Sonntag, 8. November 2009

8. Der grausame Weg

Plötzlich öffnete ich meine Augen und erblickte den dunkelgrauen Himmel über mir. Tiefschwarze Schwaden durchzogen ihn als wäre er eine finstere Art von Marmor.
Langsam versuchte ich mich aufzurichten um erkennen zu können, wo ich war. Meine Erinnerungen drehten sich dabei im Kreis, ich versuchte zu verstehen, was geschehen war. Mit einem heftigen Schmerz in meiner Brust erinnerte ich mich wieder dran, wie ich Alon mit jener wunderschönen Frau gesehen hatte und wünschte, ich könnte es augenblicklich wieder vergessen. Er hatte meine Gefühle zum ihm verraten. Die Wut, die in mir aufstieg, gab mir schließlich die Kraft, mich aufzurichten.
Endlich saß ich auf dem grauen, steinähnlichen Gebilde, auf dem ich gelegen hatte und konnte mich umsehen. Und im selben Moment wünschte ich, ich wäre liegen geblieben. Nein, gar nicht erst aufgewacht.
Ich befand mich auf einer weiten Ebene – so weit, wie das Auge reichte. Einer, die aussah, als ob sie mit dem Lineal gezeichnet worden wäre. Mein Stein war das einzige Gebilde weit und breit. Aber das Schlimmste von allem war, dass die ganze Ebene über und über mit Glassplittern übersät war. Und ich hatte keine Schuhe, ich trug nur ein schlichtes, weißes Kleid, das noch nicht einmal Ärmeln hatte. Ich war also auf meinem Stein gefangen – die Alternative wollte ich mir gar nicht vorstellen.
Wieder versuchte ich mich zu erinnern, was passiert war. Mir fiel das Schwert ein, das mich durchbohrt hatte und sah zu meiner Brust hinunter. Aber dort war nichts. Erneut sah ich mich um und plötzlich traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht: Ich war tot.
Aber dies hier kann nicht der Himmel sein.
Im selbem Moment musste ich über meine Naivität bitter lächeln. Ich hatte einen Dämon geliebt. Einen, der mein Volk abgeschlachtet hatte. Ich hatte sie damit alle verrate – wie konnte ich erwarten, dass ich den Himmel verdient hatte?
Plötzlich viel mir eine Unregelmäßigkeit am Horizont auf. Dort, in diesem weiten Nichts war etwas. Doch, was auch immer es war, mich trennte ein Meer voller Glassplitter davon.
Und so blieb ich sitzen. Wie lange, weiß ich nicht. Nichts veränderte sich, als ob die Zeit an diesem Ort nicht existieren würde. Vielleicht tat sie es tatsächlich nicht.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich konnte nicht die Ewigkeit auf diesem Stein verbringen und fasste meinen ganzen Mut zusammen und machte den ersten Schritt auf diese verfluchte Ebene.
Der Schmerz, der mich von meinem Fuß her durchfuhr, lies mich aufschreien und ich musste mich an meinem Stein festkrallen um nicht direkt in die Glassplitter zu fallen. Nun, zuminderst konnte ich nicht noch einmal sterben. Als ich noch den zweiten Fuß von meinem Stein löste und begann auf das seltsame Gebilde zuzugehen, wünschte ich, ich hätte genau das doch gekonnt - sterben. Nur um den Schmerz, der Verzweiflung und der Einsamkeit zu entgehen.
Mein Gefühl für Zeit war mir schon längst abhanden gekommen und nur das Ausmaß, in welchem meine Füße zerschunden und zerschnitten waren, ließ mich erahnen, dass ich schon lange unterwegs war.
Trotzdem kam das seltsame Gebilde am Horizont nicht näher. Vielleicht spielte man aber auch nur ein böses Spiel mit mir und ich lief eine Fata Morgana hinter her. Dann würde ich für alle Ewigkeit auf dieser Ebene herumirren. Nein, das konnte ich – das wollte ich - nicht glauben. Da musste etwas sein.
Also ging ich weiter. Und irgendwann – es mögen Tage, Wochen oder Monate gewesen sein – stand ich vor einem Schloss – ein finsteres, dämonisches Schloss. Fast zuminderst. Zwischen mir und dem Schloss befand sich noch ein Dickicht aus Stacheldraht.
Ich schluckte und starrte das Gebilde vor mir angsterfüllt an. Doch es sollte keinen großen Unterschied mehr machen, denn ich war auf dem Weg hier her mehr als einmal gestürzt und mein ganzer Körper war mit Glassplittern gespickt. Also nahm ich mich zusammen und wagte mich in das Dickicht vor. Die Spitzen zerrten und zerrissen mein einst so weißes Kleid noch mehr und zerkratzen meine ohnehin schon zerschundene Haut. Ich unterdrückte einen Aufschrei, als sich eine der Dornen direkt in meine Brust bohrte – die selbe Stelle, an der mir das Schwert mein Leben ausgesaugt hatte.
Endlich war ich am Tor des Schlosses angekommen und zum ersten Mal seit so langer Zeit konnte ich auf glatten Boden treten. Mein Kleid total zerschlissen und über und über mit Blutflecken überseht. Mein Haar war zerzaust und auch der Rest meiner Gestalt passte nicht zu dem prunkvollen Hallen dieses Schlosses.
Plötzlich hörte ich ein Klatschen.
„Bravo! Bravo!“ hörte ich eine hämische Stimme rufen und als ich gerade aus sah, erblickte ich am Thron vor mir einen Mann mit langen, goldblonden Haare, der eine rot-goldenen Rüstung trug. Er war ebenso schön wie es Alon und Laures es waren. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen.
„Ich bin wirklich überrascht.“ fuhr er fort. „Ich hätte nicht gedachte, dass ein Mensch den Weg zu mir findet ohne dem Wahnsinn zu verfallen.“
Nun, ob ich dem Wahnsinn nicht verfallen bin, da wäre ich mir nicht so sicher.
Er sah mich an, als ob er auf eine Antwort wartete, aber die kam nicht. Also sprach er weiter.
„Ich nehme an, du weißt wo du bist…?“ fragte er nun und ein wenig seiner blendeten Stimmung verebbte.
„In der Hölle.“ antwortete ich knapp und sah ihm nun direkt in die Augen.
Er lächelte wieder und es hatte den Anschein, als hätte ich damit seine aufkeimenden Zweifel an meinem Geisteszustand gleich wieder erstickt.
„Ja, so ungefähr stimmt das.“ führte er auf und stand nun von seinem Thron auf.
„Genauer gesagt in meinem Schloss.“ sagte er mit einer Handbewegung um sich und schaute dabei in die Richtung, die seine Hand zeigte.
Dann wand er sich wieder mir zu. „Aber wie unhöflich, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Mein Name ist Kantos, ich bin der Höllenfürst.“
„Ein Dämon.“ ergänzte ich ohne eine Minie zu verziehen.
Er lächtelte. „Ja, ein Dämonenlord.“
Noch einer – war ja klar.
„Aber um mich geht es hier gar nicht.“ erläuterte er schließlich.
„Nein, hier geht es um dich.“ Er sah mich eindringlich an. „Esmeralda.“
Vermutlich hätte es mich wundern müssen, dass er meinen Namen kannte. Aber das tat es nicht. Wieso sollte der Höllenfürst nicht auch die Namen aller seiner Schäfchen kennen?
Aber trotzdem machten seine Worte mich neugierig. Ich wartete geduldig auf mehr – mit Pokerface hatte ich wahrscheinlich bessere Chance.
„Nun, ich will ehrlich zu dir sein...“ setze er dann endlich fort.
„Ich kenne deine Geschichte, ich weiß, was dir widerfahren ist. Ein wirklich grausames Schicksal.“
Geheucheltes Mitleid eines Dämonenlords – wirklich das letzte, was ich brauchen kann. Wenn dies alles war, was ich hier zu erwarten hatte, ist der Weg gewiss umsonst gewesen.
„Und deswegen möchte ich dir helfen. Ich weiß, was du begehrst.“ sagte er und sein Lächeln wurde finster.
Das war schon eher, was ich hören wollte. Aber so naiv war ich nicht mehr.
„Wieso?“ fragte ich.
„Wieso was?“ spielte er unschuldig.
„Wieso wollt Ihr mir helfen?“ fragte ich unfreundlich.
„Was springt für euch dabei heraus?“ setzte ich barsch nach.
„Nun, Freude am Chaos. An Krieg und Verderben.“ sagte er und sein nun freundlicher Gesichtausdruck passte ganz und gar nicht zu seinen Worten.
Nun, das kann er haben. Solang ich bekomme, was ich will – der Rest ist mir egal.
„Gut.“ sagte ich schließlich.
„Nun, so sei es.“ schloss er ab.
Ich hatte Alon vertraut, ich hatte ihn geliebt. Und er hatte mich verraten und ermordet. Kaltblütig mit einem Schwert aufgespießt.
Nun würde ich meine Rache bekommen – Rache für meinen Tod.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Meine Güte, Chinda... Deine Fantasie möchte ich haben!
Btw - wie geht es weiter??? *lol*

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Na, ich glaub für den nächsten Teil brauch ich noch. *lol*