Mittwoch, 6. Januar 2010

2. Das traurige Erwachen

„Aya?“ durchbrach eine Stimme die Stille, die in meinem Kopf herrschte. „Ayalia!“
Ich spürte, wie jemand leicht an mir rüttelte und gleichzeitig, wie sich langsam Schmerz in mir ausbreitete.
„Lass sie, sie kommt zu sich, wenn sie bereit dafür ist.“ erkannte ich die tiefe Stimme meines Vaters.
Er war ein guter, ehrbarer und weiser Mann, jeder im Dorf respektierte ihn. Streng, aber herzlich.
„Aber Theodor!“ sagte die erste Stimme wieder und nun erkannte ich auch sie. Es war die Stimme meiner Mutter. Sie war eine liebevolle Frau, die sich immer zu viele Sorgen machte. Besonders um mich. Wobei, wahrscheinlich gab ich ihr zu oft auch genug Grund dafür.
„Sie ist unser einziges Kind… wenn sie…“ schluchzte meine Mutter und ich wollte die Hand heben, um sie zu trösten, aber es gelang mir nicht – es war, als ob ich fest gekettet wäre. Stattdessen durchfuhr ein noch stärkerer Schmerz meinen Körper.
„So darfst du nicht denken, Rose.“ antwortet Vater ihr.
„Sie wird wieder gesund werden. Ganz gesund… sie hatte Glück, dass sie nur auf einen Vorsprung und nicht die ganze Schlucht hinunter gefallen ist.“
Das Schluchzen wurde stärker und ich wusste, dass sie sich in ihren Gedanken ausmalte, wie es mir ergangen wäre, wäre genau das passiert. Und plötzlich fragte ich mich, wieso ich mich nicht gewundert hatte. Eigentlich hätte ich nicht mehr am Leben sein können, wäre ich die ganze Schlucht bis zum Grund hinunter gefallen. Aber über so etwas macht man sich eben erst später Gedanken.
Nun nahm ich alle meine Kraft zusammen und öffnete langsam die Augen. Grelles Licht blendete mich und es dauerte ein paar Sekunden, bis ich zumindest Umrisse erkennen konnte.
„Aya!“ hörte ich die Stimme meiner Mutter erneut schreien, aber in ihrem Kreischen lag auch Erleichterung.
„Ayalia!“ sagte sie noch mal – dieses Mal etwas ruhiger. Nun konnte ich sie auch langsam erkennen.
Mühsam schluckte ich und nahm noch einmal meine ganze Kraft zusammen um zu Sprechen.
„Wa… Was?“ – Weiter kam ich nicht, jeder Ton der meine Lippen verlies tat schrecklich weh.
„Oh Aya!“ schluchzte meine Mutter erleichtert.
Dann suchte ich mit meinem Blick Vater. Auch ihm war Erleichterung ins Gesicht geschrieben, auch wenn er – wie immer – deutlich gefasster war als Mutter. Nicht, dass ich ihm weniger bedeutete als ihr. Nein, ich wusste, dass seine Familie sein Ein und Alles war. Er war nur gelassener als sie und behielt selbst in den schlimmsten Situationen die Ruhe. Das war eine Tatsache, die viele an ihm zu schätzen wussten. Selbst der Bürgermeister fragte ihn oft um Rat, weil er seine ruhige und bodenständige Art bewunderte.
„Ayalia…“ setze er an. „Du brauchst erstmal Ruhe. Versuch gesund zu werden, alles andere kann warten.“
Langsam schlichen sich die jüngsten Erinnerungen zurück in mein Gehirn. Und mit ihnen kam unendliche, alles verzehrende Panik.
„Sophi!“ krächzte ich so laute wie es mein verletzter Körper zu ließ und zuckte augenblicklich zusammen, da mich aufgrund dieser Anstrengung erneut ein starker Schmerz durchfuhr.
Meine Eltern wendeten beide ihre Blicke ab und ich wusste, dass das nichts Gutes bedeuten konnte.
„Was ist mit ihr passiert…?“ presste ich mühsam und unter Schmerzen hervor. Jeder Augenblick kam mir wie eine unerträgliche Ewigkeit vor und ich verfluchte meinen geschundenen Körper dafür, dass ich nicht auf der Stelle aufspringen und nach ihr suchen konnte.
Mein Vater setzte zum Reden an, doch ich sah, wie er zögerte. Er wog seine Worte gut ab und so was tat er nur, wenn er mir etwas sehr Schlimmes beibringen musste. Die Sekunden zogen sich wie Stunden und bohrten sich in mein ohnehin schon verletztes Ich.
„Diese Männer… haben sie mitgenommen.“ sagte er langsam.
Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder zutiefst traurig sein sollte. Einerseits war sie noch am Leben und war nicht für ihren Widerstand getötet worden, doch sie hatten es geschafft, sie zu verschleppen.
„So wie Angelika, Daphne und Henrietta.“ setze er noch nach.
Die anderen drei schwangeren Frauen in unserem Dorf – mit Angelika und Daphne war ich zusammen in de Schule gegangen, Henrietta war schon älter – es war im Gegensatz zu den anderen – nicht ihr erstes Kind.
„Und die kleine Emma.“ mischte sich meine Mutter schluchzend ein.
Emma war Julias erstes Kind, sie war erst ein halbes Jahr alt. Alleine nicht lebensfähig… wer konnte nur so grausam sein, so ein kleines Kind seiner Mutter zu entreißen?
Der Selbe, der vor den Augen einer werdenden Mutter ihren Ehemann tötetet. dachte ich düster.
„Patrin…“ setze ich an und ich sah den verwunderten Blick meiner Eltern. Natürlich, sie wusste, dass ich ihn nicht mochte.
Er mag mir gegenüber gemein gewesen sein und ich hatte ihm sogar mal den Tod gewünscht. Aber er hat sich ohne zu Zögern für Sophi geopfert, das rechnete ich ihm hoch an. Ich wünschte, ich hätte ihm das noch sagen können. Wir mochten uns zwar nicht, aber unsere Zuneigung zu Sophi verband uns doch irgendwie. Und nun musste ich mir noch eingestehen, dass er ihr wirklich ein guter Mann gewesen war. Nun war es dafür aber zu spät um mich noch mit ihm zu versöhnen.
„Er ist schon beigesetzt worden.“ riss mich mein Vater aus den Gedanken als er mir endlich antwortete.
„Schon?“ fragte ich ächzend.
„Nun…“ erwiderte er mir langsam.
„Du warst einige Zeit bewusstlos…“
„Wie lange?“ fragte ich kurz angebunden um die dabei entstehenden Schmerzen zu minimieren.
„Eine Woche…“ antwortete er mir.
„Was?“ krächzte ich laut und fuhr erneut vor Schmerzen zusammen.
Eine Woche! Das alles ist schon eine Woche her? Das kann nicht sein!
„Du hattest großes Glück, Schatz!“ sagte meine Mutter schließlich und strich mir über die Stirn.
„Jacob sagt, dass wenn du anders aufgekommen wärst, dann wäre es viel schlimmer gekommen… ich will gar nicht dran denken, was passiert wäre, wenn dieser Vorsprung nicht gewesen wäre!“ erklärte sie schon mehr zu sich selbst als mir und ihre Stimme brach dabei fast.
„Er sagte auch, dass du wieder völlig gesund werden wirst.“ setze mein Vater noch aufmunternd nach.
Aber was bedeutete das schon? Sophi war verschleppt worden und wer weiß, was sie mit ihr machen würden. Einen Augenblick lang wünschte ich mir, ich hätte es nicht überlebt.
„Schlaf noch ein bisschen, Schatz.“ sagte meine Mutter.
„Du musst dich erholen, das ist jetzt das Wichtigste!“ setze sie noch nach.
Ob Sophis Eltern auch so denken? Wohl kaum…
Sophi war ihr einziges Kind. Mehr hätten sie auch gar nicht ernähren können, ihre Eltern waren arm. Als Patrin sich entschied, gerade sie zu heiraten, waren ihre Eltern vor Freude aus dem Häuschen. Ihre einzige Sorge war immer gewesen, ob ihre Tochter eines Tages ein gutes Leben haben würde. Und nun, ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie sie litten. Wie verzweifelt sie waren. Von allen Menschen, hatten sie es am wenigsten verdient.
Und ich dachte nicht nur so, weil ich die beiden mochte. Sie waren immer nett zu mir gewesen und hatte mir trotz ihrer Armut zur Mittwinternacht süßes Brot und andere Leckereien geschenkt.
Nein, sie waren auch zu allen anderen herzensgut. Obwohl sie selbst nicht viel hatten, hätten sie trotzdem mit jedem, der es brauchte, noch das wenige, was sie hatten, geteilt.
Warum trifft es immer die Guten?
Aber irgendwo hatten meine Eltern trotzdem Recht, solang ich an dieses Bett gefesselt war, konnte ich gar nichts tun. Außer Pläne schmieden.
Und genau das werde ich tun!

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Oh wie schön, ein neuer Teil! *freu*

Ha, ich hab mich schon gefragt, wie Du sie aus der Schlucht wieder rausholst. :-D

Ich finde, dass das mit der Mittwinternacht ein besonders hübsches Detail ist.

OK, dann lassen wir Aya mal Pläne schmieden (und gesund werden) und schauen, was ihr so einfällt. :-)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Tja. :-D

Nun, ich musste den armen Leuten irgendwie einen Feiertag geben (:-D) und die Mittwinternacht war schön passend, weil in solch einer Welt gibt's unsere Feiertage ja net. Mal schauen, ob ich noch andere Feiertage einbau. *lol*

;-D

Anonym hat gesagt…

Mittwinternacht klingt so schön heimelig (obwohl es dann ja eher dunkel und kalt ist), ist aber ja schon ein uraltes heidnisches Fest.

Hui, noch mehr Feiertage - klingt gut.

Sag mal, haben Dämonen eigentlich auch Feiertage? Oder stinkern, rauben und morden die das ganze Jahr nur dumpf vor sich hin? Obwohl - das wäre ja vielleicht eine Erklärung, warum die immer so fies drauf sind. :-D

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Na klar, die feiern z.B. Alons Geburtstag. ;-D

Anonym hat gesagt…

Und wann ist der? *g*

Na, wenn sie Geburtstage feiern, dann gibt es ja doch noch eine Rettung für Dämonen. (Zumindest für Alon.)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Das muss ich mir noch überlegen. :-D

Eava hat gesagt…

Yeah Part 2, wann kommt der nächste? *verschling*
Mal wieder sehr schön und spannend geschrieben :)

Chinda-chan hat gesagt…

Wird noch ein bisschen dauern. ;-)