Freitag, 19. Juni 2009

6. Blicke

Meine Trauer bekümmerte Robert noch mehr als meine Wut.
Ich versuchte meine Gefühle vor ihm zu verbergen – ein hoffnungsloses Unterfangen.
Selbst als ich drauf bestanden hatte, dass wir uns einen lustigen Film im Kino ansahen, war es mir nicht eine Sekunde gelungen, ihn zu täuschen.
Aber es war nicht der einzige Grund warum ich ins Kino wollte – es war eine Art Gnadenfrist. Danach musste ich Robert sagen, dass wir wegziehen mussten. Ich würde meinen Stolz besiegen und ihn anlügen müssen. Dass ich der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte.
Die Wahrheit konnte ich ihm nicht sagen. Was würde er wohl empfinden, wenn ich ihm sagen würde, dass ich statt seine tiefen und ehrlichen Gefühle zu erwidern mich in einen Sterblichen verliebt hatte, der wahrscheinlich nicht annähernd das Selbe für mich empfand?
Es würde ihm das Herz endgültig zerreißen. Das konnte ich nicht zulassen.
Er bog um die Ecke und fuhr in ein Parkhaus.
Nachdem er das Auto galant geparkt hatte und wir ausgestiegen waren, sagte ich: „Hol bitte schon mal die Karten, ich genieße noch etwas die Nachtluft.“
Er runzelte die Stirn und wollte wohl etwas erwidern, entschied sich dann aber offensichtlich dagegen und nickte nur, bevor er verschwand.
Ich ging hinaus auf die spärlich beleuchtete Straße und schlenderte den Gehweg entlang.
Wohin ich wollte, wusste ich nicht. Nur das ich allein sein wollte. Meinen Schmerz nicht mehr verstecken zu müssen, denn entfliehen konnte ich ihm nicht. Jede Sekunde sah ich Chris’ Gesicht vor meinem inneren Auge. Sein Lachen, seine strahlenden Augen.
Ihn nie wieder zu sehen, das zerriss mir mein totes Herz. Würde es noch schlagen, dann hätte es jetzt aufgehört. Nie in meinem ganzen Dasein hatte ich vergleichbaren Schmerz empfunden – selbst die Flammen der Verwandlung kamen mir im Vergleich dazu bedeutungslos vor.
Plötzlich drangen Stimmen an mein Ohr.
„Ist das etwa alles, du Homo?“ schrie eine männliche Stimme in weiter Entfernung. Menschliche Ohren wären nicht fein genug gewesen um es von hier zu hören.
„Der verarscht uns!“ setzte eine andere, auch männliche Stimme nach.
Ein Überfall, wie profan. In Städten wie diesen passierte das dauernd. Die Menschen waren so dumm – sich wegen ein paar Euro gegenseitig an die Kehle zu gehen. Verächtlich.
„Mehr hab ich nicht, ehrlich.“
Die dritte Stimme – die des Opfers – hätte mir das Blut in den Adern gefrieren lassen, wäre das nicht schon vor über hundert Jahren passiert. Nicht weil sie so schrecklich oder verängstigt war, nein, weil ich sie kannte. Ihr Klang hatte sich unwiderruflich in mein Gehirn eingegraben. Es war Chris’ Stimme.
Eine Sekunde stand ich stumm da - unfähig mich zu rühren – so geschockt war ich. Doch dann ging alles automatisch.
Ich rannte – so schnell ich konnte. Die Stimme führten mich in einem nahe gelegen Park, es war stockdunkel.
Meine unsterblichen Augen hatten damit kein Problem, aber Menschen wären wohl blind gewesen.
Und dann sah ich sie – sie standen unter der einzigen Laterne weit und breit. Drei Männer, die meinen Chris umzingelten.
Einer von ihnen hielt ein Messer in der Hand und blinde Wut zuckte in mir auf. Blutdurst brannte in mir – aber nicht der übliche Blutdurst. Nein, ich wollte sie einfach nur töten. Sie vernichten. Auf die grausamste Art und Weise, die mir einfiel.
Doch im selben Moment wurde mir bewusst, dass ich das nicht durfte. Wenn Chris mich sehen würde, wie ich diese Männer kaltblütig ermordete - was würde er über mich denken? Er würde gar nicht denken. Er hätte nur Angst. Schreckliche Angst. Der Gedanke dran, wie er vor mir zitterte, war unerträglich. Nein, so durfte es nicht Enden. Es musste einen anderen Weg geben.
Ich musste die drei ausschalten und zwar so, dass Chris mich nicht sah. Also nahm ich einen Stein vom Boden und warf ihn mit präziser Genauigkeit in Richtung der Hand, die das Messer hielt.
Natürlich traf ich und mit einem jaulendem Schmerzenschrei lies er das Messer fallen.
„Tim, was ist los?“ fragte einer der anderen entsetzt.
„Meine Hand… ah… die tut so weh… ah… ich glaub, die ist gebrochen.“
Das war sie – und eigentlich konnte er froh sein, dass ich nicht fester geworfen hatte. Denn dann hätte er gar keine Hand mehr gehabt – aber den Anblick wollte ich Chris ersparen.
„Was hast du gemacht, du Bastard?“ fuhr der Dritte Chris an.
Natürlich. Wieso hatte ich nicht dran gedacht? Sie würden ihn dafür verantwortlich machen, auch wenn sich nicht verstanden, was passierte.
Der Dritte wollte Chris gerade mit der Faust ins Gesicht schlagen, aber ich war schneller.
Ich nahm noch einen Stein und schmiss ihn dem Kerl in den Rücken. Sofort hörte ich ein Knacken und einen Aufschrei. Eine gebrochene Rippe und möglicherweise auch ein Fleischwunde. Aber ich war zu weit weg, um das zu riechen. Gott sei Dank – in meinem Zustand wäre es mir schwer gefallen mich zu beherrschen. Ich wollte ihren Tod so schon heftig genug.
„Verdammt, wie macht der das?“ sagte der Unverletzte ängstlich. Offenbar befürchtete er, der Nächste zu sein. Wäre er auch, würde er es wagen, Chris anzugreifen.
„Los, lasst uns verschwinden, Leute!“ setzte er noch dran und lief weg.
Die anderen zwei schauten kurz zu Chris, drehten sich dann aber um und folgten ihrem Freund, während sie wild vor sich ihn fluchten.
Chris hatte das ganze Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen verfolgt. Kein Wunder – wie sollte er verstehen, was hier vor sich ging? Aber es war ohnehin besser, wenn er es nicht verstand. Die Wahrheit ist grausam.
Er rang mit dem Atem und alles in mir drängte danach, zu ihm zu gehen und ihn zu trösten. Aber ich wusste, dass ich das nicht durfte. Es hätte ihm nicht geholfen, nein, es hätte alles nur noch viel schlimmer gemacht.
Und dann bekam ich ein eigenartiges Gefühl – Chris sah in meine Richtung. Ich wusste, dass er mich nicht sehen konnte. Seine Augen würden nichts als Dunkelheit erkennen, es war also absolut unmöglich, dass er mich ansah. Und trotzdem hatte ich das starke Gefühl, dass er genau das tat - mir tief in die Augen sah.
Ich war so hypnotisiert von seinem Blick, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Es lag ein eigenartiger Ausdruck in seinen Augen, den ich nicht deuten konnte. Es war keine Angst, es war etwas ganz anderes.
Plötzlich machte er einen Schritt in meine Richtung und ich hatte wieder Gewalt über mich selbst. Wenn er mich von dort nicht sah, so würde er mich möglicherweise sehen, wenn er näher kam.
Ich drehte mich um und rannte wieder. Erst als ich den Park weit hinter mir gelassen hatte, wagte ich es, stehen zu bleiben.
Was war das nur? Was war da gerade geschehen? Oder hatte ich mir das nur eingebildet?
Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir auffiel, dass ich wieder vor dem Parkhaus stand. Und ich mich an etwas ganz anderes erinnerte oder besser gesagt, an jemand ganz anderes.
Robert.
Oh mein Gott! Was soll ich ihm nur sagen?
Und im selben Moment hörte ich auch schon seine Stimme hinter mir.
„Eli – wo warst du?“ fragte er aufgeregt.
Langsam drehte ich mich um und versuchte eine unbeteiligte Miene zu machen.
„Spazieren. Habe ich doch gesagt.“
Ich versuchte es möglichst unbeteiligt und unverfänglich klingen zu lassen. Vergeblich.
Er schaute mich skeptisch an.
„Der Film hat schon angefangen.“ sagte er langsam.
„Also du da nicht wieder zurück warst, habe ich mich gesorgt…“ setzte er dann sanft nach.
Natürlich hatte er das, er machte sich immer Sorgen um mich und jetzt noch viel mehr als üblich. Um so mehr schmerzte es, als ich seine Fürsorge mit Füßen treten musste.
„Sorgen?“ sagte ich scharf. „Ich bin ein Vampir! Was soll mir bitte groß passieren?“
Er riss entsetzt die Augen auf. So zu reden war ganz und gar nicht meine Art.
Dann schloss er selbige und schüttelte leicht den Kopf.
Als er sie wieder öffnete, lag ein so trauriger Ausdruck in ihnen, dass ich ihn am liebsten umarmt und getröstet hätte. Aber ich riss mich zusammen.
„Natürlich, du hast Recht. Wie dumm von mir.“ sagte er dann – den Blick zu Boden gerichtet.
„Magst du den Film trotzdem noch sehen?“ fragte ich ihn dann mit viel weicherer Stimme – mein schlechtes Gewissen zerriss mich fast. Irgendwie musste ich ihn ablenken.
„Wenn du möchtest.“ antwortete er mir, den Blick immer noch abgewandt.
Natürlich, er richtete sich immer nach mir. Ich hätte am liebsten meinem Kopf gegen die nächste Wand geschlagen, aber das hätte nur der Wand wehgetan.
„Gut, dann lass uns gehen.“ sagte ich dann und ging vor. Ich konnte seine traurige Gestalt nicht mehr sehen – nicht, wenn ich nicht dem Wahnsinn verfallen wollte.