Donnerstag, 14. Januar 2010

3. Der stille Aufbruch

Es ist kaum zu glauben, wie langsam die Zeit vergeht, wenn man nichts tun kann. Vor allem, wenn man auch noch ungeduldig auf etwas wartet.
Eine weitere Woche war vergangen, bis ich mich aufsetzen konnte und noch eine, bis ich aufstehen konnte. Es hatte sechs lange Wochen gedauert, bis ich mich wieder halbwegs gut bewegen konnte und meine Brüche einigermaßen verheilt waren. Aber ich hätte schwören können, dass es Jahre waren, hätte der Kalender mich dann nicht des Lügen gestraft.
Der Winter hatte schon längst Einzug in unser kleines Dorf gehalten und die Vorbereitungen für die Mittwinternacht waren schon in vollem Gange, auch wenn einige Familien schmerzlich jemanden in ihrer Mitte vermissten.
Es war auch schon unerbittlich kalt draußen und die Nächte waren viel länger geworden als die Tage. Normal hasste ich das, weil ich nicht in der Stube herumsitzen und Karten spielen wollte. Bei meinem Plan war es aber durchaus hilfreich. Nun, eigentlich war ich sogar auf den Schutz der Nacht angewiesen, denn sonst hätten meine Eltern mein Verschwinden viel zu früh entdeckt.
Natürlich wusste ich, dass ich ihnen damit das Herz brechen würde. Aber genauso wusste ich, dass sie mich niemals freiwillig gehen lassen würden. Trotzdem musste ich gehen – ich konnte Sophi nicht im Stich lassen. Die Meisten würden denken, ich wäre verrückt geworden und dies war eine reine Selbstmord-Aktion. Vielleicht hatten sie damit sogar Recht – aber ich musste es trotzdem versuchen!
Ich packte also die wichtigsten Dinge zusammen mit etwas Proviant und dem wenigen Ersparten und Schmuck, den ich besaß, in eine kleine Tasche und machte mich zu meinem Fenster auf, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass meine Eltern schliefen.
Ich hatte ihnen auf meinem Kopfpolster einen Brief hinterlassen. Das war nicht gerade fein, wenn man bedenkt, was sie alle für mich getan hatten. Aber wenn ich es nicht versuchen würde, würde ich wahnsinnig werden.
Ich zog meinen Mantel enger und stieg aus dem Fenstern. Eiskalter Wind blies mir frische Schneeflocken ins Gesicht und ließ mich frösteln.
Möglichst leise schloss ich das Fenster hinter mir wieder und schaute mich um. Ich hatte Glück, dass das Haus meiner Eltern am Rande des Dorfes war, so war die Chance, unentdeckt zu bleiben, erheblich größer.
Langsam stapfte ich in Richtung Wald und verdammte das knirschende Geräusch, das der Schnee dabei machte. Mein Plan war klar – ich würde mich den Wald entlang zur Hauptstraße, die aus dem Dorf führte, schlagen um selbiger bis in die nächste, große Stadt zu folgen.
In einem unbeobachteten Augenblick hatte ich aus der kleinen Buchsammlung im Gasthaus ein paar Karten entwendet. Den netten, alten Henrik zu bestehlen, bereitet mir ein wirklich schlechtes Gewissen – aber da ich das Dorf noch nie verlassen hatte, brauchte ich sie – sonst würde ich mich gnadenlos verirren.
Schon nach ein paar Schritten machte mir die Anstrengung zu schaffen. Ich war so lange an das Bett gebunden gewesen, dass meine Ausdauer eindeutig drunter gelitten hatte. Zu dem verräterischen Knirschen unter meinen Füßen kam also noch mein stoßartiges Keuchen, dass sich in der Stille wie Donnerhall anhörte. Ich betete, dass es nur mir so vorkam und alle anderen friedlich schlummerten.
Außerdem spürte ich ein paar meiner Rippen schmerzhaft stechen - die Verletzungen waren noch nicht ganz verheilt! Aber jetzt war es zu spät, meine Fußstapfen würden mich am nächsten Tag so und so verraten und einen nächsten Versuch viel schwerer machen. Zudem wollte ich auch nicht länger warten.
Jetzt oder nie!
Ich presste die Zähne zusammen und wartete vorwärts. Immer mal wieder blieb ich stehen, wenn ein Geräusch die Stille durchbrach. Einmal war es ein Schneehase, der sich zu nah ans Dorf heranwagte und ein andermal ein kleines Vögelchen, das auf der Suche nach dem knappen Futter wohl sogar in der Nacht herauswagte.
Plötzlich hörte ich ein seltsames Knarren, dass sicher von keinem Tier kommen konnte. Nein, viel eher stammte es von einer Tür!
Ich zog mich schnell in den Schutz eines nahen Baumes zurück und war nun froh, dass ich mich, trotz des dadurch entstanden Umwegs, möglichst nahe am Wald gehalten hatte.
Aus meinem Versteck sah ich wie der alte Jacob aus seinem Haus gestapft kam und sich mit einer Laterne umsah. Mein Herz setze für einen Moment aus und ich hielt reflexartig die Luft an.
Wäre ich ein bisschen näher an den Häusern gegangen, hätte er mich sicher gesehen - oder zuminderst meine Fußstapfen!
Einmal leuchtete er nur knapp an meinen Spuren vorbei und ich hatte schon die Augen zugepresst um nicht mit ansehen zu müssen, wie ich entdeckt wurde. Eine unsinnige Geste, aber so ist es ja oft mit Reflexen.
Dann drehte er sich aber wieder um und schnaufte.
„Berta, ich hab dir doch gesagt, hier ist niemand! Du hörst schon wieder Gespenster!“ keifte er unfreundlich und stapfte wieder in Richtung Hauseingang.
Aber seine unfreundlichen Worte blieben nicht unkommentiert.
„Schrei nicht so rum, du weckst noch die Nachbarn!“ keifte seine Frau zurück – doch deutlich leiser.
„Außerdem weiß ich, was ich gehört habe!“ setze sie noch beleidigt nach.
„Wahrscheinlich irgendein Tier…“ hörte ich den alten Doktor noch murmeln und die Türe erneut knarren.
Dann herrschte wieder Stille und so langsam traute ich mich wieder normal zu atmen.
Das ist knapp gewesen – zu knapp für meinen Geschmack!
Es dauerte eine Weile bis ich es wagte weiter zu gehen und solange Jakobs Haus noch in Sichtweite war, hielt ich mich noch näher am Wald. Erst nachdem es deutlich hinter mir zurück gefallen war, traute ich mich wieder ein wenig hervor. Dann zogen die letzten Häuser an mir vorüber und ich atmete erleichtert auf.
Endlich war ich an der Hauptstraße angelangt und hatte das Dorf hinter mir gelassen. Aber noch war ich nicht in Sicherheit!
Meinen Berechnungen nach sollte ich für den Weg nach Sozia auch zu Fuß nicht länger als diese Nacht brauchen – vorausgesetzt, ich hielt mir ran. Zügig schritt ich voran und lies sämtliche Abzweigungen an mir vorübergehen. Die Hauptstraße führte direkt nach Sozia, da hätte ich mich gar nicht verlaufen können. Selbst in dieser Dunkelheit nicht, denn obwohl ich das Dorf hinter mir gelassen hatte, wagte ich es nicht, eine Laterne zu entzünden. Ich hatte auch gar keine mitgenommen!
Langsam, aber doch kroch die Kälte durch meine weich gefütterten Stiefel und durch meinen dicken Mantel. Ich schlag die Arme um meinen Oberkörper und beschleunigte meine Schritte – immer verfolgt von der Angst, dass jemanden vor dem Morgen mein Verschwinden auffallen würde und sie mich finden würden.
Die Tatsache, dass sich die Zeit in der Finsternis nicht messen, machte es nicht einfach. Ich nahm auch nur schemenhaft wahr, wie sich die Landschaft um mich herum veränderte. Erst als die Dämmerung hereinbrach, fiel mir auf, dass ich mich weit hinter der Grenze meiner Welt befand. Das Land hier war viel flacher und es traten nur vereinzelt Bäume auf – den Wald hatte ich weit hinter mir gelassen.
Aber viel atemberaubender war das, was sich direkt vor mir befand. Noch nie hatte ich so große Häuser gesehen. Die höchsten Spitzen ragten bis in den Himmel und wurden vom Licht des anbrechenden Tages golden erleuchtet. Mehr als ihrer Spitzen konnte man jedoch nicht erkennen, denn der ganze Ort war von einem weiß glänzenden Wall umzäunt, dass nur von einem großen, mächtigen Tor durchbrochen wurde. Sozia war wirklich atemberaubend!

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ah, toll, jetzt hat sich Aya also auf den Weg gemacht.
Bin gespannt, was sie für Erfahrungen auf ihrer weiteren Reise macht.

LG Papyra

Eava hat gesagt…

Ich auch, freu mich wie immer auf den nächsten Teil!

Big.S hat gesagt…

mal wieder super spannend. freu mich auch auf die fortsetzung :-)

lg