Mittwoch, 9. Dezember 2009

11. Das unbezwingbare Schicksal

Auf diesen Augenblick hatte ich so lange gewartet. Aber nun, wo er da war, empfand ich nur Angst. Wenn ich nicht gegen Laures bestehen konnte, wie hatte ich da nur eine Chance, Alon auch nur zu nahe zu kommen? Er würde mich ein zweites Mal töten. Dieses Mal wahrscheinlich noch grausamer als das erste Mal.
Laures richtete sich auf und entfernte sich ein paar Schritte von mir. Er verneigte sich kurz vor Alon und sprach: „Herr…“
„Waren meine Befehle nicht eindeutig?“ fuhr Alon ihn scharf an.
„Verzeiht mir, Herr…“ erwiderte Laures untertänigst.
„Nun.“ antwortete Alon. „Darüber reden wir später! Entferne dich jetzt!“
Laures verbeugte sich ein weiteres Mal und verschwand lautlos.
Danach wand sich Alon mir zu. Dank meiner neuen Fähigkeiten regenerierte ich mich sehr schnell und so schaffte ich es nun endlich, aufzustehen. Nur bei dem Gedanken, vor seinen Füßen kauern zu müssen, wurde mir schon schlecht.
Mit meiner Hand umklammerte ich mein Schwert so fest wie möglich. Ich würde nicht kampflos untergehen. Nicht noch einmal – meine Furcht wurde augenblicklich von meinem Stolz verschlungen.
Ich rannte auf ihn und stach mit meinem Schwert zu. Doch anstatt zu parieren oder gar einen Gegenangriff zu starten, fing er lediglich meine Hand ab und drückte sie sanft zur Seite, bevor er sie wieder los ließ.
„Wieso?“ fragte ich ihn verwundert. Er hatte mich kaltblütig ermordet, wieso war er nun so sanft?
„Esmeralda…“ sagte er und seine Stimme war weich und in seinen Augen spiegelte sich unendliche Trauer.
Es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass mich das nicht über alle Maßen irritierte.
„Es zu wissen, ist schon schmerzlich genug. Aber es zu sehen, ist fast unerträglich.“ sagte er mit einer schmerzvollen Stimme.
So hatte ich ihn noch nie erlebt. Ich war zu verwirrt, zu geschockt um eine Antwort geben zu können und starrte ihn nur fassungslos an.
„Aber das Schlimmste von allem ist, zu wissen, dass es meine Schuld ist.“ setze er resigniert fort.
„Was soll das?“ fragte ich ihn. Meine Stimme klang schärfer als ich es beabsichtigt hatte.
Er schüttelte den Kopf bevor er vorfuhr: „Ich weiß, was du denkst. Und ich kann es dir nicht verübeln – jeder Mensch hätte das. Du konntest es nicht wissen. Ich hätte es wissen müssen!“
„Was wissen?“ fragte ich ungeduldig nach. Es machte mich wütend, dass er so in Rätseln sprach.
Anstatt das ich mehr verstand, verstand ich immer weniger.
„Kantos…“ begann Alon.
Das Kantos Alon kannte, wusste ich. Aber umgekehrt? Nun, sie waren beide Dämonenlords. So abwegig war es nicht. Wieso hatte ich nie daran gedacht?
„…und ich standen einst zur Wahl des Höllenfürsten. Er forderte mich heraus und ich habe ihn besiegt. Aber mich interessierte der Höllenthron nicht, also überließ ich ihn ihm und ging in die Menschenwelt. Doch er hat mir diese Schmach nie verziehen.“
Ich erinnerte mich an jenen Tag in dem verzauberten Garten, als Alon mir erzählt hatte, dass er Höllenfürst hätte werden können. Wieso hatte ich das vergessen?
„Ich wusste, dass er sich eines Tages an mir rächen wollen würde und als mir langsam bewusst wurde, was ich für dich empfand, wusste ich auch, das du in Gefahr warst. Ich verstärkte die Schutzzauber um mein Schloss und gab mich damit trügerischer Sicherheit hin. Doch ich hatte seine Listigkeit unterschätzt. Anstatt dich aus dem Schloss zu rauben, lockte er dich hinaus. Ich Narr hatte nur die Zauber, die Schaden von Außen abhalten sollten, verstärkt. Die zu durchbrechen, die dich im Schloss hielten, war für ihn eine leichte Übung…“
„Das macht keinen Sinn!!“ unterbrach ich ihn schreiend. „Als ob du etwas für mich empfunden hättest!! Du hast mich mit dieser Hure betrogen!!“
Sein Blick wurde noch trauriger als er ohnehin schon war.
„Ja.“ gestand er seine Schuld. „Um dich zu schützen…“
Ich wollte ihn erneut unterbrechen, aber redete einfach weiter.
„Du musst die Natur von uns Dämonen verstehen. Selbst unsere Liebe ist grausam. Als ich dich küsste, musste ich alle meine Kraft aufwenden um dich nicht mit meiner aufkeimenden Leidenschaft zu verletzen. Umso mehr ich in deiner Nähe war, umso näher ich dir war, umso stärker war mein Verlangen nach dir. Aber ich wusste, dass ich dich damit verletzen würde. Du warst so unschuldig und rein, also hatte ich gehofft, wenn ich mein Verlangen auf einem anderen Weg befriedigte, könnte ich dem standhalten und dir trotzdem nahe sein. Aber es war vergebens, an meinem Verlangen hat es nichts geändert. Kantos hat all das vorausgeahnt. Ich hatte seinen Plan erst erkannt, als es zu spät war. Ich dachte, er würde dich als Geisel verwenden wollen. Dass er dich töten würde, um dich als Waffe gegen mich einzusetzen…“ Er seufzte resigniert. „…ich hätte es wissen müssen. Genauso wie ich wissen hätte müssen, dass er deine Seele mit seiner Macht in Hölle ziehen würde. Ich Narr dachte, deine Seele wäre friedlich in den Himmel aufgestiegen, so wie es dir zugestanden hätte! Als ob das als Rache an mir nicht schrecklich genug gewesen wäre…“
Ich stand da wie erstarrt. Plötzlich ergab alles Sinn. Für eine Sekunde erwog ich, dass er lügen könnte. Aber etwas in mir sagte mir, dass er die Wahrheit sprach. Ich schluckte und bemerkte, wie sich ein Zittern in mir ausbreitete. Ich wand meinen Blick von ihm ab und schaute zu Boden.
„Aber nun bin ich nicht mehr unschuldig und rein…“
Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen.
„Du wurdest an Schachfigur missbraucht, in einer Fehde, die älter ist als deine Art selbst. Du hättest es nicht vorausahnen können…“ erläuterte er mit einer weichen und doch schmerzvoller Stimme.
Ruckartig richtete ich meinen Kopf auf und sah ihm in die Augen, während sich heiße Tränen über meine Wangen kämpften.
„Das ist keine Entschuldigung für das, was ich getan habe!“ fuhr ich ihn hysterisch an. „Ich habe gefoltert und gemordet, ich bin ein Monster!“
„Du bist kein Monster.“ erwiderte er mir ruhig, aber bestimmt. „Außerdem hat Kantos nicht nur Worte angewandt um deine Sinne zu benebeln!“
Doch seine Worte konnten die Schuld nicht von mir nehmen. Ich mag getäuscht und beeinflusst worden sein, aber ich handelte aus freien Stücken. Blut klebte an meinen Händen, die Last schien mir die Luft zum Atmen zu nehmen. Wie konnte ich nur? Ich hatte meine Hände an unschuldige gelegt!
„Natürlich bin ich ein Monster! Sieh mich an! Ich bin eine Untote!“ unterbrach ich ihn wild.
Er sah mir tief in die Augen und antwortete mir schließlich: „Es ist egal, was du getan hast oder was du geworden bist. Es ändert nichts an meiner Liebe zu dir!“
Mir weit aufgerissen Augen starrte ich ihn fassungslos an. Er hatte mir gerade seine Liebe gestanden. Nach allem, was ich getan hatte, nachdem ich ihn töten wollte… wie konnte er mir das alles verzeihen?
Langsam kam er auf mich zu und wirkte noch trauriger.
„Du hast einen Pakt mit ihm geschlossen, nicht wahr?“ fragte er mich, obwohl er die Antwort zu kennen schien.
„Ja.“ antwortete ich ihm ohne ihn anzusehen.
„Es ist mein Leben, nachdem er trachtet.“ schloss er.
Ich antwortete nicht. Was hätte ich schon sagen können? Er hatte ins Schwarze getroffen. Wie hatte ich nur so dumm sein können?!
„Hätte ich gewusst, dass du in der Hölle bist, hätte ich…“ verebbte seine Stimme langsam.
Er nahm meine Hand, die immer noch das Schwert umklammerte und hob sie zärtlich an. Für ein paar Sekunden schwieg er und dann sagte er schließlich: „Ich konnte dich nicht beschützen, also ist es nur recht und billig, dass ich für dich gehe...“
Ich suchte in seinen Augen nach Zweifeln, aber ich fand nur Aufrichtigkeit. Er wollte sich tatsächlich für mich opfern. Für mich, die ihm misstraut und verraten hatte. Für mich, die zu einem Monster geworden war. Ich entzog ihm meine Hand und wand mich ab. Ich musste Abstand gewinnen und ging ein paar Schritte von ihm weg.
„Esmeralda…“ sagte er und schaute mir nach. Aber er blieb stehen, wo er war – er wollte mich nicht drängen.
Ich wand mich wieder ihm zu und schaute ihn traurig an. Ich hatte meinen Entschluss gefasst. Das war das Einzige, was ich tun konnte. Ich hob mein Schwert.
Er seufzte erleichtert und lächelte mich traurig an.
„Es ist gut…“ sagte er um mich zu beruhigen.
Doch er hatte nicht verstanden – das wollte ich auch nicht, denn dann hätte er sicher versucht, mich aufzuhalten.
Ich machte einen Schritt nach hinten und stand am Sims der Brücke. Entsetzt riss er seine Augen auf, während ich mein Schwert scheppernd zu Boden fallen lies und meine Arme weit ausstreckte. Ich würde Buße tun für alles, was ich getan hatte.
„Nein!!!“ schrie er und ich sah noch, wie er auf mich zu gerannt kam, doch es war zu spät. Ich ließ mich fallen. Ich hörte, wie er meinen Namen schrie und spürte, wie Luft an mir vorbei zog, bevor mich die heiße Lava verschlang.