Freitag, 19. Juni 2009

7. Offenbarung

Natürlich hatte ich es nach diesem Abend nicht fertig gebracht mit Robert über unsere Abreise zu reden. Ich wusste nicht einmal, ob ich das noch konnte.
Die letzte Nacht hatte mir gezeigt, wie verletzlich Chris doch war. Tausend Möglichkeiten schwirrten mir durch den Kopf – was ihm nicht alles passieren konnte. Es machte mich wahnsinnig.
Und am Schlimmsten – dass ich, wenn ich ging, nicht einmal erfahren würde, wenn er starb. Ich würde auch nie erfahren, wenn er sich eine Frau nahm und Kinder bekam. Tiefer Schmerz loderte in meiner Brust.
Dann blickte ich zu Robert - er schwieg die ganze Fahrt zur Universität. Zu gerne hätte ich gewusst, was in ihm vorging. Hatte er auch so starke Schmerzen wie ich?
Nein, das durfte nicht sein. Niemand hatte es verdient so zu leiden.
Er verabschiedete sich wie immer vor meinem Hörsaal von mir und schritt davon. Doch seine Stimme war voller Qual.
Wieso? Wieso kann nicht einfach nur ich leiden?
Die Welt war nicht fair. Denn sonst wären die Guten – so wie Robert einer war – glücklich.
Ich ging in den Saal und setzte mich auf meinem üblichen Platz.
Kurz darauf sah ich Chris bei der Tür hinein kommen, aber irgendwas an ihm war anders. Er wirkte so ernst.
Er setzte sich neben mich, sagte aber nichts. Plötzlich fiel mir wieder sein Blick vom letzten Abend ein.
Hatte er mich etwa doch gesehen? Nein, das war unmöglich. Wäre dem so, dann hätte er sich niemals neben mich gesetzt. Was also war der Grund für sein seltsames Verhalten?
Stand er womöglich immer noch unter Schock? Schließlich hätten ihn diese Mistkerle beinahe umgebracht. Wut quoll wieder in mir auf bei der Erinnerung dran.
Ich versank immer tiefer in meinen Gedanken, so tief, dass ich nicht einmal merkte, als der Professor die Stunde schloss. Erst als sich die Leute neben mir erhoben, merkte ich, dass die Vorlesung zu Ende war. Und das Chris die ganze Zeit nicht mit mir gesprochen hatte.
Als ich ihn ansah, lag wieder dieser seltsame Ausdruck in seinen Augen. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so ansahen, es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
„Kann ich irgendwo ungestört mit dir reden, Eli?“ fragte er mich schließlich und brach so das schweigen.
Reden?! Nein!!!
Er wusste etwas, dessen war ich mir sicher. Ich hatte keine Ahnung, was er sich zusammen gereimt hatte, aber irgendwas wusste er. Und er war offensichtlich nichts Gutes. Aber ich musste es wissen.
„Ja, klar.“ sagte ich und versuchte es lässig klingen zu lassen.
Ich packte meine Sachen zusammen und folgte ihm aus dem Hörsaal und aus der Universität in eine kleine, einsame Seitengasse.
Er drehte sich um und kam wieder auf mich zu, bis er ganz nah vor mir stand.
Verständnislos starrte ich an. Er hatte doch reden wollen – über etwas sehr ernstes, wie es aussah. Also was tat er da?
Zärtlich und ganz langsam nahm er mein Gesicht in seine Hände und sah mir tief in die Augen.
Das war nicht richtig, er sollte mir nicht so nah sein. Aber ich rührte mich nicht, ich konnte nicht. Ich war gebannt von seinem Blick.
Dann senkte er seinen Kopf, sein Gesicht kam meinem immer näher, seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von meinem entfernt.
Sein süßer Atem blies mir ins Gesicht und meine Kehle ging in Flammen auf. Der Schmerz riss mich aus meiner Trance – kurz bevor seine Lippen meine berührt und ich die Kontrolle verloren hätte.
Ich wand mich aus deinem Griff und schaute zur Seite.
Er hatte mich küssen wollen. Er hatte mich wirklich küssen wollen!
Ich wagte es nicht, ihn jetzt wieder anzusehen. Ich konnte mir denken, was er nun dachte. Wie es für ihn ausgesehen haben musste. Was er glaubte, wieso ich ihn nicht küssen wollte. Er würde denken, ich wollte ihn nicht. Was für eine lächerliche Vorstellung.
„Hast du Angst mir weh zu tun?“ fragte er schließlich und automatisch schaute ich ihn entsetzt an. Diese Frage hatte ich nicht erwartet, sie machte keinen Sinn.
„Was?“ fragte ich perplex.
Er schloss die Augen und schüttelte resigniert den Kopf.
„Du brauchst es nicht abstreiten, ich weiß es.“ sagte er dann, als er die Augen wieder öffnete und mir tief in meine sah.
„Ich weiß nicht, wovon du redest.“ sagte ich immer noch perplex.
Es war die Wahrheit, ich hatte verstand es nicht.
Er lachte traurig.
„Eli, ich weiß, was du bist.“ sagte er dann.
NEIN!!!
Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Aber er redete einfach weiter.
„Du verschwindest, wenn die Sonne scheint. Deine Haut ist eiskalt und du isst oder trinkst nie etwas.“
Ich schluckte. Er wusste es. Er wusste es wirklich. Meine ganze Welt brach zusammen und ich wurde unter den Trümmern begraben.
„Sag es.“
Ich wollte es hören. Ich musste es hören. Auch wenn es mich zerriss.
„Ein Vampir.“
Seine Antwort war klar und deutlich. Sie schnitt mir bis in mein Innerstes hinein.
„Zuerst war ich mir nicht sicher, aber als du mich gestern vor diesen Kerlen gerettet hast… tja, da waren alle Zweifel beseitigt.“
Im nächsten Moment traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht.
Gestern Abend? Er hatte es heute die ganze Zeit gewusst. Er hatte sich neben mich gesetzt, obwohl er es wusste. Was aber noch viel entsetzlicher war...
„Du hast es die ganze Zeit gewusst? Du hast versucht mich zu küssen, obwohl du es gewusst hast? Wieso?!“ fuhr ich ihn panisch an.
Aber er lies sich davon nicht beeindrucken und lächelte mich sanft an.
„Ist das nicht offensichtlich?“
Nein – es war alles, aber nicht offensichtlich. Es gibt keinen logischen Grund, der einen Menschen dazu bringen konnte, einen Vampir küssen zu wollen. Außer er wollte Selbstmord begehen.
Für eine Sekunde wog ich diese Möglichkeit ab, aber sie passte nicht zu Chris. Er war so lebensfroh, nein, er wollte sich nicht umbringen. Sicher nicht.
Er sah offenbar die Verwirrung in meinem Gesicht und sprach wieder - während er tief in meine Augen sah.
„Ich liebe dich, Eli!“
Ich verstand seine Worte nicht, denn sie waren unmöglich. Das konnte er nicht gesagt haben!
„Ganz gleich, was du bist.“ setzte er noch nach.
Langsam drängten sich seine Worte in mein Bewusstsein. Ich begriff, was er gerade gesagt hatte. Eine wohlige Wärme breitete sich von meinem stummen Herzen überall in mir aus. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Körper, der vor so langer Zeit gefroren war, beginnen aufzutauen. Als würde sich wieder Leben in mir ausbreiten.
Er seufzte und ein trauriger Ausdruck schlich sich auf sein Gesicht.
„Was habe ich erwartet… ich bin ja nur ein Mensch.“ flüsterte er eher zu mir als zu sich selbst und es dauerte ein paar Sekunden bis ich den Irrtum erkannte, dem er erlegen war.
„Ja, ein Mensch… ein Mensch, der mehr bedeutet als irgendwas mir in meinem langen Leben je bedeutet hatte… und je bedeuten wird.“ sagte ich und schaute ihm tief in die Augen.
„Eli…“ flüsterte er erstaunt.
„Ich liebe dich auch, Chris…“
…obwohl ich es eigentlich nicht darf. Dir zu liebe sollte ich es nicht.
Er kam langsam auf mich zu und ein seliges Lächeln breite sich auf seinem Gesicht aus und seine Augen strahlten. Er war wie verwandelt.
Sanft berührte er meinen Arm und schaute mich fragend an.
„Ist das Ok?“
Ok?!
Ich atmete tief ein.
„Nun, weißt du…“ sagte ich.
Er sollte, nein, er musste die Wahrheit wissen. In welche Gefahr er schwebte.
„…normalerweise riechen alle Menschen für mich gleich. Mit den Jahrzehnten habe ich mich dran gewöhnt, das Verlangen zu unterdrücken, das menschliches Blut in mir auslöst. Aber du… du riechst besser. Es ist sehr schwer… zu widerstehen. Vor allem wenn du mir SO nah bist.“
Er senkte den Arm.
„Heißt das, es gibt keinen anderen Weg?“ fragte er dann erstaunlich gelassen.
Meint er das ernst?
„Nein, natürlich nicht. Ich habe bis jetzt widerstanden und ich werde sicher nicht aufgeben. Es würde mein totes Herz zerreisen, würde ich dir etwas antun. Alleine das wäre schon Grund genug all meine Willensstärke dagegen aufzubringen. Aber ich weiß nicht, wie nahe ich dir kommen kann… ob ich dir nahe kommen kann.“
„Ach so.“ sagte er etwas erleichtert.
„Sag mal, wie kommt es eigentlich… das du wenn es bewölkt ist, raus gehen kannst? Verletzt dich die Sonne nicht?“ fragte er dann, offensichtlich um das Thema zu wechseln, aber wie immer klang er auch ehrlich interessiert.
Ich lachte.
„Legenden. Ich verbrenne in der Sonne nicht.“
Wieder lachte ich.
„Ich glitzere – deswegen kann ich mich in der Sonne nicht zeigen, die Mensche würden sehen, dass ich anders bin.“
„Glitzern?“ sagte er erstaunt. „Das würde ich gerne einmal sehen.“
„Bei Gelegenheit zeige ich es dir einmal.“ versprach ich, obwohl ich nicht wusste, ob ich es je halten würde.
„Und nun?“ fragte er und sah mich wieder so seltsam an.
„Sind wir jetzt… ein Paar?“
„Wenn du das möchtest.“ antwortete ich ihm. Ich wollte, daran war nicht zu zweifeln, obwohl ich wusste, dass es nicht richtig war.
„Aber wie gesagt, ich weiß nicht, wie nahe ich dir kommen kann.“ wiederholte ich dann noch einmal.
„Ja, möchte ich. Und das nehme ich in Kauf.“ sagte er und lachte. Aber sein Blick verriet, dass er das durch und durch ehrlich meinte.
Zärtlich fassten wir uns an den Händen und schauten uns tief in die Augen.