Donnerstag, 31. Dezember 2009

1. Die schrecklichen Fremden

Die Sonne stand auf ihrem höchsten Punkt und erwärmte die kalte Erde leicht, als wir das Dorf erreichten. Es herrsche emsiges Treiben – jeder versuchte die wenige Zeit, die noch blieb, zu nutzen um sich auf den strengen Winter einzurichten. Die Ledermeister gerbten die Felle, die die Jäger brachten und der Fleischer räucherte das Wild. Die Bauern brachten ihre letzten Ernten auf den Markt, während einige Frauen noch ein paar Einkäufe tätigten und stramme Burschen Holz hackten. Aus manchen Häusern stiegen schon Rauchschwaden – heute war es deutlich kälter als die Tage zuvor. An anderen wurden letzte Reparaturen verrichtet, damit die Kälte nicht in die warmen Stuben kriechen konnte.
Einige Leute grüßten uns im Vorübergehen – deutlich mehr Sophia als mich, sie war sehr beliebt im Dorf. Etliche Männer hatten um sie geworben, bevor sie sich für Patrin entschieden hatte. Die meisten Menschen hätten es eine gute Wahl genannt. Er war der Spross einer der ehrenhaftesten und wohlhabendsten Familien im Dorf und konnte ihr ein gutes Leben bieten. Aber ich fand ihn einfach nur hochnäsig und arrogant. Er hatte Sophi tatsächlich gefragt, wie sie mit einer wie mir befreundet sein konnte. Ich wäre ihm beinahe an den Hals gesprungen, wenn Sophi nicht dazwischen gegangen wäre und ihm deutlich gesagt hätte, dass er ihre Freundinnen akzeptieren muss, wenn er sie zur Frau will. Ok, wenn wir genau sind – war ich ihre einzige richtige Freundin. Wir waren immer zusammen und kein Mann konnte uns trennen. Das wusste auch er und seitdem sagte er nichts mehr. Er ignorierte mich geflissentlich – damit konnte ich leben, ich ignorierte ihn auch.
Plötzlich brach Unruhe hinter uns aus und riss mich aus meinen Gedanken. Reflexartig drehte ich mich um und sah, wie eine Scharr Reiter in unser Dorf kamen.
So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Eine einzelne – zwar düstere, aber doch unscheinbare – Wache, ja. Aber nicht ein ganzes Dutzend schwer bewaffneter Reiter. Einer von ihnen war noch prunkvoller und gleichzeitig auch Angst einflößender als die anderen – er war eindeutig der Anführer. Was diese Scharr aber noch viel schrecklicher machte, ist die Tatsache, dass sie ihre Gesichter hinter grässlichen Helmen verborgen hatten und das sie in purem Schwarz gekleidet waren.
Ängstliches Geflüster breitete sich um mich herum aus und alle starrten die Fremden an. Das rege Treiben war total verebbt und Mütter zogen ihre Kinder fest an sich heran.
Der Anführer lies sein Pferd, das durch seine glühenden Augen nicht von dieser Welt zu sein schien, ein paar Schritte nach vorne traben und begann mit einer tiefen, unheimlichen Stimme zu sprechen.
„Im Namen seiner Majestät, Kaiser Alon, verkünde ich, dass alle schwangeren Frauen und alle Kinder unter einem Jahr mit uns in die Burg Yasha zu kommen haben. Wer sich weigert, wird gezwungen oder getötet.“
Einen Herzschlag lang herrschte eiserne Stille und es rauschte in meinem Kopf. Dann wurde mir bewusst, was das bedeutete: Sophi war schwanger!
Entsetzt sah ich sie an und ich erblickte tiefe Furcht in ihren Augen. Dann bemerkte ich wie ihr Blick den des Anführers traf und er ihren rundlichen Bauch sah.
„Nein!“ flüsterte sie halb erstickt neben mir als er langsam auf sie zukam. Schritt und Schritt näherte er sich.
„Nein!“ hörte ich eine Stimme neben uns und sah wie Patrin an uns vorbei direkt auf den Anführer zu rannte.
„Du wirst meiner Frau nichts tun!“ setze er noch nach und warf sich dem dunklen Reiter in den Weg.
Es ging so schnell, dass ich gar nicht wirklich sah, was passierte, bevor es zu spät war. Ein langes Schwert ragte aus Patrins Rücken, bevor es wieder herausgezogen wurde und er leblos zur Seite fiel.
Der Anführer hatte ihn einfach so getötet. Nicht, dass ich Mitleid von welchen wie ihnen erwartet hätte. Aber trotzdem schockierte es mich zutiefst, ich begriff endlich wie ernst die Lage wirklich war. Panik kroch in mir hoch und lies mich erstarren.
Sophi stieß einen entsetzen, schmerzvollen Schrei aus und fiel auf die Knie.
„Nein!“ schrie sie während Tränen über ihre Wange liefen und sie ihre Hand zitternd in die Richtung ausstreckte, in der ihr toter Gemahl lag.
Endlich fasste ich mich wieder. Ich nahm Sophi an der Hand und zerrte sie auf die Beine.
Sie starrte mich verdattert an, aber ich schrie sie nur an: „Lauf!“ und zog sie hinter mir her.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriff und noch ein paar mehr, bis unsere Häscher bemerkten, dass noch jemand so wahnsinnig war, ihrem Opfer zu helfen. Genug Zeit, dass wir den Rand des Waldes erreichen konnten.
Dieser galt nicht umsonst als verwunschen. Er war düster und undurchdringlich, wer sich in ihm nicht auskannte, konnte leicht darin verloren gehen. Aber wir kannten uns aus. Oder besser gesagt: Ich, denn Sophi stolperte mir nur blindlings nach, während ich sie gleichzeitig hinter mir her zog. Nun hang es also an mir.
Mein Atem ging keuchend und ich hörte, wie uns Pferdegetrampel folgte. Ich wusste, dass wir ihnen nicht lange davon laufen konnten – unsere einzige Chance war, uns gut genug zu verstecken.
Angsterfüllt suchte ich mit meinen Blicken den Wald um uns herum nach einem geeigneten Versteck ab, doch ich fand nichts.
Mit jeder Sekunde wurde das Getrampel lauter und ich immer panischer. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie es uns ergehen würde, wenn sie uns erwischten. Ob sie Sophi und mich genauso töten würden wie Patrin? Oder würden sie Sophi in diese schreckliche Burg verschleppen und nur mich töten? Oder nahmen sie uns beide mit? Vielleicht dachten sie, dass ich auch schwanger war? Tausende Fragen schossen mir durch den Kopf während wir so zwischen den Bäumen hindurch irrten.
Dann endlich sah ich sie – eine Felsspalte im Boden und augenblicklich rannte ungebremst ich auf selbige zu.
Und dann fiel ich - nein, wir fielen. In meiner Panik hatte ich eine Wurzel im Boden übersehen, doch ich hatte kaum genug Zeit mich darüber zu ärgern. Wir rollten beide über die kalte, harte Erde und direkt auf die Spalte zu, die sich beim Näher kommen als deutlich tiefer erwies, als gedacht.
Ich versuchte verzweifelt mich mit einer Hand in der Erde festzukrallen, doch ich fand keinen Halt und so rollten wir ungebremst über den Abhang.
Das war unser Ende, dessen war ich mir sicher. Ich dachte an meine Eltern, an Sophi und ihr ungebornes Kind. An alles, was ich noch gerne erlebt hätte.
Doch dann spürte ich wie einen Ruck durch meinen Körper und sah, dass Sophi sich mit einer Hand am Vorsprung festklammern hatte können.
„Aya…“ stöhnte sie und ich bemerkte, wie sie an Halt verlor. Sie konnte uns nicht beide halten.
Ich sah nach unten. Es ging mehere Hundert Meter nach unten – wenn wir fallen würden, wäre das unser Ende. Und wir würden fallen.
Ich schluckte und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Ich musste etwas tun und zwar schnell. Also fasste ich einen Entschluss, egal, wie schwer er mir auch fiel, ich wusste, dass es nur diesen einen Weg gab.
„Lass mich los!“ schrie ich sie an.
Für ein paar Sekunden – die mir wie Stunden vorkamen – herrschte Stille. Ich fragte mich, worüber sie nun nachdachte.
„Nein!“ schrie sie dann zurück. „Ich werde dich nicht auch noch verlieren!“
Einige ihrer Tränen landeten in meinem Gesicht und ich wusste, an wen sie dachte. Ihr Schmerz musste furchtbar sein.
„Denk an dein Kind!“ erwiderte ich. „Wenn du mich nicht los lässt, werden wir alle drei sterben!“
„Nein!“ antworte sie beharrlich und ich merkte, wie ihre Stimme einen schrillen Ton annahm.
Das brachte nichts, das wusste ich nun. Mit Vernunft war ihr nicht mehr beizukommen. Sie würde mich nicht los lassen – und wenn ich ehrlich war, ich hätte sie auch nicht los gelassen, wenn unsere Rollen vertauscht gewesen wären.
Aber unsere Hände waren glitschig vor Schweiß, es würde reichen, wenn ich…
Ich lies ihre Hand los und wand meine, so dass ihre Finger abrutschten. Augenblicklich fiel ich, während ihr entsetzter Schrei aus der Ferne zu mir durchdrang.
Im nächsten Moment spürte ich, wie ein entsetzlicher Schmerz meinen Körper durchfuhr und ich hatte das Gefühl, als wäre alle Luft aus meinem Körper gepresst worden. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, als ich versuchte, etwas zu erkennen. Ich wollte reflexartig aufschreien, aber meine Stimme lies mich im Stich, genau wie der Rest meines Körper. Und mir wurde kalt und umso kälter mir wurde, umso größer wurde die Angst. Würde ich nun sterben?
In der Ferne hörte ich Sophi meinen Namen schluchzen. Ich wünschte, ich hätte sie trösten können, aber das war mir verwehrt.
Und dann hörte ich weitere Stimmen – Stimmen, die mir das Blut endgültig in den Adern gefrieren ließen.
„Da ist sie.“ sagte eine tiefe Stimme, die eindeutig unseren Häschern gehörte.
„Wo ist die andere?“ fragte eine weitere tiefe Stimme.
„Wahrscheinlich abgestürzt.“ antwortete die erste gleichgültig.
„Egal. Wir brauchen sie eh nicht, die war nicht schwanger.“ erwiderte die zweite.
Dann hörte ich wie sie sich - zusammen mit Sophis Schluchzen - entfernten, bevor die Nacht endgültig über mich hereinbrach.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich finde, es geht vielversprechend und spannend weiter. Mal sehen, was da noch so kommt.

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

:-)

Big.S hat gesagt…

auch wenn ich nicht alles kommentiere ;-), ich lese weiterhin gespannt mit!

lg

Chinda-chan hat gesagt…

BigS, das freut mich. :-)