Freitag, 19. Juni 2009

8. Zwiespalt

Ich war glücklich. Glücklicher als je zuvor. Aber ich wusste, dass mein Glück jemand anders furchtbar unglücklich machen würde: Robert.
Und ich musste eine Entscheidung treffen. Entweder musste ich ihm die Wahrheit sagen - oder ich musste ihn verlassen. Denn ich würde dieses Versteckspiel nicht länger durchziehen können.
Aber ich konnte es nicht - beides nicht. Beides würde Robert viel zu sehr verletzen, das konnte ich ihm nicht antun. Ich hatte ihm schon genug Schmerzen bereitet.
Es musste eine dritte Möglichkeit geben, es musste! Aber ging es auch?
Konnte ich mit Chris zusammen sein, ohne dass Robert etwas davon mitbekam?
Es würde dem Balancieren auf einem Drahtseil gleichkommen. Und ewig würde ich es nicht durchstehen. Soviel war sicher!
Aber gab es überhaupt ein ‚ewig’? Nein, für Chris nicht. Er war ein Mensch. Eines Tages würde er sterben.
Diese Erkenntnis traf mich wie Messer in die Brust und schnitt sich durch meinen ganzen Körper.
Natürlich, ich hatte eine Alternative. Aber konnte ich Chris das antun? Ihn zu einem untoten Halbleben verbannen?
Ich sah zu Chris hinüber, der meine Hand hielt, während wir durch die Stadt gingen.
Nein, ich konnte nicht. Er war so fröhlich und voller Lebensmut. Ich konnte ihm das nicht antun. Niemals!
Er sah mich auch an und lächelte. Wieder hatte ich dieses Gefühl, als würde wieder Leben durch meine Adern fließen.
Es brachte nichts, ich wollte jetzt auch nicht dran denken. Jeder Augenblick mit ihm war zu kostbar um ihn so zu verschwenden.
Selbst an Robert wollte ich jetzt nicht denken. Ich hatte ihn angerufen und gesagt, ich müsste noch etwas alleine in der Stadt erledigen. Er hatte es nicht hinterfragt – er respektierte alle meine Launen.
Nein, ich wollte nur an Chris denken.
„Sag mal…“ brach dieser plötzlich die friedliche Stille.
„...wie wird man eigentlich… so wie du?“ beendete er seine Frage.
Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich musste ein ziemlich verdutztes Gesicht gemacht haben.
„Ähm…“ begann ich.
Will ich ihm das wirklich sagen?
„…nun, eigentlich so wie im Mythos.“ antworte ich ihm dann.
Das ist ziemlich unverfänglich. Hoffe ich.
„Das heißt… man wird einfach nur gebissen, ja?“ fragte er dann weiter nach.
„Im Prinzip, ja. Allerdings ist die Verwandlung sehr schmerzhaft.“ antworte ich ihm wieder, während ich seinen Gesichtsausdruck studierte. Ich hatte Furcht erwartet, aber er sah nur nachdenklich aus.
Ich war verwirrt und setzte noch nach. „Und für den Vampir ist es auch sehr schwer…“
„Wieso?“ fragte er verwundert. „Ich meine… muss man nicht einfach nur… beißen?“
„Nicht ganz…“ antworte ich. „Wenn wir menschliches Blut schmecken, dann verfallen wir in eine Art Rausch… es ist fast unmöglich, wieder aufzuhören. Nur die wenigstens haben die Selbstbeherrschung, die dafür nötig ist.“
„Ach so.“ sagte er und sah immer noch nicht verängstigt aus.
„Meinst du, ich schmecke gut?“ fragte er dann.
Wieder eine Frage die ich ganz und gar nicht erwartet hatte. Ich schaute ihn entsetzt an.
„Ähm, sorry, das hätte ich wohl nicht…“ sagte er dann verlegen und schaute weg.
Nun, vielleicht ist das meine Chance dich zu retten…
„Ja.“ sagte ich dann ernst. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so gut für mich riecht… wie du. Normalerweise fällt es mir nicht schwer zu widerstehen, aber als du dich damals neben mich gesetzt hattest… musste ich all meine Kraft aufbringen um dir nicht an den Hals zu springen.“
Bitte, bring dich in Sicherheit. Erkenne die Gefahr.
Nein, geh nicht, bitte… ich liebe dich.

„Aber du hast es nicht getan… ich lebe noch.“ sagte er dann – immer noch ohne Angst.
Wieso nur? Ist er nur leichtsinnig oder… liebt er mich wirklich so sehr?
„Ja… noch.“ Das zweite Wort sagte ich so leise, dass er es nicht hören konnte.
„Und, was möchtest du jetzt machen, Eli?“ fragte er dann fröhlich.
„Ähm…“ antwortete ich – schon wieder verwirrt. Wie konnte er das nur so leicht nehmen?
„…ich weiß es nicht.“ sagte ich dann noch dazu.
„Was hältst du davon, wenn wir in den Prater gehen?“ fragte er dann – immer noch fröhlich.
„Da war ich noch nie.“ antwortete ich, während ich versuchte seine Gedankengänge zu verstehen – ein hoffnungsloser Fall.
„Dann wird es aber Zeit!“ sagte er und lachte.

So einen Tag wie diesen hatte ich noch nie erlebt.
Nicht nur, dass Chris darauf bestanden hatte, ‚U-Bahn’ zu fahren - was zu den scheußlichsten Erfahrungen meines Lebens zählte. Noch nie musste ich mich so langsam über längere Strecken fortbewegen und das in solchen stinkenden Teilen. Manchmal war die Nase eines Vampirs eindeutig von Nachteil.
Auch dieser ‚Prater’ war völlig neu für mich. Wir hatten Glück – es war nicht viel los, denn das Wetter war ja ‚schlecht’. Zuminderst andere hätten das so gesehen – für mich war es perfekt.
Es war wirklich lustig. Chris hatte mir einen übergroßen, rosa Teddy-Bären ‚geschossen’ und sich fast übergeben, als wir mit der Achterbahn gefahren sind. Trotzdem fand er es sehr witzig – sagte er zuminderst. Aber vielleicht lag es einfach nur dran, dass es seine Idee war, mit diesem lahmen Ding zu fahren. Wenigstens wusste ich jetzt, dass ich ihn lieber nicht auf den Rücken nehmen und zeigen sollte, wie ich durch den Wald lief. Das würde sein Magen nicht überstehen.
Dann fuhren wir noch mit dem Riesenrad…

Unser Wagon erreichte gerade den höchsten Punkt.
„Ist die Aussicht nicht umwerfend?“ sagte Chris und deutete aus dem Fenster.
Er hatte Recht, es war wirklich schön. Aber mit ihm an meiner Seite hätte ich nicht das Wort ‚umwerfend’ verwendet – nicht für etwas anderes als ihn.
„Ja.“ sagte ich. „Schau, da vorne… diese Rosen… wunderschön.“
„Rosen?“ sagte Chris und kniff die Augen zusammen.
„Ich sehe nur grün.“ stellte er dann nüchtern fest.
„Nun, für deine Augen ist es wohl etwas weit…“ erwiderte ich lachend.
„Toll, jetzt brauch ich wohl doch eine Brille…“ sagte er. Es klang ernsthaft frustriert.
„Ach was.“ versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Das sagst du jetzt noch. Aber wart ab, bis du mich mit der Brille siehst, da rennst du dann schreiend davon.“ neckte er mich grinsend.
Düstere Stimmungen hielten beim ihm einfach nicht. Und ich musste tatsächlich lachen. Ich vor ihm weglaufen – nein, das war zu köstlich.
Plötzlich spürte ich, wie Chris seine Hand auf meinen Oberschenkel legte und mir tief in die Augen sah. Er musste es nicht aussprechen, ich wusste, was er dachte – was er wollte, denn ich wollte dasselbe. So gefährlich es auch war.
Sein Mund kam meinem immer näher und ich nahm einen letzten, brennenden Atemzug. Das Monster in mir schrie und tobte, aber ich unterdrückte es.
Als seine Lippen meine berührten setzte mein Gehirn für einen Augenblick aus und ich fühlte mich, als gebe es nichts anderes auf dieser Welt mehr als ihn und mich. Diese Berührung war so sanft, so weich… und so warm. Es war vollkommen.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war als wir uns wieder voneinander lösten, aber es kam mir vor, als ob alles, was davor passiert war, Jahrtausende her wäre.
Wir schauten uns tief in die Augen und vergessen war die wundervolle Aussicht. Es gab nur ihn und mich, als sich der Wagon langsam wieder senkte.

Alles in allem war es ein wunderschöner Tag – wenn man von der U-Bahn absah – und ich schwelgte in Erinnerungen, als ich in die Garage unseres Hauses fuhr.
Den Teddy-Bären hatte ich unter einer Decke im Kofferraum versteckt. Dort würde er bleiben bis ich eine gute Möglichkeit fand, ihn an Robert vorbeizuschmuggeln.
Und dann holten mich meine verdrängten Gedanken wieder ein. Die Unmöglichkeit der Liebe, die ich lebte. Robert und sein unsagbarer Schmerz. Es traf mich eiskalt.
Ich ging ins Haus und sah Robert auf dem Sofa sitzen und fernsehen, aber es wirkte nicht so, als würde er der Sendung wirklich folgen.
„Hi.“ sagte ich schließlich und versuchte es ruhig und freundlich klingen zu lassen.
Robert drehte sich um und lächelte mich an. Es war ein liebevolles, sanftes Lächeln, aber es erreichte seine Augen nicht. Sie spiegelten puren Schmerz wider und das traf mich wie ein Blitz in meiner Brust.
„Hi.“ sagte er dann sanft. „Hattest du einen schönen Tag, Eli?“
„Ja.“ antwortete ich. Wenigstens musste ich nicht lügen.
„Und du?“ fragte ich ihn dann, auch wenn ich es mir denken konnte.
„Ja.“ sagte er. Es war eine Lüge, das wußten wir beide.
„Ich gehe dann in mein Zimmer…“ sagte ich, während ich mich abwand. Ich konnte sein trauriges Gesicht nicht länger sehen, es zerriss mich.
„Gute Nacht, Eli.“ rief er mir noch hinter her. Eigentlich unpassend, wir schliefen ja nicht. Aber er wusste, dass er mich vor dem Morgen nicht mehr sehen würde.
„Gute Nacht, Robert.“ rief ich ihm gehend zurück. Ich drehte mich nicht zu ihm um und verschwand in meinem Zimmer.