Dienstag, 23. Februar 2010

7. Der grauenhafte Ort

Der Wind rauschte mir durch die Haare und die kühle Abendluft betäubte meine dröhnenden Kopfschmerzen. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen durch den düsteren Wald – gerade genug, damit ich ausmachen konnte wo Süden war und Hope in diese Richtung trieb.
Panik hielt mein Herz umklammert und ich biss mir auf die Lippen um die Tränen zurückzuhalten. Sie durften mir die Sicht nicht versperren – aber vor allem durfte ich nicht aufgeben. Ich war so weit gekommen, es konnte nicht alles umsonst sein – es durfte einfach nicht!
Nur schemenhaft erkannte ich, wie sich der Wald um mich herum veränderte. Zuerst schob ich diese Düsterkeit auf die schwindende Sonne, doch bald merkte ich, dass da noch etwas anderes war. Als ob ich langsam in eine andere, schreckerregende Welt gezogen würde. Alles um mich begann feindlich, abstoßenden zu wirken. Auch wenn sich das Aussehen der Bäume und Pflanzen nur wenig veränderte – zumindest soweit ich es erkennen konnte – schien plötzlich etwas Bedrohliches, etwas tief Böses von ihnen auszugehen.
Obwohl es mir eiskalt den Rücken hinunter lief, dachte ich nicht einmal dran stehen zu bleiben oder umzukehren. Ich musste die Wahrheit herausfinden – um jeden Preis. Doch ich spürte, wie auch Hope ängstlich wurde. Er wollte umkehren, das wusste ich. Und die Tatsache, dass auch er diese seltsame Veränderung wahr nahm, verunsicherte mich noch mehr. Ich bildete mir das also nicht ein!
Nichts desto trotz änderte ich meine Entscheidung nicht und flüsterte stattdessen Hope ein paar aufmunternd Worte zu, als ich plötzlich bemerkte, wie es zwischen den Bäumen heller wurde, obwohl die Sonne gerade am Untergehen gewesen war. Um so näher ich den heller werdenden Stellen kam, um so mehr erkannte ich, dass der Wald sich lichtete.
In mir zog sich erneut alles zusammen. War dies der Ort, von dem mein Retter gesprochen hatte? Erst jetzt erkannte ich, dass ich nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte – doch das war jetzt unwichtig, ich musste wissen, was dort war.
Mit einem Mal endete der Wald plötzlich und Hope bremste abrupt ab und so standen wir auf freier Ebene. Das Bild, das sich mir bot, hätte kaum schrecklicher sein können und ich rang nach Atem. Wie in Trance lies ich mich von Hopes Rücken gleiten, ohne dabei den Blick von dieser furchtbaren Szene abzuwenden.
Ein Teil von mir wollte am Liebsten die Augen schließen, sich umdrehen und weg laufen. Der andere – stärkere Teil – flehte, bettelte darum Sophi hier nicht zu finden. Die Beschreibung meines Retters hatte diesen Anblick erklärt – es sah tatsächlich aus wie ein Schlachtfeld. Der einst wohl grüne Wiesenboden war von rotem Blut getränkt und überall lagen leblose Frauenkörper und Babyleichen verstreut.
Es wirkte, als wären sie einfach wie auf einem Müllhaufen hier abgeladen worden – einige lagen sogar übereinander gestapelt, als wäre ihnen nicht einmal ein eigenes Stückchen Erde vergönnt geworden. An den meisten von ihnen konnte man die grausamen Wunden, die zu ihren Tod geführt haben mochten erkennen – teilweise waren sogar die ein oder anderen Gliedmaßen abgetrennt worden, bei anderen zeugte nur der für die Ewigkeit eingemeißelte, zur Unkenntlichkeit verzerrte, Gesichtsausdruck von der Schicklichkeit ihrer Tode.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und unterdrückte die aufkommende Übelkeit, als ich begann, mich durch dieses Totenfeld zu schieben. Mein Retter hatte erneut recht gehabt – es mussten Tausende gewesen sein. Die verbliebene Vernunft in meinem Gehirn sagte mir, dass es unmöglich war, Sophi hier zu finden, selbst wenn sie sich hier befand. Es waren einfach zu viele – aber der Drang, mich zu Überzeugen war stärker. Und so stapfte ich zwischen den Toten hindurch – verfolgt von ihren gepeinigten Gesichtern und ihrem flehenden Blicken. Immer wieder musste ich anhalten und kurz die Augen schließen, damit ich mich nicht übergab und diese gequälten Seelen noch mehr entehrte.
Ich atmete tief durch den Mund ein und schmeckte schon fast den ekelhaften Todesgeruch auf meiner Zunge. Hätte ich den Fehler begangen, durch die Nase zu atmen, hätte ich mich sofort übergeben. Schließlich riss ich mich zusammen und öffnete wieder die Augen. Plötzlich erkannte ich am Horizont etwas, dass sich von den anderen Leichenbergen unterschied. Es sah aus wie der Schatten einer Gestalt, die die Arme ausbreitete und erinnerte mich sofort an den Traum, den ich vergangene Nacht hatte.
Einerseits schnürte es mir die Kehle zu, anderseits musste ich die Wahrheit einfach wissen. Ohne weiter darüber nachzudenken rannte ich auf die Gestalt zu und wie in meinem Traum wurde auch sie beim Näher kommen immer seltsamer. Trotzdem lief ich weiter - bis ich nah genug war, um das, was sich vor mir befand, vollendendes zu erkennen. Dann fiel ich auf die Knie und Tränen suchten sich ihren Weg über mein Gesicht. Ein Schluchzen dran aus meiner Kehle und verwandelte sich schließlich in einen Schrei. So laut, dass er selbst die Toten um mich in ihren Ruhe stören musste – auch wenn sie sich nicht beschwerten.
„Sophiiiiiiiiii!!!“ schluchzte ich.
Dort, direkt vor mir hing sie – fast wie in meinem Traum, nur dass sie an ein riesigen Kreuz gebunden war. Ihr Kopf hing leblos hinunter und Blut war aus ihrem Mund getropft, das aber bereit wieder geronnen war. Nicht anders verhielt es sich mit den ganzen anderen Wunden an ihrem Körper, auch sie waren breit getrocknet und geronnen. Dies musste schon Tage her sein.
Zitternd streckte ich meine Hand nach ihr aus und flüsterte erneut ihren Namen.
„Sophi...“ schluchzte ich „...es tut mir so leid. Ich... ich bin... zu spät... verzeih mir...“
Meine Stimme verstarb zu einem Wimmern und ich wippte wie in Trance hin und her.
Ich weiß nicht, wie lange ich da so saß. Es können Sekunden gewesen sein oder auch Stunden – Zeit hatte für mich an Bedeutung verloren. Plötzlich jedoch spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und sah auf.
„Ist das deine Freundin?“ fragte mich der freundliche Jäger, der mich nun schon zum zweiten Mal rettete.
Mechanisch nickte ich und er zog mich auf die Füße.
„Ich hätte dir diesen Anblick gerne erspart, aber du warst nicht zu bremsen...“ sagte er schließlich, als wollte er sich für meine Torheit entschuldigen und schüttele betroffen den Kopf. Langsam zog er mich hinter sich her und von Sophi weg. Ein Teil von mir wollte bei ihr bleiben und auch sterben. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, mich zu wehren. Und der andere Teil in mir wollte das auch gar nicht – der wollte nur weg von hier und alles vergessen.
„Du hast Glück gehabt.“ sagte er schließlich, als wir den Rand des Feldes erreichten und in den Wald eintauchten, wo sein Pferd und Hope auf uns warteten.
„Dieser Ort ist gefährlich! Es kommen immer wieder Dämonen hier her – wir sind ihnen damals nur knapp entronnen – hätten sich dich erwischt, wäre es dir nicht besser ergangen als den anderen Frauen!“ setze er schließlich fort, nachdem er sich mir zugewandt hatte und mir tief in die Augen sah.
Aber Furcht hatte jetzt keinen Platz in meinem Herzen, das von Trauer und Schmerz so ausgefüllt war. Auch er schien das zu bemerken und schüttelte frustriert den Kopf.
Schließlich setze er mich auf sein Pferd und band Hopes Zügel an die seines Pferdes. Dann setze er selbst auf und hielt mich mit einem Arm fest, während er mit dem anderen die zwei Pferde Richtung Lager lenke.
Und plötzlich spürte ich, wie mir erneut die Tränen in die Augen schossen und ich hemmungslos zu weinen begann. Denn ganzen Rückweg über strich er mir über den Rücken, während schweigend zu lies wie sich meine Trauer über seine Lederrüstung ergoss.
Was soll ich jetzt bloß tun?

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

*brrrr* *schüttel*
Naja, war ja klar, dass der neue Teil nicht sehr appetitlich werden würde...
Tja, was wird Aya nun tun?

(Ich weiß, was ich tun werde - warten auf Teil 8. :-D)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Auf Teil 8 warten muss Aya auch. *lol*

Eava hat gesagt…

Und ich wohl auch :( Aber toll geschrieben, ich freu mich wie immer auf den nächsten Teil!