Freitag, 19. Juni 2009

9. Verboten

Die letzten Wochen waren die schönsten in meinem Leben. Und zugleich auch die schrecklichsten.
Ich erlebte das größte Glück, wenn ich mit Chris zusammen war. Und den tiefsten Schmerz, wenn ich bei Robert war.
Aber letzteres verdrängte ich so gut wie möglich als ich Chris vom Bahnhof abholte. Ich war zutiefst geschockt gewesen, als mir dieser erzählte, dass er kein Auto hatte. Er hatte noch nicht einmal einen Führerschein. Unglaublich. Er fuhr also immer mit diesen stinkenden Etwas. Wie er das nur ertrug?
Ich stieg nicht aus, als ich vor dem Bahnhofsgebäude parkte, denn die Wolkendecke war sehr dünn und ich wollte kein Risiko eingehen. Ungefähr 10 Minuten später sah ich Chris hinauskommen.
Er lächelte strahlend als er meinen weißen Honda sah und stieg sofort ein.
„Hast du lange warten müssen?“ fragte er und schien fast ein schlechtes Gewissen zu haben.
„Nein.“ antworte ich.
Was sind schon 10 Minuten für eine Unsterbliche…?
„Gut.“ sagte er freudig und schaute mich liebevoll an.
Eine Ewigkeit ohne ihren Liebsten. beantwortete ich meine eigene Frage und seufzte.
„Ist irgendwas?“ fragte er und bezog sich offensichtlich auf meinen Seufzer.
„Nein.“ log ich und fuhr los.
Und ob etwas war. Ich hatte Angst. Ja, ein Vampir, der Angst hat. Aber nicht diese Art von Angst. Es war nicht in diesem Sinn gefährlich, was wir vorhatten. Nein, Chris’ mögliche Reaktionen auf das, was er sehen würde, machten mir Angst – denn ich würde mich ihm im Sonnenlicht zeigen.
Ich war mir sicher, dass die Sonne heute noch ganz zum Vorschein kommen würde – in all der Zeit hatte ich ein gutes Gefühl für das Wetter entwickelt. Auch wenn der Klimawandel nicht besonders hilfreich war.
Wir würden uns zu einer kleinen, abgelegen Lichtung im Wald an einem Berghang aufmachen, wo mich niemand anders sehen würde. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn mich ein anderer Mensch als Chris sehen würde. Ich würde ihn töten müssen oder ich hätte die Volturi im Nacken. Regen oder Traufe.
Ich parkte unter einem großen Baum am Rande eines Wanderwegs und stieg aus. Chris tat es mir gleich und atmete tief ein.
„Wir gehen den Rundwanderweg?“ fragte er – fröhlich wie immer.
„Nein.“ sagte ich. „Wir gehen keinen Weg entlang, dort könnte uns jemand sehen.“
„Ach so.“ sagte er und schaute etwas misstrauisch, als ich in den Wald zeigte.
Aber wie immer hielt diese Sorge nicht lange und er stapfte heiter in diese Richtung.
„Gut, dass ich als Kind immer geklettert bin wie eine Berggämse.“ sagte er lachend, als er über einen Stein sprang.
Egal was es war, Chris nahm es mit eine ungewöhnliches Leichtigkeit hin und so langsam gewöhnte ich mich auch dran.
Er war eben anders. Er war besonders. Er war einzigartig. Er war alles – alles was ich wollte.
Normalerweise wäre ich durchgedreht, wenn ich mich so langsam durch den Wald hätte bewegen müssen. Aber mit ihm an meiner Seite störte mich das nicht. Und ich musste zugeben, für einen Menschen schlug er sich auch nicht schlecht. Nur die eine oder andere Felswand musste ich ihm hinauf helfen. Ich hob ihn einfach hoch und sprang mit ihm hinauf. Er beschwerte sich lachend, dass es eigentlich der Mann sein sollte, der so eine Frau hielt. Aber offensichtlich gefiel es ihm. Schließlich mochte er ja starke Frauen.
„Sind wir jetzt schon da?“ fragte er zum fünften Mal lachend, als wir gerade ein etwas steileres Stück hoch gingen. Er hatte mir erklärt, dass das ein Zitat aus einem lustigen Film* war, als ich ihn das erste Mal geschockt fragte, ob er lieber zurück möchte.
„Ja.“ sagte ich, als ich am Ende des steilen Stückes angekommen war und zu ihm hinunter sah.
Dann drehte ich mich der Wiese zu, die in helles Sonnenlicht getaucht war. Chris war inzwischen auch neben mir angekommen und sein Atem ging aufgrund der Anstrengung schneller.
„Sehr schön.“ sagte er atemlos und betrachte die Wiese.
Diese Ansicht teilte ich nicht - mir kam sie in diesem Moment eher vor wie eine Schlachtbank.
Ich schluckte und trat hinaus in gleißende Sonnenlicht. Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, drehte ich mich zu Chris um, der mich mit weit aufgerissen Augen anstarrte.
Genau das habe ich befürchtet. Er ist geschockt!
Diese Erkenntnis traf mich wie ein Blitz.
„Wow!“ sagte er dann – immer noch die Augen weit aufgerissen.
Wow?
„Du siehst… geil aus.“ ergänzte er dann und wurde Sekunden später rot.
„Ähm, sorry, das Wort ist mir einfach rausgerutscht.“ erklärte er dann schnell.
Jetzt war ich es, die die Augen weit aufriss. Nicht weil er ein offensichtlich eher unflätiges Wort gesagt hatte. Nein, es war seine Reaktion.
Ich hatte damit gerechnet, dass er es entweder gelassen hinnehmen würde, wie alles bis jetzt - oder vor Angst davon laufen. Aber dass er es… geil fand, damit hatte ich nicht gerechnet.
„Eli?“ fragte er schließlich etwas verunsichert, denn ich hatte nichts geantwortet.
„Ich bin nur verwundert.“ erklärte ich schließlich und er wirkte erleichtert.
„Verwirrt?“ fragte er.
„Ja! Deine Reaktion verwirrt mich.“ sagte ich dann etwas ungehalten. Was machte er nur mit mir?
„Wieso? Du weißt doch, wie ich für dich empfinde!“ sagte er und wirkte nun auch verwirrt.
„Ja und ehrlich gesagt verstehe ich das auch nicht! Ich bin ein Monster – ich habe Menschen getötet.“ erklärte ich aufbrausend. Es war einfach nur irrational – natürlich ich war glücklich, dass er mich liebte. So unendlich glücklich. Aber ich verstand es nicht und dabei wollte ich das doch so sehr. Ich wollte ihn so gerne verstehen.
„Das ist mir egal.“ sagte er einschnappt. „Ganz egal, wie viel du getötet hast, ich liebe dich trotzdem.“
Seine Worte waren Balsam für meine Seele und aber nun verstand ich noch weniger.
„Und am liebsten würde ich ewig mit die zusammen bleiben… nein, ich will ewig mit dir zusammen sein!“ setzte er beleidigt nach.
Zuerst verstand ich seine Worte nicht, ich wusste nicht was er mir damit sagen wollte, doch dann fiel der Groschen.
„NEIN!“ schrie ich. „Das werde ich dir nicht antun! Wie kannst du dir das nur wünschen?!“
Er schreckte vor mir zurück. Ich war eben immer noch ein Vampir und wenn ich – wie jetzt – einen Wutanfall hatte, dann gab es wohl keinen Menschen, der mich dann nicht fürchten würde. Nicht einmal er.
Das verstand ich – endlich etwas, das ich verstand - aber es machte mich trotzdem traurig. Wenn auch lange nicht so traurig wie die Tatsache, dass Chris einfach so sein Leben wegschmeißen wollte.
„Wieso nicht?“ fragte er dann – etwas eingeschüchtert, aber immer noch bereit zu kämpfen.
Ich seufzte.
„Dein Leben hat gerade erst begonnen, ich werde es dir sicher nicht nehmen! Ich werde es nicht beenden!“ sagte ich – immer noch scharf, aber deutlich ruhiger. Ein Teil von mir realisierte langsam, wie sehr mich Chris lieben musste um so etwas überhaupt in Betracht zu ziehen. Und das fühlte sich an, als ob pures Licht in mein Herz strahlen würde, obwohl ich wusste, dass es falsch war, das ich so empfand.
„Es wäre nicht das Ende sondern der Anfang.“ entgegnete er immer noch angesäuert, aber auch er hatte sich etwas entspannt.
Ich wollte etwas entgegen, aber plötzlich hörte ich hinter mir ein Rascheln und drehte mich reflexartig um. Aber ich sah nichts. Was auch immer es war, es war weg. Oder sah oder besser gesagt hörte ich am Ende noch Gespenster?
„Eli?“ fragte Chris erstaunt und ich drehte mich wieder ihm zu.
„Es ist nichts.“ sagte ich.
Selbst wenn da wirklich etwas gewesen war, er hätte es nicht gehört. Dafür war es viel zu leise. Wahrscheinlich war es ein kleines Tier gewesen.
Keiner von uns schnitt das Thema wieder an als wir uns schweigend auf den Rückweg machten. Wir waren schon fast wieder beim Auto, als Chris die Stille brach.
„Was du mir eigentlich die ganze Zeit nicht erzählt hast… wie ist das mit deinem Bruder?“ fragte er schließlich – wieder mal eine völlig unerwartete Frage. Ich hätte er gedacht, er schnitt das andere Thema wieder an. Außerdem verstand ich seine Frage nicht. Mal wieder.
„Was soll mit Robert sein?“ fragte ich ihn zurück.
„Du hast ihn mir noch gar nicht vorgestellt.“ antwortete er neugierig.
Robert… Chris vorstellen… und vor allem umgekehrt. Nein, das will ich mir gar nicht vorstellen.
„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist…“ sagte ich dann langsam.
„Hmm.“ sagte Chris nachdenklich.
„Was hältst du dann davon meine Familie kennen zu lernen?“ fragte er dann wieder fröhlich.
Und wieder hatte er mich total überrascht.
Seine Familie kennen lernen… das war so eine Sache. Nur weil Chris keine Angst vor mir hatte, musste das nicht für sie auch gelten. Galt es auch nicht, denn seine Schwester hatte eine Heidenangst vor mir – ehrlich gesagt tat mir noch immer leid, dass ich sie so erschreckt hatte.
„Wird schon nicht so schlimm werden.“ sagte Chris. „Sie beißen nicht.“
Er grinste übers ganze Gesicht und ich verdrehte die Augen.
„Ok, aber wenn ich sie zu sehr verängstige, gehe ich wieder.“ sagte ich dann.
„Ach was, sie werden dich liebe.“ erwiderte er optimistisch.
„Ja, besonders Sandra…“ flüsterte ich so leise, das er es nicht hörte.
Das wird ja morgen ein interessanter Tag werden…

*Shrek 2 - Esel :-D