Sonntag, 14. Februar 2010

6. Die vertrauten Fremden

„Du kannst doch nicht einfach irgendein daher gelaufenes Mädchen auf gabeln und in unser Lager bringen!“ hörte ich eine Männerstimme schreien, die mich so auch unsanft aus meinem wirren Traum riss.
„Was hätte ich denn tun sollen?“ antworte eine andere Männerstimme aufgebracht.
„Sie dort liegen und sterben lassen? Da wären wir kaum besser als Alon und seine Dämonenbrut!“
„Hmpf.“ war das Einzige, was die andere Stimme antworte, offensichtlich fiel dem Besitzer selbiger kein gutes Gegenargument ein. Dann hörte ich eine Tür zuschlagen und danach kehrte Stille ein.
Ich entschied, dass es an der Zeit war meinem Retter wissen zu lassen, dass ich wach war.
Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte. Ich sah alles nur sehr verschwommen und bemerkte erst jetzt, wie sehr mir der Kopf weh tat. Trotzdem versuchte ich, mich aufzusetzen.
„Ah!“ entfuhr es mir reflexartig und ich sah wie sich ein langsam klarer werdender Schatten mir zu wand.
„Schh!“ sagte der Schatten und ich erkannte die zweite Stimme.
„Überanstrenge dich nicht, du hast dir ziemlich stark den Kopf gestoßen!“
Nun, das erklärt meine Kopfschmerzen.
Ich wusste, dass er recht hatte, also gab ich nach und ließ mich in das Kissen zurück fallen, versuchte aber weiter mehr zu erkennen. Langsam verwandelte sich der Schatten in einen Menschen – genauer gesagt, einem Mann.
Nach kurzer Zeit glätte sich die letzte Unschärfe und ich sah endlich wieder normal, also ließ ich meinen Blick – soweit es ging – über meine Umgebung schweifen.
Es war ein einfacher Raum, der fast ausschließlich aus Holz gemacht worden zu sein schien. Sowohl der Boden, wie Decke und Wände als auch die karge Einrichtung, die nur aus einem Tisch und einem Stuhl bestand, wenn man von dem Bett, in dem ich lag, einmal ab sah.
Schließlich wand ich mich dem Fremden zu, der mich offensichtlich gerettet hatte und musterte ihn. Er hatte blondes, struppiges Haare und einen stoppeligen, kurzen Bart, der so wirkte, als hätte er sich nur seit ein paar Tagen nicht rasiert, als dass er wirklich gewollt war. Seine Haut war braungebrannt und ledrig. Seine ganze Erscheinung war die eines Jägers, eines Mannes der Wildnis – der von seinen Abenteuern gezeichnet war. Er musterte mich mit seinen blauen Augen ebenfalls und ich fragte mich spontan, was er wohl über mich dachte.
„Na, geht’s dir wieder so weit?“ fragte er mich schließlich.
„Mein Kopf tut ziemlich weh...“ gab ich ihm zur Antwort und merkte, wie blöd ich mich dabei anhörte.
„Das ist kein Wunder.“ sagte er erklärend. „Du bist ziemlich schwer gestürzt – aber du hattest Glück, es gab schon Leute, die sich bei einem Sturz von einem Pferd alle Knochen gebrochen haben...“
Mit alle Knochen brechen hab ich ja schon Erfahrung...
Aber er erinnerte mich an etwas – etwas, dass ich unbedingt wissen musste.
„Wo ist Hope?“ fragte ich panisch. Es wäre schrecklich, wenn ich ihn verloren hätte. Er war mir ein guter Freund – außerdem hätte ich mir niemals noch ein Pferd leisten können.
„Hope?“ fragte er zur Antwort.
„Mein Pferd!“ erwiderte ich ungeduldig.
Zu meinem Verdruss musste er herzhaft lachen. Ich fand diese Situation ganz und gar nicht lustig und machte ein finsteres Gesicht.
„Ein komischer Name für ein Pferd.“ sagte er als würde er meinen Gesichtsausdruck nicht bemerken.
„Aber keine Angst, ihm geht es gut – er ist unten in unseren Stallungen. Er wachte neben dir, als ich dich fand – zuerst dachte ich, es wäre ein herrenloses Pferd, aber dann sah ich dich am Waldboden liegen. Er muss dich ganz schön mögen, wenn er nicht abgehaut ist.“ erläuterte er immer noch grinsend.
Aber sein Spott war mir in dem Moment egal – Hope ging es gut und er war hier. Außerdem gab es noch etwas zu sagen, man solle mir nicht vorwerfen können, ich hätte meine Kinderstube vergessen.
„Danke.“ sagte ich und sah dem Fremden dabei tief in die Augen.
Ich machte mir keine Illusionen darüber, wie es mir ergangen wäre, hätte mich dieser Mann nicht gefunden. Ich wäre wohl am kalten Waldboden jämmerlich erfroren.
„Ihr habt mich gerettet.“ ergänze ich noch.
„Ach was.“ sagte er abwinkend. „Ich habe nur das Selbstverständliche getan.“
„Dein Freund schien das nicht so zu sehen.“ antwortete ich ihm, bereute aber meine Worte gleich wieder. Wie konnte ich nur so unhöflich sein?
„Du hast gehört was Rupert gesagt hat, was?“ fragte er frustriert.
„Das darfst du ihm nicht übel nehmen – es sind schlimme Zeiten und er hat – wie wir alle - einiges durchmachen müssen,“ .- an dieser Stelle nahm sein Gesicht einen sehr traurigen Ausdruck an - „deswegen ist er etwas misstrauisch, aber er meint es nicht so – glaub mir.“ erläuterte er.
„Einiges durchmachen?“ fragte ich reflexartig. Ich wusste, dass sich die Frage nicht gehörte, aber die Neugierde brannte in mir und sie war schneller über meine Lippen entflohen, als ich genau drüber nachdenken konnte.
Ich erwartete nicht, dass er mir drauf antworten würde – aber zu meiner Überraschung tat er es.
„Wir haben alle auf sehr grausame Weise jemanden verloren, an dem uns viel lag.“ begann er und ich spürte seinen Schmerz in jedem Wort mitschwingen.
„Rupert verlor seine Frau und sein ungeborenes Kind. Er war auf der Jagd, als sie kamen und sie mitnahmen. In seinem Dorf hatte niemand etwas getan um die Bastarde“ - seine Wut und seine Abscheu klangen in jedem Ton des Wortes mit - „dran zu hindern und er hat daraufhin mit ihnen gebrochen.“
Seine Worte trafen mich wie eine eiskalte Faust – ich wusste, wovon er sprach. Rupert war das Gleiche widerfahren wie mir – auch in seinem Dorf waren schwangere Frauen entführt worden. Wie hatte ich nur glauben können, dass es nur unser Dorf traf? Wer würde sich ausgerechnet unseres aussuchen? Mir hätte von Anfang an klar sein müssen, dass es wohl mehrere – vielleicht sogar alle betraf!
„Und in meinem Fall“ - jetzt nahm sein Gesicht endgültig einen gequälten Ausdruck an - „war es meine Schwester. Sie war noch so jung und frisch verheiratet – nachdem unsere Eltern gestorben waren, war sie die einzige Familie, die ich noch hatte. Auch ich war auf der Jagd, als sie kamen. Ihr Mann war gestorben um sie zu beschützen und ich hätte das Selbe getan, wäre ich dort gewesen.“ erzählte er und gegen Ende brach seine Stimme fast.
Dann fasste er sich schließlich und sagte abschließend: „So oder so ähnlich sind die Geschichten aller hier im Lager. Uns allen hat dieser Dämon unsere Liebsten entrissen!“
Ich spürte die Wut, die in ihm brodelte. Und ich konnte sie besser verstehen, als er ahnte.
Dann schluckte ich und sah zu Boden, als ich zu erzählen begann: „In meinem Fall war es meine beste Freundin – ihr Mann hatte versucht, sie zu retten und sie haben ihn einfach ermordet. Daraufhin versuchte ich es und bin mit ihr in den Wald gelaufen. Aber wir sind gestürzt und so haben sie uns eingeholt. Ich will gar nicht wissen, was sie mit mir gemacht hätten, hätten sie mich nicht für tot gehalten...“
Die Erinnerung an jenen verfluchten Tag brannte in meiner Brust und ich spürte, wie mir eine Träne über die Wange lief.
Er legte mir eine Hand auf die Schulte und ich sah ihn an – sein Blick war liebevoll und mitfühlend.
„Du warst sehr mutig.“ sagte er schließlich. „Das du dich ihnen gestellt hast, obwohl du wusstest, was dir drohte.“
„Aber es war nicht genug...“ schluchzte ich. Es dauerte ein wenig bis ich mich sammelte.
„Deswegen bin ich los gezogen um sie zu befreien!“ sagte ich schließlich entschlossen und erschrak, als er wieder einen furchtbar gequälten Gesichtsausdruck machte. Einen, den man machte, wenn man jemanden eine schlechte Nachricht überbringen musste. Mein Bauch zog sich zusammen und mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, der mir eine schlimme Vorahnung verriet.
Er schien nach den richtigen Worten zu suchen, gab es dann jedoch auf und sagte es direkt: „Er hat sie alle getötet.“
Es fühlte sich an, als wäre ich in eiskaltes Wasser getaucht worden und als ob mein Leben langsam aus mir heraus floss.
„Auch wir hatten uns aufgemacht um unsere Liebsten zu befreien, aber dann fanden wir dieses furchtbaren Ort... es sah aus wie ein Schlachtfeld. Er hatte sich nicht einmal die Arbeit gemacht ihre Leichen zu begraben – es waren tausende Frauen und Babies. Es war furchtbar...“ sagte er und sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel an der Schrecklichkeit dieses Anblicks zu. Und trotzdem konnte ich es nicht glauben – ich wollte es nicht glauben!
„NEIN!“ schrie ich. „Das kann nicht wahr sein – das darf einfach nicht war sein!“
Ich sprang aus dem Bett auf und ignorierte den dröhnenden Schmerz und den Schwindel, der mich überkam.
„Wo soll diesen Feld sein?“ fuhr ich ihn an und vergaß ganz, dass ich ihm eigentlich für meine Rettung dankbar sein sollte.
„Ein paar Meilen südlich von hier...“ sagte er und schüttelte den Kopf.
Aber ich achtete nicht mehr drauf und rannte aus dem Zimmer und fand mich in einem Lager mitten im Wald wieder. Genau gegenüber waren die Stallungen und ich entdeckte Hope. Sofort lief ich auf ihn zu und bemerkte, dass auch er mich gesehen hatte. In Windeseile hatte ich ihn losgebunden und mich auf ihn geschwungen. Im nächsten Augenblick ritt ich schon südlich aus dem Lager und spürte, wie mir schockierte Blicke folgten. Aber das war mir egal – ich musste diesen Ort sehen – ich musste mich selbst davon überzeugen, das Sophi nicht unter ihnen war. Es konnte nicht sein – es durfte nicht sein. Sie musste am Leben sein!

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Super Fortsetzung!

LG Papyra

Eava hat gesagt…

Der Schluss hört sich ja gruselig an, ich bin gespannt, wie es weiter geht!

Chinda-chan hat gesagt…

Eava - Als kleiner Hint (und Vorwahnung): Im nächsten Teil wird's noch 'grusliger'. ;-)

Papyra - Danke. :-)