Dienstag, 9. März 2010

8. Die einfühlsame Hilfe

Lustlos stocherte ich in meinem Essen herum, das Hedrik – so hieß mein zweifacher Retter - mir gebracht hatte. Mir war absolut nicht danach, etwas zu mir zu nehmen, auch wenn ich wusste, dass ich essen musste. Trotzdem war mir total übel.
Schließlich gab ich es auf und wand mich zu dem Bett, in dem ich vor ein paar Stunden zum ersten Mal aufgewacht war. An Schlaf war eigentlich nicht zu denken – vor allem, da ich wusste, was für grauenhafte Alpträume ich haben würde – aber was sollte ich tun?
Ich stand auf und ging zum Bett und lies mich lustlos hineinfallen. Das weiße Nachthemd – auch ein Geschenk von Hedrik – er war wirklich zu nett zu mir, dass wusste ich – flatterte dabei und verfing sich zwischen den Laken. Doch ich machte mir nicht die Mühe, es zu richten.
Tropfen rannten von meinen feuchten Haaren – ich hatte endlich ein wieder ein Bad nehmen können, auch wenn es in dem ganzen Lager nur eines gab – und vermischten sich mit den Tränen, die mir erneut in die Augen gestiegen waren.
„Sophi...“ schluchzte ich leise in mich hinein und vergrub mein Gesicht in einem der Kissen. Meine Augen mussten schon rot gewesen sein, so viel hatte ich in den vergangenen Stunden geweint. Doch das war mir egal.
Plötzlich klopfte es an der Tür und ich wischte mir hastig die Tränen aus dem Gesicht – auch wenn meine geschwollen Augen mich ohnehin verraten würden, so wollte ich mir zumindest ein wenig Würde bewahren.
Ich setzte mich auf und richtete meinen Blick zur Tür, als ich schließlich sprach: „Herein!“
Die Tür ging auf und Hedrik kam vorsichtig herein. Er musterte mich unsicher, bevor er zu reden begann: „Habe ich dich geweckt? Ich wollte nur sehen, ob du mit dem Essen fertig bist, Aya...“
Ich schüttelte den Kopf – ich versuchte das Sprechen zu vermeiden, zu groß war die Angst, dass mir dabei die Stimme brach oder ich wieder zu heulen begann. Es war mir ohnehin peinlich genug, wie ich mich am Rückweg zum Lager benommen hatte, auch wenn Hedrik kein Wort drüber verloren hatte.
Aber schließlich blieb mir doch nichts anderes über und ich begann zu sprechen, denn er schien sich nicht mit einer Geste zufrieden zu geben.
„Ich habe noch nicht geschlafen.“ wisperte ich leise.
„Und ich bin mit dem Essen fertig, danke.“ setze ich noch nach und schaute zu dem Tablett mit der Schüssel voller Haferbrei drauf, die kaum angerührt war.
Das fiel auch ihm auf und er setzte ein Miene auf, die zum einen Teil voller Mitleid und zum anderen voller Fürsorge war.
„Du hast nicht viel gegessen...“ begann er, doch ich fiel ihm ins Wort.
„Ich kann nicht...“ und merkte dabei, wie sie meine Stimme wieder in ein Schluchzen verwandelte.
Er setze sich neben mich und nahm mich behutsam in den Arm.
„Das verstehe ich...“ sagte er leise. „Aber es hilft niemanden, wenn du dich zu Tode hungerst...“
Dann machte er eine Pause und die Stille selbst schnitt mir wie ein Schwert in die Brust.
„Deine Freundin hätte das auch nicht gewollt...“ sagte er schließlich und ich spürte, wie sich erneut Tränen ihren Weg aus meinen Augen in der Freiheit suchten.
Und so saßen wir einige Zeit – ich weiß nicht wie lange, es mögen Minuten oder auch Stunden gewesen sein. Aber schließlich schaffte ich es mich wieder zu sammeln und brach die Stille.
„Es geht schon wieder...“ sagte ich und wand mich sanft aus seiner Umarmung.
„Bist du sicher?“ fragte er und schaute mich unsicher an.
Ich nickte leicht und wischte mir erneut die Tränen aus dem Gesicht.
„Ok...“ sagte er dann schließlich, nachdem er mich noch einmal gemustert hatte, obwohl er nicht überzeugt schien. „Wenn du noch irgendetwas brauchst, kannst du mich ruhig wecken...“
„Danke.“ sagte ich ihm, als ich ihn ansah und meinte es aus tiefsten Herzen so. Er war wirklich gut zu mir und das, obwohl er mich nicht mal wirklich kannte. Es war schön zu wissen, dass es in dieser feindlichen Welt noch so gute Menschen gab.
„Gute Nacht.“ sagte er dann und wollte gerade gehen, als er sich noch einmal umdrehte.
„Aya...“ setze er an und sah mir tief in die Augen. „Was ich dir noch sagen wollte...“
Ich schaute ihn verwirrt an und wartete, auf das, was kam. Irgendwie war es seltsam, dass er so stotterte.
„...du kannst solange bleiben, wie du möchtest.“
Schließlich sah er beschämt weg – wieso war ihm seine unglaublich Großzügigkeit so peinlich? Gehörte sich das in dieser Welt nicht mehr?
„Falls du nicht weißt, wo du hin sollst...“ setzte er noch nach.
Ich war wirklich gerührt. Noch nie hatte jemand außer Sophi – die Erinnerung an sie fühlte sich wie ein Stich in meinem Inneren an – und meiner Eltern etwas vergleichbares für mich getan.
„Danke.“ sagte ich erneut und kam mir mies vor. Mies, weil ich sein großzügiges Angebot ausschlagen musste.
„Aber ich werde in mein Dorf zurückkehren...“ sagte ich und versuchte all die aufkommenden Erinnerungen an Sophi, die mit unserem Zuhause verbunden waren, wieder zu verdrängen, bevor der Schmerz mich erneut überwältigte.
„...meine Eltern werden sich sicher furchtbare Sorgen machen...“
Beim Gedanken dran, was ich ihnen angetan hatte, wurde mir ganz anders. Damals hatte alles noch einen Sinn, einen Grund. Ich war mir sicher, ich würde nicht alleine heim kehren. Und nun... aber es gab etwas, das noch schwerer wog!
„...außerdem...“ - ich schluckte - „außerdem haben Sophi's“ - an dieser Stelle brach meine Stimme fast - „Eltern verdient, die Wahrheit zu erfahren...“ beendete ich schließlich den Satz und senkte meinen Blick, als ich spürte, wie mir erneut Tränen über die Wangen flossen.
Es dauerte ein Weile, bis er antwortete. Ich sah zu ihm auf und etwas wie Schmerz oder Trauer lag in seinen Zügen.
„Das kann ich verstehen... du bist wirklich ein guter Mensch, du machst dir immer Sorgen um andere...“ sagte er schließlich und kam noch einmal zu mir. Er hockte sich vor mir hin und strich mir eine Träne aus dem Gesicht.
„Wenn du möchtest, begleite ich dich auch...“ sagte er schließlich und lächelte mich zaghaft an.
„...es ist gefährlich dort draußen.“
Ich war wieder überwältigt von seiner Güte und bekam gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, denn ein Teil von mir hätte sich wirklich gefreut, nicht alleine Reisen zu müssen. Nicht der sein zu müssen, der zuhause die schlechte Nachricht verbreiten musste. Doch ich konnte ihn nicht noch mehr ausnützen.
„Danke!“ sagte ich erneut und wich ein Stück zurück. „Aber du wirst hier gebraucht und ich kann deine Freundlichkeit nicht noch mehr ausnützen...“ ergänzte ich ehrlich und drehte meinen Kopf beschämt weg.
„Wie du möchtest...“ erwiderte er schließlich distanziert, stand auf und ging erneut zur Tür. Aber nochmal drehte er sich zu mir um.
„Wenn du deine Meinung änderst, dann sag mir Bescheid...“ sagte er schließlich noch mit einem Lächeln, aber in seinen Augen lag Trauer.
Ich nickte und er verschwand nun endgültig durch die Tür, die er sanft hinter sich schloss.
Dann löschte ich die Kerze und vergrub mich in meinem Bett, bevor ich in unruhige und grauenvolle Träume voller leerer, schmerzverzerrter Augen fiel.

4 Kommentare:

Lewelya hat gesagt…

wow, du hast echt richtig Talent zum Schreiben:-)
bin jetzt das erste mal dazu gekommen etwas zu lesen und es hat mir sehr gefallen:-)

Anonym hat gesagt…

Jubi, ein neuer Teil! *freu*
...und auch noch einer mit einer interessanten Wendung. Mal sehen, was Du mit Hedrik noch so vor hast - bzw. was es mit ihm auf sich hat... :-D
Toller Teil jedenfalls!!!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, ihr Zwei! :-)

Papyra - Tja, jetzt wird's langsam spannend. =D

aso hat gesagt…

sehr toll (:

gruß

aso von http://aso-aufabwegen.blogspot.com/