Freitag, 6. November 2009

7. Der bittere Verrat

So langsam gewöhnte ich mich an mein neues Leben. Selbst Dorothea war zu ertragen, nachdem sie wohl von Alon bestraft geworden war - obwohl sich die Verbesserung nur so weit zeigte, als das sie nicht einmal mehr im Traum dran dachte, die Hand gegen mich zu erheben. Trotzdem lies sie keine Gelegenheit aus, mir das Leben schwer zu machen. Gerade hatte ich eine Stunde mit ihr hinter mich gebracht und abermals hatte es damit geendet, dass sie mich als einen ‚Bauerntölpel’ bezeichnet und einen Beinahe-Wutanfall bekommen hatte.
Trotzdem hätte ich nicht fröhlicher sein können, denn ich hatte es geschafft, mich an den Soldaten, die meine Gemächer bewachten, vorbei zu schleichen. Ganz einfach war das nicht gewesen, ich hatte sie mit einem Geräusch abgelenkt. Glücklichweise fielen sie drauf herein und erwischten mich nicht - ich hatte wirklich Blut und Wasser geschwitzt.
Nicht, dass ich aus dem Schloss fliehen wollte – nicht mehr. Nein, ich wollte es mir genauer ansehen. Und, auch wenn ich es mir selbst nur ungern eingestand, so wollte ich auch Alon sehen, denn es war schon einige Zeit her, dass er mich besucht hatte. Ein Herrscher hatte einfach viel zu tun, das wusste ich. Mein Herz klopfte so laut, als ich an ihn dachte, dass ich schon Angst hatte, es könnte mich verraten. Nicht nur verraten, dass ich unerlaubt durchs Schloss schlich, nein, auch wie sehr ich Alon vermisste.
So lief ich – aufgeregt, wie ich war - durch die düsteren, doch prunkvollen Gänge. Goldene Ornamente und Vorhänge aus schwerem, dunklem Samt – obwohl es, wie in meinen Gemächern, keine Fenster gab - mischten sich mit Gemälden voller dunkler Kreaturen und bizarren Statuen, die in ein diffuses Licht getaucht waren. Alles um mich herum war faszinierend und beängstigend gleichzeitig. Ich war so überwältigt von dem, was ich sah, dass ich ganz vergaß, mir zu merken, wie ich ging und als mir das auffiel, war es schon zu spät – ich hatte mich in diesem geheimnisvollem und prächtigen Labyrinth verirrt.
Was, wenn ich nicht mehr herausfinden sollte? Angst schlich sich unter meine Haut und lies mich frösteln. Nun, dass hatte ich davon, dass ich mich weg geschlichen hatte…
Der Gedanke dran, wie wütend Alon sein würde, wenn er mich hier fände, obwohl er mir ausdrücklich verboten hatte, meine Räumlichkeiten zu verlassen, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Geschweige dem, wenn er mich gar nicht fand und ich für immer hier herum irren müsste. Wer wusste schon, was sich in den Tiefen des Schlosses eines Dämonenlords verbarg?
Dementsprechend erleichtert war ich, als ich um eine Ecke bog und den breiten Gang – der eher an einen Saal, als einen Gang erinnerte – vor mir erblickte. Im Gegensatz zu den anderen Gängen war dieser wesentlich heller und noch viel prachtvoller. Ich hatte bei meiner Ankunft hier geschlafen, aber wo ich mich befand, war mir trotzdem klar. Direkt vor dem Thronsaal, der sich hinter der großen, schweren und reichlich verzierten Tür, rechts von mir, befand.
Mein Herz machte einen Hüpfer, als ich entdeckte, dass jene Tür einem Spalt offen stand und seltsamerweise keine Wachen davor standen. So konnte ich möglicherweise einen Blick auf den Mann, den mein Herz begehrte, werfen.
Gedacht, getan. So leise wie möglich näherte ich mich der Tür und warf einen Blick hinein.
Und plötzlich fühlte es sich an, als ob mir der Boden unter den Füßen entglitt, obwohl ich mich nicht einen Millimeter bewegt hatte. Im Gegenteil, ich war erstarrt.
Nicht, wenn mein Leben in Gefahr gewesen wäre, hätte ich nur einen Muskel bewegen können. Nicht einmal wollen, hätte ich. Alles, worauf ich in den letzten Wochen gehofft hatte, was ich mir gewünscht hatte, war in diesem einen Moment zu Staub zerfallen. Wie Glas, war es in tausend Teile zerbrochen, ohne dass es je nur die leiseste Chance gab, das wieder zu gewinnen, was nun unwiederbringlich verloren war.
Alon saß auf seinem Thron und im ersten Moment freute ich mich, ihn zu sehen, bis ich begriff, was da vor sich ging. Bei ihm war eine Frau – mit langen, blonden Haaren, schön wie ein Engel und ebenso vollkommen. Was mich aber schockierte, zutiefst erschütterte, war die Tatsache, dass sie völlig nackt war. Und auch Alon war nur noch spärlich bekleidet. Was sie taten, war mehr als eindeutig.
Ich war so ein Narr gewesen. So naiv. Ich hatte tatsächlich geglaubt, er würde etwas für mich empfinden. Ja, ich hatte sogar gehofft, er würde mich irgendwann sogar lieben. Doch mich wollte er nicht. Nur einmal hatte er mich geküsst und seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Was hatte ich mir nur eingebildet? Das er mich begehren konnte? Mich aufrichtig lieben? Ich war nur ein kleiner, unwichtiger Mensch! Und er war ein Dämon – wie oft hatte man mir gesagt, dass Dämonen nicht lieben können? Wie hatte ich das nur vergessen können? Wie hatte ich vergessen können, was er meinem Volk angetan hatte? Meinem Vater? Meiner Anni?
Endlich schaffte ich es, mich von dieser furchtbaren Szene los zu reißen, drehte mich um und rannte. Es war mir egal, dass ich dabei laut war und gehört wurde.
Genauso gleichgültig war mir, wohin ich rannte. Ich wollte nur weg.
Es war mir auch unwichtig, dass ich mich verletzte, als ich stolperte und fiel. Ich spürte den Schmerz nicht einmal. Ich hätte nicht einmal gewusst, dass es hätte wehtun müssen, hätten meine Handflächen keine blutigen Kratzer davon getragen.
Das Einzige, was ich fühlte, war der Schmerz in meinem Inneren. Es war, als ob mir das Herz aus der Brust gerissen wurde. Also ob es in tausend Teile gerissen wurde.
Sofort war ich wieder auf den Beinen und rannte. Tränen schossen mir in die Augen und rannen im selben Moment über meine Wangen hinab. Sie verschleierten meinen Blick, sie schnürten mir die Kehle an. Und wieder fiel ich. Und wieder stand ich auf und rannte weiter. Immer und Immer wieder.
So lange, bis ich keine Luft mehr bekam und stehen bleiben musste. Erst dann viel mir auf, dass ich das Schloss verlassen hatte. Ich war durch einen Seiteneingang in den umliegenden Garten gelaufen war.
Und dann ging alles unglaublich schnell. Ich sah nur einen Schatten, hörte ein leises Geräusch, dass mich an ein finsteres Kichern erinnerte und dann spürte ich einen Schmerz tief in meiner Brust.
Er unterschied sich von dem, der schon dort verweilte. Zuerst verstand ich nicht, was passiert war, doch dann merkte ich, dass dieser gänzlich andere Schmerz auch von etwas gänzlich anderem verursacht wurde. Und in den nächsten Moment sah ich sie, die blutige Spitze eines Schwertes, die aus meiner Brust ragen. Mir wurde plötzlich kalt, schrecklich kalt und ich zitterte, als ob ich jede Sekunde erfieren würde. Ich versuchte zu atmen, aber es ging nicht mehr und wusste ich, dass dieses Mal nich meine Tränen dafür verantwortlich waren. Ich schmeckte das Blut in meinem Mund, das sich durch Selbigen seinen Weg nach Außen bahnte. Schwankend ging ich zu Boden und dann drehte sich die Welt ein letztes Mal um mich, bevor alles schwarz wurde.

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Na, wie hat euch das Ende gefallen?
...
Haha, reingefallen. Nein, es geht natürlich weiter. Oder besser gesagt, es fängt erst richtig an. ;-D

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Meine Güte, ist das spannend!!! Herzklopfen, lass nach!
Na, da bin ich aber mal gespannt, wie DAS weitergeht...
Hervorragend geschrieben - RESPEKT!!!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)
Ich werde versucher öfter was neues zu posten, aber ich kanns nicht versprechen. :-(

Anonym hat gesagt…

Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst. Gut Ding will schließlich Weile haben. Und auf gute Geschichten warte ich gerne ein Weilchen länger.
(Obwohl mich natürlich die Neugier zwackt und ich schon gerne wüsste, wie es weitergeht. ;-) Aber ich kann ja in der Zwischenzeit nochmal genüsslich die bisherigen Teile lesen.)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Naja, dieses Mal hab ich ja (bewusst) bei einem Kliff-Hanger aufgehört. :-D

Anonym hat gesagt…

Ja, ich hab's gemerkt. :-)
...und was für ein Kliff-Hanger!
Blutend vorm Dämonenschloss, tödlich getroffen... na, wie sie da wohl davonkommt?
(Da würde ich ja echt gerne mal in Deine Skizzen spicken. :-D)
(Aber ich fasse mich in Geduld. *omm*)

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Um in meine Skizzen zu spicken bräuchtest du Edwards Fähigkeiten. ;-)

Ich verrate nix. ;-)