Donnerstag, 28. Januar 2010

4. Die fremde Stadt

Mit jedem Schritt, dem ich Sozia ich näher kam, hatte ich das Gefühl, immer winziger zu werden.
Das große Tor in der äußersten Stadtmauer öffnete sich langsam und ein paar Wagen kamen heraus. So konnte ich schon von näherer Entfernung ein paar Blicke auf das Innere der Stadt erhaschen. Und ich war überwältigt. Ich dachte immer in unserem Dorf wäre es vor und nach dem Winter richtige geschäftig zugegangen, aber das war nichts im Vergleich zu hier. Noch nie hatte ich so viele Menschen an einem Platz gesehen!
Dieser fremde, atemberaubende Ort zog mich so magisch an, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie ich in die Stadt hineingelaufen war, bis ich mich mitten auf dem Marktplatz stand und von unfreundlichen Gesellen angerempelt wurde.
„Steh nicht blöd im Weg rum!“ fauchte mich einer von ihnen an anstatt sich zu entschuldigen. Ich wollte ihm schon etwas nach schreien, als ich im Augenwinkel sah, wie mich benahe eine dicke Frau mit einer dreckigen Schürze und einem speckigen, braunen Kleid beinahe ebenfalls angerempelt hätte. Nur im letzen Moment konnte ich ihr ausweichen.
Unfreundlicher Ort!
Meine Bewunderung fiel in Ärger über und ich beschloss, so schnell wir möglich wieder von hier zu verschwinden. Doch ich brauchte noch etwas, der eigentlich Grund, wieso ich direkt auf die nächste Stadt zu gelaufen war, wo es doch auch einen kürzeren Weg zu meinem Ziel gegeben hätte: Ein Pferd.
Ich machte mir keine Illusionen drüber, dass ich den Weg nach Yasha niemals zu Fuß bewältigen hätte können. Natürlich, ich hätte auch in unserem Dorf ein Pferd stehlen können. Aber ich hatte schon genug gestohlen und außerdem lagen die Stallungen in der Mitte des Dorfes. Ich hätte nie unentdeckt dort eindringen und eines mitnehmen können. Also musste ich schweren Herzens die wertvolle Kette, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte gegen einen reitbaren Untersatz eintauschen. Aber ich denke, Oma hätte es verstanden, hätte sie den Grund dafür gewusst.
Familie, sagte sie immer, sei das wichtigste. Und Sophi war für mich wie eine Schwester – wie eine Zwillingsschwester, wenn man vom deutlichen optischen Unterschied mal absah.
Endlich, nachdem ich beinahe zehn Mal um ein Haar angerempelt wurde, fand ich unter den verschiedensten, bunten Markständen etwas, dass danach aussah, als könnte ich dort fündig werden: Eine Stallung mit ein paar hübschen Pferden.
Ok, ich verstand nicht viel von Pferden. Aber genug, damit sie mich nicht ganz über das Ohr hauen konnten.
Ich strafte die Schultern und ging direkt auf den Stand zu. Zuerst wollte ich freundlich nachfragen, aber dann entschied ich mich anders. Freundlichkeit wurde an diesem Ort offensichtlich nicht geschätzt, wie ich schon erfahren durfte.
„Wie viel wollt Ihr für ein Pferd?“ fragte ich und setze eine unbeteilige Miene auf. Soviel hatte ich auch auf unserem Markt – oder Märktchen, im vergleich zu dem hier – gelernt: Sich bloß nicht in die Karten schauen lassen!
Der Verkäufer, ein großer, kahler Mann, dessen Muskeln selbst durch die dicke Felljacke hindurch sichtbar waren, musterte mich. Würde ich behaupten, er hätte mir keine Angst gemacht und ich wäre nicht am Liebsten davon gelaufen, wäre das eine glatte Lüge gewesen. Aber es gibt Dinge, die sind stärker als die Angst. Und in meinem Fall war das der Gedanke ans Sophi.
Dann lächelte er mich an, aber das war keinesfalls eine Besserung, denn er entblößte dabei seine halb abgefaulten Zählen. Aber wieder gelang es mir, mir nichts anmerken zu lassen.
„Nun, dass sind ganz besondere Pferde, junge Frau…“ versuchte er sich einzuschleimen. Offensichtlich nahm er an, ich hatte Geld, war ich doch in meinen feinsten und was viel wichtiger war – wärmsten – Mantel gekleidet.
„Ganz bestimmt sind sie das.“ sagte ich kühl und bestimmt und lies damit durchsickern, dass er mich nicht einlullen konnte.
„Also der Preis?“ setze ich noch nach und merkte, dass der Riese eindeutig vor den Kopf gestoßen war.
„20 Gulden.“ antworte er genauso knapp wie ich gesprochen hatte, er hatte wohl eingesehen, dass er sich seine Worte bei mir sparen konnte.
So etwas hab ich erwartet.
Bedauerlicherweise war meine Kette nur ungefähr 15 Gulden wert, obwohl auch das ein halbes Vermögen war.
Ich begann in meiner Tasche zu wühlen und zog die Kette heraus. Dann hielt ich sie ihm hin und sah ihm kühn in die Augen, obwohl mir dabei ein eiskalter Schauer über den Rücken lief.
„Was haltet ihr von dieser Kette?“ fragte ich ihn ruhig.
Stille. Er rührte keinen Muskel und ich wusste, dass er über mein Angebot nachdachte.
Jede Sekunde kam mir wie eine Ewigkeit vor, aber ich wusste, dass ich meine Ungeduld nicht zeigen durfte.
Er seufzte schwer und antworte schließlich: „Also gut.“
Ich hatte gewonnen.
„Aber nur, weil du so ein fesches Mädl bist…“ setze er noch nach.
Gut, soll mir recht sein, solang ich das Pferd bekomme…
Er band eines der Pferde los und hielt mir die Zügel hin, während er mit der anderen Hand die Kette forderte. Es war wirklich ein hübsches Pferd – ein helles, braunes Fell und eine glänzende, blonde Mähne. Klare, große Pferdeaugen starrten mich freundlich an und ich hatte es schon ins Herz geschlossen. Ohne Zweifel, ich hatte ein gutes Geschäft gemacht.
Ich nahm die Zügel und ließ die Kette in seine freie Hand fallen. Dann stieg ich auf das Pferd auf und lies mich von ihm durch die Menge tragen. Es war so um einiges leichter durch die Leute zu kommen, als zu Fuß. Die meisten hatten deutlich mehr Respekt vor Beritten als vor jenen, die nur von ihren eigenen Füßen getragen wurden.
Kein Wunder, wenn man von einem Pferd anrempelt wird oder es einem auf den Fuß steigt, tut das deutlich mehr weh.
Natürlich wusste ich, dass das nicht der einzige Grund war, aber mich erheiterte die Vorstellung trotzdem und zauberte kurz ein Lächeln in mein Gesicht. Aber die Sorgen kamen gleich wieder zurück.
Ich musste schnellstens aus der Stadt verschwinden, denn mein Dorf würde mein Verschwinden bald entdeckt haben – wenn das nicht schon geschehen war. Außerdem machte sich trotz meines Nachmittagsschläfchens langsam Müdigkeit bemerkbar. Ich musste also bald einen sicheren Schlafplatz finden. Kurz hatte ich darüber nachgedacht in der Stadt ein Zimmer zu mieten, aber das war nicht nur zu teuer sondern auch zu riskant. Hier würden sie zuerst nach mir suchen.
Innerlich verfluchte ich die Menschen zu meinen Füßen dafür, dass sie so unendlich langsam dahin schlichen, obwohl mir erst kurze Zeit zuvor ihre Hast furchtbar auf die Nerven ging. Aber mit jedem Augenblick sah ich vor meinem inneren Auge deutlicher eine Sanduhr, die langsam aber immer schneller rieselte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, als ich endlich am südlichen Tor ankam.
Und noch länger, bis ich selbiges passieren konnte, denn die Straße war völlig mit Marktkarren, die ihre Waren in die Stadt bringen wollten, verstopft.
Als ich endlich über die Zugbrücke nach Draußen trabte, waren die verschneiten Felder schon ganz von der Vormittagssonne erwärmt. Als mir bewusst wurde, wie viel wertvolle Zeit ich vergeudet hatte, gab ich meinem Pferd die Sporen und wir galoppierten einem ungewissen Schicksal entgegen.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Cool, ein neuer Teil.
Jetzt ist Aya also hoch zu Ross. Mal sehen, wo sie hin galoppiert.

LG Papyra

Eava hat gesagt…

Toll, endlich geht´s weiter! Super geschrieben wie immer :)

Chinda-chan hat gesagt…

Freut mich, dass es euch gefällt. :-)