Donnerstag, 12. November 2009

9. Die blutige Rache

So lief ich durch den finsteren Wald. Früher hätte ich Angst, ja, sogar Panik empfunden, wenn ich an solch einem Ort alleine gewesen wäre. Aber nun fürchtete ich mich nicht mehr – ich fürchtete nichts mehr. Hass war es, der mich trieb. Nichts, als purer Hass.
Früher hätte ich auch nach ein paar Schritten anhalten und nach Luft schnappen müssen. Nun brauchte ich keine Luft mehr. Luft brauchen nur die, die leben. Nicht die Untoten.
Mein neues Leben hatte viele Vorteile: Keine Erschöpfung, übermenschliche Kraft und Schnelligkeit. Nicht zu vergesse die Fähigkeit zur Magie. Endlich war ich nicht mehr eine schwache Frau – ein Spielzeug der Mächtigen. Ich war selbst mächtig. Und ich würde von dieser Macht gebrauch machen!
Im Vergleich dazu war der Preis denkbar gering: Meine Seele. Aber was war die schon Wert? Im Vergleich zu dieser Macht? Vor allem im Vergleich zu meiner Rache?
An einem kleinen Tümpel blieb ich stehen und warf einen Blick ins Wasser. Die ersten paar Male hatte ich mich erschreckt, doch inzwischen hatte ich mich an meine neue Gestalt gewöhnt. Rubinrote Augen starrten mich von der Oberfläche an, eingerammt von leichenblasser Haut. Nun, passend für eine Tote.
Aber ich hielt mich an dem Gewässer nicht lange auf. Der Ort, an den es mich trieb, war nicht weit von hier. Ich drehte mich um und schlich leise zwischen den Bäumen in das Gebüsch am Rande des nahe Weges.
Ich musste nicht lange warte, bis sie kamen. Der unglückliche Soldat, dem ich meine Informationen zu verdanken hatte, hatte wohl im Angesicht des Todes doch die Wahrheit gesagt. Auch wenn dies sein Leben letztlich nicht retten konnte.
Die schwere, prunkvolle Kutsche bewegte sich nichts ahnend auf mein Versteck zu und ich wartete auf den richtigen Augenblick. Sie wurde nur von zwei berittenen Soldaten begleitet, die nichts ahnend selbige an beiden Seiten flankierten. Wie dumm sie doch waren!
Ich sprang und im nächsten Augenblick landete ich direkt vor dem Kutscher. Die Zeit war zu knapp um mit ihm zu spielen, also beseitigte ich ihn schnell – so schnell, dass er nicht einmal merkte, wie ihm geschah.
In Zwischenzeit hatten die beiden berittenen Soldaten mitbekommen, dass etwas nicht stimmte und zückten ihre Schwerter. Doch für mich waren sie keine Gegner mehr. Einen von ihnen rammte ich meinen Dolch direkt ins Herz und dem anderen brach ich mit einem geschickten Tritt das Genick.
Sekundenschnell fielen ihre Leichnahme hinter der nun rasenden Kutsche zurück, denn die Pferde waren durch den Aufruhr wild geworden. Schreie drangen aus dem Inneren der Kutsche, aber das interessierte mich im Moment noch nicht. Zuerst musste ich mich um die Pferde kümmern – nun, das war einfach, denn ich brauchte sie nicht.
Was ich tun wollte, dass konnte ich an Ort und Stelle erledigen. Trotz des wilden Schaukelns der Kutsche kappte ich mit meinem Schwert zielgenau das Gespann.
Die Kutsche kam ins Schleudern und rammte einen Baum, bevor sie endlich zum Stehen kam. Ich schüttelte mir die Haare aus dem Gesicht, bereit mein Werk zu vollenden.
Angsterfüllte Stimmen und schmerzvolles Stöhnen drangen aus dem Inneren der ramponierten Kutsche und ließen meine Vorfreude ins Unermessliche wachsen.
Ich riss die Tür auf und blickte auf die jämmerlichen Gestalten, die sich mir darboten.
Aber es interessierte mich nur eine von ihnen. Ich packte ihren Arm, zerrte sie aus der Kutsche und schleuderte sie über den Boden, bis sie mit einem Aufschrei gegen den Baum krachte.
Ihr sonst so ordentliches hochgestecktes Haar war vollkommen zerzaust und Blut rann über ihre Stirn. Ihr Kleid war mit Schmutz übersäht und an vielen Stellen zerrissen.
„Bitte… bitte… tötet mich nicht!“ jammerte sie und kauerte demütig am Boden vor mir.
Wie lange hatte ich darauf gewartet sie so zu sehen? Ich würde ihre Angst genießen. Ihr würde ich keinen schmerzlosen, schnellen Tod gewähren wie dem Kutscher und seinen berittenen Freunden. Nein, sie würde leiden. So, wie ich gelitten hatte.
„Sie mich an!“ befahl ich ihr.
Doch sie jammerte nur weiter ihre sinnlosen Bitten, als ob sie mich nicht gehört hätte. Nun, dann würde ich sie zwingen, mir zuzuhören.
Ich ging zu ihr und zog sie an ihren Haaren zu mir herauf.
„Sie mich an, habe ich gesagt!“ wiederholte ich meinen Befehl, als ihr Schmerzensschrei verstummt war.
Mit aufgerissen Augen starrte sie mich an und ich wusste, dass ihr dämmerte.
„Erkennst du mich, Dorothea?“ fragte ich sie mit einem gehässigen Grinsen auf den Lippen.
Selbige riss ihre Augen noch weiter auf und blankes Entsetzen spiegelte sich in ihnen. Sie hatte mich erkannt, dessen war ich mir bewusst und das finstere Lächeln kehrte auf meine Lippen zurück.
„Es… Esmeralda?“ stotterte sie. „Aber du bist doch…“
„…tot?“ vollendete ich ihren Satz mit einem finsteren Lächeln in der Stimme. „Nun, wie du sehen kannst, bin ich von den Toten zurückgekehrt.“
Ich spürte wie das Zittern in ihr immer stärker wurde, als sie begriff was vor sich ging. Als sie begriff, dass sie sterben würde.
„Aber ich verspreche dir, DU wirst nicht wieder zurückkehren!“
„NEIN!“ schrie sie. „Bitte…“
Aber weiter kam sie nicht, denn ich schleuderte sie erneut über die kleine Lichtung, die die Kutsche bei ihrem Unfall erschaffen hatte.
Ihr Schrei hallte an den Bäumen wieder und dann lag sie wimmernd am Boden. Erneut zog ich sie an ihren Haaren hoch und wieder schleuderte ich sie umher. Nach ein paar Mal wurde das Spiel jedoch langweilig.
Ein letztes Mal zog ich sie hoch und sah ihr tief in die Augen.
Leb wohl, Dorothea!“ flüsterte ich gehässig und dann trennte ich mit einem sauberen Schnitt meines Schwertes ihren Kopf vom Hals.
Ihr Körper fiel leblos zur Seite und mit ihrem Kopf in der Hand wand ich mich der Dienerin zu, die sich mit Dorothea in der Kutsche befunden hatte.
„DU!“ fuhr ich sie an und sie zuckte zusammen, während sie mich mit aufgerissenen Augen ansah wie eine Maus die Schlange. „Name?“
„Al… Alissa…“ stotterte sie. „Bitte…“
„Schön, Alissa…“ fiel ich ihr mit der Stimme einer Raubkatze ins Wort. „Ich habe eine Aufgabe für dich!“
Ich warf ihr Dorotheas Kopf zu und ignorierte ihren Aufschrei.
„Sie ist auch ganz einfach… berichte Alon, was hier geschehen ist… in allen Einzelheiten. Denn ich bin noch lange nicht fertig!“
Meine Augen wurden bei den letzten Worten zu dünnen Schlitzen und ich musterte sie eindringlich.
Sie schluckte ängstlich und dann nickte sie.
Das genügte mir und ich verschwand wieder im Wald. Meine Kriegserklärung würde überbracht werden. Nun musste ich mich auf den Krieg selbst vorbereiten.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

WOW! Jetzt fängt es an, heftig zu werden.
Ich finde es gut, dass Esmeralda jetzt nicht mehr das schutzlose Prinzesschen ist. Wunderbar!
Es ist superspannend, wie sich die Geschichte weiterentwickelt - und Du weißt immer wieder zu überraschen.
*große Runde Beifall* dafür von mir!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Ja, die Lage spitzt sich auf jeden Fall zu. :-D

Danke. :-)

Anonym hat gesagt…

ich habe deinen roman zufällig entdeckt und bin ganz begeistert!!!
respekt!!!
du hast meinen nachmittag vor der langeweile gerettet :-)
hoffe die fortsetzung folgt bald!
lg big.s

Chinda-chan hat gesagt…

big.s - Freut mich, dass es dir gefällt. :-)