernünftig denken konnte.
Dann jedoch fiel mir etwas ein – ein Retter konnte gar nicht wissen, wo ich mein Lager hatte, wo also brachte er mich eigentlich hin?
Ich wollte ihn gerade danach fragen, als ich vor uns einen Holzwall mit einen riesigen Tor in der Mitte sah, dass von zwei düsteren Soldaten bewacht wurden. Jene hatten eine so verblüffende Ähnlichkeit mit jenen, die mir Sophi geraubt hatten, dass sich mein Magen zusammen zog und mein ganzer Körper sich verkrampfte. Ich wollte protestieren, ich wollte weglaufen – aber ich war unfähig, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
Als wir näher kamen, verbeugten sich die Soldaten und öffneten sofort das Tor um uns hinein zu lassen. Zuerst verstand ich die Welt nicht mehr, doch dann sah ich zu meinen Retter auf und musterte ihn noch ein Mal aufgerissen, als es mir mit Schrecken bewusst wurde: Diese edle Rüstung, diese dunkle Erscheinung und sein eiskalter Blick – er war einer von Alon's Männern, ein hochrangiger wohl auch noch, wenn sich einfache Soldaten vor ihm verbeugten. Ich war direkt in der Hölle des Löwen gelandet und plötzlich wünschte ich mir, ich wäre doch dem Wolfum zum Opfer gefallen!
„Laures!“ schrie mein Retter über das Lager hinweg und im Eingang eines prachtvollen Zeltes erschien ein Mann mit langem, silbernen Haar. Trotz seiner Haarfarbe schien er jung zu sein, allerdings war sein linkes Auge hinter einer prachtvoll verzierten Augenklappe versteckt. Mit seinem anderen Augen musterte er mich mit unverhohlen Hass, es war, als wenn die Hölle selbst hinter diesem Auge warten und mich verschlingen wollen würde. Reflexartig klammerte ich mich am Arm meines Retters fest, auch wenn das total schwachsinnig war in Anbetracht meiner Lage – ich wusste doch, was mit Sophi passiert war. Ich war verdammt – es gab kein Entrinnen.
„Laures!“ schrie mein Retter erneut und dieses Mal lag auch noch etwas Wut in seiner Stimme, die mich zusammen zucken lies.
Der silberhaarige Mann wand ihm sofort seinen Blick zu und kam auf uns zu. Dann kniete er sich vor uns hin und sprach schließlich.
„Ja, Herr?“ sagte er, während er seinen Blick zu Boden richtete. Daraus schloss ich, dass dieser Einäugige wohl Laures sein musste.
Doch mein Retter antwortete ihm nicht, sonder lockerte nur seinen Griff um meine Taille und lies mich langsam vom Pferd gleiten. Laures sprang augenblicklich auf und fing mich behutsam auf. Obwohl die Berührung durch und durch sanft war, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich schaute Laures an, doch nun wich er meinen Blick aus. Im nächsten Moment stellte er mich am Boden ab und machte einen Schritt von mir weg.
Nun stieg auch mein Retter von seinem Pferd und erneut musterte ich ihn. Er war zweifellos unglaublich schön – unmenschlich schön sogar, das erkannte ich nun, obwohl die Fackeln des Lagers seine Gestalt nur minimal mehr preis gaben als die Dunkelheit des Waldes.
Er wand sich Laures zu und befahl ihm schroff: „Lass ihr ein Abendessen und ein Bad bereiten!“
Laures verbeugte sich als er antwortete „Ja, Herr.“ und verschwand dann sofort.
Dann wand mein Retter sich mir zu und schaute mir erneut tief in die Augen, bevor er zu sprechen begann, wobei seine Stimme einen sarkastischen Unterton hatte: „Wie unhöflich, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt... ich bin Kaiser Alon von Sato.“
Ich schnappte nach Luft und mein Körper fühlte sich an, als wäre er in Eiswasser getaucht worden und sofort zu Eis erstarrt. Dieser Mann... der mich gerettet hatte... war der selbe, der Sophi am Gewissen hatte. Ich spürte, wie meine Knie nach gaben und erneut drehte sich die Welt in einer tödlichen Spirale, bevor alles um mich herum schwarz wurde...