Mittwoch, 16. Dezember 2009

12. Der hoffnungslose Wunsch

Ich öffnete meine Augen und setzte mich ruckartig auf. Als Erstes lies ich meinen Blick über das Gebiet um mich schweifen. Ich befand mich auf einem Plateau, das von unten unheimlich beleuchtet wurde. Außerdem hörte ich unheimliche Stimmen, die wohl auch von unten kamen. Dann stand ich auf und versuchte mich selbst zu mustern. Mein weißes Kleid war dreckig von der Erde, auf der ich gelegen hatte. Ich kannte dieses Kleid und wusste, was es bedeutete.
Ich machte einen Schritt vorwärts, doch weiter kam ich nicht. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie Dornenranken auf mich zugeschossen kamen. Und dann ging alles sehr schnell. Die Dornen bohrten sich in mein Fleisch und ich wurde über das gesamte Plateau - direkt zum Abgrund hin - geschleudert.
Im letzten Moment konnte ich mich am Vorsprung festklammern und schaute panisch nach unten.
Was ich sah, lies mich innerlich zutiefst erschaudern. Eine dunkle, stürmische See breitete sich dort aus, aber das war es nicht, was so schrecklich war, dass ich es kaum ertragen konnte. In den Wellen waren unzählige Kreaturen, die sich vor Qualen wanden und deren Gesichter vor Schmerz bis zur Unkenntlichkeit verzerrt waren. Einige von ihnen langten nach meinen Füßen, doch sie erreichten mich nicht. Noch nicht.
Das Geräusch von Schritten holte mich aus meiner Trance und ich blickte nach oben. Aber der Mann, der dort stand, war der Letzte, den ich sehen wollte: Kantos.
Mit kalter Wut in seinem Blick schaute er zu mir herab und schrie: „Du dummes Miststück! Du hast alles vermasselt! Das wirst du bereuen!!“
Natürlich. Ich war ihm egal, er wollte Alon. Dass ich mich geopfert hatte, machte ihn zutiefst wütend. Aber ich hatte nichts anderes erwarten.
„Dafür werde ich dich den Seelenfressern zum Fraß vorwerfen.“
Ich schaute erneut nach unten und begriff, was mich erwartete. Ich würde eine von ihnen werden, für alle Ewigkeit. Eine grausamere Strafe hätte er nicht wählen können. Ich schluckte und schaute erneut zu ihm auf. Wellen der Angst durchzuckten mich wie Blitze.
Kantos zog sein Schwert und zielte direkt auf meine Hände, um mich endgültig in die Verdammnis zu stürzen. Ich kniff die Augen zu und wartete auf den Schmerz. Auf Folter. Auf das Ende.
Aber stattdessen hörte ich ein lautes Geräusch und ich riss meine Augen gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Kantos über die Plattform geschleudert wurde.
„Du wirst sie nicht anrühren!“ schrie eine vertraute Stimme.
Das kann nicht sein!!!
Ich verrenkte fast meinen Kopf, um die Gestalt zu sehen, die geschrieen hatte. Und als ich sie erblickte, wurde mein Verdacht – meine Hoffnung – bestätigt. Mein Herz klopfte wie wild als ich ihn dort stehen sah: Alon.
Er hatte sein Schwert gezogen und funkelte Kantos zutiefst böse an.
„Ich habe dich einmal besiegt, ich werde dich erneut besiegen!“ setzte er noch nach und stürzte sich auf Kantos.
„Das werden wir noch sehen!“ rief ihm dieser entgegen, aber er wirkte noch lange nicht so selbstsicher, wie er es vorzugeben versuchte. Im nächsten Augenblick ertönte das metallische Klirren von Schwertern. Um ihnen jedoch mit meinen Blicken zu folgen, waren meine Augen längst nicht gut genug.
Also versuchte ich, mich mit aller Kraft hochzuziehen. Doch ich war kaum kräftig genug um mich zu halten – all die Macht, die Kraft, die ich besessen hatte, waren in der verfluchten Lava zu Asche verbrannt.
Meine Finger wurden immer tauber und ich spürte, wie ich Zentimeter um Zentimeter verlor. Ich hatte das Gefühl, als ob die Verfluchten unter mir nach meine Füße ergriffen, um mich zu sich in das Elend zu ziehen. Doch als ich erneut nach unten sah, stellte ich erleichtert fest, dass sie mich immer noch nicht erreichten. Aber einer meiner Finger nach dem anderen gab nach. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bevor ich direkt in ihre Klauen fiel.
Plötzlich hörte ich erneut ein lautes Krachen. Ich drehte sofort meinen Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Und da sah ich Kantos am Boden knien und keuchen, Blut ran von seiner Schulter über seine Brust und tropfte zu Boden.
„Du warst nie ein Gegner für mich!“ hörte ich Alon noch sagen, dann gaben meine tauben Finger endgültig nach und ich spürte den Fallwind um mich.
Ich schloss die Augen und bereitete mich auf das absolute Ende vor. Doch es kam nicht.
Etwas schloss sich um mein Handgelenk und ich riss erneut die Augen auf und blickte direkt in Alons Gesicht.
Mit Leichtigkeit zog er mich hoch und trug mich behutsam weg von dem Abgrund. Er kniete sich hin und bettete mich behutsam in seinen Armen.
Neben uns hörte ich ein ersticktes Husten und entdeckte, wie schlimm Kantos wirklich verletzt war. Alon hatte nicht nur seine Schulter sonder auch seinen Hals und seine Brust erwischt. Sein Brustkorb hob sich schwer und ich sah, dass er seine letzten Atemzüge machte.
Und trotz allem lachte er.
„Du… magst… mich… mich… vielleicht… besiegt haben… aber dieser Sieg…“
Er spukte Blut und keuchte, bevor er sich wieder sammeln konnte.
„…hat seinen… Preis!“
Alon würdigte ihn nicht eines Blickes und es war Kantos trotz seines Zustands anzusehen, wie sehr ihn das erzürnte während ihm mehr und mehr Blut aus dem Mund ran.
„Den Fluch… und den Pakt,… die ich… ich ihr auferlegt… habe,… kannst… du… brechen,… aber…“
Nun sah ihn Alon doch an und ich bemerkte, dass er beunruhigt war, auch wenn er das zu verstecken versuchte.
Auch Kantos fiel das auf und er lächelte noch ein wenig mehr.
„…aber ihren Tod kannst du nicht ungeschehen machen.“ presste er mit letzter Kraft hervor, bevor er ein letztes Mal Blut spuckte und leblos in sich zusammen fiel.
Doch anstatt sich über seinen endgültigen Sieg zu freuen, starrte Alon mich nur entsetzt an. Zuerst verstand ich nicht, wieso, doch dann fühlte ich es.
Eine seltsame Wärme breitete sich in meinem Körper aus und ich wurde immer müder – meine Augen wollten nur noch zufallen. Ich verstand, aber seltsamerweise hatte ich keine Angst. Eine tiefe Ruhe breitete sich in mir aus.
„Esmeralda…“ flüsterte Alon unendlich traurig.
Nein, noch konnte ich nicht gehen. Es gab noch etwas, das ich tun musste. Ich hob mühsam meine Hand und legte sie an seine Wange. Mit jeder Sekunde wurde sie durchscheinender und ein goldener Glanz floss von ihr – von meinem ganzen Körper – Richtung Himmel.
Ich wollte etwas sagen, aber mein Mund wollte mir nicht mehr gehorchen.
„…in die Hölle kann ich dir folgen…“ sagte er gebrochen.
„…aber der Himmel wird mir auf Ewig verwehrt sein.“
Endlich hatte ich mich wieder so weit in der Gewalt, dass ich diese Worte sprechen konnte. Ich wollte – konnte – nicht gehen, bevor ich das nicht gesagt hatte.
„Ich… ich liebe euch!“ presste ich hervor.
Er küsste meine fast unsichtbare Hand und sagte: „Ich liebe dich auch…“
Bei seinen Worten brach seine Stimme fast.
Doch das Wichtigste hatte ich noch nicht gesagt – er musste es unter allen Umständen wissen.
„Ich… ich werde… zu dir… zu dir zurückkehren… ich verspreche es…“ flüsterte ich.
Ich wusste, dass es wahr ist. Nichts würde ich unversucht lassen, mein Versprechen zu halten. Ich wünschte nur, ich hätte sehen können, ob er mich verstanden hatte. Doch ich verlor den Kampf gegen meine Lider und tauchte in gleißendes, warmes Licht.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das ist ein sehr schönes (vorläufiges?) Ende.
Ganz wunderbar romantisch.
*hach*

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ich dachte schon, ich werde zerrissen, weil die beiden am Ende getrennt werden.

Ja, vorläufig. :-D
Aber ich denke, den Prolog von "Aus der Finsternis" gibt's erst nach Weihnachten, vorher kommt noch der Epilog zu dem Teil. :-)

Anonym hat gesagt…

Dass die beiden getrennt werden, ist natürlich traurig, aber nach allem, was vorher war, wäre ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende hier irgendwie unpassend gewesen.
Du hast sie immerhin auf eine wunderschöne Weise getrennt - wenn es denn schon sein muss. *find*
Und da Esmeralda zurückkommen will (und bei ihrer Entschlossenheit schafft sie sicher selbst das), ist es erträglich, dass jetzt erst mal eine Trennung erfolgt.
Um so mehr freuen sie sich (und ich mich auch), wenn sie sich dann wiedersehen, haha! :-D

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ich freu mich auch schon drauf. Das wird sicher spannend. Ja, auch für mich zum Schreiben und sehen, wie es sich entwickelt, das ist ja immer ein Erlebnis. ;-)