Mittwoch, 9. September 2009

6. Der verwunschene Garten

Schweigend gingen wir neben einander her und mein Blick schweifte staunend über die seltsamen und zugleich prachtvollen Pflanzen in diesem Garten. Wenn man ihn denn so nennen konnte. Denn obwohl die Decke dem freien Himmel ähnlich sah, wusste ich doch, dass ich mich immer noch in einem Zimmer befand. Magie war es, die diesen Ort wie einen Garten Eden wirken ließ.
Immer wieder hatte ich versucht eine Pflanze zu finden, die ich schon einmal gesehen hatte oder gar benennen hätte können, doch das gab ich schon bald auf.
Nur in einem war ich mir an diesem verzauberten Ort sicher: Niemals hatte ich vergleichbares gesehen.
„Gefällt er dir?“ fragte Alon mich schließlich und ich wusste natürlich, dass er sich auf den Garten bezog.
„Ja.“ antwortete ich und meine Stimme enthüllte meine ganze Faszination.
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes neben mir und mit einem Mal hatte er wieder meine volle Aufmerksamkeit.
„Das ist schön.“ sagte er und wirkte so anders als je zuvor. ‚Unbeschwert’ würde ich es nennen, doch konnte jemand wie er das sein? Oder irrte ich mich?
Plötzlich sah ich wohin unser Weg uns führte. Inmitten des Blumenmeers befand sich ein Pavillon – genauso schön wie dieser wundersame Garten selbst. Er war blütenweiß und mit silbernen Verziehrungen beschmückt. Ich konnte all seine feinen Verzierungen gar nicht bewundern, da waren wir bereits direkt vor ihm angekommen. Alon nahm mich an der Hand um mir die drei Stufen hinauf zu helfen und ein seltsames, warmes Gefühl breitete sich von der Stelle aus, wo sich unsere Haut berührte. Einerseits machte mir dies Angst und ich wollte meine Hand wegziehen. Anderseits war es so angenehm, dass ein Teil von mir sich wünschte, er würde mich nie wieder loslassen.
Doch mir blieb nicht viel Zeit für meine Verwirrung, denn als eintrat wurde mir erneut der Atem geraubt.
Im Inneren des Pavillons befanden sich ein großer Tisch und zwei Stühle – ebenso weiß und verziert wie alles um sie herum. Ein solche Anblick musste jeden Menschen vor Erfurcht dieser Schönheit erstarren lassen.
„Setz dich.“ sagte der Herrscher neben mir. Aber seine Stimme ließ keinen Befehl vermuten – dafür war sie viel zu sanft.
Ich tat wie mir geheißen und ließ mich auf einem der Stühle nieder. Er folgte meinem Bespiel und wand sich dann mir zu. Jedoch sagte er nichts, obwohl ich das Gefühl hatte, ihm läge etwas auf der Zunge während er mir eindringlich in die Augen schaute.
Schließlich drehte ich mich zum Garten hin und frage etwas – um der seltsamen Situation zu entgehen.
„Was sind das für wunderschöne Blumen?“
Er lachte und antworte mir schließlich: „Das ist mein Geheimnis… sie sind erschaffen aus Magie.“
Nun, dann hatte ich also gar nicht so falsch gelegen. Ich fragte mich von wie viel Magie ich wohl umgeben wäre.
Wieder entstand eine stille Pause bis einige Dienerinnen zwischen den Blumen auftauchten und uns Tee und einige Leckerein brachte. Küchlein, Törtchen, Kekse – die am besten aussehensten – und wie ich kurz drauf erfahren sollte - auch die am besten schmeckensten – die ich je probiert hatte.
Alon jedoch rührte nichts davon an und beobachtete mich stattdessen nur. Am vergangenen Abend hatte mich sein Mangel an Appetit nicht groß verwundert – ich hielt es für Zufall. Nun war ich neugierig und die Frage brannte mir auf der Zunge, aber ich wusste, dass es sich nicht gehörte, so etwas zu fragen und ich wollte seine nun sichtlich gute Stimmung nicht verderben.
„Schmeckt es dir?“ frage er mich schließlich und ich witterte meine Chance die, mich quälende, Frage unauffällig unterzubringen.
„Ja, sehr gut… möchtet ihr nicht kosten?“ antworte ich so unverfänglich wie möglich und bemühte mich, einen unschuldigen Gesichtsausdruck aufzusetzen.
Wieder lachte er, aber diese Mal war es kein fröhliches Lachen sonder eher ein frustriertes. Oder sarkastisches, genau könnte ich das nicht sagen.
„Nein.“ sagte er schließlich und seine Stimme ließ mich vermuten, dass das Thema damit beendet war und mich weiter meine Neugierde quälen würde. Nein, nicht weiter - noch mehr, denn seine seltsame Reaktion machte es noch schlimmer.
Was soll ich jetzt bloss sagen?
Doch dann setzte er doch noch weiter fort und riss mich damit aus meinen Gedanken.
„Ich esse nicht wie du… nicht wie Menschen.“ sagte er schließlich und sein Blick schien mir bis in die Seele zu schauen zu können. Seine Augen hielt mich so gefangen, dass ich in meiner Bewegung erstarrte und ihm tief in seine funkelnden Augen sah.
„ Nicht… wie… Menschen?“ wiederholte ich stotternd seine Worte.
Er schüttelte den Kopf und wand selbigen ab. Meine Gedanken liefen im meinem Kopf hin und er une ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.
„Nein.“ antworte mir Alon und schließlich sah er mich wieder an.
„Selbst du müsstest bemerkt haben, dass ich keiner bin – kein Mensch.“
Ich schluckte. Ja, natürlich hatte ich es bemerkt. Ich wusste das genauso wie ich wusste, dass Laures keiner war. Aber dies direkt von ihm zu hören war wieder eine ganz andere Sache.
Und im nächste Moment kämpften zwei Seiten in mir um die Oberhand: Die neugierige, die unbedingt die Wahrheit wissen wollte – und die ängstliche, die sie nicht wissen wollte.
Schließlich gewann die neugierige Seite und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und frage ihn: „Was seid ihr dann?“
Wieder drehte er seinen Kopf zu Seite und ich fürchtete, dass der Kampf in mir vergeben gewesen sein könnte, da ich keine Antwort erhalten würde. Aber erneut irrte ich mich.
Noch einmal sah er mir tief in die Augen und sagte mit bedeutungsschwangerer Stimme: „Ein Dämon.“
Ich spürte wie ein kalter Schauer durch meinen Körper lief und ich wusste, dass ich ihn entsetzt anstarrte, obwohl ich dies insgeheim die ganze Zeit gewusst hatte. Trotzdem bereite mir diese Offenheit furchtbare Angst.
Wird er mir etwas antun? schoss es mir durch den Kopf.
„Ein hochrangiger Dämon – ich hätte Herrscher der Hölle werden können, aber ich zog die Menschenwelt dieser vor.“
Ein Lächeln zierte dann sein Gesicht. Allerdings kein freundliches – sondern ein sadistisches, böses Grinsen.
„Hier hat man sehr viel mehr Spaß.“ erläuterte der Herrscher dann noch mit einem unheilvollen Unterton in der Stimme.
Der Schauer in meinem Körper verwandelte sich in ein Zittern – eines, das auch er bemerkte.
Das Lächeln verschwand und sein Gesicht nahm einen Ausdruck zwischen bedauernd und mitleidig an.
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“ sagte Alon dann mit einer Stimme, die vermuten ließ, dass es ihm schwer fiel so etwas zu sagen.
Aber seine Worte schafften es nicht, mich zu beruhigen. Meine ganze Kraft musste ich dazu nutzen um meinen unruhig geworden Magen zu besänftigen und dabei versuchte ich nicht über das nachzudenken, was er mir gerade eröffnet hatte.
Als ich mich weder rührte noch etwas sagte, stand er auf und kam zu mir. Er nahm zärtlich meine Hand und zog mich vorsichtig vom Stuhl zu sich hinauf. Ich war zu verwirrt und schockiert gleichzeitig um nur an Widerstand denken zu können.
Wieder blickte er mir tief in die Augen und aus ihnen funkelte tiefste Aufrichtigkeit als er sagte: „Ich werde dir nichts antun. Du brauchst also keine Angst haben.“
Schließlich brachte ich es fertig zu nicken. Nichts an ihm erlaute nur einen Zweifel an dem, was er sagte. Weder was er mir gerade gesagt hatte noch die Erinnerung an unsere erste Begegnung. Selbst die Tatsache, dass er meinen Vater, meine Freunde und mein Volk ermordet hatte, war irgendwo in den Tiefen meines Gehirns verschüttet, als er mich so eindringlich ansah während unsere Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren.
Ich konnte seinen Atem schon fühlen als er mir immer näher kam und schließlich geschah es. Unsere Lippen berührten sich. Sein Kuss war zärtlich und sanft doch ich spürte, dass er etwas zurück hielt - dass er sich zurückhielt. Im Nachhinein machte ich mir Gedanken darüber und kam zu dem Schluss, dass wohl sehr verletzbar gewirkt haben musste. Aber in diesem Moment war ich unfähig einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
Schließlich ließ er von mir ab und sah mir erneut in die Augen. Ich weiß nicht, was er darin gelesen haben könnte, denn ich konnte immer noch nicht denken. Aber es schien ihm zu gefallen, denn er strich mir zärtlich über das Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange wir so standen, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor…

4 Kommentare:

Schminkmädchen hat gesagt…

Das ist wunderschön. Ganz ehrlich, du hast Talent zu schreiben. Einmal angefangen, konnte ich mit Lesen nicht mehr aufhören.
Lass uns bitte mehr lesen. :)

Chinda-chan hat gesagt…

Danke. :-)
Ich werde mich bemühen. ;-)

Anonym hat gesagt…

Ui, schöööön! Die (von mir) lang ersehnte Fortsetzung. *freu*
Woah, da bin ich aber gespannt, wie es weiter geht. :-)
Du schreibst wirklich mitreißend, Chinda. Einmal angefangen, muss ich bis zum Schluss durchlesen (und lechze dann nach mehr). Respekt!

LG Papyra

Chinda-chan hat gesagt…

Danke, ich freue mich, dass es dir gefällt. :-)