Dienstag, 2. Februar 2010

5. Eine gefährliche Reise

Langsam ging ich den langen Gang entlang und ich spürte die wachsende Erschöpfung mit jedem Schritt. Das Atmen fiel mir schwer, die Luft war stickig, aber eiskalt. Dampfende Wölkchen stiegen aus meinem Mund empor und vernebelten das Wenige, was ich vor mir erkennen konnte. Die vereinzelten Fackeln an den steinernen, eisverkrusteten Wänden erhellten die Umgebung nur dürftig und ich konnte weder Anfang noch Ende dieses Ganges auch nur erahnen.
Es kam mir wie Stunden vor, bis ich vor mir endlich einen leichten Lichtschimmer sah, der das Ende des Ganges markierte. Umso näher ich diesem Licht kam, umso deutlicher erkannte ich, dass dort eine Gestalt stand. Und plötzlich vernahm ich ein Wimmern, dass sich langsam in Laute und dann in Wörter verwandelte.
„A… Aya…“ flüsterte die seltsame Stimme und ich wusste instinktiv, dass sie der Gestalt vor mir gehörte.
„Aya…“ wiederholte die Stimme und diesmal konnte ich sie gut genug hören um sie zu erkennen.
„Sophie!“ schrie ich aus tiefster Seele und Freude durchströmte meinen Körper.
Obwohl mein ganzer Körper schmerzte begann ich sofort zu laufen. Ich ignorierte den Schmerz – nein, ich vergaß ihn schlagartig. Endlich, endlich hatte ich sie gefunden!
Mir liefen Freudentränen über die Wange und ich breite die Arme aus um Sophie endlich wieder in selbige zu schließen. Doch umso näher ich ihr kam, umso mehr merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ihr Körper wirkte sonderbar…
Abrupt blieb ich stehen, als ich den Grund dafür bemerkte und riss meine Augen entsetzt auf, während mein Körper zu zittern anfing. Sophie stand da nicht – nein, sie hängte – sie baumelte von der Decke des Ganges! Ihre Augen waren entsetzlich verdreht und aus unzähligen Wunden an ihrem Körper floss Blut, das an einigen Stellen schon geronnen war. Die Male, die das Seil an ihrem Hals verursachte waren bereits blau und aus ihrem Bauch schien etwas herausgerissen worden zu sein. Ich wollte nicht einmal drüber nachdenken, was das gewesen sein könnte. Um mich herum begann sich alles zu drehen…

Plötzlich fühlte ich einen unangenehmen Stich in meinem Rücken und schlug reflexartig die Augen auf. Mein Kopf fühlte sich an als wäre Hope – so hatte ich mein Pferd getauft – über ihn darüber getrampelt. Aber ich wusste, dass er das nicht tun würde – er uns verband schon eine Art Freundschaft, denn wir waren in den vergangenen Tagen wirklich zusammen gewachsen.
Ich setze mich auf und schmeckte im meinem Mund den bitteren Nachgeschmack des Alptraums. Es war nicht der erste dieser Art gewesen, den ich hatte seitdem Sophie verschwunden war, aber einer der heftigsten.
Ich schaute mich in der kleinen Nische, die mein Nachtlager gewesen war, um. Ich hatte Glück gehabt, sie in dieser Steinwand entdeckt zu haben. Die Tage davor hatte ich unter freiem Himmel schlafen müssen, da war es trotz der dicken Decke und einem Feuerchen bitter kalt und ich merkte, wie mein Hals zu schmerzen begann. Und das war leider nicht nur ein Nebeneffekt meines trockenen Mundes gewesen.
In der kleinen Höhle waren wir – natürlich hatte ich Hope nicht draußen schlafen lassen – es wärmer gehabt. Aber leider auch steiniger und ich warf einen Blick auf den Missetäter, der mir im Schlaf in den Rücken gestochen hatte. Ein kleines Steinchen war es, das sich offenbar zwischen meinen Rippen wohngefühlt hatte. Schließlich stand ich auf und durchquerte mit drei Schritten die Nische, vorbei an den ausglühenden Kohlestücken, die am Abend zuvor noch ein brennendes Lagerfeuer waren und hin zu meiner Wasserflasche. Ich nahm ein paar Schlucke des eiskalten Wassers und obwohl ich wusste, dass die Kälte nicht gut für meinen Hals war, genoss ich das kühle Nass doch.
Dann suchte ich mir in meiner Tasche ein bisschen Brot und ein paar Nüsse zum Frühstück zusammen. Viel war es nicht – meine Vorräte gingen langsam zur Neige, war ich doch schon fast eine Woche unterwegs. Gott sei Dank war ich immer wieder auf Flüsse getroffen, die nicht zugefroren waren, so hatte ich zumindest genug Trinkwasser. Aber Essen war um diese Jahreszeit rar gesät. Gerade ein paar Nüsse – die wohl ein paar Eichhörnchen gehört hatten - konnte ich finden, aber das war alles. Wäre ich im Sommer gereist, so hätte ich sicher einige Beeren entdecken können, aber es half nichts, sich drüber zu grämen.
Danach kämmte ich meine Haare notdürftig mit den Fingern durch und wünschte mir einmal mehr, dass ich endlich wieder einmal ein Bad nehmen konnte. Aber das konnte ich mir schlicht nicht leisten. Ich hatte nur noch ein paar Münzen, nachdem ich die Kette für Hope eingetauscht hatte und die musste ich mir für Essen aufsparen. Es würde mir nichts nutzen – heute musste ich in einem Dorf halt machen und mir ein paar nahrhafte Sachen erwerben, auch wenn ich nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt war.
Am Abend zuvor hatte ich, wie auch die zuvor, meine Karte studiert um meine Route für den nächsten Tag zu planen. Bis jetzt hatte ich mich auf den Straßen gehalten, die um die Dörfer herum führten – ich wollte nicht unbedingt anderen Menschen begegnen, war ich doch auf einer Mission gegen den Kaiser und damit eigentlich eine Schwerverbrecherin. Nur einmal hatte ich ein Dorf durchquert und die Menschen dort waren kaum freundlicher gewesen wie in Sozia. Und das Wort Gastfreundschaft schienen sie nicht zu kennen.
Eher beäugelten sie mich misstrauisch, als könnte ich ihnen die Pest bringen. Ein weiter Grund, besser einen Bogen um Dörfer zu machen. Aber nun ließ es sich nicht vermeiden und ich packte schnell alle meine Sachen zusammen und sattelte Hope. Nachdem ich die Reste der Glut vollendens gelöscht hatte, stieg ich auf und ließ mein Nachtlager hinter mir.
Langsam trabten wir in Richtung des Weges und wanden uns schließlich südwärts. Die Sonne schien mir sanft auf meine linke Seite und wärmte mich. Umso südlicher mein Weg mich führte, umso kräftiger wurde sie. Auch wenn sie es nicht schaffte, sie Kälte des Winters ganz zu vertreiben, so fühlte ich doch, dass die kalte Jahreszeit hier deutlich milder war. Ich merkte auch, wie sie die Vegetation änderte. Zwar waren die meisten Bäume kahl, doch auch so blieb es mir nicht verborgen, dass es sich um ganz andere Arten handelte, als die, die ich kannte. Ich fragte mich, wie wenig ich wohl von der Welt kannte und was es dort draußen noch alles gab.
Es war kurz nach Mittag als ich hinter mir plötzlich das leise Klappern von Hufen hörte, die nicht Hope gehörten und dieses Geräusch holte mich aus meinen Gedanken. Während meiner ganzen Reise war ich nur einmal einem anderen Reisenden begegnet – einem alten Händler. Dieser war der freundlichste Mensch, den ich getroffen hatte, seitdem ich mein Dorf verlassen hatte. Ich ritt ein Stück neben ihm und er erzählte mir von seinen vielen Reisen und Abenteuern, die er erlebt hatte. Es war ein wenig so wie ein Großvater – einen, den ich nie hatte, denn meine Großeltern waren lang vor meiner Geburt während des großen Brandes gestorben. Schließlich lud er mich sogar zum Mittagessen ein, bevor sich unsere Wege an einer Gabelung trennten. Aber das war schon einige Tage her und so drehte ich mich neugierig um, damit ich sehen konnte, wer da von hinten auf mich zu kam.
Aber etwas machte mich stutzig. Das Klappern klang nach vielen Pferden – aber das war nicht der eigentliche Grund, der mich beunruhigte. Nein, der war es, dass die Pferde offensichtlich galoppierten. Langsam konnte ich einen Reiter in der Ferne erkennen und dann noch ein paar weitere. Im nächsten Moment fühlte es sich an, als ob mir das Blut in den Adern gefrieren würde und es dauert ein paar wertvolle Sekunden, eher ich mich wieder in meine eigentliche Richtung drehen konnte und Hope die Sporen gab, so dass auch er in den Galopp überging.
Die schwarzen Reiter des Kaisers!
Es fühlte sich an, als ob mir die Kehle abgeschnürt wurde und ich trieb Hope immer mehr an. Staub wurde aufgewirbelt und ein ungnädiger Wind presste sich mir entgegen. Ich hatte keine Ahnung, ob sie mich gesehen hatten, aber ich wagte es auch nicht, mich umzudrehen und zu vergewissern.
Und so preschten wir immer weiter vorwärts. Ich schaute weder links noch rechts und nahm noch nicht einmal die Abzweigungen wahr, die an uns vorüber zogen. Ich wollte nur weg – weg von den dunklen Rittern und den schmerzhaften Erinnerungen, mit denen ich sie verband. Ich wollte mir auch noch nicht ausmalen, was sie mit mir tun würden, wenn sie heraus finden würden, dass ich überlebt hatte.
Schließlich kam mir die Idee, direkt in den Wald hinein zu reiten, um meine Spur zu verwischen. Genau das tat ich dann auch und wir galoppierten in Todesangst weiter. Hope wusste natürlich nicht, wieso ich solche Angst hatte, aber er spürte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war und gab sein Bestes.
Plötzlich jedoch spürte ich einen starken Ruck und im nächsten Augenblick flog ich. Mit einem dumpfen Geräusch kam ich auf und bevor mir schwarz vor den Augen wurde, hatte ich den Geruch von Waldboden in der Nase und das unangenehme Gefühl von Déjà-vu breitete sich in mir aus.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Toll, es geht weiter! *freu*
Das Ende dieses Teils war aber ganz schön *aua*...
Wieviel *aua* da wohl noch kommt...?

LG Papyra

Mel Eyre hat gesagt…

Nett geschrieben =)

ich schreibe auch gerne Kurzgeschichten, ich habe gerade bemerkt das du aus Wien kommst, voll toll! Ich komm nämlich auch aus Wien!

LG und nen schönen Tag

Mel

Chinda-chan hat gesagt…

Papyra - Naja, wir werden sehen. Aber du weißt ja, ich bin nie nett zu meinen Charakteren. *lol*

Mel - Danke. :-)
Es scheint doch einige österreische Blogger zu geben. *nick*

Eava hat gesagt…

An einer so spannenden Stelle aufzuhören find ich gar net toll, das machen meine Nerven nicht mit! Wann kommt der nächste Teil? ;)

Chinda-chan hat gesagt…

Eava - Ich hab schon angefangen, ihn zu schreiben. ;-)
Ach, ohne Kliffhänger wäre es doch fad. *in Deckung geht*

Anonym hat gesagt…

Klar, ohne Spannung ist es Mist.
...und so eine Hauptfigur muss auch was aushalten können, ansonsten hätte sie halt nicht Hauptfigur werden sollen. *lol*

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Aya hat sich sicher selbst ausgesucht, die Hauptfigur zu werden. *lol*
Wobei... sie hätte ja auch in ihrem Dorf bleiben können... aber ob ihr das soviel erspart hätte? Tja... :-D